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Bin ich jetzt alt?

Mein Geburtstag scheint in weiter Ferne. Wer weiß schon, was im Oktober ist? Ich bin gerade einundvierzigeinhalbundeinbisschen. Ich hatte bestimmt irgendwann mal gedacht, die Vierzig würde sich sehr seltsam anfühlen. Tat sie aber nicht. Ich habe es nie wirklich gemerkt, dass ich älter geworden bin. Komisch, dass man eigentlich doch immer glaubt, man sei gerade erst 20 gewesen …

Am Mittwoch habe ich eine Stunde Zeit gehabt, um mit einer befreundeten Yogalehrerin aus der Umgebung einen Kaffee zu trinken. Meine jüngste Tochter ist eineinhalb Jahre älter als ihr kleiner Sohn. Und irgendwie kamen wir plötzlich auf die 90er Jahre und als ich erwähnte, dass ich in den 90ern Abitur gemacht habe, musste sie lachen. Und ich dann, als sie mir sagte, sie sei Jahrgang ’91. Die meisten Yogalehrer, die ich hier in der Umgebung kenne, sind jünger als ich. Wenn ich mich durch meine Social Media Kanäle scrolle, muss ich selbst über mich lachen. Ich fühle mich wie eine uralte Frau, der man jeden Schritt auf einer App erklären muss. Muss man ja auch 😉

Coaching statt Frisuren

Seit die 4 vorne steht, habe ich viel Geld in mich investiert. Aber nicht so wie früher in die Fußpflege oder Frisuren. Stattdessen in mein Inneres. Ich habe mir unangenehme Fragen stellen lassen und sie mir selbst in aller Ausführlichkeit gestellt. Ich lerne jeden Tag mit meinen Kindern. Wenn ich wirklich achtsam bin, haben wir die beste Zeit zusammen. Was es bedeutet, achtsam zu sein, haben sie mir besser beigebracht als es ein Erwachsener je könnte. Ich halte Kinder für die Zen-Meister schlechthin. Kinderköpfe sind unfassbar heilsam. Man muss sich allerdings darauf einlassen … Ich bin wieder mehr von Tieren umgeben, weil mir das gut tut. Ich atme besser. Wenn ich mal wirklich nicht weiter weiß, buche ich ein Coaching. Früher habe ich mir dann Klamotten gekauft.

Was sind eigentlich fortgeschrittene Asanas?

Mein Yogapraxis ist anders geworden. Ich weiß, auch auf meinem Instagramprofil gibt es viele Fotos, auf denen ich auf den Händen stehe, meine Beine dabei in irgendeine Richtung strecke oder meinen Oberkörper mühelos auf meine Beine falte. Ich habe früh verstanden, dass das menschliche Auge sich dem Schönen gerne zuwendet und deswegen finde ich es nicht verwerflich, dass Instagram als Medium genutzt wird, bei dem es vor allem um schöne Images geht. So lange wir unseren Kindern erklären, dass das nicht die Welt ist und dass auch das schönste Model auf Instagram Tage hat, an denen es ihm richtig Scheisse geht. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich meinen Schülern/innen Oliver Pochers Parodien auf Influencer als Hausaufgabe geben. Ich bin aber Yogalehrerin. Deswegen empfehle ich es nicht 😉 Denn jemand könnte sich ja davon verletzt fühlen. Das war ein langes Vorgespräch. Worauf ich hinaus will ist:

Vergangene Woche hatte ich ein Interview mit einem Yogamagazin. Es ging um das Buch, das ich gemeinsam mit Katharina Bauer geschrieben habe, Yoga für ein starkes Herz. Die Frage, die mich staunen liess, lautete, ob Herzpatienten in der Lage seien, fortgeschrittene Asanas auszuführen. Ich staunte, denn: Wer oder was ist ein Herzpatient? Herzpatienten können alles mögliche sein. Wie man am Beispiel von Katharina Bauer sieht, können sie Hochleistungssportler sein. Sie können Menschen sein, die viel jünger sind als ich, körperlich fit sind und Räder im Sand schlagen. Sie können älter sein und übergewichtig aber auch Kinder voller Lebensenergie und Bewegungstalent. Es gibt also nicht den oder die eine/n Herzpatienten/in. Ich kann diese Frage nicht beantworten, wenn ich den Menschen nicht vor mir sehe, und vor allem auch nicht, wenn der Mensch mir nicht gesagt hat, was er eigentlich mit der Yogapraxis erreichen will.

Das andere, was mich stutzig machte, war die Frage an sich. Und deswegen dachte ich dann: Bin ich jetzt alt? Geht es überhaupt beim Yoga darum, „fortgeschrittene Asanas“ ausführen zu können und wenn ja, was sind eigentlich fortgeschrittene Asanas? Ein Bekannter von mir macht gar kein Yoga, kann aber ohne Probleme den Lotussitz einnehmen. Wenn wir uns sehen, schlägt er seine Beine mühelos in den Lotus – natürlich nur, um mich zu ärgern. Ich kann das nämlich nicht. Es amüsiert mich. In der aktuellen Ausgabe des Schweizer Yogamagazins Yoga!Das Magazin sagt R. Sriram, der auch eine besonders schöne deutsche Übersetzung des Yoga Sutra veröffentlicht hat: „Yoga versucht alle Aspekte zu integrieren, die zu einem Menschen gehören, um die bestmöglichen Haltungen auf allen Ebenen zu gestalten – emotional, körperlich, geistig, in Beziehung zu anderen, zu der Umwelt und sich selbst.“ Er sagt: „Asanas sind nur ein Glied aus dem Ashtangayoga. Mit dem Körper hängt der Atem zusammen und dieser darf beim Üben als zentraler Punkt nie vernachlässigt werden. Körperübungen führen immer dahin, dass der Atem verbessert und ein tieferes Atemverständnis erreicht wird.“ In der heutigen Zeit wird das häufig – selbst in der Yogapraxis – vergessen. Was will ich mit meiner Praxis eigentlich erreichen? Dieser zentralen Frage muss alles andere untergeordnet werden.

Auf zum Strand!

Und nun, da die 4 vorne steht, ist der Yoga für mich kein Mittel zum Knackarsch. Dafür mache ich nämlich Krafttraining an der Hantelstange. Es sind zwei völlig unterschiedliche Motivationen: Yoga soll mich erden. Mich dorthin zurückbringen, wo ich verstehen kann, warum ich hier bin und wie ich besser mit mir selbst und meiner Umwelt umgehen kann. Der Knackarsch macht mich nur deswegen glücklich, weil ich mich gesünder fühle, wenn ich ihn habe. Meinen Kindern sage ich immer, dass ich trainiere, damit ich sie noch lange tragen kann. Auch wenn sie – was bald sein wird – mal größer sind als ich. Aber Yoga mache ich nicht (mehr), um auf den Händen balancieren zu können. Bin ich jetzt alt? Ist das die typische Sichtweise einer Yogalehrerin über 40? Bestimmt. Claudia Schaumann schrieb vergangene Woche auf wasfürmich.de: „Geht das ganz große Glücksgefühl mit 40 flöten?“ Sie schreibt darüber, dass sie sich früher so federleicht fühlte, dass Probleme klein waren und plötzlich mit der 40 so viele Sorgen auftauchen. Dass die Sorge um die eigenen Eltern größer wird, dass wir beim Lesen der Todesanzeigen erschrecken, wenn wir die Geburtsjahre sehen. Ja, mit 20 dachte auch ich, das Leben sei unendlich. Ich hatte sehr viel Spaß. Aber trotzdem finde ich es jetzt besser.

Auch ich denke – gerade an Tagen wie diesen, wenn der Sommer laut lacht, die Nächte kurz sind und meine Füße ständig umgeben sind von Sand – ach, dieses Leben, wie lange darf es noch bleiben?, und lerne doch immer mehr, dass das Ende vielleicht gar kein Ende ist. Ich lerne wieder mehr und mehr, was mir gefällt und guttut. Wo ich Kraft tanken kann und wo ich Zuversicht und Vertrauen finde. Jeden Sommer zähle ich mehr Falten. Weil ich das Gesicht so gerne in die Sonne halte. Sie stören mich nicht mehr. Ich hatte übrigens fast vergessen, wie sich der Sommer anfühlt. Das liegt sicher nicht am Alter, sondern eher an der Pandemie. Dass ich das wertschätze, hat vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun: Die Anzahl der Sommer, die ich erlebe, sind nicht unendlich: Auf zum Strand!

