Kategorie: Yoga

Unser neues Buch

Hier kommt jetzt Werbung in eigener Sache. Und: für eine gute Sache.

Endlich dürfen wir es bekannt geben: Unser neues Buch erscheint am 20. April. Das ist zu spät für Weihnachtsgeschenke aber wir erzählen es trotzdem schon mal. Es heißt „Yoga für ein starkes Herz. Mit den richtigen Übungen, Meditationen und Atemtechniken die Herzgesundheit fördern“ und es ist anders als die beiden ersten Bücher, die ich bereits geschrieben habe. Ich hatte dabei jemanden an meiner Seite. Vielleicht hat alleine das schon dazu geführt, dass sich die Arbeit an diesem Buch besonders (schön) angefühlt hat. Wir haben dieses Projekt von Anfang an etwas scherzhaft „Herzensprojekt“ genannt. Und im Nachhinein festgestellt, dass es das wohl auch war. Und ist. Meine Co-Autorin heißt Katharina Bauer. Sie ist eine deutsche Stabhochspringerin. 

Katharina ist auch die erste Sportlerin auf der Welt, die mit einem implantierten Defibrillator an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen hat. Seit ihrem siebten Lebensjahr weiß sie von ihrer Herzkrankheit; seit dem 17.April 2018 lebt sie mit einem implantierten Defibrillator unter dem linken Latissimus-Muskel – den sie im Übrigen nicht unwesentlich für ihren Hauptberuf braucht (also den Muskel, nicht den Defibrillator!). Katharina Bauer ist es gelungen, ihren Traum trotz ihrer Krankheit weiterzuleben. Sie lebt mit ihrer „Lebensversicherung“ im Körper, wie sie ihren Defi selbst nennt, sogar entspannter als je zuvor. Yoga, Meditation, Coaching, ein unstillbarer Drang nach Selbstoptimierung und Vertrauen in Selbstheilungskräfte haben sie dahin gebracht, wo sie jetzt steht. Ihre Ärzte staunen: Die Extrasystolen ihres Herzens haben sich wie auf wundersame Weise reguliert. Warum Yoga ihr dabei geholfen hat, wie es helfen kann, was Kardiologen sagen und warum es sich lohnt auf den Motor unseres Lebens besonders acht zu geben, darüber schreiben wir in diesem Buch. Wir beschreiben Asanas und Yogasequenzen, geben Tipps für Atemübungen und Meditationen. Dabei haben wir immer auch wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt, Ärzte interviewt, andere Yogalehrer mit ins Boot geholt und Ratschläge von Experten ein- und angenommen. 

Eigentlich wollte Katharina sich in diesem Frühling auf die Olympischen Spiele in Tokyo vorbereiten. Nun – es ist alles etwas anders gekommen. Die Idee das Buch zu schreiben, hatten wir auch schon bevor Corona die Pläne der Leistungssportler für 2020 zunichte gemacht hatte. Doch dann wurde daraus für Katharina nicht nur ein Buchprojekt. Die Arbeit an dem Buch, noch mehr Zeit für Yoga und den eigenen Körper zu haben, bot eine bessere und sinnvolle Struktur in einem kuriosen und haltlosen Jahr 2020. Perspektivlosigkeit ist für Sportler ein enormer Motivationskiller. Das Projekt gab ihr Halt, und sie konnte trotz der Situation mit Spaß weiter trainieren.  Nun befindet sie sich mitten in der Vorbereitung auf hoffentlich stattfindende Wettkämpfe. Und auf ihren größten Traum: die Teilnahme an Olympischen Spielen – obwohl auch jetzt noch niemand voraussagen kann, ob diese überhaupt stattfinden können. Auch hier hilft Yoga Katharina dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren und mit der Tatsache klarzukommen, dass nicht alles in unserer Hand liegen kann. 

Bis unser Buch erscheint, dauert es noch ein bisschen. Du kannst es aber schon vorbestellen. Ich freue mich sehr über das Ergebnis. Für mich war das eine sehr lehrreiche Zeit. Wenn ich mal an irgendetwas gezweifelt habe, hat Katharina mir in unseren abendlich- bis nächtlichen Gesprächen die Zweifel wieder ausgeräumt. Ich habe viel mehr über das Herz gelernt als ich das je in meinem (sehr lang zurückliegenden) Sportstudium hätte lernen können. Ich habe erschrocken festgestellt, wie viele (junge) Menschen an Bluthochdruck leiden. Ich habe wieder mein Vertrauen in Ärzte gefunden und mich deshalb für einen Gesundheitscheck angemeldet 🙂 Ich habe einen Menschen noch mehr ins Herz geschlossen, als vor unserer gemeinsamen Arbeit. Und ich habe noch mehr den Wert von simplem Yoga erfahren. 

Wenn Du mehr über Katharina, eine unheimlich motivierende Persönlichkeit, wissen möchtest, dann höre doch mal in diesen Podcast rein. Einen kurzen Blick auf unser Buch kannst Du hier schon mal werfen.

