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Berührung, Berührung

Endlich beginnt meine Thai Yoga Körperarbeit Ausbildung. Darauf warte ich schon lange. Als ich schwanger war mit meiner jüngsten Tochter wollte ich diese Ausbildung unbedingt machen. Da durfte ich nicht. Thai Yoga ist zwar für Schwangere besonders wohltuend, aber meine Ausbilderin fürchtete, dass ich als Gebende eventuell zu schwer heben müsse. Und dann, als ich mich bereit fühlte, die Ausbildung erneut anzugehen, kam Corona. Thai Yoga. Corona. Vielleicht klingelt es. Es geht um Berührung.

War da nicht was?

Berührung? Hä? War da nicht was? Ja genau. Eigentlich war da gar nichts. Jedenfalls nicht beim Yoga in den letzten 500 oder so Tagen. Weiß eigentlich irgendjemand noch was das überhaupt ist? Und nun wird also genau das stattfinden: Berührung on masse. Vier Tage lang. Ich freue mich wirklich. Ich werde so tief eintauchen, kannste glauben!

Entspannung auf einer tiefen Ebene kennenlernen – das bedeutet Thai Yoga. Achtsame Berührung üben und die Magie, die darin steckt, zu erfahren: Thai Yoga. Fühlen, Loslassen und stille Kommunikation. Ach, wie gut das klingt! Und ich freue mich auf eine tiefe Art von Verbindung, die, wie ich finde, in den letzten Jahren irgendwie verloren gegangen ist, weil wir alle glauben, wir müssten immer und überall mit anderen einer Meinung sein. Ich nehme mich da nicht aus. Ich kann mich sehr gut aufregen über andere Meinungen. Aber jetzt geht es vier Tage lang um Verbindung. Was für ein Glück!

Plädoyer für die Schusseligkeit

Ich freue mich auch darauf, mal wieder so tief in ein Thema einzutauchen, mich stundenlang mit nur einer Sache zu beschäftigen, viel zu meditieren und zuzuhören. Dass der Alltag wahnsinnig anstrengend für unser Gehirn ist, ist für mich nichts Neues. Trotzdem war auch ich ganz dankbar, als ich Claudia Schaumanns neuesten Beitrag auf wasfuermich.de lesen konnte. „Ach guck mal“, dachte ich. Ich bin so gut darin, achtsam im Unachtsamen zu sein, hihi. Ich habe auch schon so viele Sachen verloren und verlegt. Schaumann schreibt da eine Art Plädoyer für die Schusseligkeit. Das ist auch mal wieder eine schöne Erinnerung daran, dass wir nicht mehrere Dinge gleichzeitig machen sollen. Und ich darf mich nun also vier volle Tage lang ganz auf diese eine Sache konzentrieren.

In den Flow …

Per Zufall – und ein bisschen auch aus gutem Grund – bin ich übrigens über diesen Text gestolpert. Sehr sympathisch fand ich den Hinweis zur Morgenroutine. Denn wer hat schon im normalen Alltag die Möglichkeit stundenlang zu meditieren? „Eine Runde Dankbarkeit, zehn Minuten Meditation und eine Atemübung – dann der Kaffee“ – das klingt, als lasse es sich einrichten, oder? Ist meiner neuesten Start-in-den-Workflow-Routine nicht unähnlich. Zwischen zehn und 16 Minuten Meditation bedeuten am Ende des Tages nämlich nicht, dass ich für irgendetwas anderes tatsächlich weniger Zeit gehabt hätte. Im Gegenteil. Ich mache das meistens gerade bevor ich mich an den Schreibtisch setzen möchte. Klingt klischeehaft, aber mir ist nicht wenig in den letzten Tagen gelungen, was ich schon lange mal fertigbringen wollte …

reConnectem… for free

Ich schreibe es vorweg: Ich scrolle manchmal durch Instagram, während meine Kinder einschlafen sollen und ich habe in meinem Leben schon sehr viele SMS verschickt, während ich stillte. Bekenne mich also schuldig.

Am Freitag habe ich etwas beobachtet. Covid-19 hat einige seltsame Dinge in unser Leben gebracht. Dazu gehört auch, dass Eltern ihre Kinder nun an den Eingangstüren von Kindertagesstätten in Empfang nehmen, als würden sie am Morgen vorm Heiligen Abend in der Bäckerei die Brötchenbestellung abholen. Wenn es eine größere Einrichtung ist oder die Eltern auf neue Erzieher/innen treffen, hört sich das auch ein bisschen so an wie in der Bäckerei. „Den Levi, bitte.“ „Für mich die Juli.“ „Mit Sahne bitte“, rutscht mir manchmal raus. Ist natürlich albern. Weiß ich. Am Freitag also kam ich zur Eingangstür. Ich musste nicht klingeln, weil vor mir schon weitere wartende Erziehungsberechtigte standen. Und auch eine Oma aus Asien. Die kenne ich schon vom Sehen. Jedes Mal wenn ich sie sehe, telefoniert sie sehr laut in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Das ist ihr gutes Recht. Gut, die Lautstärke könnte sie drosseln, aber ich gehe einfach davon aus, dass sie vermutet, sie müsse die tatsächliche Distanz zu dem Gesprächspartner durch die Frequenz der Lautstärke überwinden. Mir ist auch schon aufgefallen, dass sie jedes Mal, wenn sie die Kinder (oder das Kind, meine Güte, so genau hatte ich es bislang noch nie betrachtet) in Empfang nahm, das Mobiltelefon nicht aus den Augen lassen konnte. Die Gespräche waren meistens beendet, aber das Telefon immer noch das Objekt der Aufmerksamkeit. Ich dachte immer, da hat jemand wirklich Heimweh. Muss bestimmt noch die ganzen Nachrichten aus Asien sichten, da ist ne Menge los, das ist mir schon klar. Na ja. Seit Freitag weiß ich es besser.

Diesmal telefonierte sie gar nicht. Sie tippte nur wie verrückt auf ihr Smartphone ein. Und dann kam das Kind. Da wurde gesprochen, ich habe nichts verstanden. Geht mich ja auch nichts an. Aber vor allen Dingen wurde weiterhin in die Tasten gehauen. Der Blick galt dem Smartphone. Nicht dem Kind. Und dann – ich dachte erst, die warten noch auf ein weiteres Kind – hatte sich die Oma vor dem Kind in die Hocke begeben, mit dem Rücken zu mir. Ich konnte – ich geb’s zu – einen Blick auf das Smartphone werfen. Sie spielte – und das habe ich recherchiert, ich kannte es nicht, Ehrenwort – reMovem free. Oder so etwas ähnliches, ich will mich da nicht zu 100 Prozent festlegen, aber das was ich gesehen habe, entsprach meinen Rechercheergebnissen. So. Das ist … erschreckend. In erster Linie für das Kind. In zweiter – und das meine ich auch ehrlich – für diese Frau. Wie viel, habe ich mich gefragt, muss dieser Kopf aushalten, dass er permanent zugedröhnt wird. Mit einem Computerspiel. Während er gleichzeitig ja auch noch zuhören muss, was das Kind zu sagen hat. Es kam übrigens kein zweites Kind aus der Kita. Wahrscheinlich musste das Kind einfach nur abwarten, bis Oma das Spiel zu Ende gespielt hatte. Dann setzten sich Kind und Oma zusammen in Bewegung. Ich glaube – ich bin mir nicht ganz sicher – da wurde das Smartphone weggepackt. Jetzt überlege ich mir, eine App zu entwickeln. ReConnectem … for free, soll die heißen.