Einfach leben ist nicht schwer, nachdenken dagegen sehr …

Heute unterrichte ich meine erste Stunde mit physisch anwesenden Menschen seit Ende Oktober. Über ein halbes Jahr lang spielte sich Yogaunterricht mal wieder ausschließlich virtuell ab. Heute nachmittag werde ich mit meinen Schülern/innen im Freien praktizieren. Auf einer grünen Wiese. Mit Hilfe eines Kopfhörers können die Schüler/innen meine Anweisungen verstehen, egal wie wild der Wind weht. Musik läuft im Hintergrund. Mann, ich freue mich so darauf! Einen Tag später öffnen die Studios dann offiziell in Schleswig-Holstein und Yoga – unter strengen Auflagen – wird auch drinnen wieder möglich sein. Und so sehr ich mich freue, dass viele in meinem Umfeld nun bereits zwei Mal geimpft sind, dass Restaurants, Hotels und Cafés öffnen, so geht es mir auch ähnlich wie wie im vergangen Jahr nach Lockdown 1. Ich frage mich: Wie wird unsere neue Realität eigentlich aussehen? Wie wünschen wir sie uns? 

Lieber Arm an Arm als Zahn um Zahn

Heute morgen hatten meine Kinder heimlich den Fernseher eingeschaltet. Das machen sie manchmal. Es ist eine Art Spiel. Denn sie verheimlichen es nie, sondern kommen lachend angelaufen, um zu beichten, dass der Fernseher läuft. Ich hielt meine Tasse Kaffee noch in der Hand, habe sie also kurz mal machen lassen und mir dann angesehen, was sie gerade eingeschaltet hatten. Auf MDR lief „Zahn um Zahn“ – das hatte ich noch nie zuvor gesehen. Eine DDR-Serie aus den 80er-Jahren. Ich musste schmunzeln, weil die übertrieben freundliche Arzthelferin – mit Namen Häppchen – die Patienten am Arm berührte, wenn sie sie aus der Praxis geleitete. Was für ein ungewohntes Bild! Ich zuckte fast zusammen, angesichts des „Zuviels“ an Berührung. Wie schade, oder? 

Nach uns die Sintflut?

Aber dann gibt es auch Dinge, die will ich gar nicht haben. Dummerweise war ich über den Bild-Kommentar von Ralf Schuler gestolpert: „Haben denn alle einen Knall?“, stand da provokant in der Überschrift. „Tempolimit, Fleischverzicht, Flugscham, Böllerverbot – haben wir Deutschen eigentlich einen Knall?“, fragt der Journalist da. Und weiter: „Einfach mal leben ist nicht unsere Stärke …“ Komisch, dass ich genau das Gegenteil von den Deutschen denke. Mich bestürzte dieser Text – auch wenn mir klar ist, dass diese Zeitung natürlich gerne Klischees bedient und Provokation zum Konzept gehört – denn wieso findet Ralf Schuler, ein im Osten aufgewachsener Journalist, der sich selbst zu DDR-Zeiten zum Christentum bekannte (was mich wahnsinnig beeindruckt) solche Worte? … Worte, die man meiner Meinung ruhig schreiben kann, wenn man nach dem Prinzip: „Nach mir die Sintflut“ lebt. Ich kann ziemlich viel Spaß haben ohne Fleisch, ohne Böller, ohne Langstreckenflüge. Ich lebe so sehr nach dem Prinzip „einfach leben“, dass mich alleine das Wunder meiner fließenden Atmung manchmal schier umzuhauen droht. Ich genieße die Sonne an furchtbaren Regentagen, suche mit meinen Kindern nach dem Regenbogen und feiere schon seit meinem 18. Lebensjahr laut, lustig und ausgelassen ganz ohne Alkohol. Meine Freunde wissen das. Die fragten mich früher auf Partys ob es mein Ernst sei, jetzt noch Auto zu fahren, weil sie einfach nicht bemerkt hatten, dass ich gar nicht betrunken war – sondern einfach ich.

Leiser, sanfter, glücklicher

Tempo auf der Autobahn? Echt jetzt? Das macht glücklich? Silvesterknaller in die Luft böllern? Lebenswichtig! Vielleicht wäre es erstrebenswerter, sich zu wünschen, dass wir uns Silvester‘ 21 alle umarmen können ohne einen einzigen leisen Zweifel? Und dass sie in China keine Tiere mehr auf Märkten verkaufen, die dort einfach nichts zu suchen haben? Wären wir nicht viel glücklicher, wenn wir mehr im Einklang mit der Natur leben würden, verzichten könnten, auf das, was der Umwelt richtig weh tut, uns auf das Wesentliche besinnen würden, statt immer nur schneller, höher, weiter? Das war mal ein Prinzip, das für den Leistungssport galt. Da machte es Sinn. Heute geht es, so kommt mir das vor, in allen Bereichen des Lebens darum. Und lauter natürlicher. Bitte auch lauter. Wer am lautesten schreit, der lebt am besten. Echt jetzt?

Was für eine Vision!

Es war noch mitten im dicksten Corona-Winter, da besuchte mich eine Freundin in meiner Küche, wir tranken einen Kaffee zusammen und redeten darüber, wie die Zukunft unserer Kinder aussehen könnte. „Ach“, sagte meine Freundin da, „ich denke, die werden sich über uns totlachen, werden sagen: Echt? Wie konntet ihr denn 40 Stunden die Woche arbeiten, Kinder haben und dann auch noch für eure Ferien nach Dubai fliegen?“ War das eine Vision! Stell dir mal vor, unsere Kinder wollten gar nicht mehr in die Ferne reisen? Stell dir mal vor, sie würden deutlich weniger arbeiten, gesünder leben und ein ganz ausgeprägtes Umweltbewusstsein haben? Diese Vision rettete mich über den Winter. 

Und jetzt: Rettet die Yogastudios!

Lauschangriff und Lesestoff vom 28. Mai 2021

Vielleicht hast auch du in dieser Woche von der Depressionserkrankung der Schauspielerin Nora Tschirner gelesen. In dem Interview mit tz-Redaktuer Armin Rösl, der selbst eine Depressionserfahrung machte und ehrenamtliches Vorstandsmitglied und Sprecher der Deutschen DepressionsLiga ist, berichtet sie von ihrer Erfahrung mit der Krankheit. Dabei beantwortete sie die Frage, ob sie sich vor dem öffentlichen Bekenntnis zu ihrer Depression Gedanken gemacht habe, ob dies Konsequenzen für ihren Job haben könne: „Es kommt darauf an, wie man persönlichen Erfolg definiert. Mein Wertesystem sieht nicht vor, Geld zu scheffeln, Karriere zu machen und Everybody’s Darling zu sein.“ Das ist sehr schön gesagt. Und mir ist bewusst, dass dieser Satz nicht immer so einfach über die Lippen kommt und auch nicht von jedem Menschen so selbstbewusst dahingesagt werden kann. Aber ich finde es ist wirklich wichtig, sich über die persönliche Definition von Erfolg bewusst zu werden. Kurz nach dem Beginn meiner Selbstständigkeit hatte mich das jemand gefragt: „Was bedeutet denn für dich Erfolg?“, und mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass Erfolg nicht immer an Geld gekoppelt sein muss. Erfolg kann auch bedeuten, dass mir genug Zeit für meine Kinder bleibt oder ich mein Leben als entspannt bezeichnen kann. Erhält man Klarheit über die eigene Definition von Erfolg bringt das sehr viel Klarheit und Ruhe in das Leben.

Bekannt? Erfolgreich?

