Kategorie: Motivation

„Es ist egal, auf welchem Level das stattfindet …“

Zum ersten Mal mache ich hier echte Werbung. Unbezahlt. Nadine Huthmann und ich haben viel gemeinsam. Dass wir Mütter sind, die immer wieder versuchen, die richtige Balance zwischen Familie und beruflicher Selbstverwirklichung zu halten, ist nur eine Gemeinsamkeit von vielen, die uns verbindet, obwohl wir uns noch gar nicht lange kennen. Der Grund, weshalb ich Nadine unbedingt auf dem Blog vorstellen wollte, ist aber ein anderer: Ihre Geschichte ist unheimlich motivierend, ein bisschen so, wie Rosalein Schmetterschwein, das Kinderbuch, das ich gerade mit meinen Töchtern lese. Nadine Huthmann hat ihre eigene Modekollektion. Unter dem Namen Grotkop Collection verwirklicht sie ihre eigenen Ideen durch die Verbindung von traditionellem Handwerk und modernem Design. Sie näht und arbeitet von zuhause aus – in den nächsten Monaten wird sie aus ihrem aktuellen Näh- und Arbeitszimmer ein Kinderzimmer für ihren Vierjährigen machen müssen. Dafür räumt ihr Mann gerade das Gästezimmer frei, damit dann weiterhin genäht werden kann. Diesen Winter liefen Models mit Entwürfen aus Nadines Kollektion über den Laufsteg der New York Fashion Week. Echt. Kein Witz. Ein Gespräch über Träume und Erfolg, Vor- und Nachteile des Homeoffice, Nachhaltigkeit in der Modebranche und über das Problem, wie der Mund-Nasenschutz von Müttern unterwegs hygienisch verstaut werden kann …

Deine Entwürfe waren gerade auf der New York Fashion Week zu sehen und daraufhin dann auch in verschiedenen amerikanischen Modemagazinen. Marie Claire und Elle Italia sind auch schon auf dich aufmerksam geworden. Wenn dir das einer mal gesagt hätte, wie hättest du darauf wohl reagiert?

Nadine Huthmann liebt es, Mama zu sein und nachhaltige Mode zu produzieren

Ich habe schon ziemlich früh gewusst, dass ich mal Schneiderin werden wollte und habe Modedesign studiert. Deswegen ist das natürlich dann schon toll. Der Laden Flying Solo aus New York hatte mich zunächst angeschrieben. Die waren über mein Instagramprofil auf mich aufmerksam geworden. Und das war zunächst schon mal besonders. Wenn man wie ich alles selbst macht – von der Webseite über die Fotos und den Webshop – dann ist es wirklich sehr schön, wenn plötzlich Unterstützung von außen kommt. Zu wissen, die nehmen mich jetzt in ihren Laden am West Broadway, meine Sachen werden dort präsentiert – da geht einem das Herz auf. Das mit der Fashion Week kam dann erst später. Da bin ich so mit reingerutscht. Der Laden veranstaltet dort immer eine Modenschau. Das Konzept des Ladens basiert auf der Idee, Designer aus der ganzen Welt für eine Zeit mit ins Sortiment zu nehmen und ihnen die Chance zu geben, sich zu zeigen. 

Du bist Mama von zwei kleinen Kindern, hast gerade die Auswirkungen des Lockdowns voll mitbekommen und immer noch 24/7 einen Eineinhalbjährigen zuhause herumhüpfen. Deine Kollektion beinhaltet unheimlich viele wirklich tolle Sachen von Kleidung über Taschen, Geldbörsen, Gürtel bis hin zu Kosmetiktaschen. Wie schaffst du das alles?

Alles was auf meiner Webseite zu sehen ist, ist über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden. Ich mache tatsächlich alles selbst – außer die T-Shirts. Wenn jemand etwas bestellt, dann habe ich die Stoffe oder das Leder da und kann loslegen. Und man entwickelt ja so seine Strategien mit den Kindern. Ich kann zwar, wenn die Jungs dabei sind, nicht immer unbedingt die Nähmaschine anschmeissen, aber ich kann mal einen Stoff zurechtschneiden. Ich bin ganz dankbar, dass ich von Zuhause aus arbeite und nicht noch mal irgendwohin fahren muss. Das meiste mache ich tatsächlich wenn die Jungs schlafen. Und dann lege ich direkt los. Und ich kann zum Glück auch die Hilfe der Großeltern in Anspruch nehmen und am Wochenende natürlich auch die meines Mannes.

Grotkop Collection auf dem New Yorker Catwalk …

Interessant, dass du das jetzt sagst, denn ich träumte lange von dem Büro außerhalb der eigenen vier Wände, weil ich dachte, ich könnte da viel produktiver sein. Mittlerweile finde ich es eigentlich sehr praktisch, dass ich den Weg zur Arbeit sparen kann.

Ich war nie der Homeoffice-Fan aber momentan ist es für mich einfach die beste Lösung weil die Kinder noch so klein sind. Wenn ich noch in ein Atelier fahren müsste, würde ich wirklich Zeit verlieren und ich würde bestimmt nicht abends noch mal losfahren. Gerade für kreative Arbeit braucht man ja auch die Zeit reinzukommen, ich vergleiche es mal mit einem Hund, der sich erst mal im Körbchen drehen muss, bis er es sich gemütlich machen kann. So ist das auch manchmal bei meiner Arbeit (lacht). Und Zuhause ist das eben gerade am einfachsten. 

Nachhaltigkeit ist dir sehr wichtig. Wie ist deine Idee entstanden, einen eigenen preisgekrönten Prozess zu entwickeln, mit dem du Merino-Wolle für den handgemachten Filz bearbeiten kannst?

Das hat eine lange Vorgeschichte. Ich fand Filz immer spannend und habe mich während meines Studiums mit dem Thema beschäftigt. Ich wollte wissen, wie man sich seinen eigenen Stoff filzen kann und zwar so, dass das Verfahren auch für Industriefilzmaschinen möglich ist.

Meine Masterthese beschäftigte sich dann mit dem Thema, warum Filz in der Textilindustrie eigentlich kaum eine Rolle spielt. Ich durfte dafür in ein Unternehmen gehen und lernen, wie Filz industriell hergestellt wird. Ich wollte für die Masterarbeit herausfinden, wie es möglich sein könnte, gemusterten Filz auf Industriemaschinen herzustellen. Filzen selbst ist ein sehr harscher Prozess. Der Prozess den ich entwickelt habe, hat seine Rahmenbedingungen aber man kann schon viel damit machen. Ich habe in Schottland studiert und meine Arbeit wurde dann auch mit zwei Textil-Awards ausgezeichnet. Ich habe auch ein Patent dafür bekommen. Ernüchternd war trotzdem: Filz hat in der Modebranche keine Lobby, mit meinem Verfahren lässt sich zwar auf Meter produzieren, aber die Umstellung der Maschinen wären zu groß für meinen alleinigen Bedarf. Was ich so schön finde, ist, dass ich meine Ideen selbst umsetzen kann. Das Schöne an der von mir verwendeten Merino-Wolle ist, dass sie schön warm hält aber man auch nicht darin schwitzt. Deswegen nenne ich meine Mäntel auch „Coatigan“ – man kann sie sowohl drinnen als auch draussen anziehen. 

Besonders dein Coatigan war in der amerikanischen Presse zu sehen. Wie viel Arbeitszeit steckt in einem einzigen Mantel?

Das kann ich schwer sagen, ich denke, eine Woche brauche ich, weil die Herstellung verschiedene Arbeitsschritte wie beispielsweise auch Abtrocknen, beinhaltet. Ich habe auch nicht so viel Platz zuhause und muss Vorderteil, Rückteil und Ärmel filzen. Hinterher muss ich dann diese Stoffstücke nähen. Insgesamt wäre es wahrscheinlich ein ganzer Arbeitstag, wenn man alles zusammenrechnen könnte.

Mund-Nasenschutz-Tasche – gibt es übrigens nicht nur in pink

Du hast ein Faible für spezielle Materialien, ich bin ein großer Fan deiner Maskentaschen aus Kork. Wie bist du denn auf die Idee gekommen?

Ach so speziell ist Kork gar nicht, in der Modebranche findet ja zum Glück ein Umdenken statt. Kork wird unter vielen anderen Materialien nun ja auch als veganes Leder bezeichnet. Der Vorteil: Kork ist weich, robust und verfügt über eine angenehme Haptik. Die modische Vielfalt auf Korkbasis findet man schon länger im Handel. Speziell sind heute eher Sachen wie Leder aus Ananas- oder Apfelhaut oder ganz aktuell aus Pilzen. Aber zurück zum Kork – ich finde das Material wirklich schön. Und die Idee, es für eine Mundschutz-Tasche zu nutzen, entstand, nachdem mir aufgefallen ist, dass meine Mutter begann, den Mundschutz in eine Brottüte zu stecken. Ich habe mich auch immer gefragt, wie dieser Mundschutz hygienisch bleiben kann – mich hat es total gestört, dass ich ihn immer in meine Jackentasche gesteckt habe und gleichzeitig landen da natürlich Taschentücher von den Kindern, irgendwelche Riegel und Pixibücher … Und dann bin ich auf den Gedanken mit dem Kork gekommen. Denn Kork ist sehr widerstandsfähig gegen Wasser und Flecken. Man kann die Innenseite der Tasche auch mit Alkohol reinigen, das ist überhaupt kein Problem.

Die Mund-Nasenschutz-Tasche aus Kork – ein Träumchen

Du verwendest aber auch immer noch echtes Leder für einige deiner Ideen. Worauf achtest du da besonders?

Das ist eine berechtigte Frage. Ich nutze Leder, und das muss nicht jedem gefallen. Leder ist für mich immer noch ein Naturprodukt, von dem man lange etwas hat, wenn man es gut pflegt. Für mich ist es wichtig, wo das Leder herkommt. Meine Leder sind immer zertifiziert, überwiegend pflanzlich gegerbt und meistens kommen sie direkt aus Deutschland oder aus Europa. Wenn man sich für ein Produkt von mir interessiert, kann man immer in der Produktbeschreibung genau nachlesen, wo das Leder herkommt. Die Tiere kommen aus der Fleischproduktion, und ich finde es dann wichtig, dass auch wirklich alles verwendet wird. Mittlerweile arbeite ich auch direkt mit einer Gerberei aus Süddeutschland zusammen, deren Leder stammt von Tieren, die von ökologisch geführten Höfen kommen. Das Unternehmen gerbt nur mit pflanzlichen Stoffen, färbt umweltverträglich, pflanzlich verzichtet auf chemische Fixierer. So geht man meiner Meinung nach in die richtige Richtung. Ich möchte nämlich auch nichts produzieren, das man nur eine Saison tragen kann. 

Was können wir denn machen, damit die Modebranche nachhaltiger wird?

Ich glaube, dass ein Gesetz, das zunächst einmal die großen Unternehmen zur sorgfältigen Dokumentation ihrer Lieferketten anhält, in die richtige Richtung geht. Dass Unternehmen mit festen Partnern zusammenarbeiten, damit gewährleistet wird, dass diese auch planen können und nicht ausgebeutet werden, das wäre wichtig. Langfristige Partnerschaften wäre mein Wunsch. 

Nachhaltigkeit in der Mode fängt auch bei dem Verbraucher an.

Nadine Huthmann

Die Größe der Geldbeutel sind natürlich unterschiedlich und nicht jeder kann teure nachhaltig produzierte T-Shirts kaufen aber Fast Fashion ist etwas Unnötiges. Ich glaube, dass jeder so kaufen kann, dass nicht jede Saison alles neu gekauft werden muss. Vivienne Westwood hat das mal sehr schön gesagt: „Choose well, buy less and make it last.“ Das funktioniert auf jedem Level. Ich komme aus einer Familie, da wurde auch vieles einfach repariert. Man kann ein Loch in einer Hose auch stopfen und muss die Hose nicht sofort wegwerfen. 

Du machst Yoga schon viel länger als ich, nämlich seit etwa 19 Jahren. Nutzt du das immer noch als Tool, das dich erdet?

Es ist wirklich etwas, was ich immer mal wieder mache, beispielsweise wenn mir der Nacken wehtut oder so. Richtig regelmässig habe ich es während meiner letzten Schwangerschaft gemacht.

Aber Yoga war definitiv immer ein Anker, egal wo ich war, in den Niederlanden, in Schottland oder im Ruhrgebiet – ich habe immer einen Kurs besucht.

Nadine Huthmann
Der Pullunder aus Nadines Kollektion – gefilzte Merinowolle

Wie definierst du für dich Erfolg? Machst du das an Geld fest, hast du eine Vision, was du mit deiner Mode erreichen möchtest?

Für mich ist Erfolg beispielsweise, wenn ich etwas Kreatives geschaffen habe und das mit Spaß und Leidenschaft. Dann ist es egal auf welchem Level das stattfindet. Erfolg ist für mich auch wenn mich das, was ich tue, glücklich macht. Und wenn man dann sieht, was daraus erfolgt. Das kann etwas ganz Kleines sein. Natürlich war die Modenschau in New York ein Erfolg aber für mich ist es auch ein Erfolg dass du bei mir etwas bestellt hast.

Erfolg ist auch, wenn mein kleiner Sohn sich an meine alte, kaputte Nähmaschine setzt, und ich sehe, dass er mit Begeisterung dabei ist.

Nadine Huthmann

Wenn ich dich frage, wie du dir dein Leben in fünf Jahren vorstellst – was würdest du dir da beruflich wünschen?

Es gibt natürlich zwei, drei Labels, deren Weg ich verfolge und mit denen ich mich gerne mal irgendwann vergleichen würde. Ich wünsche mir, dass ich mehr Bestellungen habe und irgendwann mal ausgelastet bin. Ich weiß gar nicht, ob ich so richtig riesig werden will. Denn das würde ja auch wieder an meiner Arbeitsweise vieles verändern. Ich will ja selbst an der Nähmaschine sitzen. Das macht mich glücklich. 

Nadines Kollektion in New York …

Zeit für die Familie ist dir sehr wichtig. Dein Mann und du habt euch bewusst dafür entschieden, dass du im Job erst mal kürzer trittst, um Zeit für die kleinen Kinder zu haben. Und trotzdem stellen wir beide ja auch immer wieder fest, dass es dann auch schwer ist, dem Spagat zwischen Familie und Job gerecht zu werden. Was glaubst du, wie sollten die Rahmenbedingungen sein? 

Ich glaube, es wäre wichtig, dass Frauen – egal nach welcher Zeit – zurück in den Job kommen könnten. Damit meine ich nicht, dass die selbe Stelle noch frei sein soll, sondern dass die Akzeptanz da ist und man den Frauen nicht das Gefühl vermittelt, sie seien komplett raus und hätten keine Ahnung mehr. Das ist nämlich nicht so. Man entwickelt sich ja auch in der Zeit weiter, in der man beispielsweise „nur“ Mutter ist. Und dass man, wenn man bereit ist, wieder Vollgas geben zu können, sich nicht rechtfertigen muss, warum man das vorher nicht war. Dann wäre auch wichtig, dass es nicht unbedingt 40 Stunden sein müssen. Das andere Problem ist dann aber natürlich das Finanzielle: Viele Familien können sich nicht mehr leisten, dass einer alleine über einen bestimmten Zeitraum alles wuppen kann. Das ist das übergeordnete Problem. 