Schöne Woche! Bleib achtsam!

Lernst du manchmal von deinen Kindern?

Ich lerne ständig von meinen Kindern. Das sage ich ihnen auch. Nur so kann ich sie auf dem Weg selbstbewusste und eigenständige Persönlichkeiten zu werden, unterstützen. Eltern wissen nicht immer alles besser. Es zeugt nicht von Schwäche, sondern von Stärke, wenn wir gegenüber unseren Kindern auch zugeben, dass wir Fehler machen. Ich bin mir sicher, das hat meiner Tochter dabei geholfen, zu lernen, ihre Gefühle mir gegenüber klar auszudrücken, ohne sich dafür schämen zu müssen, ohne zu glauben, ich würde ihr anschliessend erklären, ich habe sowieso Recht gehabt. Mittlerweile kann sie mir sagen, warum sie sich missverstanden fühlt oder warum sie manchmal auch wütend auf mich ist. Wir können uns beide beieinander entschuldigen. Jesper Juul, der bekannte dänische Familientherapeut, der leider 2019 gestorben ist, hat das einmal klar ausgedrückt: „Erziehung ist nicht nur aufbauend, sondern sie kann auch sehr zerstörerisch wirken, wenn sie in einem hierarchischen Sinne betrachtet wird: Ich als Vater bin oben und habe immer recht! So kann keine Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern gedeihen.“ 

Seitdem ich mich bewusst bei meinen Kindern entschuldige, Fehler eingestehe, fällt mir nahezu täglich auf, wie viel ich von ihnen lernen darf. Es ist erstaunlich, welch großartige Achtsamkeitstrainer sie sind – ganz ohne Achtsamkeitslehrer-Ausbildung. Besonders in diesem Sommer haben sie mir die Augen für Kleinigkeiten und die schönen Dinge des Lebens geöffnet. 

Was ist schon Wetter?

Als wir wie jedes Jahr gegen Ende August unsere dänische Familie besuchten, war das Wetter durchwachsen. Das war bezeichnend für diesen Sommer. Ich wette, wenn ich meine Kinder im Herbst frage, wie dieser Sommer für sie war, werden sie sagen: Toll! Den Kindern war das Wetter egal. Sie spielten bei Nieselregen auf einem Spielplatz am Hafen in Hundested, benutzen Bänke in Helsingør als Klettergerüste, sprangen Trampolin unter wolkenverhangenem Himmel, malten Ausmalbilder im Sommerhaus bei Regen. Und ich streckte meine Nase jedem noch so winzigen Sonnenstrahl entgegen und saugte ihn auf. Wie Frederick, die Maus, die Leo Lionni zum Leben erweckte und die Kindern und Erwachsenen auf aller Welt den Mut zur Pause näherbringt. Sonnenstrahlen sammeln, für die kalten Wintertage. In Dänemark hatte meine Älteste einen Wutanfall – den ersten seit Monaten. Es war später Nachmittag, die Kinder waren müde. Wir hatten am Sommerhaus meiner Schwägerin Äpfel gepflückt, ich hatte viel Gepäck zu schleppen. Plötzlich gab es Streit – eine Nichtigkeit – zwischen den beiden Kindern. Die Große wollte auf meinen Arm, ich war beladen mit Gepäck, konnte sie nicht tragen. Weil sie dann nicht mitkommen wollte, reagierte ich genervt. Autsch. Als sich die Situation etwas später beruhigt hatte, kam sie in meinen Arm, entschuldigte sich bei mir unter Tränen. Und ich? Ich fühlte mich ertappt. Denn eigentlich hätte ich mich doch entschuldigen müssen. Das habe ich ihr auch gesagt. Ich hätte die Taschen abstellen, ihr in die Augen schauen, und ganz bewussten Kontakt mit ihr aufnehmen können. Ich hätte sie am Arm streicheln können und ihr mit ruhiger Stimme erklären können, dass ich zu viel schleppen musste, um auch sie noch tragen zu können. Das alles habe ich nicht getan. Dabei hatte ich URLAUB. Keine Termine, keinen Stress. Nur schwere Arme vom Tragen. In meiner Freizeit stemme ich freiwillig Gewichte, fühle mich großartig, wenn meine Ausdauer zum Joggen reicht. Absurd, oder?

Jedem seine Rechte …

So oft wecken die Kinder die Sicht für das Schöne, selbst wenn es auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen ist. Sie machen meistens das Beste aus Situationen, in die wir sie auch noch ohne ihr Mitspracherecht hineingebracht haben. Sie sind Meister des Vergebens. Sie bringen mir bei, was wichtig ist und was völlig nebensächlich. Ein umgestossenes Glas? Ein Termin, zu dem wir unpünktlich erscheinen? Ist das wirklich schlimm? Wie oft habe ich sie, zarte zwei- und fünfjährige Wesen, schon zur Eile angetrieben, wie oft bin ich laut geworden, um dann hinterher festzustellen, dass Erwachsene Schwachköpfe sein können? War es notwendig? Vermutlich nicht. Kinder werden keine besseren Menschen, wenn wir sie zur Eile antreiben. Wie oft haben sie mir schon beigebracht, dass Schimpfen das Gegenteil von dem bewirkt, was ich möchte? Wie oft haben sie mir schon gezeigt, dass sie behandelt werden wollen, wie echte Freunde. Gleichzeitig weiß ich, dass jeder auch mal ausflippen darf. Erwachsene genauso wie die Kinder. Im Gegensatz zu den Kids habe ich aber einen klaren Vorteil: Ich kann wirklich bewusst hinterfragen, warum ich unausgeglichen bin, wenn ich stinkig reagiere. So viel Kompetenz darf ich von Kleinkindern nicht erwarten. Ich weiß aber auch, dass ich nicht immer alles richtig machen kann und habe meinen Frieden damit geschlossen. Statt mich darüber zu ereifern, freue ich mich über alles, was ich von meinen Kindern lernen darf. 

Wir liefen über den Platz von Kronborg Slot als es in Strömen zu regnen begann. Ich trug meine knapp Dreijährige und sang: „Regen, Regen auf allen Wegen, wir haben nichts dagegen. Regen macht uns Spaß, …“ „Mama“, sagte meine jüngste Tochter. „Regen macht uns gar keinen Spaß.“ Wieder was gelernt …

Wie war dein Tag, Mama?

Dieser Text enthält unbezahlte Werbung.