Am 26. Mai erschien in der Frau im Spiegel ein ausführlicher Bericht über Yoga, ich werde darin als „Yoga-Expertin“ bezeichnet. Viele meiner Freunde halten mich für „erfolgreich“. Kürzlich schrieb mir eine Freundin: „…schön, dass du durch deine Bekanntheit so viel bewirken kannst“ und ich fragte mich, ob man heutzutage bekannt sein kann, wenn man auf Instagram keine Tausend Follower hat. Ich halte mich überhaupt nicht für bekannt. Ich glaube, die meisten der bekanntesten deutschen Yogalehrer haben meinen Namen noch nie gehört. Mein Erfolg besteht aber darin, dass ich das tun darf, was ich liebe. Dass ich, wenn meine Kinder krank sind, getrost meine Termine auf einen anderen Tag verschieben kann – so wie heute zum Beispiel. Und auch, wenn sie mal nölig sind und ich den Eindruck habe, sie bräuchten mehr Zeit mit mir. Trotzdem werfe ich jeden Monat einen besorgten Blick auf mein Konto. Bücher schreiben macht nicht reich, sage ich immer zu denen, die mich fragen, wie man so ein Buch veröffentlicht. In der Regel zumindest nicht. Yogalehrerin zu sein, auch nicht. Aber letztlich ist das ja auch alles relativ. Reichtum, Erfolg, Bekanntheit – von allen drei Begriffen darf jeder seine eigene Definition haben. Mit Geld und dem Instagram-Account hat es in den seltensten Fällen etwas zu tun.

Die eine Podcast-Empfehlung

… für dieses Wochenende kommt von House of Grace. Mal wieder trifft Sandra von Zabiensky genau einen Nerv bei mir. Sie führt ein spannendes Gespräch mit dem Journalisten Jan Stremmel über Journalismus, Meinungsfreiheit, Rechtsradikalismus in der Yogaszene und vieles mehr. Unbedingt anhören. Was für ein spannendes Interview!

Rhabarber, Rhabarber

Momentan stehe ich total auf Rhabarber. Vielleicht auch deswegen, weil in unserem Garten still und heimlich Rhabarber gewachsen ist. Diesen Kuchen hier muss ich unbedingt ausprobieren. Mandelmus, Quinoa und Rhabarber – was ist das bitte für eine coole Kombination?

Lauschangriff und Lesestoff vom 23. Mai 2021

Da das Wochenende ja etwas länger ist, gibt es meine Lese- und Hörtipps mit Verspätung. Dafür bleibt ja aber auch genug Kaffee-Zeit, sie zu lesen und zu hören. Und: Dafür haben sie es natürlich auch in sich 🙂

Na ja, die Wahrheit ist: Es war eine intensive Woche. Am Mittwoch sass ich bei meiner Mental-Coachin in Hamburg, als mich über WhatsApp 17 Nachrichten erreicht hatten. Aufgeregte Eltern der Kindergarten-Freunde meiner Töchter schrieben von einem Amokläufer in Kiel, die Polizei habe ein Kieler Viertel umstellt – die Kita meiner ältesten Tochter befindet sich genau dort – und die Kindertagesstätten seien vom Jugendamt angehalten worden, alle Türen dicht zu halten, die Kinder könnten nicht abgeholt werden. Auf der Fahrt nach Hamburg trudelten weitere Nachrichten ein, irgendwann bat ich eine Mutter, mich doch telefonisch zu informieren, falls es was Neues gebe, schließlich sass ich im Auto. Bald kam der Anruf. Der vermeintliche Amokläufer war kein Amokläufer, sondern ein Mann, der morgens in einem Kieler Vorort zwei Menschen erschossen hatte – ein Eifersuchtsdelikt –, das Fahrzeug, das in dem Kieler Viertel aufgetaucht war, war gar nicht das verdächtige Fahrzeug sondern ein Mietwagen, der dem Wagen des Täters einfach ähnlich sah. Auf der Fahrt hatte mir natürlich was geholfen? Ein- und auszuatmen. Aber Atmen kostet eben auch manchmal Zeit und dann hatte ich auch noch große Lust, sehr viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen …

Unendlich wertvoll …

Thorsten Hermes, Ex-Google-Manager, Chief Groth Officer bei TheNextWe und Innovationsmanager beim Deutschen Fußball-Bund hat in dem Leadership-Podcast des DFB ein interessantes Gespräch mit dem Juristen und Autor Ferdinand von Schirach geführt. Es geht um die sechs Grundrechte, unter anderem, das Recht auf eine gesunde Umwelt. Ein Talk mit dem „Meister des Pespektivwechsels“, wie Hermes sagt, der inspiriert, bedächtig macht, zu bedenken gibt, dass es sich für Menschen lohnt, den Verstand einzusetzen und wie wir unser eigenes „richtig“ finden. Auch schön übrigens – gerade angesichts der Pandemie – der Satz von Immanuel Kant, den von Schirach zitiert: „Das Leben des Einzelnen ist unendlich wertvoll.“ Ein ruhiges, angenehmes Gespräch zweier beeindruckenden Menschen.

Gebt den Frauen das Kommando …

Wo wir gerade beim DFB sind – dieses Interview mit Katja Kraus und Gaby Papenburg hat mir als ehemalige Sportjournalistin und Frau natürlich gut gefallen. Eine spannende Initiative, die wir Frauen unbedingt im Blick halten sollten. Schön, dass Katja Kraus mal erklärt, worum es in Sportverbänden eigentlich gehen sollte („…wie man Kinder für Vereinssport begeistert oder wie man wieder mehr Identifikation mit dem Fußball ermöglicht“) statt um Macht und Kontrollverlust …

Rettet die Selbstheilungskräfte

Auf Businessinsider spricht der Neurobiologe Gerald Hüther darüber, wieso das beste Gesundheitssystem der Welt nichts nützt, wenn wir nicht damit aufhören, unsere inneren Selbstheilungskräfte daran zu hindern, ihre Arbeit richtig zu machen. Spannend. 

Ein Text aus dem Oktober auf fuckluckgohappy beschreibt die Rolle des Körpers und damit der Asanas im Yoga. Eine schöne Erinnerung, jetzt wo die Yogastudios in den Startlöchern für die heiß ersehnte Eröffnung stehen …

An dem besagten Mittwoch mit der großen Aufregung um einen vermeintlichen Amoklauf saß ich nachmittags mit den Kindern bei einer Freundin im Garten und habe diese selbstgebackenen Müsliriegel gegessen. Was soll ich sagen? „Das sollen Müsliriegel sein?!“ Schmeckten wie ein unfassbar gutes Stück Kuchen.

Genieß deinen Kaffee. Und hab schöne Pfingsten. Was kann uns schon Regen?

Warum denn jetzt?

Das Leben ist kostbar. Auch in Pandemiezeiten. Ich lese gerade das Buch von Veit Lindau „Genesis – Die Befreiung der Geschlechter“. Zu Beginn hat es mich fast genervt, dass er nicht müde wird, immer und immer wieder zu erwähnen, dass du, ja genau du, ein Wunder bist. Dass du, ja genau du, die Welt verändern kannst. Mit deinen Gedanken. Mit diesem einen Unterschied. Und während ich mich am Anfang noch fragte, wieso Lindau nicht damit aufhört zu erzählen, wie wundersam wir sind, ist mir das plötzlich – in einem alltäglichen Moment – sehr klar geworden. Das Leben an sich ist ein Wunder. Es ist nicht selbstverständlich. Oh, werde ich jetzt hier zu spirituell? Vielleicht. Letzte Woche schrieb ich noch, dass ich mich auf den Sommer freue und jetzt schreibe ich vom allgegenwärtigen Moment … und davon, dass ich überhaupt nicht weiß, ob dieser Sommer für mich stattfindet … Ist das anstrengend? Mag sein.

Alles selbstverständlich?