Priorität: Einatmen, Ausatmen

Im November ist meine Yogapraxis sehr einfach geworden. Na ja, ich muss fast sagen: Ich bin froh, dass da überhaupt wieder so etwas wie eine Yogapraxis stattfindet. Ich habe angefangen, in meinem Alltag als Mama und Selbständige wieder Prioritäten zu setzen und gehe auf die Matte. Und ich bin danach so unheimlich wach, gestärkt und zufrieden. Und alleine das ist wundervoll. In meinem Kopf fühlt es sich so an, als hätte der Ostseewind einmal durch jede Ritze meines Gehirns gepustet, als hätte ich noch einen starken Espresso gehabt – nur ohne Magenschmerzen. Es ist so gut. Mir reichen 30 bis 45 Minuten. Und die Praxis ist – wie schon erwähnt – wirklich simpel. Ich sitze kurz und atme in meinen Bauchraum, ich gehe in den Kniestand, atme ein und schiebe meinen Po dann ins Kind. Ich atme aus, hebe mich in einen Vierfüßler mit der Einatmung und gehe ausatmend zurück ins Kind. Ich mache den Herabschauenden Hund, fließe ein paar Mal durch den Sonnengruß, weil er meinem Rücken so gut tut, mache immer – wirklich in jeder Praxis – einen Krieger 2, eine Umgekehrte Winkelhaltung und einen friedvollen Krieger (meine Schüler kennen das …) und seit November jedes Mal das Dreieck und dann – als Top Asana sozusagen – das gedrehte Dreieck. Puh. Also von wegen simpel. Das fällt mir nämlich schwer, ich finde es recht anspruchsvoll. Danach vielleicht noch eine Brücke, die sitzende Vorbeuge, den Fisch wenn es sein muss und Savasana. Ende aus.

Ritterrüstung angeatmet

Dabei habe ich so gut geatmet, ich fühle mich so als sei ich gegen jeden kommenden Wutanfall von Unter-Sechs-Jährigen gewappnet. Als würde mein Atem mich durch den Tag tragen, komme was wolle. Als hätte ich mir eine Ritterrüstung angeatmet. Ich liebe das. Ich habe lange nicht so gut geatmet wie in den letzten Wochen. Und es fühlt sich wirklich so an, als trage mich der Atem durch Hochs und Tiefs. Was natürlich ein Trugschluss ist, denn wir können ja nie auf alles vorbereitet sein. Aber egal. Alleine die Illusion, dass ich meine Ritterrüstung bei mir trage, fühlt sich gut an. Wie verächtlich ich früher immer die Augen verdrehte, wenn ich las, dass am Abend, wenn die Kinder nicht einschlafen wollten, nur Ein- und Ausatmen helfe … Heute empfinde ich das wirklich so. Wenn ich die Luft in meinen Bauchraum strömen lasse, egal wo ich gerade bin, entsteht so viel Entspannung. Und so bringt mich meine Atmung durch meinen Alltag. Nichtigkeiten. Erste-Welt-Probleme.

Pausen sollen aktive Prozesse sein

In dem Podcast Besser leben mit Yoga von yogaeasy hat Professor Doktor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln im Interview mit Kristin Rübsamen im August gesagt: „Kein Mensch kann bei den Tagesthemen entspannen. Der Konsum von Medien kann keine Regeneration sein. Pausen sollen ein aktiver Prozess sein. Sportler werden durch Pausen richtig gut. Die Pause muss zur Leistungsfähigkeit passen. Belastung und Regeneration müssen als Zwillinge betrachtet werden.“ Yoga verbindet Bewegung mit Pause. Und der bewusste Fokus auf unsere Atmung macht etwas mit uns. Er versetzt uns in einen meditativen Zustand.

Alle Gefühle willkommen

„Kein Mensch kann bei den Tagesthemen entspannen“ – für mich klingt das ziemlich logisch. Die Flut an negativen Nachrichten ist anstrengend für uns. Schnelle Fernsehbilder sind es auch. Vielleicht setzt du dir auch wieder deine Entspannungs-Priorität. Muss ja nicht Yoga sein. Und wenn es doch Netflix sein muss … dann such dir vielleicht was Herzerwärmendes raus … 😉 Jetzt ist der Advent ja bald. Mein diesjähriges Motto dafür: „All feelings are welcome“. Vielleicht will ich in diesem Advent gar nicht jeden Tag voller Vorfreude sein. Vielleicht bin ich manchmal Lichter- und Sterne-müde, vielleicht traurig, vielleicht fühle ich mich mal gar nicht so stark und an anderen Tagen habe ich mich wieder high geatmet, freue ich mich auf eine Jahreszeit, die ich wirklich mag. Mal sehen.

Essen, Schlafen, Atmen

Auf vielen Blogs, die ich selbst gerne lese, wird zurzeit über Strategien berichtet, wie wir uns die  Pandemie-Zeit verschönern können. Oder auch: wie wir sie überleben können. Ich nehme mich da nicht aus, ich habe das auch in den vergangenen Artikeln schon mehrfach getan. Basteltipps, die Kinder beschäftigen, Rezepte, die gute Laune machen, Inspiration für Sport an der frischen Luft, der das Immunsystem stärken soll, Dinge, die uns glücklich machen und dann natürlich das, was sowieso immer hilft: sich bewusst machen, wofür man eigentlich dankbar sein kann – tolle Tipps. Sie helfen wirklich. Und machen wirklich gute Laune.