Ich ertappe mich häufig selbst dabei. „Wie war es in der Kita?“, frage ich meine knapp Dreijährige. Sie schweigt. Hartnäckig. Ein paar Tage später erzählt sie mir mit sich vor Begeisterung überschlagender Stimme – völlig zusammenhanglos: „Mama, weißt du noch, wie ich mit Thilda in der Kita Fangen gespielt habe?“ Weiß ich natürlich nicht. Woher auch?

Unerlaubte Frage

Es ist nicht nur eine alte Regel aus dem Journalismus: Auf langweilige Fragen folgen langweilige Antworten. Kinderohren schalten bei langweiligen Fragen sogar auf Durchzug. Wenn ich mich dabei ertappe, dass ich die Frage gestellt habe, die gar nicht geht („Wie war es in der Kita?“), fällt mir sofort ein, dass ich nur eine einzige Antwort erwarte: Gut. Das wollen wir hören, oder: Ich hatte großen Spaß! Was anderes kommt nicht in die Tüte. Manchmal beiße ich mir bei der Frage fast auf die Zunge. Immer dann, wenn ich sie nur gestellt habe, um zu verhindern, dass die Kleine im Auto einschläft. Oder um festzustellen, ob sie noch wach ist, ohne dabei in den Rückspiegel schauen zu müssen. „Was gab es heute zu essen?“ Auch so etwas Unnötiges. Als wäre das wirklich relevant! Ich frage es trotzdem. „Pfannkuchen“, sagt sie stolz. Am nächsten Morgen lese ich den Speiseplan. Es gab Fisch. Keine Pfannkuchen. „Pfannkuchen gab es vorgestern“, sagt die Erzieherin triumphierend. „War nicht gelogen!“ Warum frage ich das auch?

Ehrliches Interesse

Kinder- und Jugendmentaltrainerin Birgit Gattringer sagt, die Grundlagen des Dialogs seien Offenheit und ehrliches Interesse. „Wir Erwachsenen haben meistens irgendein Ziel im Kopf, was wir mit einem Gespräch erreichen wollen. Mach dich frei von Vorurteilen, von deinen Erwartungen, von deinen Lösungen, bevor du ein Gespräch mit deinem Kind startest. Mach dich auch frei von deinen Wünschen, dass sich das Verhalten deines Kindes ändern soll“, schreibt sie in „Der starkeKids Ratgeber“. 

Unseren Freunden erzählen wir gerne von uns selbst. Warum eigentlich nicht unseren Kindern? Gattringer gibt genau diese Empfehlung: „Erzähle zuerst von dir, wie du etwas machst oder gerne hast. Stell dir vor, was du einem/r guten Freund/in erzählen würdest. Und genau das, erzähl deinem Kind“, schreibt sie.

“… dann erzähl ich dir von mir“

Erzähle ich meinen Kindern von meinem Tag, ist das ein wunderbarer Türöffner für gute Gespräche. Das ist mittlerweile zu einem festen Ritual zwischen mir und meinem Vorschulkind am Abend geworden. Glücklicherweise kann ich manchmal wirklich etwas Schönes von meinem Beruf erzählen. Heute zum Beispiel. Da konnte ich meiner Tochter auf die Frage: „Wie war dein Tag, Mama?“ erzählen, dass ich mit einer Frau gesprochen hatte, die Schlittenhunderennen fährt. Sie hat zehn Hunde und fährt sogar zusammen mit ihnen in die Ferien. Darüber musste ich einen Artikel schreiben. Nicht so spannend sind die Tage, an denen ich Webseitentexte über Lichttechnik-Produkte oder Online-Marketing schreiben muss. Aber manchmal habe ich dann glücklicherweise auch noch eine Stunde Yoga unterrichtet oder meinen nächsten Yogaretreat in den Bergen vorbereiten dürfen. Kinder finden ohnehin vieles, was uns Erwachsenen langweilig vorkommt, zutiefst spannend. Und das ist es ja auch meistens, nur verlieren wir in der Gewohnheit den Blick dafür. „Mama, zuerst erzählst du mir von deinem Tag, und dann erzähl ich dir von meinem Tag“, sagt meine Älteste abends im Bett zu mir. Dann führen wir eine Konversation auf Augenhöhe. Und ich erfahre jeden Tag irgendetwas Spannendes.

Hund oder Katze?

Inspiration habe ich in dem Buch von Ralph Caspers „99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern“ gefunden. Da stehen so simple aber spannende Fragen drin wie: „Hund oder Katze?“. Wer kommt schon auf die Idee, seinem Kind diese Frage zu stellen? Meistens geht es doch eher darum, dem Kind alle möglichen Argumente gegen das Haustier an den Kopf zu knallen. Stattdessen aber gibt die Frage „Hund oder Katze“ doch sehr aufschlussreiche Informationen über die Vorlieben des einzelnen Menschen. „Welche Superkraft hättest du am liebsten?“, ist eine Frage, die man schon sehr kleinen Kindern stellen kann. Meine Tochter sagt beispielsweise: Fliegen. Ich bin erleichtert. Auch heutzutage möchten Mädchen wenn sie die Wahl haben, im Sommer keine Schneemänner bauen können. „Was tun, wenn die Ampel nie grün wird?“ Kein Wunder, dass Ralph Caspers auf solche Fragen kommt. Als Journalist und Reporter bei der „Sendung mit der Maus“ gehört das Fragen zu seinem Job. Als ich ein Kind war, gab es nur zwei Wahlmöglichkeiten wenn es um Fernsehen ging. Sendung mit der Maus war Wochenende und sonst kam Sesamstraße. Wer nicht fragt, bleibt dumm, hieß es da schon so schön. Auf so etwas kommen sie bei Paw Patrol, Lillifee, Bibi und Tina oder wie sie heute alle heißen, natürlich nicht. Ich freue mich schon darauf, wenn meine Kinder alt genug sind, ihnen die Frage zu stellen, welche Eigenschaft von mir sie auf gar keinen Fall übernehmen möchten. 

Bleib wachsam!

Vielleicht hast du auch den Artikel zur Studie über die Achtsamkeit in der FAZ gelesen. Letztlich kann ich den Artikel von Felicitas Witte empfehlen, allerdings gilt es ja zu differenzieren: In diesem Artikel geht es um Achtsamkeitstraining, aber was ist denn mit Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst und anderen/m? Ich sage statt „bleibe achtsam“: Bleibe wachsam! Achtsamkeitstraining ist kein Allheilmittel. Das ist klar. Und ich werde auch nicht müde, das zu betonen. Meditation ist total angesagt und trendy, aber klar: sie bringt natürlich „the deep shit“ nach oben. Auch mir kommen manchmal beim blossen Atmen die Tränen. Druckabfall, das pure Leben, Themen aus dem Unterbewusstsein – das reicht ja schon. Witte berichtet in ihrem Artikel von einer Studie der amerikanischen Brown University, die besagt, dass mehr als jeder Zweite durch Achtsamkeitstraining unangenehme Nebenwirkungen erlebt habe. Das glaube ich bestimmt.