Aber es ist auch wohltuend. Denn unser Alltag ist schließlich auch manchmal anstrengend. Während wir nämlich so vor uns hin dümpeln, uns über dies und jenes aufregen, uns unheimlich wichtig nehmen – beispielsweise weil unsere Freiheit gerade eingeschränkt ist – , wir uns streiten, mit anderen diskutieren ohne deren Meinung, deren Herkunft, deren Aussehen zu respektieren, verschwenden wir keine Sekunde daran, dass unser irdisches Dasein begrenzt ist – und dass diese Grenze sekündlich gesetzt werden kann. Wir nehmen alles für selbstverständlich. Nicht nur den kleinen automatischen Rasenmäher, der von sich aus das Gras auf akkurate Weise schneidet, während wir im Liegestuhl liegen bleiben können … ja nicht zu viel Bewegung … Nicht nur den scheinbar perfekt zubereiteten Burger, der einfach so auf den Teller gezaubert wurde, ja nicht darüber nachdenken, wer was wie dafür tun musste … Nicht nur den frischen Duft unserer gewaschenen Klamotten, gebadet in Weichspüler … damit die Handtücher sich auch wirklich ganz sanft anfühlen auf der Haut. Wir nehmen das Land in dem wir leben für selbstverständlich. Und dann gibt es ja noch die anderen. Tja, das ist ja dann das Leben der anderen. Das Leben – nicht das der anderen, sondern das Leben – scheint selbstverständlich.

Jetzt ist das Wertvollste, was wir haben

Bewusst wird uns die Kostbarkeit des Moments meistens erst mit dem Tod eines nahestehenden Menschen. Oder mit dem Unfall, der uns entweder ins Krankenhaus katapultiert oder uns im Schrecken für Sekunden verharren lässt: „Puh, Glück gehabt!“ Aber genau das ist der Grund, weshalb manche Menschen schon seit Tausenden von Jahren verstanden haben, dass die Besinnung auf Ein- und Ausatmen zum Glück führt. In einem Interview mit der Journalistin Doris Iding sagte Eckhart Tolle einmal: „Viele Menschen sehen in dem JETZT, in dem gegenwärtigen Moment, nur einen Stolperstein. Sie glauben, dass sie in einem zukünftigen Moment glücklicher sein werden als im JETZT. Dabei handelt es sich bei der Zukunft nur um eine Gedankenform, denn keiner hat die Zukunft jemals getroffen. Wenn sie kommt, dann ist sie wieder der gegenwärtige Moment. Aber das realisieren die meisten Menschen nicht, egal in welchen Lebensumständen sie sich befinden.“ Ich habe über diese Worte nachgedacht und plötzlich machten Tolles Worte Sinn für mich. Es ist absurd, sich die Zukunft herbeizusehnen. Jetzt ist das Wertvollste, was wir besitzen.

Das neue Bewusstsein ist hier

Dieses Annehmen des Jetzt ist nicht leicht. Das gelingt mir genauso wenig oft wie dir. Ich übe. Das Problem beschreibt Eckhart Tolle sehr gut: „Das Eigenartige ist: Je schlimmer die Lebensumstände, desto größer die potentielle Chance der Bewusstseinstransformation. In Situationen, die scheinbar aussichtslos sind, wie zum Beispiel eine schwere körperliche Behinderung, Krankheit oder ein tiefgreifender Verlust, verstärkt sich zunächst der normale Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment – und somit das Leid – um ein Vielfaches. Das Jetzt wird fast unerträglich. Es innerlich zuzulassen, das „so-sein“ des Jetzt zu akzeptieren, scheint unmöglich und sinnlos. Doch dann, wenn der Mensch die Last des „leidenden Selbst“ nicht mehr tragen kann, kann es geschehen, dass plötzlich innerlich etwas kippt. Das tief verwurzelte Nein zum gegenwärtigen Moment löst sich auf, und damit auch das leidende Selbst. Und wenn das Jetzt zugelassen wird so wie es ist, dann öffnet sich die Tür zu einem tiefen, inneren Frieden und einer Intelligenz, die jenseits des Denkens liegt.“ Für mich macht diese Erklärung sehr viel Sinn. Es gibt viele Beispiele von besonderen Menschen, die unter einem enormen Leidensdruck unglaubliche Stärke bewiesen haben. Tolle sagte in diesem Interview vor etwa sechs Jahren – das nichts an seiner Aktualität verloren hat: „Das neue Bewusstsein ist schon hier. Sagen Sie nicht: Ich muss es erst noch erreichen. Für die Änderung des Bewusstseins braucht man keine Zeit. Dieser Gedanke ist das größte Hindernis. Das heißt, Sie brauchen nirgendwo hinzugehen. Sie brauchen nur vollkommen Ja zum gegenwärtigen Moment, zum JETZT, zu sagen.“

Wie geht „jetzt“?

Ich kann den Moment nur erreichen, wenn ich atme. Wenn ich mich bewusst darauf einlassen, wie ich ein- und wie ich ausatme. Dann bin ich da. Im Jetzt. Und das ist ein gutes Gefühl. Letzte Woche habe ich geschrieben: „Ich freue mich auf den Sommer.“ Ich dachte an einen Sommer mit kurzen Hosen, an den Strand, an Sprünge ins Wasser und Eis-verschmierte Gesichter meiner Kinder. Am Donnerstag war ich bei Regen mit meiner Tochter im Garten, wir pflanzten Tomaten und rupften Unkraut und der Moment war perfekt. Der Sommer war so wenig in Sicht wie das totale Ende der Pandemie. Meine Ausbilderin sagte immer: „Yoga is now.“ Das hörte sich schon damals so an, als würde es Sinn machen. Verstanden hatte ich das aber da noch nicht. Denn damals bezog ich es vermutlich hauptsächlich auf komplizierte Asanas, während deren Ausführung keine Zeit übrig blieb, die an den nächsten Gedanken verschwendet werden konnte.

Immer öfter …

Natürlich habe ich mich nun gefragt, ob ich denn, wenn ich versuche, die Zukunft (und die Vergangenheit) ausser Acht zu lassen, überhaupt noch einen Sinn darin sehe, beispielsweise Leistung zu bringen. Darüber musste ich nicht lange nachdenken. Natürlich macht das Sinn. Weil es ja auch hier um den gegenwärtigen Moment geht. Es geht mir ja im gegenwärtigen Moment nicht zwingend besser, nur weil ich auf der Coach liege und eine Packung Chips in mich reinschiebe … eher schlechter. Oder?

Kennst du das Gefühl, wenn du dich von äußeren Faktoren stressen lässt, durch den Moment rast, weil du Angst davor hast, zu spät zu kommen oder etwas nicht zu schaffen, was pünktlich geschafft werden muss …? Ich habe – witzigerweise nach dem Rat einer Freundin – begonnen, wenn es eilig ist, mich nicht mehr zu beeilen. Mit Ruhe an die Sache heranzugehen. „Meistens schafft man es dann ja viel eher“, sagte diese Freundin einmal zu mir. Ich habe diese Erfahrung auch gemacht. In Stresssituationen achtsam bleiben, einen Schritt nach dem nächsten statt Multitasking, das hat mich schon oft zum Ziel gebracht. Nicht immer erinnere ich mich daran. Immer öfter.

Wellness ist nicht lebenswichtig – eine optimierte Atmung schon

Thorsten Ribbecke ist wissenschaftlicher Referent an der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes. Er war jahrelang als Trainer in der Handballbundesliga tätig und ist auch verantwortlich für die DOSB Athletiktrainerausbildung. „Corona“ macht uns alle platt. Nervt, zehrt an unseren Kräften, sorgt für wenig Schlaf und Zerrissenheit. Deswegen habe ich mit Thorsten Ribbecke über Regenerationsstrategien gesprochen, die nicht nur für Hochleistungssportler gelten.

In deiner Arbeit beschäftigst du dich vor allem damit, wie Hochleistungssportler Angaben über den körperlichen und mentalen Zustand erhalten und darüber eine passende Trainingsform entwickeln. Ein großer Aspekt dieser Arbeit sind Regenerationsstrategien. Kannst du ein bisschen was dazu erzählen?