Es gibt aber drei Komponenten, die wir nicht vergessen sollten, und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass wir sie vergessen. Regenerationsspezialist Thorsten Ribbecke, der an der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes in Köln arbeitet, sagt: „Schlaf, Ernährung und Atmung – das sind die drei Bereiche unseres Lebens, die für bestmögliche Erholung sorgen. Und was für Leistungssportler gilt, sollte für jeden Menschen gelten.“

Ernährung ist immer emotional

Ich bin Yogalehrerin. Stimmt. Aber schaue ich mir die drei Bereiche in meinem Leben genauer an, dann tut sich mir die erstaunliche Realität auf: Die drei Komponenten lassen bei mir zu wünschen übrig. Ich glaube, der Bereich Ernährung ist noch der, der mir am besten gelingt. Immer noch nicht so gut, wie ich es eigentlich möchte, aber immerhin. Ich würde gerne mehr Ayurveda einbringen, gelingt mir noch nicht. Auch wenn ich hier auf dem Blog gerade jede Menge Komfort-Food feiere, achte ich sehr darauf, womit ich meinen Körper nähre. Ich kaufe nie Fertiggerichte, wir kochen immer bis auf ganz wenige Ausnahmen – wenn wir mal Thai-Food holen, weil es gerade organisatorisch nicht anders geht – selbst, kaufen ausnahmslos Bioprodukte und zwei Mal die Woche decke ich mich beim Ökobauer meines Vertrauens mit reichlich Obst und Gemüse ein. Sogar die Nüsse kaufe ich mittlerweile beim Demeter-Bauer. Ich süße wenn, dann meistens mit Honig, Datteln oder Ahornsirup und esse kein Fleisch. Ich trinke nie mehr als zwei Tassen Kaffee am Tag – mein Arzt behauptet übrigens, der zweite wäre so wichtig … Ich trinke nie Alkohol, keine Limonaden. An die letzte Cola kann ich mich nicht erinnern. Muss man so nicht machen. Ich sage damit nur, erstaunlicherweise ist die Komponente Ernährung vermutlich die, die am besten bei mir funktioniert. 

Schlaf wird nicht überbewertet

Schlaf?! Toll. Nehme ich. Glaubt man Ribbecke, ist das der Punkt, der am wenigsten für Diskussionen sorgt. „Das ist jedem, wenn es um Regeneration geht, klar. Das ist auch, im Vergleich zu Ernährung beispielsweise, kein Thema, das emotional schnell hochkochen kann, weil plötzlich auch noch so etwas wie Ethik oder Umweltschutz eine Rolle spielt und weil Ernährung generell ein sehr persönliches Thema ist.“ Die meisten Menschen schlafen ja auch gerne. Aber gut? Ich schlafe seit über fünf Jahren wirklich meistens schlecht. Ich habe seit über fünf Jahren nicht mehr durchgeschlafen. Angefangen hat das in meiner ersten Schwangerschaft; mir war da fünfeinhalb Monate lang so schlecht, dass ich mir morgens wünschte, es wäre Abend und nachts wünschte ich mir, es wäre Tag. Ich hatte nachts ständig Durst und musste demnach natürlich auch dauernd aufs Klo. Ich nahm es mit Humor, dachte mir: „Super, dann wird das mit dem Baby ja nachts ein Klacks.“ So war es auch. Natürlich schliefen meine Babys nicht durch, aber es störte mich auch nicht, sie nachts zu stillen. Morgens fühlte ich mich –spätestens nach einem Kaffee – total fit. Ich bin Langzeitstill-Mama, deswegen schlafe ich heute noch schlecht. Mein Körper hat sich nach zwei Stillkindern einfach daran gewöhnt, nachts mehrmals wach zu werden. Zusätzlich dazu ist immer was: Die Kinder haben schlecht geträumt, kommen garantiert an dem Tag morgens um fünf Uhr auf den Gedanken, aufstehen zu wollen, wenn ich mal abends ganz spät ins Bett bin oder sie haben sich mitten in der Nacht versehentlich geweckt. Ich habe mir nie so viele Gedanken darüber gemacht, doch in den letzten Tagen bin ich schon um 21 Uhr ins Bett. Ich dachte, ich müsse vielleicht mal Schlaf nachholen. Gerade hat übrigens Claudia Schaumann von Wasfürmich ganz süß darüber gebloggt. Sie hat auf Instagram ein Profil gefunden, das sich nur um das Thema Naps, Ausschlafen und Entspannung dreht: @thenapministry und findet es unheimlich angenehmen, einfach nur diesen Account zu scrollen.

Bezahlen um zu atmen …

Tja und Atmung? Hust. Hust. Was habe ich mir einen abgeatmet die letzten Jahre! Immer mit dem Anspruch effektiv zu atmen, den Sauerstoff in jede Zelle meines Körpers zu schicken, Kohlendioxid abzutransportieren und innere Ruhe zu bewahren. Hat nicht wirklich funktioniert. Ich sage es gleich: Yogalehrerin zu werden, bedeutet nicht, dass man auch direkt lernt, vernünftig zu atmen.

2016 habe ich ein Yoga-Buch veröffentlicht, ein Kapitel darin hieß: „Bezahlen, um zu atmen?“ Das sollte natürlich ironisch sein. Die Wahrheit ist: Auch ich gehe nun zur Atemtherapie. Da gebe ich richtig Geld für aus. Wir atmen rund 24.000  Mal am Tag und etwas, das wir so häufig machen, sollte optimiert werden. Das sagt auch Ribbecke. Er sagt auch, dass das Thema, wenn er mal wieder über Regenerationsstrategien referiert, bei den meisten Athleten erst auf Ablehnung stößt. Atmen und Meditation – da müsse er sich schon eine richtig gute Marketingstrategie einfallen lassen, bis die Sportler ihm zuhören würden. Hat er aber jetzt. Er hat sich ein paar amerikanische Badass-Athleten rausgesucht, die nachweislich meditieren und das ziehe immer, sagt er. Wenn er erzähle, das Sportstars wie LeBron James seit Jahren einer regelmäßigen Meditationspraxis nachgingen, dann kämen die Athleten nach seinem Vortrag zu ihm und würden sagen: „Du, gibt es da nicht eine App, die wir nutzen können?“ „Von einer richtigen Atemtechnik profitiert nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Leistungsfähigkeit“, sagt Ribbecke. „Die Atmung erzeugt Reaktionen in unserem Nerven-, Muskel- und Fasziensystem, sowie Knochen- und Gelenksystem und hat Einfluss auf das autonome und das zentrale Nervensystem“, erklärt er.