Bei Panikattacken braucht es keinen Achtsamkeitscoach sondern professionelle Hilfe. Wer unter schlimmen Traumata leidet, sollte nicht unentwegt alleine meditieren. Das erste, was ich in meiner Ausbildung zur Kinderyogalehrerin gelernt habe, war, dass man Kinder nicht in die totale Stille holen solle. Meditation in dem Sinne wie sie für Erwachsene gut sein kann, gehört nicht ins Kinderyoga. Kommen da Traumata hoch, von denen wir als Yogalehrer/innen nichts wissen können, haben diese Kinder ein Problem. Und bräuchten unbedingt professionelle Begleitung.

Dennoch gefällt mir eines an dem Artikel nicht. Das Thema „gelebte Achtsamkeit“, also der achtsame Umgang mit meiner Umwelt und mir selbst, wird völlig außer Acht gelassen. Dabei gibt es doch einen Unterschied zwischen Achtsamkeit als propagiertem Allheilmittel und gelebter Achtsamkeit. Wie kann mehr Achtsamkeit im Alltag schaden? Wenn ich nur mal das Thema Straßenverkehr nehme: Ich gehe davon aus – ohne irgendwelche Statistiken zu kennen – dass die meisten Unfälle, und damit auch viele Todesfälle und schwere Verletzungen, vermieden werden könnten, wenn hinter dem Steuer ein bisschen mehr Achtsamkeit gelebt würde. Multitasking hat irgendwann in den 90ern einen besonderen Stellenwert bekommen, wer „multitaskingfähig“ war, war gut. Besonders Frauen brüsteten sich übrigens damit. Musste ja auch sein, wie sonst sollte man den Anforderungen, die Beruf und Familie an einen stellten, gerecht werden? Wer wie mit Oktopus-Armen um sich selbst herumwirbeln konnte, war besonders cool. Hinterm Steuer noch schnell den Babysitter organisieren, sich für den Yogakurs am Abend anmelden und gleichzeitig den großen Business-Deal abschließen? Check! Dabei ist es logisch, dass, wenn ich mich auf eine einzige Sache konzentriere, sie garantiert besser gelingt. Oder? Aber wem sage ich das?

Achtsamkeit hat auch etwas mit innerer Stärke zu tun. Ich gebe immer dieses eine kleine Beispiel, wenn ich mal – was selten vorkommt, weil auch ich diesen Achtsamkeits-Hype mit Vorsicht genieße – darüber rede: Fragst du dich manchmal, mitten in deinem tosenden Alltag, wie es dir gerade geht? Ich hatte das heute morgen schon wieder, gleich nachdem die Kinder im Kindergarten verschwunden waren und ich nach Ferien, Krankheitsphase und Erziehermangel in der Kita den Impuls hatte, ich müsse schnell-schnell an den Schreibtisch. Ja keine Sekunde verlieren. All das aufarbeiten, was liegen geblieben ist. Viel zu viel natürlich. Ich war seit 6:20 Uhr wach und es war 8:30 Uhr. Ich hatte in diesen zwei Stunden noch nicht einen Schluck Wasser getrunken. Ich hielt also inne und meine innere Stimme rief mir zu: Nein! Stopp! Jetzt holst du dir erst einmal ein Glas Wasser!

Manchmal, wenn alles um mich herum am Durchdrehen ist, inklusive ich selber, denke ich: Mach dir doch erst einmal einen Tee. Das hat mir meine Co-Autorin und Leistungssportlerin Katharina Bauer beigebracht. Wenn wir uns nachmittags zum Telefonieren verabredet hatten, während wir an unserem Manuskript arbeiteten, sagte sie mir so oft: „So, ich habe mir jetzt noch einen Tee gemacht.“

Richtig so. Das ist Achtsamkeit. Nicht erst was trinken, wenn der Körper schon in den Seilen hängt. Ein simples Beispiel. Ich könnte tausend andere Beispiele geben. Ich mag den Begriff Selfcare so gar nicht, weil ich in den vergangenen Jahren so oft das Gefühl hatte, dass vor lauter Selfcare niemand sich mehr einen Dreck um andere schert. Ich vermute, es liegt daran, dass es den meisten Menschen heute zu gut geht – deswegen meckern ja auch alle so viel. Trotzdem muss man auf sich selbst gut acht geben. Das ist ja etwas, was – ich wage mal hier eine blöde Behauptung aufzustellen – besonders Frauen etwas schwer fällt. 

In den letzten Wochen war ich krank, kam nicht richtig auf die Füße, weil ich zu wenig geschlafen hatte und keine Zeit für Ruhe gefunden habe. Achtsamkeit fiel mir schwer. Ganz kleine Pausen habe ich mir manchmal mit Olympia versüßt oder versauert – wie man es nimmt. Ich beobachte das, was bei Olympischen Spielen und in der Sportwelt geschieht schon lange – auch schon während meiner Zeit als Sportjournalistin – gelassen und mit nicht allzu viel Euphorie. Die vergangenen zwei Wochen haben viele wichtige Themen auf den Tisch gebracht: Tierschutz – ich sage nur Moderner Fünfkampf, Rassismus, Depression, Missbrauch und Müdigkeit, das Recht auf Meinungsfreiheit, Korruption. Im Zusammenhang mit Sport werden solche Themen ungern gesehen. Ganz zu schweigen von dem Thema: Unerlaubte Leistungssteigerung. Was das betrifft, appelliere ich auch wieder gerne an die „(W)ach(t)samkeit“. Versuche wachsam zu bleiben. Mein Motto: Man darf hinschauen, aber muss auch nicht alles glauben, was man sieht. Neben der alltäglichen Berichterstattung im Fernsehen lese ich daher auch den Blog des mehrfach preisgekrönten Journalisten Jens Weinreich

Da kann ich mich, obwohl er sich den unschönen Geschichten des Sports widmet, häufig köstlich amüsieren. Ebenso empfehle ich diesen Film von Eike Schulz.

Also, bleib wachsam.

Ich will den Herbst noch nicht spüren …

Der Juli ist vorbei. Das macht mich ein bisschen wehmütig. Irgendwie war dieser Sommer ja so kurz wir ein Windhauch – auch ähnlich angenehm. Im Juni kitzelte er mich, gab mir Energie.  Mein mentaler Espresso. Leichtigkeit war zu spüren, Erleichterung. In meinem Umfeld waren schnell mehr geimpft als ungeimpft – ich hatte den Eindruck, spätestens im September würden wir diese Pandemie in den Sack stecken können. Dann kam König Fußball, mit ihm der Regen und erschütternde Bilder aus englischen Fußballstadien. Das Verhalten von UEFA und den Fans auf den Rängen im Stadion – ein Hohn für die Schulkinder dieser Erde, denen wir eineinhalb Jahre lang erklärt hatten, sie müssten Abstand halten und Maske tragen. Unsere Sommerferien waren durchwachsen, irgendwer war immer erkältet, die Nachrichten lagen schwer auf meinen Schultern, ganze Orte spülte es diesen Sommer weg. Deswegen wollte ich meine Ferien nicht schlecht finden, sondern da war vor allem Dankbarkeit. Als vor ein paar Tagen Wasser in unseren Keller spülte, blieb meine Laune gut. Ich meine: Bitte? Wasser im Keller?! Lachhaft. Das Haus steht hier so standhaft, ich werde nicht meckern!