Natürlich erhalten Sportler Daten und Angaben zur Selbstreflexion. In erster Linie ist das sogenannte Monitoring jedoch für die Trainer wichtig, um zu sehen, wie bereit der Sportler für die Trainingseinheit ist. Er kann auch sehen, inwieweit sich der Sportler seit der letzten Trainingseinheit erholt hat. Ist das nicht der Fall, müssen Inhalte im Training angepasst werden und Regenerationsstrategien angewendet werden. Diese sind situativ und individuell anzuwenden. Ein einfaches Beispiel: Es gibt Menschen, die lieben die Sauna, andere haben gar keinen Zugang zu Wärme – und mögen das Eisbad. Jetzt muss man allerdings aufpassen: Es gibt Situationen, da wäre ein Eisbad  – auch wenn man das gerne mag – absolut unklug. Ein Eisbad reguliert Entzündungen herunter. Und es gibt Situationen im Tainingszyklus – beispielsweise im Trainingsaufbau – da soll die Entzündung gar nicht herunterreguliert werden. Sie ist ja schließlich eine kluge Reaktion des Körpers. Sie bedeutet Anpassung. Der Körper macht das nicht umsonst. Einfaches Beispiel ist hier ein Muskelkater in der Vorbereitungsphase. Den sollte man dann vielleicht aushalten und nicht mit einem Eisbad bekämpfen. Bist du allerdings in der Wettkampfphase, macht es natürlich Sinn, dem Muskelkater mit einem Eisbad entgegenzuwirken. 

Nun wollen wir beide aber heute gar nicht so sehr über den Leistungssportler sprechen, sondern um Menschen wie dich und mich. Du sagst, Atmung, Schlaf und Ernährung sind die drei Komponenten, die für eine bestmögliche Regeneration sorgen. Würdest du sagen, dass diese drei Bausteine auch den Nicht-Sportler leistungsfähiger machen?

Es ist egal, ob du Mama oder Manager bist oder Olympiasieger werden möchtest – diese drei Komponenten sind ausschlaggebend für die Leistung, die du bringen musst. Ich sage immer gerne: Du kannst, ohne eine einzige Tafel Schokolade in deinem Leben gegessen zu haben, problemlos 100 Jahre leben. Du kannst auch so lange leben, ohne einen einzigen Saunagang gemacht zu haben. Wellnesstrategien, die aus unserer heutigen Sicht unheimlich wichtig erscheinen, sind nicht lebenswichtig. Du kannst aber nur fünf bis zehn Minuten ohne Atmung überleben, ohne Trinken etwa vier bis sieben Tage, ohne Schlaf nur etwa zwei Wochen und ohne zu essen schaffen wir eventuell ein bis zwei Monate. Daher macht es Sinn, sich mit der Optimierung dieser drei Bausteine zu beschäftigen.

Woran liegt es denn, dass die Optimierung der Atmung beispielsweise weniger Ernst genommen wird, als der Wunsch nach dem Saunagang?

Der Saunagang ist einfacher. Wenn ich die Komponenten Atmung, Schlaf und Ernährung optimieren möchte, muss ich mir Gedanken um eine Tagesstruktur machen. Alleine wenn es um Ernährung geht, brauche ich eine gute Planung und unter Umständen Vorbereitung. Es ist ja auch nichts gegen den Saunagang zu sagen, wenn er gut tut und eine Auszeit bietet. Alles wunderbar. Aber wenn ich eine gute bewusste Atmung habe, dann schlafe ich auch besser. Wenn ich mich gesund ernähre, bin ich tagsüber weniger müde, beeinflusse den Tagesrhythmus besser. Den wenigsten Menschen ist bewusst, dass Entgiftung zu 70 Prozent über die Atmung, 20 Prozent über die Haut, 10 Prozent über Verdauungsorgane funktioniert.

Was hast Du in Deinen Recherchen zum Thema Ernährung herausgefunden? 

Hier zitiere ich gerne Tom Fox, einen Ernährungstherapeuten, der einmal gesagt hat: „Je mehr sich die Menschen der Religion abwenden, umso mehr wenden sie sich der Ernährung zu.“

Man muss sich, wenn man über Ernährung spricht, erst klar werden, worum es geht: Unterhalten wir uns über eine ethische Ebene oder geht es um Biologie? Das nächste ist: Wir müssen uns die Frage stellen, wo wir herkommen, bevor wir über optimierte Ernährung sprechen. Dazu erzähle ich ein Beispiel aus der Deutschen Eishockeyliga. Hier gab es vor einigen Jahren folgendes Problem: Ein Spieler aus Alaska kam in ein deutsches Team, toller Spieler, performte grandios. Nach drei Monate: Totalausfall. Die Leistung des Athleten nahm ab, er fühlte sich müde, war ständig verletzt. Und irgendwann stellte man ihm die Frage: Was hast du verändert, seit du hier in Deutschland bist? Und er erzählte dann von seiner Ernährung. Der hatte in Deutschland erst mal nur Kohlenhydrate zu sich genommen. Da wurde er sofort auf Low Carb gesetzt. Der Athlet hatte seine Ernährung aufgrund der unterschiedlichen Kulturen zweier Länder mehr oder weniger unbeabsichtigt komplett umgestellt. Aus einem Leben, in dem täglicher Verzehr von Fisch etwas normales war, kam er in eine Welt, in der hauptsächlich Kohlenhydrate auf dem Speiseplan stehen. Das konnte nicht funktionieren. Der Mensch benötigt etwa 6000 Generationen, um seinen Stoffwechsel anzupassen. Das sind ca. 50.000 bis 100.000 Jahre. Getreide gibt es erst seit 8000 Jahren. Da wundert es nicht, dass einige Gluten nicht gut vertragen oder warum Asiaten immer noch eine Laktoseunverträglichkeit haben. 

Ernährung wird – wie du ja auch mit den Worten von Tom Fox deutlich gemacht hast – schnell zur Glaubenssache. Wie gehst du damit dann um, wenn du Athleten vor dir hast, die du schulen möchtest?

Natürlich ist die Qualität von Produkten nicht außer Acht zu lassen. Es macht schon Sinn, darauf zu achten, wo das Essen herkommt, wie es produziert wurde. Aber manchmal muss man auch die Kirche im Dorf lassen. Ernährung darf nicht zur Belastung werden. Man soll auch seine Mitmenschen nicht damit in den Wahnsinn treiben – was ich tatsächlich auch schon getan habe, weil ich eben auch Dinge manchmal ausprobieren muss. Ich glaube, es ist immer ein guter Rat, etwas nicht zum Dogma werden zu lassen.

Kommen wir zu meinem Lieblingsthema. Der Atmung. Wie atmet man denn „effektiv“?

Dazu kann man selbst verschiedene Punkte beachten: Beispielsweise, wie oft man in der Minute atmet. Die Frequenz sollte 10-14 Atemzüge pro Minute nicht übersteigen. Ein wichtiger Aspekt: Atmet man während der alltäglichen Aktivitäten manchmal durch den Mund? Atmet man während des Schlafes durch den Mund? Schnarcht man? Wie schwer atmet man während man sich ausruht? Wie sehr heben sich Brust und Bauch beim Atmen an? Ist die Atmung während des Ausruhens hörbar? Beobachtet man mehr Brust- als Bauchbewegung beim Atmen? Seufzt man regelmäßig am Tag? Regelmäßiges Seufzen ist ein Merkmal von chronischem Überatmen. Macht man im Alltag die Erfahrung von nasaler Überlastung, Verengung der Atemwege, Erschöpfung, Schwindelanfälle oder Benommenheit? Leidet man unter Atemwegserkrankungen wie beispielsweise Asthma?Leidet man unter metabolischen Erkrankungen wie Diabetes, Herzerkrankungen? Eine optimierte Atmung kann tatsächlich geübt werden. Der erste Schritt wäre die Umstellung auf eine ganztägige Nasenatmung. Durch diese Beanspruchung wird das Zwerchfell gestärkt.

Wer Sport treibt, sollte selbst beim Training versuchen, so viel wie möglich die Nasenatmung anzuwenden. Ein Trick vor dem Schlafengehen bei Schnarchen: 15 Minuten vor dem Schafengehen die Atmung verlangsamen. Ein Lippenpflaster (Myotape) ist eine Möglichkeit im Schlaf eine nächtliche Nasenatmung zu gewährleiten.