Ich habe ja auch in Dänemark gelebt und dort ist die 37-Stunden-Woche Standard, gleichzeitig funktioniert das Prinzip der Arbeitsteilung und der flexiblen Zeiteinteilung meiner Meinung nach besser und so sieht man an der Kita oder der Schule genauso viele Männer, die ihre Kinder abholen, wie Mütter.

Siehst du, ich habe lange in den Niederlanden gelebt und dort ist es beispielsweise nicht außergewöhnlich, dass Eltern sich das mit dem Job aufteilen und jeder vier Tage die Woche arbeitet. Wie machen das andere Länder? Das finde ich durchaus eine berechtigte Frage. Daraus sollte man auch lernen. 

Gefällt dir etwas aus Nadines Kollektion, dann schreibe ihr hier mit dem Betreff thecoffeedrinkingyogi eine Email und du erhältst 15 % Rabatt auf die gesamte Kollektion. 

Mamas, Lust auf Abenteuer?

Vielleicht liegt es daran, dass Stefanie Seitz Chemikerin ist und ihren Forscherdrang einfach nicht zügeln kann. Und natürlich daran, dass sie einfach Bock auf Natur und Abenteuer hat. Auf jeden Fall hatte die Mutter eines achtjährigen Sohnes eine ziemlich coole Idee. Sie bat ihren Chef darum, ihre Kreativität noch mehr ausleben zu können und meldete dann ein Kleinunternehmen im Nebenerwerb an.  Es heißt „Mama macht Abenteuer“, und Stefanie Seitz bringt nebenberuflich Eltern bei, wie sie mit ihren Kindern die Natur entdecken können, denn Stefanie ist nicht nur Chemikerin, sondern auch angehende Umwelt- und Naturpädagogin. Ihr ist wichtig, dass Eltern locker und  leicht zu Helden für ihre Kinder werden. Kann man gebrauchen in Zeiten wie diesen. Denn Stefanie Seitz vermittelt auf sehr sympathische Weise, dass Kinder eigentlich keine Spielplätze brauchen. Im Interview reden wir darüber, warum so etwas wie ein Abenteuer-Kurs heutzutage überhaupt notwendig ist, wie wir unsere Kinder im Winter nach draussen kriegen und über Ideen für Pandemie-Tage. Auf ihrer Webseite gibt es sogar eine Online-Anleitung für die Mini-Schatzsuche im Winter. Kostenlos!

Liebe Stefanie, nun wissen wir ja alle, wir werden noch eine Weile 24 Stunden am Tag mit unseren Kindern beschäftigt sein. Jetzt ist Winter, meine Kids haben sich zuhause schön eingemümmelt um die Weihnachtszeit. Ich habe es also nicht so leicht, wenn ich sie nach draussen bewegen will. Was ist das Geheimnis?

Es gibt einen Trick und das ist die Sprache. Ich frage gar nicht erst, ob wir loswollen, sondern ich sage: Wir machen jetzt Detektivarbeit – Wer kommt mit?  Vorher habe ich mir natürlich dann etwas überlegt. Ich stelle kleine Aufgaben. Bei größeren Kindern kann man beispielsweise sagen: Fotografiere etwas Blaues. Damit wecke ich schon mal die Neugier. Wenn wir zurückkommen und die Aufgabe gelöst wurde, gibt es dann eine Kleinigkeit, das kann eine kleine Tüte Gummibärchen sein, einfach ein kleiner Preis dafür. Es ist sozusagen eine Schnitzeljagd im Kleinen. Mit jüngeren Kindern kann man zum Beispiel etwas sammeln. Eine Aufgabe könnte sein: Sammele zehn Tannenzapfen. Sobald die Kinder draussen sind, geht dann eigentlich ohnehin alles von allein. Dann gibt es ja immer etwas zu entdecken. Die meisten Kinder erkennen die unendlichen Spielmöglichkeiten. Man muss also gar nicht Dauermoderator sein.

Du bietest für Erwachsene Kurse an, bei denen sie lernen sollen, mit ihren Kindern die Natur zu entdecken. Wenn nicht Lockdown wäre, würdest du also wirklich mit deinen Kunden raus gehen und ihnen erklären, wie eine Schatzsuche abläuft?

Ja, wir gehen normalerweise raus. Mikroabenteuer nenne ich die Abenteuer, die wenig oder gar kein Geld kosten und einfach vor der eigenen Haustür erlebbar sind. Wir lernen dann in den Kursen, wie wir sie planen, welches Material benötigt wird, wie man etwas mit Steinen bauen kann oder auch ein Lagerfeuer macht.

Und jetzt hast du es auf online umgestellt? Wie kann man sich das vorstellen?

Das habe ich im letzten Jahr tatsächlich gemacht. Und es ist eigentlich ein Kurs für die Mamas. Ich habe gemerkt, viele Mütter haben die Einstellung: der Papa ist für Abenteuer zuständig. Und ich fragte mich: Wieso ist das eigentlich so? In Gesprächen merkte ich dann, dass die Mütter glaubten, sie hätten gar keine Ideen. Und zum Teil fehlte ihnen auch der Mut. So habe ich den ersten Onlinekurs in einer kostenlosen Beta-Version angeboten. Da haben sich 21 Frauen gefunden. Die Idee ist natürlich zunächst, die Leute rauszubringen. Wir sammeln erst einmal Ideen, es gibt viele Möglichkeiten: Sterne gucken, eine Nachtwanderung – das ist total spannend und man muss übrigens gar nichts machen – , ich zeige, wie man mit einer Sternkarte umgeht, und es geht dann hin bis zum draussen übernachten im Sommer. Das kann man ja auch in manchen Fällen zuhause, beispielsweise auf der Terrasse, wenn es eine gibt. Da habe ich übrigens eine nette Geschichte von einer Mutter, die das dann umsetzte und mir später erzählte, das Kind habe wunderbar draussen geschlafen, aber sie habe kein Auge zugemacht, weil sie einfach die vielen Geräusche wahrgenommen hat, die es zu jeder Uhrzeit gab. Sie hat sich gewundert, dass die Zeitung wirklich wahnsinnig früh am Morgen ausgetragen wird. Und sie fand das alles so gut, dass sie dann auch ihren Milchkaffee unbedingt noch draussen trinken wollte. 

Wenn der Kurs wieder draussen stattfinden kann, was passiert dann? 

Ich stelle zunächst Ideen vor, zeige also Möglichkeiten auf, was man alles machen kann und dann darf sich jeder ein Projekt aussuchen, das er gerne machen würde. Mein Ansatz ist es, die Verbindung der Eltern mit den Kindern im Grundschulbereich zu stärken, denn in der Pubertät ist es oft zu spät, dann wollen die Kinder die Eltern gar nicht mehr dabei haben. Einmal draußen mit den Kindern zu übernachten – das ist mein Ziel für die Eltern.   Denn das schafft die Erinnerungen! Und zwar vor allem die Dinge, die schief gegangen sind. Wenn man alles für das Essen vorbereitet, aber dann den Dosenöffner vergessen hat und so was – das sind Geschichten, an die sich die Kinder auch gerne erinnern.

Wie ist denn diese großartige Idee entstanden, von einem Blog der irgendwas mit nachhaltigem Reisen zu tun haben sollte, zur Abenteuer-Expertin zu werden? 

Ich wollte zunächst einfach meine Kreativität ausleben und das begann mit dem Reiseblog. Da sollte es um Urlaub und nachhaltiges Reisen gehen. Die Kurzversion ist, dass sich dann auch durch den Lockdown Entdeckungstouren vor der Haustür mit meinem Sohn zu einer regelmäßigen Wochenend-Aktivität entwickelt hatten. Wir griffen zum Fernglas und mal zum Taschenmikroskop. Ich kombinierte alles Mögliche miteinander und an Ideen mangelte es uns nicht. Die Verbundenheit mit meinem Sohn und innerhalb unserer gesamten Familie nahm deutlich zu und die Gelassenheit stieg. Ich begann Blogartikel zu schreiben, wie „5 gute Gründe für Mikroabenteuer mit Kindern“ und „How to übernachten im Wald“ und dann entwickelte sich immer mehr die Idee daraus, einen Kurs anzubieten.  Und ich habe mich gefragt: Warum finden andere Mütter das so schwierig? Das ist es doch gar nicht. Deswegen ist meine Zielgruppe jetzt auch die Eltern und nicht die Kinder.

Hinhören und hinsehen – das seien die Geheimnisse, wenn man mit Kindern draussen was erleben wolle. Vor allem im Winter.

Als sich im vergangenen März so viele Erwachsene darüber echauffierten, dass die Spielplätze geschlossen wurde, habe ich mich gefragt: Habe ich wirklich eine einzige Kindheitserinnerung an einen Spielplatz? Die Antwort war nein. Warum klettern wir nicht mit ihnen im Wald, suchen Tierspuren, schauen durch Ferngläser … ?

Ich glaube, die meisten haben es mittlerweile eben verlernt. Sogar unsere Generation. Man muss nicht nur die Jugendlichen heute anschauen, sondern wir waren da genauso. Wir hatten vielleicht noch keine Handys, aber dafür gab es RTL und Computerspiele und Nintendo und ich habe Schulfreunde, die saßen wirklich sonntags den ganzen Morgen vor dem Fernseher. Und das war einfach ein schleichender Prozess, der in den nachfolgenden Generationen noch mehr fortgeschritten ist. Wenn wir ehrlich sind und mal einen Spielplatz anschauen, dann spielen Eltern dort ja nicht mit ihren Kindern, sondern sie sitzen auf der Bank, quatschen oder beschäftigen sich mit ihrem Smartphone. Die Kinder werden also auf dem Spielplatz geparkt. Und diese Möglichkeit, immer abgelenkt sein zu können, die haben wir ja heute. Es gibt natürlich auch Eltern, die es sich erhalten haben, achtsam mit ihren Kindern etwas zu unternehmen. Das sind diejenigen, die einfach selber gerne noch in eine Pfütze reinspringen. Wenn man sich aber so anzieht, dass es ein Drama ist, wenn etwas schmutzig wird, dann trägt sich das an die Kinder natürlich auch weiter. Und so entsteht das, dass Menschen es verlernen, sich auch mal einfach so zu verhalten, wie Kinder das tun würden.

Ich habe manchmal das Gefühl, ich werde schräg angeschaut, weil ich zusammen mit meinen Kindern das Klettergerüst hochklettere oder die Rutsche mit ihnen runterrutsche. So als müsste ich mich dafür schämen, dass ich auch gerne mal der Entertainer bin. Bei dir hört es sich so nett an, wenn du sagst: Wir haben es einfach verlernt. Es ist also nicht die fehlende Lust und Bequemlichkeit derjenigen, die auf dem Spielplatz nur auf der Bank sitzen?

Nein, wir haben es tatsächlich verlernt. Es ist natürlich für Erwachsene schwierig, stundenlang Lego zu spielen. Wir müssen erst mal wieder in den Kontakt kommen, aber eigentlich wollen Kinder auch gar nicht stundenlang bespielt werden. Sondern mal 30 bis 40 Minuten am Stück alleine mit Mama oder Papa spielen und dann halt auch so, dass die Eltern nicht abgelenkt sind. Die Zeit geht wirklich so schnell vorbei, irgendwann brauchen die Kinder das nicht mehr. Aber für jüngere Kinder ist es einfach sehr schwierig, wenn sie das Gefühl bekommen, sie laufen immer nur so nebenher mit, aber stören eigentlich. Und dieses Gefühl entsteht, wenn Eltern ständig sagen: „Ja gleich machen wir das. Gleich.“ Das Gute ist: Draussen ist das tatsächlich nicht so einfach möglich, draussen genießt man die gemeinsame Zeit mehr. 

Jetzt ist Winter. Mit der Übernachtung draussen ist es etwas schwierig, wir hatten hier übrigens auch noch nicht einen Tag Schnee. Hast Du ein paar Ideen, wie wir den Lockdown überstehen können?

Hinhören und hinsehen, was gerade da ist. Kinder müssen draussen nicht leise sein aber das kann man manchmal bewusst steuern und sagen: Hey, wir lauschen mal jetzt. Gerade in der jetzigen Jahreszeit. Welche Tiere sind eigentlich da? Ja klar, im Winter ruht vieles aber da sind trotzdem Tiere, da gibt es Futterhäuser und Vögel. Bald hört man die auch schon wieder zwitschern. Die Sprache macht viel aus. Kleine Kinder entdecken draussen wahnsinnig viel und bleiben überall stehen. Das haben wir Erwachsene leider verlernt, aber das kann man einfach selbst auch mal wieder ausprobieren und genau hinschauen.

Warum ich nicht mehr auf bessere Zeiten warte

Noch mindestens zehn harte Woche stünden uns bevor, prophezeit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Das glaube ich aufs Wort. Vielleicht auch noch mehr. Wer weiß das schon. In zehn Wochen ist ein gutes Viertel des Jahres wieder vorbei. Anfang Januar habe auch ich noch auf bessere Zeiten gewartet. Mir vorgestellt, wen ich treffen will, wenn Treffen wieder möglich sind. Wo ich als erstes essen gehen will, wenn Restaurants wieder auf sind. Wohin wir als Familie fahren wollen, wenn wir wieder andere besuchen dürfen und wie meine Yogastunden wohl aussehen werden, wenn sie wieder im Yogastudio stattfinden mit Teilnehmern im Saal. Ich habe mir überlegt, was ich als erstes mache, nachdem ich meine Kinder in die Kita gebracht habe und mit was ich dann meinen ersten Kaffee alleine in der Küche genießen möchte. Vor allem habe ich mich auf Sport gefreut. Im Fitnessstudio, an der frischen Luft und mit ganz viel schweren Gewichten. 

Jahr des Lernens

Das mache ich jetzt nicht mehr. Denn mir ist plötzlich sehr klar und deutlich geworden, dass es nicht meiner Lebensphilosophie entspricht, auf bessere Zeiten zu warten. Stattdessen will ich doch das Leben genießen. Jeden Moment auskosten. Mich darüber freuen, dass meine Kinder genauso klein sind, wie sie jetzt klein sind und nicht darauf warten, dass sie größer werden. Werden sie nämlich. Ohne Zweifel. Ich habe mir überlegt, wie ich diesem Jahr etwas abgewinnen kann. Egal wie es in den nächsten zehn Wochen zu und hergehen wird. Wie dieses Jahr für mich wertvoll sein kann, auch wenn immer noch weniger Begegnungen stattfinden können als ich mir das wünsche. Und ich weniger Geld verdienen werde, als ich mir das wünsche. Ich bin selbständig. Ich war deswegen auch immer die Erste, die vor Corona-Zeiten von der Kitaleitung meiner ältesten Tochter angerufen und gefragt wurde, ob ich meine Kinder zuhause lassen könne, weil gerade viele Erzieher krank seien. Ich war diejenige, die bei Erzieher-Ausfällen gefragt wurde, ob ich nicht mal eben eine halbe Stunde Yoga mit den Kindern machen könne – umsonst natürlich. Was wenige verstanden haben: gerade weil ich selbständig bin brauche ich eine Kita. Ich verdiene nichts, wenn ich nicht arbeite. Demnach ist eines hier so ziemlich klar: so lange ich keine Betreuung habe, kann ich nicht vernünftig arbeiten. Ich kann auch nicht von einer Zweijährigen erwarten, dass sie den ganzen Tag Ausmalbilder macht, damit Mama ihre Texte schreiben kann. Ich kann nicht zwischen Wäschebergen, Rollenspielen, Füttern und Windel wechseln mal eben so ein Buch schreiben. Das wird jeder verstehen. Ich habe es trotzdem vor, aber das ist eine andere Geschichte. Und so habe ich mir etwas überlegt. Das Jahr 2021 wird ein Jahr des Lernens. Der Weiterentwicklung. Der Investition in mich. Und damit hatte ich meine Perspektive zurück und mit ihr die gute Laune. Das Hier und Jetzt. Das Leben im Moment. Gerade habe ich eine neue Yogalehrer-Ausbildung begonnen. Im April kommt eine weitere Ausbildung dazu, die eigentlich nicht sehr viel mit Yoga zu tun hat. Und dann mache ich Ende des Jahres vielleicht noch eine Ausbildung. Wenn dann noch etwas Geld übrig ist jedenfalls. Mal sehen. 