Auch mich beschäftigte, während ich bei meinen Eltern im Garten kurze Anflüge von Sommer genießen konnte, den Kindern beim Plantschen im Wasser zusah, die Frage: „Darf ich genießen, während andere leiden? Darf ich mich über meine Sommerferien freuen oder sollte ich doch lieber schnell ins Hochwassergebiet, meine Kinder den erkälteten Großeltern überlassen, und dort Hilfe leisten? Sehe ich die eigenen Probleme nicht stets als viel zu groß? Habe ich nicht immer Ausreden, um irgendetwas Gutes nicht tun zu können? Wie kann ich wahrhaftig ein besserer Mensch werden?“ Gleichzeitig konnte ich ein gutes Gespräch mit meiner Mutter über Dankbarkeit führen. Dankbarkeit für all den Reichtum in unserem Leben, auch wenn manchmal etwas gerade schwer ist. Augenblicke des Glücks sind da, um sie zu genießen. Sonst wäre das Leben ja nicht lebenswert. Manchmal reicht ein Atemzug, zu erkennen, dass alles da ist, was man braucht. Daran arbeite ich sehr viel. Ich erinnere mich häufig daran, atme tief in meinen Bauchraum, spüre die Pause zwischen dem Ein- und dem Ausatmen. Übe. Ich will noch nicht an den Herbst denken. Tröstlich, dass in Baden-Württemberg die Sommerferien gerade erst anfangen … Ich will nicht an das C-Wort denken.

Meine Yogapraxis hat gelitten, in den letzten Wochen. Mein Kopf ist zu schwer, die Nasennebenhöhlen dicht, an Umkehrhaltungen ist nicht zu denken. Davor waren die Kinder krank, zu betreuungsbedürftig, um Zeit für mich selbst zu finden. Ich hatte fast vergessen, dass ich einfach nur auf meiner Matte sitzen und atmen darf. Sanfte Bewegungen im Atemfluss. Das geht auch mit Erkältung. Wie gut das plötzlich wieder war. Alles weggeatmet. Eingetaucht ins Leben. Auch wenn das Meer gerade zu kalt ist. Vermutlich ist das die beste Vorbereitung auf alles…

Satsang gegen Sucht – Wie Yoga einer Freundin half, die Nikotinsucht zu überwinden

Ich bin mir über die Kraft des Yoga natürlich bewusst. Auf den ersten Seiten unseres neuen Buches steht: „Yoga muss im klinischen Therapiealltag ernster genommen werden“. Das meine ich auch so. Und auch wenn ich immer wieder betone, Yoga sei kein Allheilmittel, ist mir klar, was Yoga und insbesondere die tiefere Auseinandersetzung mit der gesamten Philosophie, bewirken kann. Yoga als Mittel gegen die Nikotinsucht – davon habe ich noch nicht so häufig gehört. Deswegen habe ich Nicole Jacob aka Yoga Purusha interviewt. Sie hat es nach 20 Jahren intensivem Rauchen geschafft, von einem auf den anderen Tag aufzuhören. Mit Yoga. Das ist keine erfundene Marketingstrategie für die Yogapraxis. Sondern das pure Leben. Nicole und ich gingen gemeinsam zur Schule. Heute verbindet uns unter anderem die Liebe zum Yoga und der Heimatort.

Bei den Recherchen zu unserem neuen Buch „Yoga für ein starkes Herz“ habe ich einen sehr emotionalen Bericht des GEO-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede in einer GEO-Spezial-Ausgabe gelesen. Er schrieb von seiner Nikotinsucht und davon, wie die Ärzte ihm immer erzählten, dass er aufhören solle, zu rauchen. »Man muss doch nur wollen! Der Satz klingt so mineralwasserklar. Und er wird komplett richtig sein. Gleichzeitig ist er ignorant. Millionen Raucher schaffen es, den Rat der Ärzte zu befolgen, Millionen schaffen es aber auch nicht.“ Das hat mich, einen lebenslangen Nichtraucher, zum Nachdenken gebracht. Kannst du bei Gaedes Worten mitfühlen?

Nicole Jacob: Ja, auf jeden Fall kann ich das. „Man muss doch nur wollen“ – das kann wirklich nur jemand sagen, der nie geraucht hat. Ich habe 20 Jahre geraucht. Das Nikotin war ein ständiger Begleiter. Du hast deine Rituale, nach dem Aufstehen, im Auto, beim Kaffee, und so weiter und so fort. Und wenn du das dann einfach mal lässt, dann geht es dir nicht gut. Du bist weniger konzentriert, du kriegst schlechte Laune. Man raucht ja beispielsweise auch, wenn es emotional wird. Das Nikotin macht etwas. Es dockt in deinem Gehirn an. Es setzt Glückshormone frei. Dann geht es dir einfach gut. Zu sagen, man muss nur wollen, ist sehr einfach gedacht. Und zusätzlich dazu haben wir ein Umfeld. Je nachdem unter wieviel Stress man aktuell steht, wie es einem geht, was einen gerade beschäftigt, können wir nicht einfach so eine lebensverändernde Maßnahme treffen. Es wäre ja leicht, wenn wir jede Sucht ohne Probleme abstreifen könnten.

Ich habe dich zum Interview gebeten, weil ich einen Facebook-Post von dir gelesen habe, da schreibst du darüber, dass du Kippen durch eine tiefere Yogapraxis ausgetauscht hast. Natürlich will ich wissen, wie du das nach 20 Jahren Nikotinsucht geschafft hast. Was genau hat dir beim Yoga geholfen, dieser Sucht zu entkommen?

Da muss ich ein wenig ausholen. Ich hatte 2018 neben meinem Vollzeitjob Sozialarbeit studiert und saß den ganzen Tag vorm Rechner. Durch diese Doppelbelastung hatte ich starke Rückenschmerzen bekommen und entschied mich so, nochmal mit Yoga anzufangen. Die Yogalehrerin, bei der ich dann praktizierte, nahm mich mit in einen Ashram. Sie war auch Raucherin und sagte mir, bevor wir zu dem Ashram reisten: „Die mögen das nicht so, wenn wir rauchen. Komm, wir lassen das jetzt einfach mal für eine Woche bleiben.“ Wir haben dann im Ashram gemeinsam noch die letzte Zigarette geraucht. Ich erinnere mich noch daran, dass meine Laune zunächst nicht so gut war – das war einfach das fehlende Nikotin. Da es morgens aber direkt schon los ging mit Pranayama, Meditation, Satsang, Yogapraxis, war das plötzlich wie weggeblasen. Der ganze Tag war durchorganisiert und da war der Drang nach der Zigarette einfach weg. Das lag aber sicher nicht nur daran, dass da Ablenkung war, sondern dass ich dort so viel Fülle erfahren habe. Diese Fülle kam in meinem Belohnungszentrum an, das Rauchen wurde sozusagen durch Yogapraxis ersetzt. Yoga hat mich da zum ersten Mal auf spirituelle Weise berührt. Früher war es für mich einfach eine Art Sport gewesen.