Und was sind mögliche Folgen von ineffektiver Atmung?

Ein Beispiel: Ist das Zwerchfell in seiner Funktion gestört, verändern die anderen Muskeln ihrerseits ihre Funktion und laufen Gefahr, zu überlasten. Dadurch vermindert sich auch die Beweglichkeit der Brustwirbelsäule, was zu Schmerzen im Rücken- und Beckenbereich führen kann. Es besteht die erhöhte Gefahr von Atemwegserkrankungen wie Asthma. Ebenso besteht die Gefahr von Inkontinenz – was im Übrigen 33 Prozent der Leistungssportler betrifft.

Als Yogalehrerin weiß ich, dass das Thema Atmung nicht immer auf großes Interesse stößt. Atmen funktioniert automatisch, ist eine Meinung. Ich habe das Gefühl, für viele Menschen geht die achtsame Beschäftigung mit der Atmung zu sehr in die Tiefe. Wie gelingt es dir, Leistungssportler von deinen Strategien zu überzeugen?

Gutes Marketing ist alles (lacht). Das habe ich selbst erst einmal lernen müssen. Ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit gemerkt, dass die Athleten sich während meiner Vorträge zu den Themen Meditation und Atmung null abgeholt fühlten. Ich habe dann schon an deren Gesichtern gesehen, dass sie dachten: Komm mir nicht mit dem esoterischen Scheiß. Ich bin dann wirklich einige Male frustriert nach Hause gefahren. Und dann habe ich die Strategie gewechselt. Ich arbeite beispielsweise sehr viel in der Handball-Bundesliga. Dort sind viele Jungs absolute Fans von der amerikanischen NBA und NFL. Und als ich dann begonnen habe, denen zu erzählen, dass harte Hunde wie Shaquille O’Neil, Michael Jordan, LeBron James, Russell Wilson und so weiter, meditieren, da waren die auf einmal ganz Ohr. Plötzlich kamen sie zu mir, fragten mich nach Meditations-Apps. Und genauso ist es eigentlich mit jeder Branche. Du musst schauen, wo du die Leute am besten mit dem Thema packen kannst. 

Wie verknüpfst du dieses Wissen mit deinem eigenen Alltag? Meditierst du oder bist du einfach jemand, der sehr bewusst und aufmerksam atmet?

Meine Meditationspraxis war tatsächlich schon mal regelmäßiger, das liegt am Alltag – meine Frau arbeitet in einem Landwirtschaftlichen Betrieb, da ist momentan natürlich absolute Hochsaison, wir haben zwei schulpflichtige Kinder, ich bin berufstätig. Aber dafür achte ich ziemlich auf gesunde Ernährung, und ich habe meine eigene Strategie entwickelt, wie ich gut schlafen kann. Da muss ich beispielsweise auch satt sein und hochdosiert gutes Magnesium zu mir genommen haben. Dann steige ich momentan jeden Tag aufs Rad und übe da aktiv an meiner Atemtechnik. Beim Radfahren habe ich eine ziemlich gute Kontrolle über meinen Puls und spiele dann auch damit. Beispielsweise teste ich aus, wie lange ich eine Nasenatmung aufrecht erhalten kann. Was ich in der Corona-Pandemie für mich wiederentdeckt habe, ist die Musik. Ich habe mir seit langem mal wieder eine Gitarre gekauft und wenn ich merke,ich komme am Schreibtisch gerade nicht weiter, mein Kopf ist dicht, dann setze ich mich kurz hin und spiele Gitarre. Danach kann ich dann wieder weitermachen. Das ist momentan sozusagen meine Meditation.

Thorsten Ribbecke hat ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Es heißt: Regenerationsstrategien. Neue Reserven durch Erholung und Monitoring und ist im Pflaum Verlag erschienen.

Lauschangriff und Lesestoff vom 7. Mai 2021

Ich lese gerade ein spannendes Buch – und somit komme ich gar nicht dazu, irgendwelche Artikel im Netz zu lesen. Das ist auch aus dem Grund praktisch, weil ich so gar nicht in die Verlegenheit komme, mich durch Nachrichten herunterziehen zu lassen. Ich richte stattdessen den Fokus auf das Positive, stelle fest, wie viele Menschen in meinem Umfeld bereits geimpft sind – das sind wirklich viele – und freue mich auf gutes Wetter und den Sommer. Es regnet hier übrigens gefühlt seit vergangenen Sonntag ohne Pause.

Erfrischender Yogi-Talk

Gehört habe ich den Podcast von Yoga Easy „Besser leben mit Yoga“, der sich in der aktuellen Folge mit dem Thema „Spiritual Bypassing“ beschäftigt. Der Stuttgarter Yogalehrer Mario Esposito und Kristin Rübesamen sprechen darüber, warum die Erregung unter den Yogi:nis gerade so stark zunimmt, was Tantra Yoga ist und darüber, was Freiheit heißt. Ganz schön erfrischend, der Blick von Mario Esposito auf Yoga – und irgendwie alles.

Seid schön lieb

Am 19. Dezember 2020 habe ich das oben gezeigte Bild auf Instagram gepostet, mit dem Hinweis: „Denkt daran, extra lieb zu den Leuten von DHL und Co. zu sein – die haben ja gerade ziemlich viel zu tun.“ Am 3. Mai ist im SZ-Magazin der Artikel Bestellen Sie nichts, was Sie nicht problemlos selbst einkaufen könnten“ erschienen. Und ich finde es wichtig, das zu lesen, denn ich weiß, wie viel über zu spät gelieferte Pakete geschimpft wird, über schlechten Zustellerservice und nicht-deutsch-sprechende Paketfahrer. Tja. Das ist kein schöner Job und er hat auch keine größere Lobby bekommen, seit eine Pandemie herrscht und die Menschen wie verrückt online bestellen. Daher empfehle ich diesen Text wirklich sehr. 

Veit Lindaus Bestseller

… hat auch mich in seinen Bann gezogen. Es ist das Buch, das ich lese, und vielleicht kennst du es auch schon. Es heißt Die Befreiung der Geschlechter. Sollte auch jede und jeder lesen. Unbedingt. Vielleicht gerade jetzt – so zum Muttertag. 

Mach es dir schön.

Let’s go for „Ökotante“

Vor einigen Jahren habe ich die Entscheidung getroffen, zu Jahresbeginn auf gute Vorsätze zu verzichten. Die Erfahrung zeigt, dass wir häufig an Vorsätzen scheitern, weil wir am 1. Januar von Null auf Hundert schiessen wollen. Damit muten wir uns zu viel zu. Gegen Ende des letzten Jahres, das für alle von uns große Herausforderungen mit sich brachte, habe ich mir die Frage gestellt, was mir im neuen Jahr wirklich wichtig sei. Unter anderem war da der Gedanke, dass ich mit der Umwelt schonender umgehen wolle. Klimaschutz liegt mir am Herzen. Auch weil ich kleine Kinder habe, deren Zukunft auf diesem Planeten nicht gerade rosig aussieht, wenn sich in Sachen Klimaschutz nicht massiv etwas ändert. Ich habe mich gefragt, was ich besser machen kann. Und mir vorgenommen, am Ende des Jahres 2021 einen kleineren ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen, als im Jahr zuvor. Dabei bin ich seit vielen Jahren Veganerin und weiß daher, dass ich sowieso einen gewaltigen Beitrag leiste. Doch das reicht mir nicht. Ich habe eine Freundin von mir um Rat gefragt, wie wir alle Umweltschutz Stück für Stück in unseren Alltag integrieren können. Realistisch und umsetzbar. Ich habe genau diese Freundin von mir unter anderem daher ausgewählt, weil ich sie von früher kenne und wir beide in einer Zeit erwachsen geworden sind, in der wir glaubten, man müsse Weichspüler in Waschmaschinen kippen, nur weil es die eigenen Eltern nicht getan haben. Wir waren nicht informiert genug, zu wissen, was das bedeutete und dass es unheimlich überflüssig ist. Wir sind beide in einer Zeit erwachsen geworden, in der wir glaubten, unser erstes selbst verdientes Geld vor allem für Klamotten und Schuhe ausgeben zu müssen. Heike Ulrich hat nach ihrem Studium eine steile Konzernkarriere hingelegt. Dann hat sie sich gegen Geld und für ihr Herz entschieden. Sie arbeitet heute für die bio verlag gmbh, die das Bio-Kundenmagazin Schrot&Korn herausgibt, lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern im Spessart und liebt die Natur.