Welche Muskeln helfen eigentlich beim Atmen?

„Du musst überhaupt erst mal wieder lernen, dein Zwerchfell zu entspannen“, sagte mir meine Pranayama-Lehrerin ganz unverblümt in unserer ersten gemeinsamen Stunde. Das Zwerchfell entspringt an den Rippen, dem Brustbein und den oberen Lendenwirbeln und ist unser wichtigster Atemmuskel. Bei einer ruhigen Einatmung übernimmt das Zwerchfell den Großteil der Atmung und in Teilen die Zwischenrippenmuskulatur sowie die schräge Bauchmuskulatur. Ein Teil des Zwerchfells steht in Kontakt mit den unteren Rippen und der Brustwand. Dieser Teil wird unter anderem von der Bauchmuskulatur kontrolliert. Wenn das Atmen ganz schwer wird, helfen auch noch Teile der Muskulatur des Schultergürtels und des Halses, die sogenannte Atemhilfsmuskulatur. Voraussetzung für eine effektive Atmung ist immer, dass die Atemmuskeln gut funktionieren. „Ist dieser Bereich gestört, kann es zu einer ineffizienten Atmung durch einen verminderten Zwerchfelldruck kommen, der querverlaufende Bauchmuskel, der für die Stabilisation im Lendenwirbelbereich und auch für die Atmung wichtig ist, wird nicht richtig eingesetzt und dadurch verändern die anderen Muskeln, die an der Atmung beteiligt sind, ihrerseits ihre Funktion und laufen Gefahr, zu überlasten“, sagt Ribbecke.

…ausgerechnet die Atmung können wir beeinflussen

So weit muss es natürlich nicht kommen, aber wir sollten uns dessen bewusst sein, dass wir ausgerechnet die Atmung im Vergleich zu allen anderen vegetativen Funktionen unseres  Körpers beeinflussen können. Verrückt, oder? Atmen wir effektiv, sinken Puls und Bluthochdruck. Ich bin schwer am Üben. Atme vor mich hin, spüre ganz bewusst meinen Bauch, der sich beim Einatmen hebt und beim Ausatmen senkt. Und lerne, mein Zwerchfell wieder zur entspannen. Das hilft übrigens auch, wenn es zuhause mal wieder stressig wird, weil jemand keine Lust hat, im Winter Schuhe anzuziehen bevor wir dringend los müssen oder wenn sich zwei Kinder um irgendwelches Spielzeug streiten, während ich eigentlich kochen sollte… Einatmen. Ausatmen. Und zwar nicht nur automatisch. Ich gehe im Moment tatsächlich jeden Tag auf die Matte, um Pranayama, also Atemtechniken, zu üben. Die Asana-Praxis ist unwichtiger geworden. Oder auch, ich habe mehr und mehr verstanden, dass Asana dazu da ist, Pranayama zu üben. Im Moment gefällt mir das. Vielleicht liegt’s am Alter …

Heute schon bewegt?

In den vergangenen Wochen ist mir noch einmal ganz deutlich bewusst geworden, wie wichtig Yoga ist. Damit meine ich jetzt ganz simpel Asanas. Wir dürfen Yoga ruhig zunächst einmal über das Körperliche erfahren, weil wir zu viel Sitzen, uns zu wenig bewegen und zum Teil ganz vergessen haben, wofür unser Körper eigentlich konstruiert ist. „Yoga verwandelt sich immer in das, was Menschen gerade brauchen“, hat der Kulturhistoriker Mark Singleton im Interview mit GEO Wissen gesagt. Wir brauchen ganz dringend ein Mittel zum Stressabbau aber auch eines, um unseren Körper wieder zu bewegen.

Entspannung bei den Tagesthemen?!?

Vergangene Woche habe ich zufällig in den yogaeasy-Podcast „Besser leben mit Yoga“ reingehört. Als Interviewpartner stand Kristin Rübesamen der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse zur Verfügung und er konnte recht eindrücklich erläutern, warum aktive Pausen so wichtig für unsere Gesundheit sind. Ja, Fernsehen mag im ersten Moment wie die ideale Entspannungstherapie aussehen. Doch wenn wir genauer darüber nachdenken, ist es in Zeiten von endloser Informationsbeschallung, Multitasking und Arbeitsverdichtung vielleicht auch ein bisschen zu viel. Medienkonsum könne niemals das richtige Regenerationsprogramm sein, sagt Froböse. Und so kommt man natürlich ganz schnell zum Yoga. Yoga ist die aktive Pause schlechthin. In der Asana-Praxis kommen wir selbst in der Bewegung zur Ruhe, spätestens am Ende können wir dabei sogar entspannen und loslassen.