Nach zehn Tagen Ashram, was passierte dann Zuhause? War da gar keine Lust mehr auf Zigaretten?

Auf der Rückfahrt nach Hause habe ich meinen Freund angerufen und ihn darum gebeten, alles wegzuräumen, was mit den Zigaretten zusammenhing. Ich sagte ihm: „Ich rauche nicht mehr.“ Und er fragte: „Wie? Du rauchst nicht mehr?“ Ich habe jeden Tag 25 Zigaretten geraucht und er konnte sich natürlich nicht vorstellen, dass ich das jetzt einfach eben mal so ablegt hatte. Aber, wirklich, es war einfach weg. Dabei hatte ich schon häufiger probiert, aufzuhören. Sogar mit Hypnose – davon hatte ich mir viel versprochen, aber da war es mir nicht gelungen.

Wie ist das jetzt für dich, wenn du vor jemandem stehst, der gerade raucht? Ist dir das dann wirklich völlig egal?

Rauchen ist völlig aus meinem Gehirn rausgelöscht. Das macht mir also gar nichts aus. Ich bin im Übrigen sehr froh, dass ich nun auch nicht mehr den ständigen Geruch in der Nase habe. Das hat mich nämlich wirklich gestört, als ich noch selbst rauchte. Ich habe unzählige Kaugummis gekaut, um nicht unangenehm zu riechen.

Nicole, aka Yoga Purusha, ist leidenschaftliche Yogalehrerin, Sozialarbeiterin und – dank Yoga – Nichtraucherin.

Du hast in deinem Facebook-Post auch das Thema Gewichtszunahme angesprochen – auch damit bist du durch deine tiefe Auseinandersetzung mit der Yogaphilosophie besser klargekommen. 

Für mich war das zunächst tatsächlich schwierig. Ich hatte fast zeitgleich meine Yogalehrer-Ausbildung begonnen, dort waren alle natürlich rank und schlank. Und ich habe, nachdem ich mit dem Rauchen aufgehört hatte, kontinuierlich zugenommen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, meine Mitstreiterinnen in der Yogalehrer-Ausbildung wurden fitter und fitter. Da habe ich natürlich sehr große Selbstzweifel gehabt. Ich habe innerhalb von zwei Jahren bestimmt zehn Kilo zugenommen. Jetzt, nach einer Meditationslehrer-Ausbildung und der tiefen Auseinandersetzung mit der Vedantaphilosophie, hat es irgendwann Klick gemacht. Da geht es ja darum, dass du nicht der Körper bist, nicht die Gedanken. Heute kann ich sagen: Es steckt viel mehr in mir drin, mein Körper macht mich nicht aus. Ich muss sagen, ich will nicht für immer so bleiben, sondern gerne wieder schlanker werden, aber ich weiß jetzt, dass ich vorher sehr hart zu mir war. Ich stand vorm Spiegel und sagte mir: „Du bist fett geworden“ So gemein wäre ich doch niemals zu jemand anderem. Ich war gemein zu mir selbst. Heute kann ich mich so annehmen wie ich bin. 

Wenn Du jemandem, der mit dem Rauchen aufhören möchte, es aber nicht ganz schafft, einen Rat geben dürftest, was wäre das?

Ich glaube, wenn man aufhören möchte, muss alles drumherum gerade stimmen. Wenn man wirklich zufrieden ist, dann ist das ein guter Zeitpunkt, mit dem Rauchen aufzuhören. Zeitgleich empfehle ich aber auch, etwas zu suchen, was eine Lücke füllt. 

Was fasziniert Dich am meisten am Yoga?

Für mich ist Yoga eine Lebensweise. Durch diese Auseinandersetzung gelingt es mir manchmal, mir selbst nah zu sein. Das geht beispielsweise auch sehr gut, wenn ich Harmonium spielen. Da kommen mir manchmal einfach die Tränen. Gefühle kommen hoch, die vorher weggedrängt wurden. Und wenn die dann da sind, scheint alles plötzlich wie repariert. Das erfahre ich auch manchmal bei verschiedenen Asanas so. Yoga ist einfach unheimlich heilsam.

Wer in den Genuss einer Klangreise oder wunderbaren Kakaozermemonie mit Yoga Purusha kommen möchte, findet alle Termine dazu auf Facebook unter Yoga Purusha oder Instagram yoga.purusha

Lauschangriff und Lesestoff vom 8. Juli 2021

Ich sitze in der Küche meiner Mutter. Draußen regnet es. Genauer: es schüttet. Die Kinder spielen seit zwei Stunden friedlich im Zimmer nebenan, eine Art Ankleideraum. Da steht auch noch eine Bügelmaschine aus dem letzten Jahrtausend. Eine Bügelmaschine!?! Außer meiner Mama kenne ich niemanden, der so ein Gerät zuhause hat. Sie bügelt damit die Tischdecken. Die Kinder finden alle möglichen Sachen, das meiste ist altes Spielzeug von uns, meinen Brüdern und mir. Spielsachen, die für meine Töchter wie Relikte aus einer anderen Epoche erscheinen. „Mama, gibt es hier kein Glitzer?“, fragte mich meine Tochter im letzten Sommer, als wir auf dem Dachboden nach alten Playmobilfiguren und Spielzeug suchten. Glitzer? Ich musste lachen. Sie lieben es trotzdem hier.

Regen, kein Glitzer

Bislang hatten wir immer Glück. Wenn wir aus dem Norden hier runter in den Süden kamen, schien die Sonne. Wir verbrachten die meiste Zeit im Garten meiner Eltern, der für mich ein bisschen was vom „Garden Eden“ hat. Einen Pool gibt es auch. Diesmal ist der Sommer irgendwie ins Wasser gefallen. Egal. An den Kindern sehe ich jeden Tag wie irrelevant das Wetter ist. Sie würden am liebsten noch länger hier bleiben. Und ich habe gar kein schlechtes Gewissen, obwohl ich kaum zum Arbeiten komme. Vielleicht liegt es daran, dass ich am Wochenende den Artikel in der Süddeutschen Zeitung gelesen hatte: „Ab in die Pause“ – oder in der Onlineversion „Das erschöpfte Ego“. Werner Bartens hat einen schönen Beitrag geschrieben, darüber, dass Pause machen in Deutschland erschreckender Weise verpönt ist. Denn wir leben heute in einer Zeit, in der die Menschheit noch nie so gesund und gleichzeitig noch nie so ausgebrannt war. Dabei ist die Pause – und auch die Stille – so unfassbar kraftvoll. Das erfährt Bartens unter anderem auch von Künstlern, wie dem Schauspieler Ulrich Matthes, der erklären kann, weshalb von der Pause eine große Macht bei Theater und Film ausgeht. „Statt die Magie des Moments zu genießen, die Stille zwischen einem noch nicht vereinten Liebespaar oder auch nur im Meeting nicht gleich dazwischenzuplärren, wenn ein Kollege mal eine Idee von sich gibt, hebt sofort das große Palaver an, wenn einer noch nicht mal ausgeredet hat“, schreibt Bartens. Wie herrlich. Ja, oder? Der perfekte Ton sei die Stille, sagte einmal Keith Richards. Bartens schreibt, dass wir heute glauben, nicht zur Ruhe kommen zu dürfen, denn „da geht noch was“.