Dein Instagram-Profil hat einen Namen, der dich gleich in eine Schublade steckt: Oekofamily_Unterfranken nennst du dich da. Wie bist du denn darauf gekommen?

Wir waren in unserem Umfeld schon eine Art Vorreiter in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Viele meiner Freunde haben diesen Wandel bei mir wahrgenommen – genau wie du auch. Das Label „Ökotante“ wurde immer häufiger spaßeshalber von meinen Freunden verwendet. Und ich muss sagen: Ich bin natürlich froh, wenn mich jemand so wahrnimmt. Das ist nichts, wofür ich mich verstecken möchte. Für mich ist der Begriff absolut positiv besetzt. Wenn man sich um Ökologie schert, kann das nur gut sein. Daher habe ich gerne – aber natürlich auch mit einem zwinkernden Auge – diesen Namen gewählt. Es ist aber in der Tat auch das, was ich auf Instagram von unserem Familienleben zeige: Wir sind vor allem viel draussen. Wir lieben die Natur. Das ist authentisch.

Gab es ein spezielles Ereignis, einen Aha-Moment in deinem Leben, der dich zu dem Punkt gebracht hat, umdenken zu müssen? 

Vor rund 15 Jahren habe ich während meines Studiums der Internationalen Betriebswirtschaftslehre eine Seminararbeit zum Thema Bananenhandel geschrieben. Ich habe mich sehr intensiv mit fairem Handel auseinandergesetzt und das hat mich in meinem Kaufverhalten nachhaltig beeinflusst. Es hat einen Stein ins Rollen gebracht, der vor Herausforderungen stellte, denn dieses Rad lässt sich ja ewig weiterdrehen. Ich habe aber ziemlich schnell dann gemerkt: Klar kaufe ich mir nur das, was ich mir auch leisten kann, aber meistens kann man eben diesen einen Euro mehr ausgeben, der den Unterschied macht, also das Bioprodukt ist oder das Produkt, das fair gehandelt wurde. 

Ihr seid eine vierköpfige Familie, deine Kinder sind im Grundschul- und Vorschulalter. Wie vermittelst du ihnen, dass ihr euren ökologischen Fußabdruck möglichst gering halten möchtet?

Achtsamer Umgang mit der Natur und deren Bewohnern …

Unsere Kinder sind mit dem Biothema aufgewachsen. Es ist für sie normal. Wir sprechen eben auch darüber, warum wir beispielsweise kein abgepacktes Fleisch kaufen  und so weiter. Als meine Tochter drei Jahre alt war, sagte sie von sich aus zu mir, wenn Fleisch auf dem Tisch stand: „Mama, ist da ein Tier drin? Musste es dafür sterben? Wollte es das?“ Ich mache aus diesen Themen aber kein Dogma. Ich glaube, dass Überzeugung nur entsteht, wenn man sich frei entscheiden kann, die Wahl hat. 

Ich habe diesen Winter mein Badezimmer auf den Kopf gestellt, Produkte weggeworfen, die ich kaum bis gar nicht nutze – da kam so einiges zusammen –, meine Pflegeprodukte komplett auf Bio umgestellt, Trockenshampoo statt aus der Flasche, Menstruationscup statt Tampons, und so weiter. Das war ehrlich gesagt, ziemlich leicht. Hast du ein Beispiel aus der Praxis, wie kann man damit beginnen, einen kleinen Schritt zu machen, der unter Umständen große Wirkung hat?

Ein Tipp von mir ist: Da anfangen, wo es leicht fällt. Wir dürfen uns sagen, dass wir nicht die ganze Welt retten können. Also genauso wie du es mit dem Badezimmer gemacht hast. Wer sich mit den Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit beschäftigt, fühlt sich häufig erst mal wie gelähmt. Denn da ist ein Riesenberg an Herausforderungen, es fängt beim Tierleid an und hört noch lange nicht bei der Fashion-Industrie auf. Ich habe es also so gemacht, dass ich mir die Frage stellte: Worauf kann ich verzichten? Ich erinnere mich noch an mein Konzernleben. Da standen bestimmt 70 Paar Pumps in meinem Schrank. Heute weiß ich: Das braucht kein Mensch. Vor zwei Jahren ging unser Trockner kaputt. Da fragten wir uns dann: Brauchen wir einen Trockner? Am Anfang fand ich es etwas nervig, Wäsche immer raushängen zu müssen, heute denke ich: Wo ist das Problem? Das Leben mit Trockner ist längst vergessen … Wir haben eins von zwei Autos abgeschafft, haben mit den Kindern über Wege, Energie zu sparen, gesprochen. Da gibt es kleine Dinge, wie beispielsweise Licht nicht brennen zu lassen, Wasser zuerst im Wasserkocher vorzukochen, bevor wir Nudeln damit kochen, das Wasser im Badezimmer nicht lange laufen zu lassen, die Rückseiten von Papier bemalen, und so weiter. Solche Sachen verstehen Kinder sehr gut. Ich nähe viel selbst für die Kinder,  auch aus Kleidern, die ich vorher getragen habe. Wir kaufen Kleidung für die Kinder gerne gebraucht. Bei Schuhen mache ich eine Ausnahme.

Der Spessart ist schön … soll auch so bleiben, oder?

Wie erklärst du den Kindern, dass das geliebte Plastikspielzeug eigentlich Mist ist …?

Ich sage manchmal tatsächlich: Wir können uns nicht sicher sein, dass andere Kinder vielleicht arbeiten mussten, damit dieses Spielzeug entstehen konnte. Ich erkläre es ihnen immer so, dass es mit ihrer Lebenswelt zu tun hat. Ich bin auch der Ansicht, dass man Kinder vor solchen Sachen nicht hundertprozentig schützen kann und deshalb offen, aber altersgerecht mit ihnen darüber reden soll.  Es macht keinen Sinn, ihnen Angst zu machen, aber ihr Bewusstsein schärfen kann man schon. Wir machen bei Baumpflanzaktionen mit, laufen viel im Wald herum und sammeln auch Müll ein. Plastikmüll im Meer ist ein großes Thema – das verstehen Kinder auch gut. Wir haben zwar vergleichsweise wenig Plastikspielzeug, aber das was wir haben ist zumindest langlebig und teils sogar Second Hand.

Du hast das ja eben schön beschrieben, mit diesem Berg, der sich ins Unermessliche erhebt: Viele meiner Freundinnen sind überfordert mit dem Thema, weil sie, sobald sie sich mit Klimaschutz beschäftigen, das Gefühl haben, alles sei aussichtslos. Irgendwo scheint immer ein Haken zu sein. Wie ermutigst du solche Menschen, den ersten Schritt trotzdem zu gehen?

Jede Kleinigkeit hilft. Das klingt vielleicht wie ein blöder Werbespruch, ist aber wahr. Stell dir vor, jeder*jede leistet einen kleinen Beitrag in einem Feld, was ihm*ihr leicht fällt – dann wären wir schon wahnsinnig weit. Ich finde, es muss klar sein, dass man nicht alles gleichzeitig machen kann. Manchmal schließt es sich eben auch aus regional, fair, bio und dann auch noch plastikfrei zu kaufenn. Da muss man sich locker machen. Unsere Kinder lieben Avocado – also bin ich froh, dass sie etwas so gesundes so gerne essen und kaufe auch mal ab und zu eine. Aber Potenzial hat man immer. Auch in Sachen Verpackungsmüll hat meine Familie noch welches. Das größte Verbesserungspotenzial haben wir definitiv bei Mobilität – wir benutzen nie den ÖPNV. Ich finde, wenn man sich in dem Dreieck bio, fair oder regional bewegt, dann macht man schon mal vieles richtig. 