Was mir fehlt

Abgesehen von diesen Entscheidungen habe ich mich gefragt, was mir gerade – außer meinen Eltern und Geschwistern – am meisten fehlt. Und das ist Sport. Nicht Yoga, sondern richtiger Sport. Sport, der mich zum Schwitzen bringt. Also habe ich eine Nachbarin gefragt, ob sie sich vorstellen könne, mit mir abends um 21 Uhr joggen zu gehen. Wir haben beide kleine Kinder, bei meinen wird es momentan wirklich spät bis sie schlafen. Was für ein Glück: bei ihren auch. Sie schrieb mir, diese Nachricht käme wie gerufen. Und ob ich mich vielleicht mit ihrem Mann unterhalten hätte, denn der hätte gerade noch zu ihr gesagt, sie müsse wieder mehr Sport machen. „Ich brauche einen Schweinehunddompteur“, schrieb sie mir und ich schrie: „Da bin ich!“ Jetzt joggen wir durch die Nacht. Ich habe angefangen, HIT-Training in meinen Alltag einzubauen, manchmal dauert das nur zehn Minuten und die Kinder gucken dann Peppa Wutz. Oder sie machen mit. Manchmal kriege ich eine halbe Stunde in den Tag gequetscht. Wir richten uns gerade ein Homegym ein – wie der Rest der Nation. Und dann habe ich auch noch begonnen, eine weitere Yogastunde online zu unterrichten. Und jetzt merke ich so langsam, dass ich mich wirklich sehr lebendig fühle. Corona kann mich mal.

Wie macht man weiter ohne ein Ziel?

Vieles was uns zu Beginn eines neuen Jahres Mut macht, was wir mit Vorfreude erwarten und worauf wir hinarbeiten, ist uns durch Covid-19 abhanden gekommen. Wie also können wir weitermachen, wenn ein Ziel fehlt? Wie stehen wir auf, wenn es keine Struktur mehr gibt? Und wie finden wir Orientierungspunkte in einer unbeständigen Zeit? Darüber habe ich mit jemandem gesprochen, der darin ungewollt zur Expertin geworden ist: Die Stabhochspringerin Katharina Bauer (30) gilt als medizinisches Wunder. Sie trägt in ihrem Körper einen implantierbaren Defibrillator. Hätte sie auf andere gehört, wäre ihre sportliche Karriere schon mehr als einmal vorbei gewesen. Im vergangenen Jahr wollte sie zu den Olympischen Spielen in Tokio. Dann kam Corona. 

Es ist noch kein Jahr her, da hast du mitten in der Vorbereitung für die Olympischen Spiele gesteckt, die eigentlich im Sommer 2020 stattfinden sollten. Kannst du dich noch an das Silvester 2019 erinnern und deine Gedanken und Vorstellungen von diesem – für uns alle so ungewöhnlichen – Jahr 2020?

Katharina Bauer: Ich kann mich noch sehr gut an das Silvester erinnern. Das war in Düsseldorf bei meiner Freundin Yvonne und es war das Ende des Jahres, in dem ich einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten hatte. Die Vorweihnachtszeit habe ich als sehr schmerzhafte Zeit in Erinnerung, ich konnte morgens kaum stehen, kaum laufen. Und gerade um Weihnachten herum besserte sich das. Ich war also sehr dankbar und habe mich auf das kommende Jahr gefreut. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich endlich komplett schmerzfrei werden könnte. Zudem standen natürlich große Dinge bevor: Die Olympischen Spiele sollten 2020 stattfinden, ich würde im Sommer meinen 30. Geburtstag feiern, wir beide würden an einem Buchprojekt arbeiten … So habe ich den Jahreswechsel natürlich sehr positiv wahrgenommen, aber ich war auch vorsichtig optimistisch aufgrund meiner Rückenschmerzen. Das Thema Gesundheit stand also für mich schon sehr im Vordergrund.

Im März 2020 warst du mit einer Gruppe Athleten im Trainingslager in Südafrika. Während in Deutschland der Lockdown beschlossen wurde, informierte euch die Verbandsleitung, dass euer Trainingslager abgebrochen werden muss. Was ging da in dir vor? Hast du zu dem Zeitpunkt schon geglaubt, dass die Olympischen Spiele verschoben werden müssen und dass das Jahr eine solche Wendung nehmen würde?

Mein Anker nach dem Bandscheibenvorfall und der langsamen Genesung im Winter war das bevorstehende Trainingslager in Südafrika im März. Dieser Ort hat für mich energetisch eine große Bedeutung. Ich liebe das Land und dort kann meine Seele auch immer heilen. Die Sonne, das Wetter, die Leute, das Team, die Trainingsbedingungen – all das macht den Ort sehr besonders und ich wusste, ab dann würde es Vollgas Richtung Olympische Spiele gehen. Wir waren genau eine Woche in Südafrika, dann wurde der Lockdown beschlossen. Wir wurden von einem auf den anderen Tag zurück nach Deutschland geholt. In Südafrika lebten wir wie in einer Blase, hatten kaum Nachrichten gehört und keine Panik mitbekommen. Das, was in Deutschland zu diesem Zeitpunkt passierte, war für uns nicht greifbar. Wir rätselten freitags noch darüber, ob es Sinn machen würde, länger in Südafrika zu bleiben. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass der Deutsche Leichtathletikverband uns auch schon Flüge für unsere Rückreise gebucht hatte. Das wurde kurz später Realität. Ein hartes Erwachen. Und dann war das für uns zunächst einmal sehr erschreckend. Weil wir als Sportler auch gar nicht wussten, was auf uns zukommen würde. Es war direkt auch im Gespräch, dass die Trainingsanlagen gesperrt werden müssten. Ich habe also sofort realisiert, dass die ganze Jahresplanung über den Haufen geworfen wird. Das war zunächst ein Schock. Das Jahr sollte mein viertes Comeback werden und nun stand ich wieder vor einer Zwangspause. Immer wieder an die Leistungsgrenze zu gehen, kostet sehr viel Energie. Als Sportler bist du in so einem Jahr im Feuermodus. Du brennst für ein Ziel und das Ziel war plötzlich weg.

Katharina in Südafrika, ihrem „Happy Place“. Kopfüber versteht sich.

Wie hast du das, was dich in diesem Moment so bedrückt hat, dann wieder – wie schon so oft in deinem Leben – in positive Energie umwandeln können?

Das hat tatsächlich erst einmal eine Zeit lang gedauert. Als wir zu Hause ankamen, war ja noch gar keine Entscheidung darüber getroffen, ob die Olympischen Spiele stattfinden oder nicht. Wir hatten also entschieden, dass ich zunächst nicht in Leverkusen, wo ich lebe und trainiere, bleiben, sondern zu meiner Familie nach Wiesbaden fahren würde. Da die Trainingsanlagen ohnehin geschlossen waren, sollte ich mich dort fit halten. So wie das eben alle Leistungssportler während des Lockdowns machten. Und man muss natürlich klar sagen: das, was da zuhause möglich ist, was wir auch auf Instagram zeigten, das Hometraining, die Challenges und so weiter, ist kein Vergleich zum Spitzensport. 

Dann wurde glücklicherweise relativ schnell die Entscheidung getroffen, dass Olympia 2020 nicht stattfinden würde. Da war ich zum einen natürlich schockiert, weil der Fokus weg war, aber andererseits war es auch eine Erlösung. Ich weiß noch, dass ich zu Beginn des Jahres guter Dinge war, denn mein großes Ziel, schmerzfrei trainieren zu können für Olympia, war beinahe erreicht. Aber da war auch eine große Müdigkeit aufgrund all meiner Verletzungen und Rückschläge und so hatte ich eigentlich auch das Bedürfnis mich einfach mal hinzulegen und liegenzubleiben. Durch die Absage und die Verschiebung auf das nächste Jahr, wusste ich, dass ich mich neu orientieren kann. Eine neue Erfahrung war es aber auch für mich, dass wir über gewissen Situationen keine Kontrolle haben können. Nicht trainieren zu dürfen obwohl man schmerzfrei ist, war für mich ganz neu. Aber wie immer habe ich dann relativ schnell verstanden, dass ich auch aus dieser Situation das Beste machen muss. Ich konnte dann das wertschätzen, was ich hatte: Zeit mit meinen Eltern, die ich sonst zu dieser Zeit niemals so gehabt hätte. Das habe ich aufgesaugt. Und dann hat mein Körper mir das einfach gedankt. Eine Zwangspause – das war für meinen Körper ideal.

Wann hast du realisiert, dass das Jahr 2020 und damit die Verschiebung der Olympischen Spiele ein Geschenk sein kann?

Das ging sehr schnell. Am Anfang tut es weh und dann bin ich problemlösungsorientiert. Der erste Gedanke muss immer sein: Was ist daran jetzt positiv? Und ich habe natürlich sehr schnell gewusst, dass es für meinen Körper definitiv gut ist. Ich wusste: Ich kann neue Kräfte sammeln, und das kann ich tatsächlich bei meiner Familie immer am besten. 

Hast du einen Tipp, wie wir den Fokus auf die wesentlichen Dinge des Lebens legen und wie wir akzeptieren, dass Zwangspausen positiv genutzt werden können?

Es ist der dahingesagte Spruch: Im Hier und Jetzt leben, der aber einfach der Schlüssel dazu ist, wertzuschätzen, was wir eigentlich haben. In welch privilegierter Situation wir in einem Land wie Deutschland sind, das sollte man sich in so einer Lage als erstes klar machen. Ich sitze in einer warmen Wohnung und das mag banal klingen, aber andere haben das nicht. Ich kann immer noch in den Supermarkt gehen und dort alles einkaufen, was ich haben möchte. Und wenn ich gesund durch diese Pandemie komme, ist das auch ein Geschenk. Also Dinge wahrnehmen, die für uns selbstverständlich sind und die man dann noch mal neu wertzuschätzen lernt. Unabhängig von Corona mache ich das fast täglich: mir darüber bewusst werden, wofür ich dankbar bin. Was aber in so einer Phase auch sehr wichtig ist: Wir dürfen negative Dinge auch mal abschalten und den Fokus auf das Schöne legen. Also auch mal die Nachrichten auslassen und sich kleine Dinge vornehmen, die glücklich machen. Sich etwas suchen, was man vielleicht immer aufschiebt. Das kann man jetzt machen. Und anderen helfen ist natürlich immer auch sehr heilsam.

Hast du tatsächlich eine regelmäßige Praxis, ein festes Ritual, wie eine Dankbarkeitsmeditation am Abend?

Ich mache häufig Meditationen, gerade vorm Schlafengehen und ich habe eine Visualisierungstafel in meinem Schlafzimmer, da habe ich Ziele aufgeklebt, schöne Dinge. Alleine der Blick auf mein Visionboard gibt mir ein positives Gefühl. Das ist schon sehr bewusst in meinem Leben. 

Wenn du auf die Ärzte gehört hättest, wäre deine sportliche Karriere schon lange vorbei. Vertraust du dir selbst in schwierigen Situationen am besten und hast du eine Art Urvertrauen entwickelt, dass dich auch durch brenzlige Situationen trägt?

Das Wort Urvertrauen trifft es sehr schön. Meine Mutter ist Hypnose- und Mentalcoach und dadurch bin ich mit Themen wie Urvertrauen, Erdung und positives Denken früh in Berührung gekommen. Ich bin durch so viele sportliche und gesundheitliche Tiefs gegangen und wieder zurückgekommen, dass ich mir heute über meine mentale Stärke sehr bewusst bin. Dieses Urvertrauen habe ich also über Jahre entwickelt. Und so vertraue ich mir im Leben tatsächlich selbst sehr. Ich habe noch nie aufgegeben, und auf den Sport bezogen weiß ich, so lange ich einen inneren Antrieb habe, ein Feuer in mir brennt, so lange mache ich weiter. Das kann ich sicher auch auf andere Bereiche meines Lebens übertragen. Ich sammele kleine Erfolge und feiere sie wie einen Geburtstag. Ich habe mich nie daran gemessen, wo ich mal war, sondern mich immer an jedem Fortschritt erfreut. 

Wie hilft dir Yoga im Alltag und wie hat es dir speziell in diesem verrückten Jahr geholfen?

Das hat in diesem Jahr wirklich eine neue Dimension erreicht. Ich praktiziere ja schon lange Yoga, aber es gibt ja immer Phasen im Leben, da kommt es zu kurz. Ich habe in diesem Jahr so viel Yoga, so viel Atemübungen und Meditation gemacht, dass auch mein Trainer jetzt gemerkt hat, wie gut es mir tut, wie weit ich dadurch gekommen bin. Und ohne Yoga wäre ich bestimmt nicht so weit, wie ich jetzt bin. Ich habe durch meinen Bandscheibenvorfall enorm an Beweglichkeit eingebüßt, und die ist jetzt wieder da. Was Corona betrifft, hat Yoga mir natürlich mental auch sehr geholfen. Während dem ersten Lockdown hatte ich das Gefühl, ich gehe in einen Schildkröten-Modus, spare mir meine Energie und lasse sie nur für das Training raus und ansonsten warte ich ab, was sich tut. So hatte ich einfach wahnsinnig viel Ruhe in diesem Jahr – auch für den Kopf. 

Hohe Infektionszahlen, Ungewissheit in Sachen Impfung, wir wissen nun, auch 2021 wird nicht ‚normal‘. Und wir wissen auch: Wir haben nichts in der Hand. Wie stellst du dich als Leistungssportlerin darauf ein, dass es eventuell wieder nur ein paar wenige Wettkämpfe geben wird und Olympia ein Traum bleiben könnte?