Absichtslose Pause

Mir stoßen Sprüche wie „Ausruhen kann ich auch wenn ich tot bin“ schon lange übel auf. Weiß ich doch, dass Schlaf und regenerative Pausen unabdingbar für gute Performance sind. Zumindest dann, wenn ich gleichzeitig auch noch gesund bleiben möchte. Den Vollgasmodus kenne ich übrigens auch. In meinen Zwanzigern war ich pausenlos rastlos. Das ist auch verständlich. Der Sinn für Ruhe kam zum Glück schon vor dem Ende meiner 30er. Bartens hat (nicht nur) einen schönen Satz geschrieben, der mich besonders zum Denken gebracht hat: „Die Pause als Quell schöpferische Gedanken zu instrumentalisieren, oder als Ladestation für das erschöpfte Ego, ist übrigens nicht Sinn der Sache, sondern wäre nur ein weiteres Unterkapitel im Optimierungsaleitfaden der Bilanzbuchhalter für das Ego.“ Die Pause soll absichtslos sein. Ach, herrlich. 

Gerne gehört habe ich in der letzten Woche den Podcast Depression – Der Talk der Robert-Enke-Stfifung mit Sängerin Lotte als Gast.

Darin spricht Lotte auch darüber, wie sich die sozialen Netzwerke, also beispielsweise Instagram, auf ihre Psyche auswirken. Sie habe dazu ein Experiment gemacht und festgstellt, dass es ihr eigentlich immer wenn sie durch die Profile scrollte, schlechter ging als vorher. Wir sehen das vermeintlich perfekte Leben der anderen auf dieser Plattform immerzu in der vollen Perfektion. Kein Wunder, dass wir selbst da ein schlechtes Gewissen kriegen müssen. Ich finde es spannend, dass jemand wie Lotte – deren Profil von über 80.000 Menschen verfolgt wird – diese Erfahrung macht. Es ist ein Alarmzeichen. Und steht in einem engen Zusammenhang mit meinem persönlichen Zwiespalt zum Nutzen dieser App. Darüber schreibe ich hier mal an anderer Stelle in einem größeren Beitrag. 

Money, money, food, food

Wenn du dich dafür interessierst, was ein/e Yogalehrer/in so verdienen kann, empfehle ich den aktuellen Beitrag von Thomas Meinhof aka yogadude auf Yogaword.de. Um dieses Thema dreht sich auch dieser Beitrag auf eversportsmanager.com.

Was mich sonst noch beschäftigt hat diese Woche: Natürlich dieser unfaire Elfmeter der Engländer gegen die Dänen bei der EURO 20. Nein. Gar nicht. Eher: Das unschöne Verhalten der englischen Fans. Gegen den dänischen Torhüter aber auch generell. Das Verhalten der Fans aller Nationen in Bezug auf die Vorbildfunktion für unsere Kinder in Pandemie-Zeiten … aber egal. Ist ja nur Fußball 😉

Eine noch in Deutschland wenig bekannte Seite für vollwertige und gesunde Rezepte findest du hier

Und das gibt es bei mir. Danach geht es dann auch noch mal in „Extra-Ferien“. Wir verschwinden noch für eine Woche in den Bergen. Hier lesen wir uns wieder am 24. Juli.

Illustration: Mona C. Kramss

Lass den Bauch raus!

Wir wachsen mit dem Glauben auf, dass Atmung ein lebensnotwendiger Vorgang ist, der dazu dient, Sauerstoff aufzunehmen und Kohlendioxid abzutransportieren. Das ist ein Fakt. Es ist völlig richtig. Aber was kann Atmung noch? Darüber wird nie gesprochen. 

Atmen nicht vergessen!

Wer oder was auch immer dafür zuständig war, menschliche Körper zu konstruieren, muss unglaublich schlau gewesen sein. Stell dir mal vor, wir müssten multitaskingmässig immer daran denken, dass wir ein- und ausatmen müssen! Das würde wohl kaum gelingen. Ich erinnere mich an eine Situation während meiner Tauchausbildung. Wir lernten dabei, unsere Ausrüstung unter Wasser einmal komplett abzulegen und sie dann noch einmal anzuziehen. Ich war so beschäftigt damit, das Wirrwarr an Ausrüstung, das ich gerade unter Wasser abgestreift hatte, zusammenzusuchen und an den richtigen Stellen meines Körpers zu platzieren, dass ich das Atmen schlichtweg vergessen hatte. Keine Ahnung, ob ich im Gesicht schon blau angelaufen war oder mein Tauchlehrer, der glücklicherweise irgendwie vor mir im Wasser schwebte, an der Hektik meiner Bewegungen gespürt hatte, was los war. Auf jeden Fall hatte er mich ganz ruhig – wie es so seine Art war – und mit den richtigen Zeichen darauf aufmerksam gemacht, dass ich sehr wohl die Möglichkeit hatte, durch meinen Atemregler Luft einzuatmen. Ja, so würde mir das wahrscheinlich auch an Land gehen. Und da wäre dann vermutlich niemand dabei, der mich ständig dran erinnert, Luft zu holen …

Die Atmung wird durch unseren Hirnstamm gesteuert, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Sie ist aber auch erstaunlicherweise die einzige vegetative Funktion unseres Körpers, die wir beeinflussen können. Nur leider vergessen wir das meistens. Beziehungsweise viele wissen es gar nicht.

Warum effektives Atmen wichtig ist

Zurück zu den bekannten Fakten: Sauerstoff gelangt beim Einatmen in die Lungen und wird dann an das Blut abgegeben. Das Blut verteilt den Sauerstoff im ganzen Körper und befördert Kohlendioxid als Abfallprodukt des Stoffwechsels zurück. So atmen wir das Kohlendioxid wieder aus. Durch unseren Stress im Alltag, verlernen wir schnell effektiv zu atmen. Wer immer schnell und oberflächlich atmet, versorgt seinen Körper mit weniger Sauerstoff und atmet zudem zu wenig Kohlendioxid ab. Wer beim Einatmen die Schultern hebt und den Bauch einzieht, setzt nur einen geringen Teil der Lungenkapazität ein. Wir atmen automatisch, aber wir atmen nicht automatisch richtig. Die Atmung wirkt auf unsere Nerven, unsere Muskeln und Faszien. Damit beeinflusst sie auch unser Stressempfinden. Und letztlich entscheiden wir immer selbst, wie wir atmen. 