Lauschangriff und Lesestoff vom 30. April 2021

In diesem Interview sagt Paartherapeutin Tara Christopeit einen sehr klugen Satz: „Selbstliebe kommt nicht davon, dass man sagt: Ich bin gut so, wie ich bin. Selbstliebe kommt davon, dass man liebevoll zu anderen ist und darüber lernt, sich zu respektieren.“ Ich habe lange nach diesem Satz gesucht. Weil ich in den vergangenen Jahren häufig das Gefühl hatte, durch all das Geschwafel über Selbstliebe, sei in unserer Gesellschaft vor allem eines passiert: Ein falsches Bild davon, was Selbstliebe bedeutet. Damit entstand Rücksichtslosigkeit und die Meinung, Recht habe vor allem man selbst.

Selbstliebe schien plötzlich ein so unfassbar großes Label zu sein, dass alle in erster Linie einmal nach sich schauten. Das musste doch schließlich Selbstliebe bedeuten, oder? Das führte dann dazu, dass immer weniger Menschen für eine Hochschwangere im Bus einen Platz frei räumten oder körperlich behinderte Menschen in der Bahn erst stundenlang nach einem Schaffner suchen mussten, bevor ihnen einer seinen Sitzplatz anbot. Es führte dazu, dass die anderen irgendwie erst gar nicht mehr gesehen wurden. Denn die ganze Welt drehte sich ja plötzlich nur noch um Selbstliebe und das war ja wohl gerade gut genug, oder? „Wenn jeder sich selbst nur genug liebt, ist allen geholfen“, hörte ich häufig. Hm. Na ja. Denn wir wissen, dass es manchen eben nicht aus eigener Kraft gelingt, sich selbst zu lieben. Manche brauchen mehr Unterstützung als andere. Manche haben gerade keine Kraft sich selbst zu lieben. Manche haben es nie gelernt. Und deswegen liebe ich den Satz von Tara Christopeit so sehr. Schön, dass jemand, der Ahnung hat, sich so ausdrücken konnte, wie ich es nicht vermochte.

Selbstliebe hat nichts damit zu tun, sich hinzustellen, und zu sagen: Ich finde mich ziemlich dufte, wie ich bin und deswegen sind mir die anderen egal. Selbstliebe hat damit zu tun, sich selbst zu hinterfragen, wenn man alle anderen um einen herum in Frage stellt. Selbstliebe hat etwas damit zu tun, andere nicht gleich zu verurteilen, sondern sich selbst zu fragen, was das Verhalten der anderen in einem auslöst und woher die eigene Reaktion kommt. Das heißt trotzdem nicht, dass man den anderen immer recht geben muss. Man erntet, was man säht, sagt die psychologische Beraterin Susanne Supper in ihrem Podcast Selbstliebe – der Weg zur innerem Frieden. Die Folge vom 29. April 2020 ist genau ein Jahr alt, verliert aber niemals etwas an Aktualität.

Wenn wir selbst in einem Zustand der Liebe sind, empfinden wir sowohl für uns als auch für andere Liebe. Und dann hat es auch nichts mit Egoismus zu tun, die eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen. Wer sich selbst wahrhaftig wertschätzt, ist voller Empathie für andere. Und muss trotzdem nicht zu allem Ja sagen.

Was mich diese Woche sonst noch beschäftigte …

Dieser Artikel ist nicht nur hochspannend für Leistungssportler. Die Autorin Susanne Rohlfing und ihre journalistische Arbeit kenne ich persönlich.

Jetzt beginnt die Spargelzeit. Dazu hat das Naturmagazin Schrot&Korn einen wichtigen Beitrag zum Thema Wer erntet eigentlich unseren Spargel veröffentlicht. 

Ein bisschen Werbung aus Gründen der Selbstliebe

Und aus lauter Selbstliebe 😉 empfehle dir natürlich jetzt auch noch die aktuelle Folge des healthrise Podcast aka #bleibtgesund Podcast. Darin erzählen Katharina Bauer und ich wie es zu unserem gemeinsamen Buchprojekt gekommen ist, warum Yoga wirkt und jeder seinen Yoga finden sollte und natürlich auch von Katharinas unerschütterlichem positiven Mindset.

Und dann … Pizza!

Ich habe den Kindern versprochen, dass wir Freitagabend Pizza backen. Den veganen Mozzarella ersetze ich durch gar nichts – Käse brauchen wir nicht, nicht mal Käse, der keiner ist. Stattdessen gibt es bei uns noch gebackene Aubergine und Ruccola. 

Ein Stück vom Glück …

Seit dieser Woche findest Du auf meiner Webseite kostenlose geführte Meditationen. Sie sind nicht besonders lang; der Fokus liegt auf Acht-Minuten-Meditationen. Wie wohltuend diese kurze aber wertvolle Zeit der Ruhe und Besinnung sein kann, habe ich bereits mehrfach beispielsweise hier und hier beschrieben.

Meditiere auf deine Weise

Meditation ist auf viele Arten möglich. Wenn es dir schwerfällt, Zeit für „Nichtstun“ einzurichten und du Stille eher beängstigend findest, dann beginne doch damit, einmal achtsam durch den Wald zu spazieren. Nimm dir vor, beim Joggen auf den Sound deiner Atmung zu achten, statt über dein nächstes Projekt zu sinnieren. Vielleicht einmal auf die „Tagesthemen“ verzichten, stattdessen zehn Minuten früher ins Bett zu gehen und bewusst darüber nachzudenken, wofür du an diesem Tag dankbar warst. All das beinhaltet Meditation. Ich bin ein großer Fan von Victor Davichs Buch „8 Minuten Meditation“. Denn acht Minuten tun nicht weh. Davich erklärt im Buch auch anschaulich, wie Meditation beim Gehen, beim Abendessen zubereiten, ja sogar im Supermarkt möglich ist. Dabei sagt er: „Denke daran, dass Meditation in Aktion nicht bedeutet, etwas in Slow-Motion auszuführen.“ Führe die Aktionen in dem Tempo aus, in dem sie ausgeführt werden müssen. Und auch da ist Meditation eine Übungssache. Aber eine, die sich lohnt, denn es führt dazu, Dinge, die getan werden müssen mit einer gewissen Zufriedenheit auszuführen.

Beende den Anspruch, im Meditieren gut zu sein

Michael James Wong, ein Yogalehrer aus London, hat diese Woche auf seinem Instagram-Profil geschrieben: „I find the greatest obstacle for meditation is that people have a need to be good at it quickly, the irony is, the harder you try, the less benefit you find. Break the need from wanting to achieve and just appreciate the time to close your eyes, be still and just breathe.“ Menschen beginnen zu meditieren, und haben dabei gleich den Anspruch darin „gut“ zu sein. Doch genau da liegt das Problem: Um so stärker wir etwas von der Meditationspraxis erwarten, um so weniger Profit können wir daraus ziehen. Das ist das Paradoxe an der Meditationspraxis: Meditieren bedeutet, zu Üben Ja zum gegenwärtigen Moment zu sagen. Das gelingt aber nicht, wenn wir uns „nicht gut genug zum Meditieren“ fühlen. Wenn wir also damit aufhören, an unsere Meditationspraxis Erwartungen zu knüpfen, beginnen wir damit, die Zeit der Stille und des Bewusstseins zu geniessen. Jeder bewusst durchgeführte Atemzug ist ein Stück vom Glück.

Wenn Ohren atmen …

Und noch etwas: Höre manchmal einfach genau hin. Beispielsweise auf die Stille. Wie hoch der Geräuschpegel in meinem Leben ist, wurde mir erst Silvester vor zwei Jahren bewusst. Da hatten wir Besuch von einer Freundin, die alleine lebt. „Es war schön bei euch“, sagte sie mir am Tag der Abreise, „aber Wahnsinn, welchem Geräuschpegel du immerzu ausgesetzt bist.“ Seit dem genieße ich die Stille wirklich in besonderem Maße. Sie fehlt mir nicht wenn ich in meinem Alltagstrubel bin, aber ich nehme sie sehr bewusst wahr, wenn sie auftaucht. Dann scheint es, als würde ich meine Ohren aufatmen hören …