Das ist mittlerweile keine gedankliche Belastung mehr für mich. Da habe ich mich sehr intensiv mit meinem Trainer ausgetauscht und wir wissen alle, wir können nichts voraussehen. Im Januar sollen noch Wettkämpfe stattfinden, die stehen jedoch jederzeit in der Schwebe. Vor Weihnachten habe ich die Information bekommen, dass alle Wettkämpfe im Januar ausfallen werden, aber dass im Februar Deutsche Meisterschaften stattfinden sollen. Sind wir mal ehrlich: Wir wissen es nicht. Also haben wir uns überlegt, was wir machen. Vom Prinzip her könnte ein Athlet in meinem Alter aufhören. Und so haben wir die Strategie entwickelt, dass wir alles was wir jetzt machen, für uns machen. Wenn ich im Training in diesem Jahr über 4,70 Meter springe, dann habe ich doch schon meine Bestleistung erreicht. Wer kann mir das wegnehmen? Dafür bin nur ich verantwortlich. Der Bezug zum Außen ist ja zunächst weg, und das kann einen Sportler schon verrückt machen. Aber wie ich an meine Leistungsgrenze gehen kann, wie hoch ich in meinem Leben springen kann, das kann ich selbst herausfinden. Und das ist eine Strategie, die mir sehr gut getan hat. Wir haben wahnsinnig hart trainiert aber haben auch wahnsinnig viel Spaß im Training. Ich bin momentan physisch und emotional wirklich stark, es wäre nahezu ideal, wenn jetzt Wettkämpfe mit Zuschauern stattfinden würden (lacht) – aber egal. Für einen Sportler ist auch klar: der Sport, den wir kennen, den gibt es nicht mehr so. Das Zusammensein, die Freude mit den Zuschauern, Olympische Spiele, so wie wir das kannten – von dem Gedanken mussten wir uns alle verabschieden. Wenn die Spiele stattfinden, werden sie ja anders organisiert werden müssen als wir es gewohnt waren. Das ist die Realität. Aber wenn ich mich qualifiziere, geht natürlich trotzdem ein Traum in Erfüllung. 

Deine Mutter Christine J. Bauer hat mal über dich gesagt, dass du ein neugieriges Kind warst. Neugier hat mich in vielen Situationen vor Angst beschützt. Beispielsweise bei der Geburt meiner Kinder. Glaubst du, dass Neugier einer deiner Antriebe ist? Also alleine die Neugier dich treibt, wie weit du mit deinem Körper gehen kannst?

Ich habe tatsächlich erst darüber nachgedacht, nachdem du mir diese Frage gestellt hast. Aber da ist definitiv eine Neugier, wie weit ich gehen kann, wie weit ich aus meiner Komfortzone ausbrechen kann und wo meine Leistungsgrenze liegt. Kann ich meine Grenzen übersteigen? Wie oft habe ich in meinem Leben schon gehört: Katharina, das wird nichts mehr. Ich hatte schon so oft in meinem Leben das Gefühl: Ich habe nichts zu verlieren. Ich kann nur gewinnen. Also will ich es rausfinden. Das war auch, nach der Implantation meines Defibrillators, für mich der spannende Teil der Reise: Wie weit kann ich meinen Arm heben mit diesem Defibrillator? Kann ich damit überhaupt Stabhochspringen? Welche Übungen kann ich eigentlich machen und wie muss ich sie neu erlernen? Das war spannend. Und grundsätzlich muss ich zugeben, ich bin generell ein neugieriger Mensch. Ich hinterfrage viel und will vieles herausfinden. Ja, auf jeden Fall: Neugierde ist mein Antrieb. Bleibe also neugierig!

Der Jahresrückblog – oder: Will eigentlich irgendjemand noch etwas über 2020 lesen?

Warum schreibe ich Anfang des Jahres 2021 einen Jahresrückblick auf das Jahr 2020? Dieses 2020. Ausgerechnet. Davon will doch niemand mehr was lesen, oder? Ich habe noch nie so viele Menschen über ein Jahr schimpfen hören. So viel Gemecker.

Nimmt das nicht viel mehr Energie als ’ne Covid-19-Pandemie (Kleiner Reim-Scherz, sorry!)?

2021 – massiv unter Druck

Und jetzt, nur weil plötzlich wieder Januar ist, jubeln alle. Ich bin immer für positives Denken. Daher sage ich: Sehr gut! Nur: Wir kennen das große Ganze nicht. Aber jetzt schreibe ich schnell noch etwas Schönes über das Jahr 2020. Über all das, was ich aus 2020 mit in das neue Jahr nehme, das von allen Seiten so massiv unter Druck gesetzt wird. Ich habe wenig Vorsätze (ein paar aber schon), vor allem aber Vorstellungen von Gefühlen, die ich mit in das neue Jahr nehme.

Am 24. Dezember des Jahres 2020 habe ich es wirklich fertiggebracht, kurz bevor ich ins Bett bin, noch mal darüber nachzudenken, wie dieses Jahr für mich verlaufen ist. Das Erstaunliche ist, während mir kurz zuvor auf Instagram Postings wie „Arschweihnachten“ ins Auge gesprungen waren, ist mir viel mehr Positives zu diesem Jahr eingefallen als Negatives. Dazu schiebe ich jetzt noch kurz eine kleine Bemerkung ein: Dieses Jahr habe ich vor Weihnachten viel mehr Post verschickt als in den vergangenen Jahren. Ich war wohl nicht die einzige, die auf diese Idee gekommen ist. Die Briefkästen waren in der Woche vor Weihnachten hier in unserem Kiez zum bersten voll. An einem Abend kam ich mit meinen beiden Kindern zeitgleich am Briefkasten an wie ein junger Vater mit zwei kleinen Jungs. „Da geht noch was!“ strahlte er mich an, steckte seine Hände in den Briefkastenschlitz und presste mit aller Kraft die Post zusammen, damit auch wir noch unsere Karten in den Briefkasten stecken konnten.

Dürfen wir das?

Eine andere schöne Begegnung mit einer Fremden hatten wir im Frühsommer. Die Kinder spielten im Vorgarten. Corona war in aller Munde. Mein Mann war gerade nach Hause gekommen und wir standen vorm Haus und sahen den Kindern dabei zu, wie sie Fangen um das Haus herum spielten. Vor uns auf dem Gehweg kam plötzlich eine Frau mit ihrem Fahrrad zum Stehen. Die Kette war gerissen. Mein Mann erklärte sich bereit, das Problem zumindest provisorisch zu lösen. Es war ja Pandemie-Zeit, die Frau zögerte, dann huschte ein dankbares Lächeln über ihr Gesicht. Sie war Ärztin, erzählte sie uns, jetzt auf dem Weg nach Hause, zu ihrem kleinen Sohn. Mein Mann machte sich an dem Fahrrad zu schaffen, es kam mir vor, als würde es noch eine Weile dauern und ich fragte, ob ich einen Kaffee machen sollte. Wieder dieses zaghafte Lächeln zwischen: „Dürfen wir das jetzt?“ und „Eigentlich wäre das schön.“ Ich bin hoch, wusch mir die Hände, machte den Kaffee, wusch mir wieder die Hände und brachte ihn nach unten. Etwa eine Woche später stand vor unserer Haustür ein Päckchen. Da standen die Vornamen von mir und meinem Mann drauf, eine kleine Karte klärte mich auf: „Danke für die schöne Begegnung, den Kaffee und die Hilfe mit dem Fahrrad.“ Eingepackt hatte sie uns eine Packung hochwertiger Kaffeebohnen …

Keine Begegnungsüberfrachtung

Dieses Jahr sind mir wirklich so einige Begegnungen mit Menschen in Erinnerung geblieben, die sehr schön waren. Vor allem natürlich Begegnungen mir Freunden. Und ich fragte mich natürlich, ob mir nur aufgefallen ist, wie besonders schön diese Begegnungen waren, weil es eben nicht so viele waren als sonst. Liegt es daran, dass wir uns in diesem Jahr auf so wenige Begegnungen konzentrieren konnten, dass sie uns als besonders schön in Erinnerung geblieben sind? Oder weil wir es einfach vermissten, andere zu treffen? Oder habe ich die Begegnungen nur so intensiv wahrgenommen, weil mein Jahr nicht so überfrachtet von Begegnungen war? Ich will damit nicht sagen, dass ich das immer so haben möchte. Nein, auch ich bin froh, wenn ich wieder ständig Leute treffen darf. Wenn meine Küche wieder voll ist und ich nicht nachkomme, Kaffee zu brühen und Milchhäubchen darauf zu verteilen. Aber ich kann diesem Jahr einfach etwas abgewinnen.

Mama – eine dankbare Aufgabe

Das erste Halbjahr des Jahres war ich vor allen Dingen eines: Mama. Wir hatten fast nur gute Tage. Meine Kinder waren nicht schlechter gelaunt als an Kitatagen. Irgendwann habe ich mich hingesetzt und zusammengerechnet, wie viel Zeit wir in Frühjahr und Sommer ausnahmslos miteinander verbracht hatten. Und ich dachte: „Lächerlich! Am Ende meines Lebens wird es mir vorkommen, als wäre das gar nichts gewesen!“ Wie dankbar werde ich dann auf das Jahr 2020 blicken! Ich weiß noch, dass der Frühling so dahinplätscherte, dass ich noch am Anfang zu einer meiner Freundinnen sagte: „Ich fühle mich um diesen Frühling betrogen“, obwohl in Kiel ausnahmslos die Sonne schien – wie skurril. Aber ich fühlte mich um ihn betrogen, weil ich normalerweise Ostern im Garten meiner Eltern feierte und das nicht möglich war, weil ich um Spielplätze einen Bogen machen musste und meine Freundinnen nicht zum Kaffee treffen durfte. Und dann, irgendwann, ich hatte fast vergessen, wie er sich anfühlte, kam der Sommer. Wir verliebten uns in einen Maulbeerbaum. Aßen schwarze Maulbeeren wie Himbeeren. Saßen an der Ostsee im Sand. Entdeckten Buchten, die so abgelegen waren, dass ich mich fragte, ob ich einen erneuten Lockdown verpasst hatte. Und verbrachten dann drei wahnsinnig schöne Wochen bei meinen Eltern in der alten Heimat. Ich habe diese drei Wochen ganz intensiv mit meiner Familie verbracht, denn ich wollte so lange ich bei meinen Eltern war, zu deren Schutz niemand anderen treffen. Das läuft sonst natürlich anders ab bei Heimatbesuchen. Und was ich mir zunächst noch ein bisschen schwierig vorgestellt hatte, wurde wunderbar. Es gab keinen Lagerkoller. Auf der Rückreise machten wir zwei Zwischenstopps bei Freunden. Das waren unter anderem die schönen Begegnungen des Jahres 2020. Zwei Übernachtungen bei anderen Familien. Zeit, die man intensiv miteinander verbringen konnte. Als die Kinder schliefen, sassen wir mit unseren Freunden im Garten bis in die Nacht hinein. 

Vergessene Pandemie in Kiel

Den Rest des Sommers verbrachte ich am Meer. Denn da wohnen wir. In diesem Jahr habe ich mich in die Ostseeküste verliebt. Für viele meiner Freunde klingt das erstaunlich, schließlich habe ich schon am Pazifik gelebt, bin in meiner Freizeit am Wochenende um die Channel Islands getaucht, hab beim Joggen Delfinen beim Baden zugesehen, feierte Weihnachten mit Spaziergängen am Ozean und 18 Grad. Nun aber liebe ich die Ostsee. Ich habe jeden Tag, an dem ich mit den Kindern im Sand saß, voller Dankbarkeit für dieses Leben auf das Wasser geschaut. Meine Töchter rannten mit mir durch die Wellen. Da war sie ziemlich in Vergessenheit geraten – die Pandemie. Meinen Rückblick auf den Sommer mit vielen Tipps für Aktivitäten mit Kindern in und um Kiel findest du hier.

Ich habe in diesem Jahr nicht viel vermisst. Außer meine Eltern. Die Möglichkeit, wann immer ich möchte, die Kinder in den Zug setzen zu können und die acht Stunden durch Deutschland zu rollen, um dann meine Eltern in die Arme schließen zu können. Und ich weiß auch heute nicht, wann exakt wir uns wiedersehen können. Und ob. Mein Vater wird in ein paar Wochen 81.

Das dritte Buch, Yoga Ups and Downs und ein Lockdown ohne Grenzen

Beruflich war das Jahr für mich kein schlechtes. Ich habe an meinem dritten Buch gearbeitet, das im April 2021 im riva Verlag veröffentlicht wird und meiner Meinung nach ein wichtiges Buch für unsere Gesellschaft ist. Die Arbeit daran hat viel Spaß gemacht, war aber auch kräftezehrend. Hier habe ich darüber berichtet. Ich durfte tolle Yogaklassen unterrichten und erlebte das Hin-und-Her zwischen Lockdown, Wiedereröffnung von Yoga- und Fitnessstudios, Teillockdown und Lockdown 2 wie eine Berg- und Talfahrt. Ende März hatte ich mich noch darüber geärgert, dass ich meinen Yogaretreat in Österreich nicht hatte durchführen können. Es dauerte nicht lange, da war mir das ziemlich egal. Online-Yoga hat auch für mich seine Berechtigung erhalten. Der direkte Kontakt mit den Schülern fehlt mir trotzdem. Eigentlich hatte ich dieses Jahr beruflich richtig durchstarten wollen, nachdem meine Kinder nun seit August beide einen Ganztagesplatz in der Kita beanspruchen dürfen. Aber na ja, wie wir alle wissen, war die Kita Mitte Dezember dann ja wieder zu. Wann sie wieder öffnet, weiß nun gerade niemand. Im vergangenen Jahr habe ich in dem Podcast Wandaful Yoga von Wanda Badwal das Interview mit Veit Lindau gehört. Das war eine schöne Inspirationsquelle und der Hinweis von Veit Lindau, dass man das, was man tut, mit Hingabe tun sollte, dass man sich genau an das, was man gerade tut, verschenken soll, hat mir sehr gut gefallen. Lindau sagt: „Es ist ein großes Missverständnis, zu denken, dass es in unserer Berufung darum geht, dass wir etwas bekommen.“

„Mama, der Mundschutz ist nicht blöd.“

Und dann war da der 24. Dezember, der so anders war als sonst. Weil wir wirklich niemanden getroffen haben. Es war ein schönes Weihnachten. Und ich ließ den Tag Revue passieren und dann das Jahr. Und wie gesagt, da fällt mir vor allem Positives ein. Ich habe wieder angefangen, zu bloggen und veröffentlichte seit Juni pro Woche mindestens einen, seit November mindestens zwei Artikel. Ich habe Dinge gemacht, die ich schon lange machen wollte. Zum Beispiel eine Lehrerin bezahlt, die mit mir nichts anderes als Pranayama, also Atemtechnik, übt. Ich war im Systemischen Coaching und in einer Therapiestunde. Ich habe mich für ein Kinderyoga-Lehrer-Training angemeldet. Ich habe mich 365 Tage an einer Zweijährigen erfreut und über eine Fünfjährige gestaunt. Vor zwei Wochen war mir draussen in der Kälte die Brille über dem Mundschutz angelaufen. „Blöder Mundschmutz“, sagte ich und meine Tochter sagte: „Mama, der Mundschutz ist nicht blöd.“ Auch darüber habe ich übrigens schon einen Text geschrieben.