„Bewegung? Aus dem Alter bin ich ‚raus!“

Zu dem Podcast passte ganz gut ein Erlebnis, das ich tatsächlich auch in der vergangenen Woche auf dem Spielplatz hatte: Ich saß zusammen mit einer anderen Mama auf einer Bank, unsere Kinder tobten lachend um einen Ball herum. „Ach“, sagte die andere Mama da zu mir, „wenn er mit anderen Kindern zusammen ist, bewegt er sich natürlich auch viel mehr. Ich renne ja nicht mehr. Ich finde, aus dem Alter bin ich einfach raus.“ Ich war so erstaunt über diese Aussage, dass ich gar nichts antworten konnte. Ich weiß, dass viele Menschen ihre Kinder als Entschuldigung dafür nutzen, dass sie außer Form gekommen sind. Für mich sind meine Kinder der beste Grund dafür in Form zu bleiben. Ich weiß ja rein zufällig, wie alt die andere Mama ist. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Dass wir kleine Kinder haben, sagt eigentlich schon alles aus. Schließlich sollte unser Körper im gebärfähigen Alter absolut auf der Höhe sein. Dass sich das mit dem „idealen Gebäralter“ ein wenig nach hinten verschoben hat, ist halt so. Geht mir ja auch so … Aber es hört sich trotzdem für mich erschreckend an, dass viele kerngesunde Menschen ungefähr zur Halbzeit ihres Lebens entschliessen, dass sie sich von nun an nur noch in gehendem Tempo bewegen wollen. Als müssten sie sparsam mit ihrer Energie umgehen …

Acht Bewegungsrichtungen! Was? Ja, acht!

Genetisch gesehen ist der menschliche Körper darauf ausgelegt, täglich athletische Höchstleistung zu bringen. Das musste er nämlich mal zur Nahrungsbeschaffung. Die Zeiten haben sich geändert. Ist schon klar. Jetzt gibt es Nahrungsmittel an jeder Ecke und bewegen muss man sich eigentlich auch nicht mehr unbedingt, wenn man vom Fleck kommen will. Hm. Eigentlich vielleicht gerade doch ein Grund, manchmal auszuprobieren, wozu der eigene Körper eigentlich so im Stande ist. Man muss ja nicht gleich einen Marathon laufen. Unsere Wirbelsäule kann sich in acht Richtungen bewegen. Acht?!? Ja! Sie kann sich vor- und zurückbeugen, zur Seite nach links und rechts beugen, sich drehen und sie lässt sich sogar auseinanderdehnen und in sich zusammenziehen. Wann hast Du das zuletzt ausprobiert?

Übrigens hat Froböse auch noch gesagt: „Körperliche Aktivität ist der beste Motor dafür, das Immunsystem zu aktivieren.“ Ich erwähne es nur mal so, jetzt wo der Herbst kommt und das C-Wort irgendwie wieder häufiger zu hören ist.

Erfolgskonzept Savasana

Wenn Du so willst, enthält dieser Text unbezahlte Werbung für das Unternehmen yoga2b. Vor allem aber enthält er Werbung für Yoga.

Vor einigen Jahren habe ich in Hamburg mit den Mitarbeitern großer, renommierter Unternehmen in deren Mittagspause gesportelt. Meistens haben wir Yoga geübt. Dass es Großes bewirken kann, ist mir klar. Das sah ich alleine schon an den Gesichtern meiner Schüler, die mir von nachlassenden Rückenschmerzen berichteten, gesteigerter Konzentration nach der Bewegung und dem sinken Blutdruck, von dem mir sogar einer meiner Teilnehmer erzählt hatte.

Um Yoga machen zu können, haben wir gemeinsam in Seminarräumen Tische gerückt, uns auf Dachterrassen gequetscht oder auf Wiesen Matten ausgerollt. Es war eine tolle Zeit und ich hoffe, und wünsche mir, dass Yoga als aktive Pause in Unternehmen ernster genommen wird. Yoga als Erfolgskonzept in Unternehmen funktioniert, weil es ein Weg ist, motivierte Mitarbeiter zu bekommen und auch zu halten. Weil es dabei hilft, aus einem Potpourri von Einzelkämpfern und Individualisten ein Team zu bilden. Häh? Wie soll das gehen? Eine, die das nahezu perfekt vermitteln kann, ist Vanessa Hansch, früher Maempel. Im Dschungel der Yogalehrerinnen hatte sie früh eine gute Idee: Sie ist spezialisiert darauf, in Unternehmen Yoga-Philosophie zu unterrichten und gründete das Unternehmen yoga2b.

Yogalehrerin Vanessa Hansch integriert Yoga in die Businesswelt und behauptet dadurch Mitarbeiter fokussierter, belastbarer und motivierter werden zu lassen. Die Mitarbeiter eines Unternehmens sollen sich also gemeinsam verbiegen, um motivierter bei der Arbeit zu erscheinen? Klingt fast absurd. Es fängt an, Sinn zu machen, wenn man etwas tiefer in die Yogaphilosophie eintaucht. Echt? Nun mal nicht durchdrehen, oder? Vanessa Hansch schmunzelt, denn sie kann nachvollziehen, dass es sich zunächst verwirrend anhören muss, dass das gemeinsame Einnehmen von Yogahaltungen zum Erfolg im Business verhelfen soll. 