Hör auf, den Bauch einzuziehen

Vielleicht bist auch du mit dem Glauben aufgewachsen, zu dem westlich geprägten Bild von Schönheit gehöre – besonders bei Frauen – ein flacher Bauch. Und dann hast auch du vielleicht spätestens ab dem Teenageralter deinen Bauch eingezogen, wann immer du daran gedacht hast. Nun versuche mal, mit eingezogenem Bauch in den Bauchraum zu atmen! Das kann kein Mensch! Wir haben also, bedingt durch Schönheitsideale und Normen, die uns die Gesellschaft auferlegt, verlernt, vernünftig zu atmen. Und das Fatale daran ist, es geht auf unsere Gesundheit. Wenn ich wirklich darauf achte, stelle ich fest, dass die wenigsten Menschen überhaupt wissen, wie sie in den Bauchraum atmen können statt in den Brustkorb. Auch ich war lange Zeit Brustkorbatmer. Wie lange, kann ich nicht sagen, denn natürlich erinnere ich mich nicht an den Moment, in dem ich verlernt hatte, das Spektrum meines Zwerchfells vollends auszunutzen. Heute kann ich das wieder. Und ich stelle, bei einer bewussten Bauch- oder auch Zwerchfellatmung sofort fest, wie ich ruhiger werde.

Meinen Schülern/innen sage ich immer: „Mut zum Bauch.“ Ich hoffe, du hast es auch.

Lauschangriff und Lesestoff vom 26. Juni 2021

Im Sommer zeige ich gern Strand. Auch wenn ich das nie so richtig glauben wollte, im Herzen bin ich ein Beachgirl. Ich liebe den Wind, das Meerwasser, die Weite. Meine Beziehung zum Tauchen bleibt ambivalent, dabei halte ich Tauchen und Yoga für sehr ähnlich. Beim Tauchen lebe ich definitiv im Hier und Jetzt, ich habe dabei garantiert keine Zeit, einen Gedanken an irgendetwas anderes zu verschwenden, konzentriere mich extrem auf meine Atmung. Doch bislang hat mich wenig, was ich freiwillig tat, so sehr aus meiner Komfortzone geschleudert, wie Tauchen.

Sandkörner? Ja, bitte!

Sandkörner hingegen können mir nichts anhaben. Ich hatte mal einen Partner, der die Krise bekam, wenn wir nach einem Strandbesuch zu viel Sand mit in die Wohnung geschleppt hatten. Das habe ich nie verstanden. Ich bruzzele zwar nicht gerne tatenlos in der Sonne herum, aber am Strand kann man ja unheimlich gut aktiv sein. Oder meditieren. Der Strand ist so heilsam. Ich sehe meine Kinder am Strand mit ganz anderen Augen. Ich sehe, wie sie Weite und Freiheit geniessen. Und ich weiß seit gestern, warum der Strand so heilsam ist, auch wenn ich keine Lust habe, mich im Sand auszuruhen. Das stand nämlich in dieser Woche im Süddeutsche Magazin und hat etwas mit der Farbe Blau und ihrer Wirkung auf unser Gemüt zu tun. Das klingt für mich einleuchtend. Wenn ich, sobald im Norden die Sonne hervorkommt, ausschließlich Strandbilder in meine Instastories packe, liegt das nicht daran, allen, die sich nach dem Strand sehnen, eine lange Nase machen zu wollen, sondern daran, dass ich zeigen möchte, wie wunderschön die Ostseeküste ist. Und gerne – gerade in diesen Zeiten – daran erinnere, dass es nicht unbedingt Mallorca oder Dubai sein muss, wenn man zum Strand möchte. Ich persönlich habe die Ostsee nämlich fast mein Leben lang vernachlässigt. Heute, nachdem ich auch einige Jahre an einem der schönsten Flecken Kaliforniens gelebt habe, kann ich sagen, dass die Ostsee im Vergleich zum Pazifik so einige Vorteile aufweisen kann. Ich lebe gerne an der Ostsee. Sie hat meine gute Laune über die Pandemiezeit gerettet und gibt mir das Gefühl, dass meine Kinder, obwohl wir städtisch leben, unbezahlbare Kindheitserinnerungen haben werden. 

Dieser Lars, …

Außerdem kann ich mich jeden Sommer – während die Ostseestrände sich mit Touristen füllen – auf Heimaturlaub bei meinen Eltern freuen. Abseits jeglicher Strände. Ich verbringe dann guten Gewissens und ohne Sehnsucht Sommerferien ohne Strand. Ostsee, wir kommen zurück, wenn die Touristen weniger werden.

Während ich also faul im Garten meiner Eltern sitze und Kaffee trinke, habe ich dieses Interview gelesen und es ist ziemlich inspirierend. Beeindruckend auch. Sicher unterscheidet sich mein Leben in Gänze von dem des Lars Windhorsts. Ich möchte auch gar nicht tauschen, du lieber Himmel. Und auch ich, jemand, der in den letzten Jahren das Glück eher in der Langsamkeit als im Vollgasmodus suchte und fand, kann nachvollziehen, woraus Lars Windhorst seine Glücksgefühle zieht. Das Gespräch, das Unternehmer und Journalist führen, ist in jedem Fall bereichernd. Beide haben was zu sagen.

Leider aktuell

Dann bin ich über diesen Artikel hier im Elephant Journal gestolpert. Er ist bereits aus dem Jahr 2018 aber irgendwie auch aktueller denn je. Als weiße und damit wie ich weiß, privilegierte Yogalehrerin, regt er mich sehr zum Nachdenken an. Ich habe mich schon öfter mit dem Thema beschäftigt. Die Frage, wie ich alle in meinen Unterricht einladen kann, jeder und jedem Einzelnen die Möglichkeit geben kann, dort einen Raum für sich zu finden, der das bietet, was gerade gebraucht wird, ist nicht einfach zu beantworten. In meinem ersten Yogabuch habe ich zwei Yogalehrer dunkler Hautfarbe porträtiert, viele meiner „Yogavorbilder“ sind dunkler Hautfarbe. Einer der besten Yogalehrer, die ich hatte, Arturo Peal, ist es auch. Damals habe ich mir darüber kaum Gedanken gemacht, was ich zu dieser Zeit in jedem Fall als bestes Zeichen auf keinen Fall rassistisch zu sein, interpretiert habe. Heute weiß ich, dass das nicht ausreichend ist, dass ich gerade mit diesen Menschen viel mehr in den Dialog über genau dieses Thema hätte gehen müssen, sie aktiv dazu befragen müssen, was sie sich wünschen von einer Yoga Community, die für sich den Anspruch erhebt, Diversität zu leben. Ich kann nur versuchen, es jeden Tag besser zu machen. Und weiterhin mit Demut auf eine Lehre blicken, die in ihrem Ursprung für eine weiße Frau wie mich nicht zugänglich gewesen wäre.