Demut, Dankbarkeit, Rücksicht

Für mich stehen in diesem Jahr drei große Worte ganz weit oben. Demut. Dankbarkeit. Rücksicht. Und während ich so über alles nachdachte, fragte ich mich, ob wir Deutschen wirklich krisenfest sind. Ich höre und sehe so viel Gejammer. Aber wie würden wir uns verhalten, wenn eine wirkliche Tragödie uns erfassen würde? Wie zum Beispiel 2011 die Menschen in Fukushima. Oder die Menschen in Thailand, die im selben Jahr eine dramatische Flutkatastrophe erleben mussten. Oder die Menschen, denen 2005 Hurrikan Katrina einfach so die Häuser weggeweht hatte. Diese Liste ist beliebig lang weiterzuführen. Wir beanspruchen für uns selbst, das uns so etwas nicht widerfährt. Und das finde ich wahnsinnig hochmütig. In den letzten Wochen des Jahres sollte ich eine Reportage über kleine Unternehmer im Tourismus an anderen Orten der Welt schreiben und darüber, wie sie die Covid-19-Pandemie in diesem Jahr erlebt hatten. Und da war der Tourguide aus Kuba, der mir schrieb, dass seit Beginn der Pandemie nur zwei Touristen seine Tour gebucht hatten und dass er nun darauf wartete, dass alles wieder besser werde. Dass er nun als seine Aufgabe sehe, andere Menschen davor zu bewahren, krank zu werden. Er jammerte nicht.

Ich habe 2020 endlich auch mal wieder viel gelesen. Wo ich die Zeit hergenommen habe? Keine Ahnung. Und so habe ich viel gelernt in diesem Jahr. Das alles nehme ich mit ins neue Jahr. Auch, dass Egoismus out ist. Das ist eigentlich mit die schönste Erkenntnis des Jahres. Eine Frau, die ich auch erst in diesem Jahr kennenlernen durfte, schickte mir im Dezember eine schöne Geschichte. Sie passt auf das letzte Jahr. Als wäre sie dafür geschrieben worden. Und sicher auch auf das neue.

Der Chinesische Bauer
Autor unbekannt
Im alten China lebte ein Bauer, dessen einziger Besitz ein wundervoller schwarzer Hengst war. Dazu muss man wissen, dass das zur damaligen Zeit ein sehr wertvoller Besitz war. Selbst der Kaiser träumte von so einem Pferd! Die Dorfbewohner kamen eines Tages und sagten: »Mein Gott du hast ein ein Glück, so einen tollen Hengst zu besitzen, der dir auf deinen Feldern so fein zur Arbeit geht!« »Ja« sagt der Bauer, »das ist richtig! Es ist wies ist! Ist´s Glück, ist´s Pech – man wird sehen!«

Eines Tages lief er fort und der Bauer und sein Sohn mussten ihre Felder selbst pflügen. Die Nachbarn sagten: »Was für ein Pech, dass euer Pferd weggelaufen ist!«. Aber der Bauer antwortete: »Ja, das ist richtig! Es ist wies ist! Ist´s Glück, ist´s Pech – man wird sehen!«

Eine Woche später kam das Pferd zum Bauernhof zurück und brachte eine ganze Herde wilder Pferde mit. »So viel Glück! Mein Gott, was du für Glück hast! Jetzt hast du statt einem Pferd so viele!« riefen die Nachbarn, aber der Bauer sagte: »Ja, jetzt hab ich so viele! Schön. Aber es ist wies ist! Ist´s Glück, ist´s Pech – man wird sehen!«

Kurz danach versuchte der Sohn des Bauern, eines der wilden Pferde zu reiten, aber er wurde abgeworfen und brach sich ein Bein. »Oh, so ein Pech! Jetzt ist dein einziger Sohn vielleicht ein Krüppel und kann dir nie wieder richtig zur Hand gehen!« Die Nachbarn hatten Mitleid, aber der Bauer sagte wieder: »Ja, darüber bin ich sehr traurig! Aber es ist wies ist! Ist´s Glück, ist´s Pech – man wird sehen!«

Ein paar Tage später zog der Landesherrscher alle jungen Männer in sein Heer ein, um in die Schlacht zu ziehen. Aber den Sohn des Bauern ließen sie wegen seines gebrochenen Beins zu Hause: »Was für ein Glück, daß dein Sohn nicht in die Schlacht ziehen muss! So viele junge Burschen verlieren dort täglich ihr Leben!« freuten sich die Nachbarn. Aber der Bauer bemerkte nur: »Könnte ich euch nur helfen, weiter und tiefer zu sehen, als ihr es bisher vermögt. Wie durch ein Schlüsselloch betrachtet ihr euer Leben, und doch glaubt ihr, das Ganze zu sehen. Niemand von uns weiß, wie sich das große Bild zusammensetzt. Was eben noch ein großes Unglück scheint, mag sich im nächsten Moment in Glück erweisen. Anderseits erweist sich scheinbares Unglück auf längere Sicht oft als Glück und umgekehrt gilt das gleiche. Was daraus wird, weiß keiner von uns. Und jetzt geht nach Hause, und teilt die Zeit miteinander, die euch bleibt.«

Frohes neues Jahr.

Yoga während Corona … oder ein Mutmachtext

Wie kommen wir – und damit meine ich jetzt Yogalehrer – durch diese Zeit? Gibt es dann, wenn sie wieder öffnen dürfen, also vielleicht irgendwann im Jahr 2021, überhaupt noch Yogastudios? Kaufst Du Onlinestunden und Gutscheine bei Deinem Lieblingsstudio, damit Du auch wirklich irgendwann wieder in den Genuss einer Yogastunde mit Yogalehrer und anderen Yogis kommen kannst? Und was können wir Lehrer machen, in einer Pandemie, in der Yoga so wie wir es gewohnt waren, nicht mehr stattfinden kann?

Das hier sollte ein Artikel über das „Studiosterben“ werden. Denn Studios werden sterben. Manche sind schon während des ersten Lockdowns gestorben. Nun ist der Text ganz anders geworden als ich mir das vorgestellt habe. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen. Ich habe mit vier Frauen gesprochen – jede von ihnen betreibt, eröffnete oder schloss ein Yogastudio in der Pandemie. Eine davon ist Gaby Rottler. In München kennt man sie. Sie ist die Frau, die das Wanderlust Café & Yoga in Neuhausen betrieben hat. Wenn man so will, kommen in Gaby alle Branchen zusammen, denen Corona in diesem Jahr so richtig auf die Schnauze gegeben hat: Gaby ist Künstlerin, sie war Gastronomin mit Café und Catering-Unternehmen und auch noch Yogastudio-Betreiberin. Als wir uns zum Interview verabredet haben, kommt sie gerade von einem dreitägigen Schweigeretreat. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass es deswegen aus ihr so heraussprudelt. Aber diese Frau sprüht nur so vor positiver Energie. Das liegt nicht am Schweigeretreat. Sie macht mir ein Geständnis: Als die Nachricht vom ersten Lockdown kam, war sie mitten in einem Catering. „Mein erster Gedanke war Erleichterung.“ 

Es scheint, als kommen in Gaby alle Branchen zusammen, denen Corona in diesem Jahr so richtig auf die Schnauze gegeben hat. Aber das macht nichts: Gaby sprudelt nur so vor Ideen.

Befreiungsschlag: Corona

Das Wanderlust Café & Yoga stand unter einem guten Stern. Bei Gaby gab es Soulfood, immer nette Leute, gute Gespräche, tiefgründigen Yoga. Gaby Rottler hatte gemeinsam mit einer Partnerin einen Ort geschaffen, an dem alles sein durfte. Schnell war eine Yogacommunity entstanden. „Ich war stolz auf das, was wir geschaffen hatten. Wir waren eines der ersten Studios in München, die in der Pandemie nahezu mühelos und schnell auf online umstellen konnten. Wir hatten ein schönes Konstrukt, der Laden boomte aber ich war körperlich am Ende.“ Ihre Partnerin war kurz nach der Eröffnung vor über einem Jahr bereits ausgestiegen und Gaby Rottler stand alleine da. „Mein Körper hat einfach nicht mehr mitgemacht, das war eine schmerzhafte Erkenntnis. Corona hat mich von meinem schlechten Gewissen befreit. Und so konnte die Einsicht kommen, dass es nichts bringt, wenn ich kraftlos bin, den Laden aber weiterführen muss. Ich kann anderen nur Gutes tun, wenn es mir selbst auch gut geht.“ Die Covid-19-Pandemie war für Gaby Rottler eine Art Befreiungsschlag. „Ich durfte plötzlich innehalten und ohne Druck nachdenken, wie die Reise weitergehen sollte.“ 

Die Türen im Wanderlust Café & Yoga wurden geschlossen. Die monatlichen Fixkosten blieben natürlich. „Ich habe zum Glück sehr schnell die Soforthilfe bekommen und konnte damit erst einmal Luft holen. Ich wusste, ich hatte jetzt ein wenig Zeit zum Nachdenken. Die Kosten für meinen Lebensunterhalt konnte ich mit der Soforthilfe natürlich nicht decken, ich musste mir von Freunden Geld leihen, und dann hatte ich Glück: Im Juli habe ich sehr liebe Nachmieter für das Café gefunden, bei denen es auch in sehr guten Händen ist. Ich habe das Café mit allem Inventar abgegeben und dadurch bin ich zu etwas Geld gekommen.“ 

#don’tlivewithoutart, #don’tlivewithoutyoga

Der erste Teil der Pandemie war für Gaby Rottler anstrengend aber befreiend. Corona hatte Prozesse angestossen, auch bei den anderen Lehrern. „Ich bin freiberuflich in meinen alten Job zurückgegangen, mache Marketing für ein kleines Unternehmen, das ökologische und nachhaltige Produkte verkauft. Und wir haben gemeinsam eine gesunde Wandfarbenserie entwickelt, die von den Farben der Chakren inspiriert ist. Zudem habe ich begonnen, alle meine Bilder zu verkaufen. Ich brauchte Platz.“ Unter dem Hashtag #don’tlivewithoutart postet sie auf Instagram jeden Tag ein Foto von einem ihrer Werke und verkauft es für relativ wenig Geld in alle Welt. Gerade verschickte sie ein Bild nach New Jersey. „Ich wollte den Menschen einerseits die Möglichkeit geben, sich Kunst leisten zu können, andererseits habe ich gedacht, meine Bilder müssen raus. Irgendwohin, wo sie leben dürfen. Egal wie viel Geld ich dafür bekomme.“ Jetzt hat sie eine neue Idee. Zusammen mit anderen Frauen aus der alten Wanderlust Community möchte sie einen Online-Raum für selbständige Yogalehrer schaffen. „Wir wollen diejenigen unterstützen, die nicht die Manpower haben. Wir können nur gemeinsam aus der Krise wachsen.“

Gaby Rottler hat viele Ideen und nutzt die „besondere“ Zeit dafür, diesen Ideen Raum zu geben. Sie schreibt an einem veganen Kochbuch, macht gerade ihren veganen Ernährungsberater und findet endlich wieder Zeit für Dinge, die sie normalerweise liegenlassen würde. Mit den Hunden geht sie in die Natur, um Kraft zu schöpfen. Das dreitägige Schweigeretreat in den Bergen mit ihrem Partner und den Hunden hat Themen hervorgebracht, die sie im Rausch des Alltags scheinbar begraben hatte. Sie hat ein schönes Bild für das, was diese Pandemie uns gebracht hat: „Corona hat uns in die Häuser zurückgeschickt, jetzt brauchen wir wieder Community. Die darf aber auch online stattfinden, wenn es gerade nicht anders geht.“

Was Verrücktes

Auch in München macht Kerstin Gröber etwas „Verrücktes“. Sie eröffnet mitten in der Pandemie ein Yogastudio. Anfang Oktober – als in München gerade wieder Corona tobte – öffnet sie die Türen vom HAIRU Yoga Studio. Sie lacht. „Rational gesehen, hätte ich jetzt sagen müssen, ich stampfe diese Idee ein. Aber in mir brodelte etwas.“ Eigentlich sollte das „Hairu“ im Frühjahr 2020 eröffnet werden, Covid-19 machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Dann kam der Sommer und Kerstin war nach allen Planänderungen, Sorgen und Überlegungen einfach noch nicht bereit dafür, ihr Vorhaben umzusetzen. „Es brauchte noch eine Weile, bis ich mir sicher war, dass ich, trotz eines in der Luft liegenden zweiten Lockdown, eröffnen wollte. Ich hatte plötzlich die Einstellung: Ich will es jetzt durchziehen.“ 

Das HAIRU Yoga Studio kam nur kurz in den Genuss von offenen Türen. Nun ist das Bild aus dem Spätsommer Wunschdenken.

Hairu ist japanisch, es heißt so viel wie, „nach innen gehen“. Kerstin hat bewusst kein Sanskrit-Wort gewählt. Außerdem mag sie die Mentalität der Japaner. Das passe zu ihr. „Ich habe mich für ein Konzept entschieden, dass anders ist und während der Covid-19-Pandemie ist in mir der Entschluss gereift, dass es genau so ein Studio jetzt braucht.“ Schmunzelnd und liebevoll sagt sie, sie biete „Randgruppen-Yoga“. „Eigentlich sind wir doch alle Randgruppen.“ Sie will, dass sich alle wohlfühlen, Männer, Frauen, Schwangere, Ältere, Unbewegliche, Extremsportler, Flexible, Ashtangis. Sie lacht. „Zusätzlich wünschte ich mir einen Ort, an dem alle zufrieden sind, die Schüler wie die Lehrer und die Studioleitung natürlich auch. Mir ist aufgefallen, dass wir Yogalehrer so viel über Selbstliebe und Nächstenliebe predigen und am Ende ist da doch eine sehr egoistische Welt. Ich weiß, dass der Satz: ‚Jeder ist willkommen‘ sich erst mal schön anhört und dann noch lange nicht umgesetzt ist. Aber das ist mein Anspruch.“ 

Krise schafft Einfallsreichtum

Mit den Lehrern, die im HAIRU unterrichten, teilt sie die Erträge. Niemand arbeitet auf Honorarbasis. Damit will sie die Lehrer mit ins Boot holen, ihnen Mitspracherecht geben, sie machen lassen. „Die Lehrer sollen hier gerne unterrichten, das ist mir sehr wichtig. Durch Corona ist vielen Lehrern aufgefallen, dass sie als Online-Lehrer ihr eigenes Ding machen und die Erträge direkt in die eigene Tasche stecken können. Lehrer sind aktiver geworden, sie haben mehr Erkenntnis, was eigentlich geht und genauso sieht ein Studio auch, dass man sich nicht auf Komfortzonen verlassen darf. Studiobetreibern muss klar sein, dass Online ein Wettbewerb bleiben wird. Wir müssen alle alarmierter sein. Und das ist für mich das Gute an einer Krise. Sie schafft Einfallsreichtum“, sagt Kerstin. Sie glaubt, dass das gewohnte Modell eines Studios nicht mehr richtig funktioniere. „Wenn wir die Lehrer involvieren, sind sie glücklicher und das spürt auch der Schüler. Im HAIRU wird alles geteilt. Es gibt keinen Stundenlohn. Aber genauso wird dann auch igrgendwann der Gewinn geteilt.“

Gleichberechtigung auf allen Ebenen

Als Yogaschülerin habe sie die Erfahrung gemacht, dass sie sich auf allen Ebenen gleichberechtigte Begegnungen wünsche. „Ich stellte mir die Frage, wie ich als Schülerin behandelt werden möchte und gleichwohl dann auch die Frage, wie Lehrer von der Studioleitung behandelt werden wollten. Ich glaube, mit der Krise haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass wir neu handeln müssen, um überleben zu können.“ Das HAIRU befindet sich in einer alten Autowerkstatt – ein großer Yogaraum mit einem kleinen Vorraum, einer Sitzecke, Teeküche, Garderobe, WCs. Das war es.