„Krieger 2“ zum Erfolg

Hansch, selbst einst klassisches Konzernkind und geförderte Nachwuchsführungskraft, ist überzeugt davon, dass Unternehmer, die yogische Werte leben, erfolgreicher sind. Was macht sie nun in ihren Workshops für Unternehmen? „Ich schaffe den Transfer von yogischen Verhaltensweisen zu alltäglichen Arbeitssituationen.“ Beispielsweise lässt sie als Teambildungsmaßnahme  die Teilnehmenden Balance-Übungen im Team machen. „Natürlich spüren alle schnell, dass alles einfacher wird, wenn man sich gegenseitig unterstützt.“ 

Theoretische Ansätze mit einer körperlichen Übung zu verbinden, führe häufig zu einem Aha-Effekt. Körperliche Übungen untermauern das, was man gerade gehört hat. Natürlich bringe auch Yoga keine neuen Erkenntnisse aber durch die körperliche Erfahrung werde vieles klarer. So wird beispielsweise versucht, zwischen den Teilnehmenden eine besondere Verbindung aufzubauen. „Eine klassische Übung: Zweierteams gemeinsam spazieren gehen lassen, ohne dass sie miteinander sprechen dürfen.“ Oder: lernen, Menschen zuzuhören, sie aussprechen zu lassen. „Für manche Menschen ist das total schwierig, andere finden es wiederum schwer längere Zeit zu sprechen ohne dass ihr Gegenüber etwas dazu sagt.“ Bei solchen Übungen geht es auch darum, mehr Mitgefühl füreinander aufzubringen. „Yoga stärkt unumstritten das Gemeinschaftsgefühl. Im Vergleich zu einem Firmenlauf, der das vielleicht auch schafft, hat Yoga aber keinen Wettkampfcharakter und das ist auch gut so. Es soll ja gerade nicht um Wettkampf gehen innerhalb des Teams. Als Einzelner krisenfest zu sein, sei nicht für alles die Lösung. 

Yoga heißt Verbindung

Erfolgreiche Menschen haben ein großes Ego. Das ist in Ordnung, aber es ist auch wichtig, dass alle wissen, dass sie miteinander etwas bewegen können – meist mehr, als alleine. Hansch behauptet: „Es gibt keinen Menschen, der nicht gemocht werden möchte. Und deswegen will auch kein Chef von seinen Mitarbeitern als Arsch gesehen werden.“ Mitgefühl sei einer der wichtigsten Bausteine für ein funktionierendes Team. „Wenn ich beginne, zu verstehen, warum mein Kollege oder mein Chef oder mein Mitarbeiter sich so verhalten hat, wie er sich verhalten hat, dann ärgere ich mich auch weniger darüber“, sagt Hansch. Dass Yoga dabei hilft, zeigt alleine schon der Name. Yoga heißt schließlich Verbindung. Und dabei geht es nicht immer nur um die Verbindung mit sich selbst, sondern auch um die Verbindung mit der Umwelt. 

Die innere Kündigung

Ein großes Problem für jegliche Unternehmen sei die „innere Kündigung“. So nennt Hansch das, wenn ein Mitarbeiter sich schon entschieden hat, lieber etwas anderes tun zu wollen, der letzte Schritt zur tatsächlichen Kündigung aber noch fehlt. Das sind die Mitarbeiter, deren Motivation bis in den Keller gesunken ist und die für ein Unternehmen schlichtweg keine großen Leistungen mehr bringen können. Daher sagt Hansch auch, fürchteten die Chefs die innere Kündigung. Vanessa Hansch behauptet, dass es möglich ist, Mitarbeiter dazu zu bringen, das Unternehmen als das eigene zu betrachten. Und das führe automatisch zum Erfolg. 

Dass Yoga zu Stressresistenz und mehr Gelassenheit verhilft, ist kein Geheimnis. Der Erfolg von Yoga ist dabei die Kombination aus körperlichen Übungen und Meditation. Yoga verhilft zu mehr Loyalität, verbesserter Produktivität und gestärkten Teamgeist. Weil diejenigen, die sich mit der Yogaphilosophie nachhaltig beschäftigen, mehr Kraft und Stärke in sich selber finden und beispielsweise lernen, dass man sich auf Dinge, die man nicht verändern kann, einlassen kann. 

Foto: Romy Geßner

Om statt Omeprazol?

Es gibt ein Klischee. Es heißt: Yoga heilt alles. Das stimmt aber nicht. Und auch in Mysore gehen die Menschen zum Arzt, wenn sie krank sind. Aber Yoga kann schon ziemlich tolle Dinge …

Ich habe selbst dieses Gefühl erlebt, dass die Wissenschaft heute erklären kann: Nach einer richtig guten Yogastunde fühle ich mich so wahnsinnig leicht, lebendig, müde und gut zugleich. Viele, die Yoga schon mal ausprobiert haben und vor allem diejenigen, die dann auch irgendwie dabei geblieben sind, kennen das: Sie fühlen sich gut, wenn sie das Yogastudio verlassen, können aber nicht erklären warum. Da passiert etwas mit unserem vegetativen Nervensystem, das für viele von uns nur schwer zu fassen ist. Das ist der Zauber von Yoga. Neben den verschwindenden Rückenschmerzen natürlich und der verbesserten Beweglichkeit, der stärkeren Körpermitte und dem besser definierten Gluteus Maximus.

Sicher kennst du diese Illustration von Janosch: „Herr Janosch, Herr Janosch: Wie heilt man sich selbst?“, steht da über dem Mann in der tigergestreiften Latzhose, der auf dem Kopf steht. „Kopfstand. Das ist Yoga, alles wird umgekehrt, und oben wird unten, und kaputt wird voll gut“, ist Janoschs Antwort. Es ist eine typische Janosch-Illustration, nur er kann das wahrscheinlich so schön erklären. Es klingt vielleicht absurd, aber da ist viel Wahres dran. Die Welt auf dein Kopf stellen, kann Wunder bewirken. Es erklärt aber nicht alles.