Natürlich gehe das finanziell noch nicht auf, doch das wäre ja auch ohne Corona so. „So ein Business braucht Zeit.“ Am wichtigsten sei es nun, mit den Schülern in Kontakt zu bleiben.

Eine weitere Erkenntnis, zu der sie in der Pandemie gekommen sei: „Wenn ich etwas will, dann bleibe ich dran. Dann ziehe ich das durch. Es ist sicher wichtig, sich treu zu bleiben. In so einer Krise kann man schnell abgelenkt werden, man hinterfragt mehr, hört weniger auf seine Intuition. Ich glaube, das muss man ablegen. Wie beim Yoga eben. Den Fokus auf das legen, was wirklich zählt. Nach innen gehen.“ 

Yoga für Senioren

Silke Wagner betreibt in Büttelborn in der Nähe von Frankfurt das Studio 1fach Yoga. Der Name soll Programm sein: Silke wollte einen Ort kreieren, an dem auch die Menschen ein Zuhause finden, die sich in vielen Studios überfordert fühlen, weil Asanas zu schwierig für sie sind. „Als ich meine Ausbildung gemacht habe, merkte ich schnell, dass mir die älteren Leute wegbrechen würden. Ich dachte: Wie schade, denn eigentlich soll Yoga sich den Teilnehmern doch anpassen. Ausgerechnet die Älteren würden doch so sehr von Yoga profitieren.“ So begann sie, Yoga für die Altersklasse 50plus anzubieten. Das sprach sich schnell herum. „Die Zielgruppe war dankbar. Die Menschen spürten, dass sie ihren Körper besser kennenlernen konnten. Dann kam Corona. Und gerade die Älteren haben unter der langen Pause sehr gelitten.“

Müde aber planlos glücklich

Im „Lockdown light“ ist Silke müde, „das Thema kann ich langsam nicht mehr hören“, sagt sie. „Das ganze Jahr war ein einziges Organisationschaos. Ja, ich fühlte mich angetrieben, habe getan und gemacht aber wenn ich inne halte, stelle ich fest, das Jahr war sehr aufreibend.“ Sie steckt den Kopf nicht in den Sand, auch nicht, als sie im ersten Lockdown auf online umstellen will und das gesamte Equipment erst ankommt, als Yogastudios längst wieder geöffnet haben. 

Silke Wagner ist „Corona-müde“. Kein Wunder, sie fährt das Tablet höchstpersönlich zu ihren Senioren-Schülern, damit auch wirklich all ihre Kunden weiterhin Yoga üben können.

„Wenn ich etwas gelernt habe, dann, dass Planen im Voraus nicht viel Sinn macht“, sagt die Mutter zweier Kinder. „Und diese Erkenntnis hat auch etwas Heilsames. Kürzlich fragte mich eine Freundin: ‚Was machen wir eigentlich im Januar, wenn es so weitergeht?‘ Und da sagte ich: ‚Erstmal ist ja Dezember. Also warum soll ich schlaflose Nächte wegen Januar haben?‘“

Stolz ist sie darauf, dass der Großteil ihrer Kunden mit online gegangen ist. Sie unterrichtet hauptsächlich Senioren und die meisten davon machen jetzt Yoga mit einem Videolink. Dann hat sie noch eine Idee: Um allen Yoga zu ermöglichen, auch denjenigen, die sich das Internet nicht mehr zutrauen, fährt sie ihr eigenes Tablet zu den Kunden nach Hause. 75 Minuten später holt sie das Tablet ab, manchmal bringt sie es direkt zum nächsten.  

Senioren machen Online-Yoga

„Zu sehen, wie sich die Senioren reinfuchsten, das war unheimlich schön. Die haben sich auch was einfallen lassen, da half dann das Enkelkind oder so.“ Alle ihre Kurse sind jetzt online. Sie vermutet, dass sie ungefähr 20 Prozent ihrer Kundschaft verloren hat. Silke arbeitet zusätzlich als Spiraldynamik-Pädagogin. Sie kämpft dafür, Einzelstunden weiterhin anbieten zu dürfen – und siegt. „Ich konnte nicht zulassen, dass meine Kunden, die mit ihrer Schmerztherapie auf einem guten Weg waren, wieder vermehrt Schmerzen spüren.“ Ihre Kosten kann sie auch mit vorhandenen finanziellen Reserven tragen. Trotzdem sagt sie: „Bei jedem Kunde, der mir sagt: ‚Online mache ich nicht mit‘, tut es trotzdem weh.“

Enorm findet sie den Aufwand, den das ganze Online-Geschäft mit sich bringt. „Die Organisation, Videolinks, Einladungslinks, Aufnahmen komprimieren, dazu noch das Studio, das ja weiterhin da ist – das ist alles anstrengend. Ich muss meine Mitarbeiter bezahlen, musste das Equipment anschaffen und muss immer darauf achten, dass alles klappt, dass das Mikro geladen ist, der Laptop läuft, …“

Sie spüre Existenzängste, vor allem, weil niemand sagen kann, wie lange die Situation andauert aber sie sagt auch: „Wenigstens läuft es nun. Es ist entspannter geworden. Ich bin nicht mehr hilflos bei dem Gedanken an ‚Online‘. 

Zoom? Was ist das?

Isabelle Bartmann ist Inhaberin und Yogalehrerin des isayoga in Regensburg. Ein Teil des Kursplanes läuft nun online. Wenn sie an den Tag vorm Lockdown im März denkt, kann sie heute lachen. „Eine österreichische Freundin hatte mir früh gesagt: ‚Stell um auf online. Deutschland wir betroffen sein von diesem Virus.‘ Ich war völlig irritiert. Zoom? Was war das? So etwas hatte ich noch nie gehört. ‚Wir brauchen ein Mikro‘, hieß es dann und wir haben einfach irgendwas ausprobiert und schnell festgestellt, dass das nicht ging. Ich hatte wirklich null Ahnung.“ Einen Tag bevor alle Läden schliessen sollten, fährt sie zu einem großen Elektromarkt. „Ich brauche Air Pods“, sagte ich zum Verkäufer.  Der schaute mich an, sagte, ‚ja ich habe eine Lieferung gekriegt‘ und dann kam er mit einem Paar und sagte mir: ‚So dann wären die jetzt auch wieder ausverkauft.‘ Ich bin naiv dahin gefahren und hatte also ein Schweineglück.“

isayoga: Die Matten warten auf ihre Schüler. Wie lange noch, weiß niemand.

Nach einer Woche war sie dann bereit. Nach und nach stieg sie dahinter, wie die Qualität besser werden könnte. Sie erhält viel Unterstützung aus ihrem Team. „Am Anfang war alles verrückt“, sagt sie. „Wir hatten unser Wohnzimmer ausgeräumt, weil es im Yogastudio noch gar keine Internetverbindung gab.“ Ihre Kunden waren geduldig. „Ich glaube, sie waren einfach sehr dankbar, dass wir irgendwas anbieten.“ Auch sie entwickelt in der Krise Ideen. Ihr kommt in den Sinn, ihre Kunden zu fragen, ob sie für andere Kunden Yoga spenden wollten. Sie nennt das Projekt „Soforthilfe Yoga“. Damit möchte sie vor allem diejenigen unterstützen, die von der Pandemie besonders betroffen sind. Das Feedback überwältigt sie. Anderen Selbstständigen, die ihr sagen: ‚Isa, es tut uns leid, Yoga ist finanziell bei uns gerade nicht drin‘, gibt sie einfach die Zugangsdaten für die Onlinestunden. „Ich finde, in so einer Situation muss man zusammenhalten.“ Nach den Stunden finden online Gespräche statt. „Die Community ist mir wichtig. Ich gebe allen die Möglichkeit, miteinander in Verbindung zu bleiben.“

Alle Gefühle

Im ersten Lockdown habe sie so ziemlich alles gefühlt. Sie wollte hinschmeissen, hatte dann wieder unbändige Energie, dann ganz viel Wut. „Ich habe mich oft gefragt, wie ich das alles schaffen soll. Und dann begann ich, zu sehen, was mir Corona Positives gebracht hatte. Mehr Zeit beispielsweise. Weniger Termine. Ich arbeite viel, kann mir die Zeit aber auch freier einteilen. Ich habe das Gefühl, die ganze Welt ist so überdreht. Und nun bekamen wir die Möglichkeit, herunterzukommen. Wir sehnen uns einerseits nach einer Pause, wenn sie als Geschenk einer Zwangspause kommt, können wir sie allerdings schlecht annehmen.“ 

Sie bleibt im Vertrauen. „Das große Ganze können wir jetzt noch nicht sehen. Ob mein Studio, das in den letzten sechs Jahren fantastisch lief, überlebt, weiß auch ich heute nicht. Aber für mich ist da auch eine Erkenntnis, dass es immer einen Weg gibt.“ Was schmerze, sei, dass das, was die Seele nähre in vieler Hinsicht nicht erlaubt sei. Kunst, Musik, Theater, Bewegung, Massage, … während Shops geöffnet blieben. 

Sie appelliert an die Kunden, die sagen: ‚Ich warte bis die Studios wieder öffnen‘, die Pause nicht zu lang werden zu lassen. Wir dürfen nicht damit warten, bis Studios wieder offen sind. Denn vielleicht gibt es sie dann nicht mehr. Vielleicht kann die Lieblingslehrerin dann nicht mehr bezahlt werden, vielleicht macht sie dann lieber was anderes. Und deswegen: buch Onlinestunden. Verschenk Yoga-Gutscheine. Verschenke große Portionen Mut. Meckern nützt nichts. Die Gespräche mit diesen vier unterschiedlichen Frauen haben mich sehr inspiriert – unabhängig von diesem Artikel. Und da war vor allem der Gedanke von Zusammenhalt, von „Sisterhood“ – allerdings gleich welchen Geschlechts. Einander helfen bringt mehr als egoistisch zu handeln, das ist glaube ich, eine der großen Erfahrungen dieser Krise. Findest Du nicht auch?

Diese vier Frauen und die genannten Yogastudios stehen stellvertretend für viele andere. Mir geht es nicht darum, für genau diese Studios Werbung zu machen. Alle vier Frauen kannte ich vor unseren Gesprächen nicht persönlich.

Berührung findet anders statt!

Yoga und Berührung. Für mich gehört das zusammen. Berührung – macht das nicht die Qualität der Yogastunde aus? Auf jeden Fall. Damit meine ich jetzt nicht nur die physische Berührung. Aber der Reihe nach. 

Als ich vor vielen Jahren Yoga eine zweite Chance gab (meine erste Erfahrung hatte höchstens Verwirrung hinterlassen), war ich geflasht. Geflasht von dem, was da mit mir passierte, aber vor allem auch geflasht von der Nackenmassage, die mir die Yogalehrerin zu Beginn der Stunde im Herabschauenden Hund und dann am Ende noch mal in Savasana gegeben hatte. Was war das bitteschön für eine besondere, tiefgehende, einfühlsame und so wohltuende Berührung gewesen? Fortan war ich irritiert, wenn ich in Savasana lag und innerhalb von 90 Minuten nicht ein einziges Mal angefasst worden war. Das kam vor allem in Los Angeles oder Santa Barbara vor, wenn die Klassen um die 50 Teilnehmenden hatten – logisch, dass ein einziger Yogalehrer da unmöglich jeden anfassen kann. Ich teilte Yogalehrer in berührende und nicht berührende ein und meine damit natürlich nur den physischen Teil der Berührung. „Die große Bedeutung von Berührung ergibt sich aus der menschlichen Entwicklung“, schreibt Thai Yoga Ausbilder Tobias Frank in seinem Buch „Thai Yoga. Körper und Seele berühren“. „Der Tastsinn ist der erste Sinn, mit dem wir die Welt erkunden. Wir fühlen unsere Umwelt, noch bevor wir sie sehen oder hören. Und nach der Geburt ist der Körperkontakt zur Mutter die Erfahrung in unserem Leben, die uns Kraft und Halt gibt.“ Frank schreibt weiter, dass Berührung zu einer erhöhten Ausschüttung der Glückshormone Dopamin und Serotonin führt. Berührungen können Schmerzen lindern, das Immunsystem stärken und den Blutdruck senken …

Die Berührung hat also einen tieferen Sinn als nur Unterstützung von „korrekter“ Ausrichtung. Jedoch erhielten Hands-on-Assists während Asanas eine große Bedeutung in meiner Praxis. Wie spürte ich den Unterschied, wenn mir jemand dabei half, noch genauer in eine Position zu kommen, tiefer in eine Dehnung zu gehen? Ich machte in genau diesen Stunden die meisten Fortschritte während meiner Asana-Praxis. Selbst zu üben, zuhause, wurde für mich besonders wichtig als ich Mama wurde und weniger Zeit hatte, in ein Studio zu gehen. Am allermeisten fehlten mir dann die Assists der Lehrer. Ich brauchte kein Online-Yoga, ich konnte selbst praktizieren, wusste, wann ich welche Übung an die nächste reihen sollte, manchmal lagen Bücher neben meiner Yogamatte. Mir fehlten die Berührungen sehr.

Ich war selbst Lehrer geworden; eines meiner liebsten Yogabücher ist „Hands on Yoga“ von Nadezhda Georgieva, weil es das Spektrum der Berührungen während der Asanapraxis auf so besondere Art und Weise zeigt. Die richtigen Berührungen in der richtigen Position an den richtigen Stellen zu geben, bedeutet für mich immer noch hohe Kunst des Yoga. Ich bewundere die Lehrer, die immer wissen, wann welche Berührung sich genau richtig anfühlt.

Und dann kam Corona. Yoga findet jetzt online statt. Selbstpraxis ist für alle, die Yoga üben, zur Normalität geworden. Selbst in der kurzen Phase im Sommer, als wir diesen Hauch von einem Leben ohne Pandemie wieder in uns spürten, waren Berührungen im Yogastudio verboten. Egal. Besser irgendein Yoga als gar kein Yoga, oder? Und dann stellte man fest, dass Berührung auch ohne physisch anwesende Lehrer möglich war. Wir umarmen uns selbst, wickeln unsere Arme in allen möglichen Positionen um unseren Körper, spüren die eigenen Hände an der Stirn, den Oberschenkeln oder dem Bauch. Der Satz „Berührung findet anders statt!“, ist nicht von mir. Gaby Rottler hat ihn zu mir gesagt – die Frau, die in München das Wanderlust Café & Yoga betrieben hat. Ich habe diesen Satz aufgeschrieben und ihn direkt fett markiert. Weil ich genau das auch in den vergangenen Monaten erfahren habe. Yoga und Berührung gehören für mich immer noch zusammen. Aber berühren können wir auch auf einer ganz anderen Art und Weise. Trotzdem dürfen wir die richtige Berührung des Yogalehrers im Yogastudio vermissen und uns darauf freuen, dass sie irgendwann wieder stattfinden darf. Aber was mich diese Zeit auf jeden Fall gelehrt hat: Wir können jemanden berühren ohne ihn anzufassen. Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht, als ich zu Beginn des „Lockdown light“, also Anfang November, in der Atemtherapie war. Einer Einzelstunde mit offenen Fenstern und einer Lehrerin, die sehr weit weg von mir sass. In dieser Stunde ist nicht viel passiert, ausser, dass ich Bewegung mit Atmung verbunden hatte, die Anweisungen der Lehrerin fast mechanisch befolgte und spürte, wie es mir plötzlich wieder leichter fiel, Luft in meinen Bauchrum strömen zu lassen. Am Ende der Stunde sass ich auf meiner Matte. Meine Lehrerin sprach die abschliessenden Worte, liess mich noch einmal in der Stille nachspüren, was ich gerade geübt hatte und mir liefen zum ersten Mal in meinem Leben auf der Yogamatte die Tränen von der Wange. Es war nichts besonderes geschehen. Meine Lehrerin war fast ein bisschen erschrocken, „berührt“, dass diese simple Praxis so viel in mir ausgelöst hatte und ich lachte nur und sagte: „Bitte mach dir keine Sorgen. Ich glaube, das sind gerade Tränen der Erleichterung.“ Ich hatte einfach mal 90 Minuten lang Selbstfürsorge betrieben. Die Qualität eines tiefen, gesunden Atmens gespürt. Das in Verbindung mit den weise gewählten Worten meiner Lehrerin, hatte in mir eine tiefe Berührung ausgelöst.