Yoga und die Forschung

Der Essener Psychologe Holger Cramer bezeichnet Yoga als starke, konzentrierte Hinwendung zum Körper. Das trifft es ziemlich genau und bedeutet, dass man einfach besser darauf achtet, was im Körper geschieht. Dass der Mensch mit Yoga verschiedene Dinge in seinem Körper beeinflussen kann, ist vielen Wissenschaftlern nicht entgangen und daher gibt es mittlerweile unzählige Studien, die sich mit den Auswirkungen von Yoga auf unseren Körper beschäftigen. Dass unsere westliche Schulmedizin selbst begann daran zu glauben, vielleicht manchmal etwas von fernöstlichen Methoden lernen zu können, fing an interessant zu werden, als die Beatles Maharishi, den aus Indien stammende Begründer der Transzendentalen Meditation, engagierten. Heute gibt es zum Glück viele Studien über die positiven Eigenschaften von Yoga. Nachzulesen sind sie beispielsweise im Internet auf Pubmed.com, einer Meta-Datenbank mit medizinischen Artikeln. Yogakurse werden heute sogar von Krankenkassen bezuschusst – zum Glück. Dass Yoga auch in der Medizin ernster genommen wird, ist unter anderem auch ein Verdienst von Dr. Holger Cramer. Auch er beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Studien zum Thema Yoga. Für ihn hat sich bestätigt, dass Yoga die wirksamste Methode gegen Rücken- und Nackenschmerzen ist. Dabei ist er vor allem für die Anwendung von Iyengar Yoga. Die bislang durchgeführten Studien deuten daraufhin, dass Yoga nicht nur vorbeugend, sondern auch schmerzlindernd und heilend auf Nacken- und Rückenprobleme wirken kann. Das liegt daran, dass Yoga die Muskulatur gerade in diesen Bereichen aufbaut, was wiederum dafür sorgt, dass wir eine bessere Haltung einnehmen können. In einem seiner Experimente stellte sich heraus, dass bereits neun Wochen regelmäßiger Yogaunterricht chronische Nackenschmerzen lindern kann. Während der Studie konnten die Teilnehmer, die zusammen mit einem zertifizierten Yogalehrer und Physiotherapeuten einmal in der Woche Iyengar-Yoga-Stunden absolvierten, signifikante Verbesserungen und auch eine bessere Mobilität feststellen. Sie erzielten bessere Resultate als die Gruppe, die ausschließlich ein Programm absolvierte, das sich auf Rückenübungen zu Hause beschränkte. Auch die Yogagruppe übte zusätzlich täglich zehn Minuten zu Hause und beide Gruppen konnten nach neun Wochen über geringere Nackenschmerzen berichten, aber die Yoga-Gruppe war deutlich erfolgreicher. Ihre Teilnehmer fühlten sich mobiler und sprachen durchgehend von einer allgemein verbesserten Lebensqualität. Yoga erlebten sie als aktive Selbsthilfe-Strategie, mit der sie in belastenden Situationen Schmerz lindern oder sogar vorbeugen konnten, sowie als Stressmanagement-Strategie. Einige Patienten konnten dadurch sogar den Gebrauch von Schmerzmitteln reduzieren. Durch ihr neues Körperbewusstsein begannen die Patienten im Alltag bewusst auf ihre Körperhaltung zu achten und Fehlhaltungen zu verändern, wodurch sie den Schmerzen weiter entgegenwirkten. Sie  erkannten ihre Grenzen besser und waren eher bereit, diese zu respektieren.

Nackenschmerzen? Mehr bewegen!

Nackenschmerzen sind in unserer Gesellschaft etwas Normales geworden. Wir sitzen zu viel, vorwiegend am Computer, schlafen in unbequemen Positionen und haben grundsätzlich die Angewohnheit unsere Körperhaltung ziemlich zu vernachlässigen. Wer von uns achtet schon darauf, dass unsere Schultern nicht hängen, wenn wir herumlaufen, dass unser Rücken nicht krumm ist, wenn wir sitzen oder unser Becken in der richtigen Position ist, wenn wir stehen? Deswegen ist es so wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und etwas dagegen zu unternehmen. „Bei Rücken- und Nackenschmerzen hilft es grundsätzlich, sich zu bewegen“, sagt Cramer. Das wisse man heute. „Prinzipiell ist es egal wie man sich bewegt aber beim Yoga kommt beispielsweise noch der soziale Aspekt hinzu, ohne dass ich, wie bei anderen Sportarten, mit meinen Mitstreitern in Konkurrenz treten muss.“ Zusätzlich habe Yoga einen starken Entspannungseffekt und gerade das sei ein wichtiger Punkt, wenn es um Rücken- oder Nackenschmerzen gehe. „Patienten mit Rücken- und Nackenschmerzen müssen oft noch mal lernen, wie sie sich entspannen können. Weil die Schmerzen eine permanente Spannung erzeugen.“ Yoga kombiniert Bewegung und Entspannung und macht es deswegen so wertvoll. „Gerade bei Nackenschmerzen gehen oft Haltungsprobleme mit einher. Dadurch werden die Nackenschmerzen natürlich noch schlimmer. Die Patienten unserer Studie, die Yoga machten, konnten im Alltag plötzlich auch besser auf ihre Körperhaltung achten. Sie spürten beispielsweise, wenn ihre Schultern zusammenfielen und achteten dadurch mehr darauf, wieder eine gute Haltung einzunehmen.“ Natürlich hilft alleine schon die richtige Haltung bei Nacken- und Rückenschmerzen ein wenig weiter. 