Gaby Rottler erzählte mir in unserem Gespräch, dass sie bei einem Women Circle teilgenommen hatte – online natürlich. Und dass es sie auf wunderbare Weise berührt habe, wie sich da völlig fremde Frauen unterschiedlichen Alters ausgetauscht und einander geöffnet hatten und so viel Wärme, Herzlichkeit und Wahrhaftigkeit durch diese Begegnung geflossen war. Berührung findet anders statt. Ja. 

Selbstständig als Yogalehrer – Teil 2

Du hast schon mal ein tolles Produkt …

Evelyn Schneider ist Yogalehrerin, Beraterin und Ausbilderin. Ihr Buch „Der Leitfaden. Ihr Wegweiser für alle unterrichtenden, beratenden und therapeutischen Berufe“ habe auch ich leider viel zu spät gelesen. Beim BDY (Bund Deutscher Yogalehrer) und der IFAA gibt Evelyn Schneider regelmäßig Seminare zum Thema Selbstständigkeit als Yogalehrer. Meistens sitzen die Yogis dann weniger enthusiastisch im Raum als bei Pranayama oder Anatomie. Eigentlich erstaunlich, denn das Thema „Yogalehrer als Beruf(ung)“ ist doch unglaublich spannend und inspirierend. „Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Yogis mit ganz viel Herzblut an die Sache herangehen – was im Übrigen wunderbar und ehrenhaft ist – aber dann vergessen, was es bedeutet, wenn aus einer Leidenschaft ein Beruf wird und man plötzlich Geld verdienen muss.“ 

Im ersten Teil unseres Interviews habe ich mit Evelyn Schneider darüber gesprochen, wie wichtig der Gang zum Finanzamt ist und dass man sich vor den Themen Steuern und Versicherungen nicht scheuen sollte. Aber auch darüber, wie wichtig es ist, sich Ziele zu setzen. Und heute reden wir über … Geld!

Darf Yogaunterricht die Miete bezahlen?

Ist es denn wirklich so, dass viele Yogis glauben, sie erfüllten nicht die yogischen Leitlinien, wenn sie mit Yogaunterricht Geld verdienen? „Ja, irgendwie schon“, sagt Evelyn Schneider. Dabei sei das Quatsch. Die Nyjamas beziehen sich auf den Umgang mit uns selbst und sind dafür da, dass wir lernen, darauf zu achten, dass es auch uns selbst gut geht. „Ich kann nur Gutes an andere weitergeben, wenn es mir gut geht. Und dazu gehört heute nun mal, dass ich meine Miete zahlen kann und keine Angst vor dem Finanzamt haben muss“, sagt Evelyn Schneider. Wenn Du zu den Yogalehrern gehörst, die Schwierigkeiten damit haben, Geld für ihren Yogaunterricht zu nehmen, dann höre doch mal in den yogaeasy-Podcast „Yoga und Geld. Wieviel darf ein Yogi verdienen?“ mit Rebecca Randak. Auch wenn Yogalehrer vor 100 Jahren vielleicht kein Geld für ihren Unterricht genommen haben, dann durften sie zumindest bei ihren Schülern für Kost und Logis leben. Das wird häufig vergessen. In unserer Gesellschaft funktioniert dieses Prinzip aber nicht mehr. 

Keine Angst vor Steuern

Als ich „Der Leitfaden“ gelesen habe, musste ich über den Titel eines Kapitels sehr schmunzeln. „Hilfe, ich mache Gewinn“, hieß der. Das kam mir irgendwie bekannt vor. „Wenn du viel Geld verdienen willst, dann mach es doch“, sagt Evelyn Schneider stets zu ihren Kunden. „Ich erlebe immer wieder die Angst vorm Steuern zahlen. Aber hey, wenn du viele Steuern zahlen musst, hast du auch viel Geld verdient.“ Und Umsatzsteuer zahlen zu müssen, sei beispielsweise nichts schlechtes. „Rechne einfach immer mit den Nettobeträgen, dann musst du dir auch keine Sorgen um die Steuern machen“, sagt sie. Unser Gewinn ergibt sich aus dem Überschuss der Einnahmen über die Ausgaben. Weil wir natürlich als Selbständige immer viele Ausgaben haben, ist es gar nicht so einfach, viel Gewinn zu machen. Doch bevor man mit der Selbständigkeit starte, sollte man sich einmal über die eigene Definition von Erfolg Gedanken machen. Erfolg könne ja alles mögliche bedeuten. Es kann auch für den einen etwas völlig anderes sein als für den anderen. Beispielsweise kann Erfolg sich über viel Geld definieren, genauso gut kann Erfolg aber auch bedeuten, 450 Euro zu verdienen und dafür viel wertvolle Zeit mit seinen Kindern und der Familie verbringen zu können.

Evelyn Schneider ist selbst Yogalehrerin und berät außerdem Menschen, die sich mit beratenden, therapeutischen und unterrichtenden Berufen selbstständig machen möchten. Dabei hilft sie unter anderem auch bei so komplizierten Themen wie Versicherungen deines Yogaretreats …

Überzeuge!

Auch wenn es um das Thema Marketing geht, würden sich Yogalehrer häufig schwer tun. „Der Gedanke von ‚Klinken putzen‘ fühlt sich erst mal nicht gut an. Yogalehrer verwechseln Marketing oft damit, sich anzubiedern. Es liegt nicht in der Natur vieler Yogis sich in den Vordergrund zu schieben und laut zu sagen, was für ein tolles Produkt sie haben. Dabei ist Yoga ein ganz tolles Produkt.“ Viele glauben, sie müssten erzählen, wie toll sie sind und kämen sich dabei blöd vor. Dabei muss das niemand. Das Produkt ist toll. Es gilt, nach vorne zu stellen, welchen Nutzen der Kunde von dem Produkt hat und nicht von dem Yogalehrer. „Der Kunde erkennt schon selbst, dass wir ihm helfen können, ein Bedürfnis zu stillen und das macht uns dann für ihn toll – ohne dass wir das an die große Glocke hängen müssen“, sagt Evelyn Schneider.

Outsourcing lohnt sich

Und womit verdient man nun mehr, mit dem eigenen Yogastudio oder dem unabhängigen Unterrichten in verschiedenen Studios und Institutionen? Diese Frage liesse sich nicht pauschal beantworten, sagt Evelyn Schneider. „Es gibt da wohl keine Quote. Ich glaube, es ist am wichtigsten, herauszufinden, womit man sich wohlfühlt und was einem liegt. In meiner eigenen Situation ist es beispielsweise so, dass ich unter gar keinen Umständen an einen speziellen Ort gebunden sein möchte. Mit einem eigenen Studio müsste ich das sein. Aber so hat jeder seine eigenen Prioritäten.“

Vergesse nicht Shavasana!

Ich finde das gerade auch deswegen wichtig, weil viele Yogalehrer zu Beginn ihrer Selbstständigkeit unheimlich euphorisch sind und gerade weil sie ihre Arbeit so lieben, ganz schnell ausbrennen. Yogalehrer machen häufig den Fehler, die eigene Praxis plötzlich hinten anzustellen und weniger Pausen zu machen als sie es ihren Schülern raten. Irgendwann spüren sie dann, dass sie sich übernommen haben, oder Gefahr laufen, dies zu tun. Um so wichtiger, Dinge abzugeben, die einen nur aufhalten. Stattdessen erlaube es dir, deine eigene Praxis ernst zu nehmen, deine Matte auch als Zufluchtsort zu sehen und dich manchmal einfach mal nur in Shavasana zu begeben.

Wenn du dir gerade überlegst, dich mit Yoga selbständig zu machen, dann denke daran, dass du schon ein wahnsinnig tolles Produkt hast. „Mit Yoga Geld zu verdienen, ist etwas Gutes“, sagt Evelyn Schneider. „Mit Drogen oder Waffenhandel Geld zu verdienen – das ist etwas Schlechtes.“ 

Evelyn Schneider hat auf Facebook die Gruppe „Erfolgreiche Selbstständigkeit als Yogalehrer/in“ gegründet, in der sie ganz kostenlos Informationen zu den Themen Selbstständigkeit, Finanzamt und Steuern und Versicherungen gibt. Du musst nichts weiter tun, als der Gruppe beizutreten. 

Selbstständig als Yogalehrer – Teil 1

Teil 1: Yogalehrer in der Selbstständigkeit: Was denn jetzt, Freiberufler oder Gewerbe?

Vor Corona war der Trend eindeutig: Immer mehr Menschen wollten in die Selbstständigkeit. Dem Wunsch nach selbstbestimmtem Leben und Selbstverwirklichung kamen auch immer mehr junge Menschen nach. Yogalehrer – dieser Beruf scheint für viele die Bedürfnisse von Freiheit und Eigenständigkeit zu erfüllen. Selbst in Bewegung bleiben, etwas tun, was man selbst liebt und wofür man brennt, frei darin sein, den eigenen Stil zu entwickeln – und obendrein mit der Arbeit Menschen ganz tief berühren – all diese Möglichkeiten stecken im Beruf des Yogalehrers. Es ist aber genau wie mit der Kunst – reich werden die allerwenigsten damit. Und besonders schade ist: Viele scheitern schon zu Beginn, weil sie in Sachen Rechtsformen, Steuern und Kalkulationen überfordert sind. Auch ich bin eigentlich viel zu spät auf den Gedanken gekommen, das Buch „Der Leitfaden. Ihr Wegweiser für alle unterrichtenden, beratenden und therapeutischen Berufe“ von Evelyn Schneider zu lesen. In diesem und dem nächsten Blogbeitrag gibt Evelyn Schneider Tipps und erklärt, wie wir die häufigsten Fehler vermeiden können.

Wer sich als Yogalehrer/in selbstständig machen möchte, sollte zunächst einmal wissen, dass es nicht schlimm ist, wenn Yoga die Miete bezahlt. Tatsächlich scheint das für viele Yogis ein Widerspruch zu sein. Evelyn Schneider ist selbst Yogalehrerin, vor allem aber berät sie. Nicht nur Yogalehrer sondern auch schon sehr lange in Unternehmen und in der Hotellerie. Das schafft eine tolle Verbindung zum Yoga, denn viele Yogalehrer brauchen auch Rat, wenn es um die Organisation und Abwicklung von Retreats geht. Beim BDY (Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland e.V.) und der IFAA/Vinyasa Yoga Akademie gibt Evelyn Schneider regelmäßig Seminare zum Thema Selbstständigkeit als Yogalehrer. Meistens sitzen die Yogis dann weniger enthusiastisch im Raum als bei Pranayama oder Anatomie. Evelyn Schneider muss darüber ein wenig schmunzeln. „Als ich selbst in die Selbständigkeit bin, habe ich gemerkt, dass es gerade bei Yogalehrern oft eine große Unsicherheit gibt, wenn es um Zahlen, Finanzen und Versicherungen geht. Und wie viele andere Yogalehrer habe auch ich eben ein Helfersyndrom. Deswegen und auch, weil ich gerne die Themen Steuer und Finanzen so aufbereiten wollte, dass sie leicht zu verarbeiten sind, bin ich in diese Richtung gegangen.“

Klare Ziele

Yogini mit Helfersyndrom: Evelyn Schneider ist als Beraterin für Menschen, die in die Selbstständigkeit gehen und Hoteliers und Hotelbetriebe tätig.

Wer sich selbstständig machen möchte, sagt Evelyn Schneider – und das klingt natürlich erst einmal logisch – sollte sich über sein Ziel klar werden. „Wenn ich mich selbständig mache und erst mal kein richtiges Ziel verfolge, ist das genauso als würde ich mich in ein Taxi setzen, und dem Fahrer sagen, er solle einfach mal losfahren. Das kann teuer werden und kostet Zeit …“ Die fehlende Zielformulierung sei aber tatsächlich einer der häufigsten Fehler, wenn Yogalehrer sich selbständig machten. „Ein weiterer Fehler ist, dass der eigene Status nicht klar definiert ist. Die Rahmenbedingungen müssen klar sein. Und als nächster Fehler kommt dann häufig, dass vergessen wird, richtig zu kalkulieren. Viele Yogalehrer fragen herum, was die anderen für ihren Unterricht nehmen und orientieren sich an diesen Beispielen. Dabei vergessen sie, auszurechnen, was sie tatsächlich brauchen. Und dann vergessen viele, Geld beiseite zu legen, beispielsweise für die Steuern, die ja erst viel später fällig werden.“ 

Bevor ich mich selbstständig mache, sollte ich also wissen, was ich will. Will ich einen Minijob? Will oder muss ich wirklich davon leben? Reicht es mir aus, wenn ich Kleinunternehmer bin? Und reicht das auch in fünf Jahren aus? Wie sind in fünf Jahren meine Rahmenbedingungen? All das seien Fragen, über die Klarheit herrschen sollte. Mir persönlich hat dabei unter anderem die Folge des Endlich-Om-Podcasts „Wie schließen wir Frieden mit Kind und Karriere“ geholfen. Auch wenn ich nicht mit allem, was Katrin Wilkens im Interview mit Stefanie Luxat sagt, einer Meinung bin, hat mir diese Podcast-Folge auf jeden Fall bei der Formulierung meiner Zielsetzung Klarheit verschafft. Ebenso spannend ist die Folge von Heiliger Bimbam mit Franziska Schmid und der Frage „Wie findet man seine Berufung?“.

Gewerbe oder Freiberufler?

Es geht nicht nur Yogalehrern so: Das Thema Finanzamt ist den meisten Menschen unbequem. War auch bei mir so. Ich bin froh, dass ich einen Steuerberater gefunden habe, dem ich vertraue und der meiner Meinung nach, einen fantastischen Job macht. „Auf die Frage: Muss ich mich behördlich anmelden, bevor ich loslegen kann?, gibt es nur eine Antwort und die lautet: Ja!“, sagt Evelyn Schneider.

Will ich mich dort anmelden, stolpern wir häufig schon über das nächste Problem: Bin ich Freiberufler oder muss ich ein Gewerbe anmelden? Doch auch hier ist die Antwort eigentlich simpel: „Entscheidungshoheit hat immer das Finanzamt, es ist ein bisschen die Frage, wer sitzt da. Yogalehrer befinden sich ein wenig in einer Grauzone. Entscheidend darüber, ob ich Freiberufler bin oder ein Gewerbe anmelden muss, ist der Inhalt meiner Tätigkeit. Einzelunterricht wird beispielsweise oft nicht als unterrichtend definiert und ist dann nicht mehr freiberuflich. Es geht dabei eben um den Rahmen des ‚Unterrichts‘: Dieser findet üblicherweise in einer Gruppe (schulklassenartig) statt. Es ist aber auch eigentlich egal, denn ein Gewerbe anzumelden, ist nichts Schlimmes“, erklärt Evelyn Schneider. „Wenn ich zwei Dinge anbiete, die völlig losgelöst voneinander funktionieren, zum Beispiel Yoga unterrichten und Schuhe verkaufen, dann kann es sein, dass es Sinn macht, eines als Freiberuflichkeit laufen zu lassen und eines als Gewerbe. Dann brauche ich allerdings auch zwei unterschiedliche Steuernummern und muss auf jeden Fall auch getrennte Buchführung vornehmen. Wenn ich aber zwei Dinge anbiete, die sich nicht klar trennen lassen, wie zum Beispiel Yoga unterrichten und gesprochene Meditationen verkaufen, dann wird das Finanzamt mich generell als gewerblich einstufen. Und das ist genauso mit Online-Yogaunterricht.“ 

Ich erinnere mich noch daran, als ich mich selbstständig machte und feststellte, dass auf dem Gewerbeamt völlige Unklarheit herrschte. Das wiederum hat mich dann natürlich auch verwirrt. Die Dame, die mir gegenüber saß, war ganz irritiert, weil ich eben zwei verschiedene Dinge machte, zum einen war ich Yogalehrerin, zum anderen Journalistin. Für letzteres, das wusste ich, musste ich auf jeden Fall kein Gewerbe anmelden. „Ja“, sagt Evelyn Schneider lachend. „Das ist natürlich paradox aber man muss bedenken: Die Mitarbeitenden bei den Behörden haben es auch nicht so einfach mit der Vielzahl an Berufen, die es heute gibt. Da es auch noch jede Menge Mischformen gibt, wird es für die eben auch immer komplizierter. Daher ist es aber auch so wichtig, selbst sehr viel Sicherheit über das zu haben, was man anbieten möchte.“  Zu denken: „Ich habe gehört, ich bin Freiberufler als Yogalehrer und das Finanzamt hat gesagt …“ sei nicht der richtige Weg, erklärt sie. Korrekt hingegen sei es, sich beim Finanzamt zu melden und eine verbindliche Auskunft anzufordern. „Das kostet natürlich eine Gebühr und deswegen machen das die wenigsten. Aber nur, weil ich meine Steuererklärung jährlich abgebe und sich beim Finanzamt niemand wehrt, heißt das noch lange nicht, dass es richtig ist.“ 

Mit jedem Yogalehrer kann die Welt ein wenig besser werden …

Seien diese Dinge erst einmal geklärt, sei die Selbstständigkeit etwas sehr Schönes, ermutigt Evelyn Schneider. Yoga ist zudem ein tolles Produkt. Die Konkurrenz ist groß, aber der Bedarf auch ungebrochen. Auch in Zukunft werden immer mehr Menschen vermutlich auf den Gedanken kommen, etwas für sich und ihre Gesundheit zu tun – der Weg in den Yogaunterricht ist häufig der erste Schritt. Es wird noch mehr Möglichkeiten geben, sich zu spezialisieren. „Wenn ich die Frage nach dem Bedarf an Yogalehrern beantworten soll, sage ich gerne: the sky is the limit. Die Anwendbarkeit ist vielseitiger geworden, die Nachfrage steigt noch.“ Heute machten sich auch immer mehr junge Leute selbständig. „Corona hat diesen Trend vielleicht nun ein wenig durcheinandergewürfelt. Das lässt sich jetzt noch nicht sagen. Ich hoffe aber auch, dass das, was beispielsweise in der Schweiz stark verbreitet ist, sich auch hier durchsetzen wird und das sind mehr 60- oder 70-Prozent-Stellen. Die Unternehmen spüren den Fachkräftemangel und dass sich etwas ändern muss, um Mitarbeiterzufriedenheit zu erreichen.“ Unabhängig davon aber würde mit jedem, der sich mit Yoga beschäftigt, die Welt vielleicht ein bisschen besser, meint Evelyn Schneider.

Evelyn Schneider hat auf Facebook die Gruppe „Erfolgreiche Selbstständigkeit als Yogalehrer/in“ gegründet, in der sie ganz kostenlos Informationen zu den Themen Selbstständigkeit, Finanzamt und Steuern und Versicherungen gibt. Du musst nichts weiter tun, als der Gruppe beizutreten. 

Tschüss, Sommer 2020! Du warst … ne Wucht!

Hier muss wohl Werbung drüberstehen – obwohl ich alles selbst bezahle.

Mein Sommerrückblick ist gleichzeitig ein Kiel-Tipp. Nach zwei Jahren in der Schleswig-Holsteinischen Landeshauptstadt wird mir das wohl gelingen. Und künftig machen ja vielleicht mehr Menschen an der deutschen Ostseeküste Ferien als im Süden. Wer weiß es …

Was mich an Kiel noch stört, ist, dass es überall sonst in Deutschland meistens sechs Grad wärmer ist. Mindestens. Im Kieler Sommer pendelt sich das Thermometer so ganz entspannt bei 20 Grad ein, manchmal sind es auch 18. Aber wenn es mal wärmer wird als 25, ist das schon besonders. Während ich mir Instagram-Stories meiner Freunde anschaue, wie sie in Köln, Mainz oder München in kurzen Hosen und T-Shirt rumrennen, frage ich meine Kinder: „Jacke oder reicht heute ein Pulli?“ Eines ist aber klar: Die „Corona-Zeit“ war bis jetzt auf jeden Fall vor allem sonnig. Ich kann mich genau erinnern, als meine Kinder am 11. März krankheitsbedingt zum letzten Mal in die Kita gingen, bevor wir dann freitags erfuhren, dass nicht nur die Kindertagesstätten auf unbestimmte Zeit schließen würden: Die Sonne schien von da an gefühlt pausenlos. Darüber bin ich sehr froh, denn mir hat es definitiv die Zeit im Frühling ein bisschen schöner gemacht. Dann kam der Sommer. Ich hatte null Erwartungen und wie es meistens so ist, wenn man keine Erwartungen hat, wurde es fabelhaft. Der Sommer 2020 war für mich definitiv schöner als der im vorherigen Jahr.

Kiels Sonnenseite

Ich habe mich mit meinen Kindern nach strenger Quarantäne drei Wochen lang bei meinen Eltern im Südwesten Deutschlands eingebucht und dort hatten wir die gemütlichsten und sommerlichsten drei Wochen, die ich mir hätte vorstellen können. Urlaub auf Mallorca? In Italien oder Griechenland? Nee, danke. Das Saarland war besser! Nichts hätte ich eintauschen wollen gegen diese Zeit mit meiner Familie. Sowohl die Zeit davor als auch danach hatte ich mich ziemlich häufig an den Stränden um Kiel herumgeschlagen. Wir aßen Eis, buddelten im Sand, ich stürzte mich ins Meer, meine Kinder begannen, die Ostsee zu lieben, wir beobachteten den Sonnenuntergang in Laboe und ich entwickelte eine Schwäche für Kiel. Nach zwei Jahren hier war das ja auch mal an der Zeit. Während andere jammerten, weil sie nicht in den Urlaub fliegen durften, fragte ich mich, wo es schöner sein könne als an der Ostseeküste. Natürlich fallen auch mir da eine ganze Reihe Destinationen ein aber ich habe in diesem Sommer definitiv endgültig meine Liebe zur Ostsee entdeckt. Mein Lieblingsstrand befindet sich hier. Stein ist traumhaft. Obwohl es hier im Winter – und das heißt ja in Kiel mindestens so sechs Monate lang – bestimmt stink-langweilig ist, würde ich am liebsten hier wohnen wollen. Die Kinder können hunderte Meter weit ins flache Wasser laufen und der Kaffee beim Strandcafé Tatort Hawaii schmeckt. Das ist gleichzeitig auch eine coole Surfschule und deswegen ist die Atmosphäre einfach nur lässig. Ein Örtchen weiter befindet sich das weitaus berühmtere und belebtere Laboe. Dort steht auch das Marine-Ehrenmal, von dem man eine fantastische Aussicht hat. In Laboe herrscht absoluter Ostsee-Tourismus-Flair, ein Strandkorb reiht sich an den nächsten, die Promenade ist zumindest in den Sommerferien gut besucht. Größere Kinder freuen sich über den Skatepark. Hier gibt es auch die besten Fischbrötchen in ganz Kiel. Sonnenuntergänge von Laboe aus sind magisch.

Auf der Westseite der Kieler Förde gibt es viele weitere Strände, einer meiner Favoriten ist der Strand in Surendorf. Hier gibt es beim Blauen Seestern sogar viele vegane Gerichte auf der Karte. Gleich daneben ist das Wassersportcenter, Tauchen, SUP’s oder Tretboote leihen, Kiten, Surfen – alles ist möglich. Meine Kinder lieben die Schaukel direkt am Strand, beim Blauen Seestern gibt es auch noch einen kleinen Spielplatz. Der Falckensteiner Strand ist etwas wilder, in der Nähe befindet sich der Hochseilgarten Kiel. Auch beliebt sind die Strände in Schilksee und Strande – mir persönlich waren sie ein bisschen zu belebt in diesem Sommer.

Wochenmarkt und Kiellinie

Wer die Innenstadt besucht, kann meines Erachtens auf die Shoppingtour in der berühmten Holstenstraße verzichten. Mir gefällt der Bummel auf der Holtenauer Straße viel besser. Kleine Shops, Cafés und ein paar stilvolle Boutiquen – hier gibt es eigentlich alles was man so braucht. Dort befindet sich übrigens auch das Yogastudio Yoga Moment, in dem ich unterrichte (sehr zentral liegt das Studio Yoga in Kiel in der Nähe des Hauptbahnhofes. Baltic Yoga befindet sich in der Nähe des Schrevenparks). Ich liebe den Wochenmarkt auf dem Blücher Platz. Er findet montags und donnerstags zwischen 8.00 und 13.00 Uhr statt. Hier ist auch der Biobauer meines Vertrauens zu finden, bei dem es das leckerste Gemüse gibt, was ich je gegessen habe. An sonnigen Tagen ist die Marktatmosphäre einfach wunderbar – so etwas habe ich sonst nur in Frankreich erlebt. Die Kieler geniessen den Kaffee von Loppo und lassen es sich beispielsweise mit den Leckereien von Philine , die mit ihrem alten Renault Estafette vorfährt, gutgehen. Vom Marktplatz aus läuft man gar nicht weit bis zur Kiellinie. Die ist gerade früh morgens im Sommer zauberhaft. Hier kann man ins Wasser springen, sich SUPs ausleihen, gemütlich in der Seebar frühstücken oder abends in unserem Lieblingsrestaurant Lagom skandinavisches Flair, das sogar meinem Mann – einem Kopenhagener – authentisch erscheint und gute Küche geniessen. Mit (und auch ohne) Kinder lohnt sich der Besuch im Kieler Aquarium Geomar. Das ist zwar nicht groß aber dafür enorm informativ und so gemacht, dass gerade Kinder einen tollen Einblick in die Meereswelt erhalten. Hier gibt es auch das Seehundebecken. Der Landtag befindet sich ganz in der Nähe und von dort aus kann man wunderbare Spaziergänge durch den noblen Ortsteil Düsternbrook machen. Nicht weit vom Landtag ist die Forstbaumschule, ein lässiger Biergarten mitten in einem wunderbaren Park, der fast bis zum Meer führt. Für Kinder wie für Erwachsene traumhaft. Einen Besuch wert ist auch der Flandernbunker.

Gartenglück und zwei Geheimtipps

Meine Kinder und ich sind große Fans des Botanischen Gartens der Universität Kiel. Bitte nicht verwechseln mit dem Botanischen Garten an der Förde, der ist etwas langweilig. Der Botanische Garten der Universität ist wunderschön und für die Kinder gibt es einen riesigen Sandkasten inklusive Sandspielzeug, Klanginstallationen und Schnupperbeet. Wenn wir Glück haben, können wir von den Himbeeren neben dem Sandkasten naschen. Der coolste Spielplatz der Stadt liegt etwa zwischen dem Blücherplatz und dem Botanischen Garten – und zwar am denkmalgeschützten Wasserturm Ravensberg. Der Spielplatz wurde direkt nachdem der Lockdown vorbei war, eröffnet, was natürlich für alle Kinder (und Erwachsene) fantastisch war. Dieser Spielplatz ist ein „Spielplatz für jede Altersklasse“, denn man kann hier auch Basketball spielen, Skaten und super Workouts absolvieren. Neu für mich entdeckt habe ich diesen Sommer auch den Kieler Tiessenkai, benannt nach dem Schiffsausrüster Hermann Tiessen, in Holtenau. Hier spürt man Segleratmosphäre pur. Am Ende des Kais entdeckt man den Holtenauer Leuchtturm.

Mein wilder Corona-Sommer

Im Sommer verbrachten wir dann auch noch zehn Tage in Dänemark bei der Familie meines Mannes rund um Kopenhagen und als hätten wir nicht schon genug Corona-Sommer-Glück gehabt, erwischten wir dort ausgerechnet Mitte August die heißeste Woche des Jahres im Norden. Es war wie im Traum. Die Dänemark-Tipps kommen dann aber mal an einer anderen Stelle. Über Kopenhagen muss man nicht viel sagen, die Stadt ist einfach herrlich und wir überlegen immer wieder, ob wir noch mal dort leben wollen.

Strandurlaub haben wir in Gilleleje gemacht, ein herrliches – und mittlerweile nobles – Fischerörtchen im Norden von Seeland. Zurück zuhause durfte ich an einem tollen Projekt arbeiten. Ich habe diesen Sommer wirklich gern gehabt. In den letzten Wochen hat es hier in Kiel einige Male tatsächlich ganz schön heftig geregnet, die kurzen Sachen sind zum Teil schon in die hinterste Ecke des Schrankes gerutscht, das Thermometer zeigte wieder beständig die 1 vorne. Doch dann sollte es tatsächlich noch mal richtig warm werden in Kiel – wenigstens für zwei Tage. Ich plante schon mit einer Freundin den Ausflug nach Stein. Noch einmal die Füße in den Sand und den Kopf ins Meer … Und dann wurde meine jüngste Tochter krank. Eine typische Kindergarten-Krankheit, Fieber, sogar einen Corona-Test musste sie über sich ergehen lassen. Und ich verabschiedete mich still und leise innerlich von diesem Sommer ohne noch einmal richtig Tschüss sagen zu können. Das Meer fiel sozusagen ins Wasser. Jetzt sitze ich hier, schreibe meinen Rückblick auf den Sommer … und esse heimlich ein Eis. Es war auch ohne bewussten letzten Strandtag ein schöner Sommer für mich. Ich bin ganz schön dankbar, dass ich als Mama nichts vermisst habe, in diesem wilden Sommer.