Das Karolinska Institutet in Stockholm hat in einer weiteren Studie festgestellt, dass Yoga zu den kostensparendsten Methoden zählt, Rückenschmerzen im unteren Bereich der Wirbelsäule zu behandeln. Und eben das freut unsere Krankenkassen. Emmanuel Aboagye, Malin Lohela Karlsson, Jan Hagberg und Irene Jensen fanden nicht nur heraus, dass eine regelmäßige Yogapraxis zu signifikanten Verbesserungen von Rückenschmerzen führt, sondern auch, dass es im Vergleich zu einer reinen Übungstherapie viel kostengünstiger ist. Und das macht die Krankenkassen froh.

Yoga verbessert die Knochendichte

Mittlerweile gäbe es auch einige vielversprechenden Studien zum Thema Osteoporose, berichtet Cramer. „Einige dieser Studien zeigen, dass Yoga die Knochendichte verbessern kann.“ Wenn es darum geht, Osteoporose vorzubeugen, ist Bewegung, also sportliche Betätigung, ohnehin gut. Für Menschen, die bereits an Osteoporose leiden, mag das nicht wie die richtige Lösung klingen. Hier können Bewegungstherapien die motorischen Fähigkeiten und die Balance merklich verbessern. Und das bedeutet, unter anderem eben auch Yoga. Cramer hat auch herausgefunden, dass Yoga eine vielversprechende Methode ist, körperliche und psychische Akut- und Spätfolgen von Brustkrebserkrankungen zu lindern. „Wie man weiß, kann starke Erschöpfung als Nebenwirkung der Brustkrebserkrankung aber auch der Chemotherapie auftreten. Und hier kann Yoga helfen. Aber was wir kürzlich in einer Studie herausgefunden haben, ist, dass Yoga bei menopausalen Beschwerden hilft. Brustkrebspatientinnen müssen häufig mit Hormonen versorgt werden, die frühzeitig Wechseljahrbeschwerden auslösen können. Diesen kann Yoga entgegenwirken. Es ist aber wichtig zu erkennen, dass Yoga nie in Konkurrenz mit einer Chemotherapie tritt. Yoga lindert Begleiterscheinungen von Krebs oder Therapie, ist aber nicht ein Heilmittel. Yoga erhöht lediglich die Lebensqualität von Brustkrebspatienten.“ Yoga ist also als unterstützende Therapie zu sehen. Die Studie zeigte aber auch, dass Yoga auch bei gesunden Frauen mit Wechseljahrbeschwerden durchaus als Hormontherapie helfen kann. 

Die Sache mit dem GABA

Was Yoga kann, ist psychische Symptome wie Angst und Stress reduzieren. Das funktioniert unter anderem, weil Yoga, in richtigem Masse angewendet, den Spiegel von Cortisol, einem Stresshormon, im Blut reduziert. Die Boston University School of Medicine kam bei ihrer Studie zu Yoga und Gamma-Aminobuttersäure-Konzentration im Gehirn (ein Botenstoff, der als hemmender Neurotransmitter tätig ist, Neuronen beruhigt und Angst lindert) zu dem Ergebnis, dass Yoga den Spiegel von Gamma-Aminobuttersäure (kurz GABA) anheben könne.  GABA sorgt für die Verringerung von Angst und Stress. Es beruhigt unsere Gedanken. Bei regelmäßigen Yogatreibenden stieg der Spiegel des Stoffs durchschnittlich um 27 Prozent an. Es wird vermutet, dass ein niedriger GABA-Spiegel mit Depressionserkrankungen zusammenhängt. Depressive und an Angst Erkrankte haben meist weniger GABA als gesunde Menschen. Der Anstieg des GABA-Spiegels erklärt auch das Glücksgefühl nach einer Yogastunde, was viele Yogis kennen. Yoga-Übungen, die der Körperaufrichtung dienen, können Depressiven ebenfalls helfen. Diese Asanas, so nennt man die Körperstellungen im Yoga, sind stimmungshebend – was wahrscheinlich wiederum mit GABA in Zusammenhang zu bringen ist.

Und dann gibt es noch eine Reihe von „Nebenwirkungen“, die uns im Alltag helfen können: Yoga erhöht beispielsweise die Reaktionsfähigkeit und verhilft zu einem besseren Körperbewusstsein. Die Journalistin Hania Luczak hat bereits im Jahr 2013 eine 23-seitige Reportage im Geo-Magazin darüber geschrieben „was Yoga kann“. Einige der oben genannten Studien sind auch dort nachzulesen. Luczak ist nicht nur eine mehrfach preisgekrönte Journalistin, sie ist auch Biochemikerin und normalerweise niemand, der leicht durch Heilsversprechen zu beeindrucken ist. Sie mache einen großen Bogen um „räucherstäbchenselige Sinnfindungsinstitute“ schreibt sie in dem Artikel. Und vielleicht haben deswegen seit diesem Bericht viele, die für Yogatreibende bisher nur mitleidige Blicke übrig hatten, plötzlich aufgehorcht. Denn da war doch tatsächlich in der Geo, einem Magazin, das sich mit neuen wissenschaftlichen Trends beschäftigt und für seine ausführlichen und gut recherchierten Reportagen bekannt ist, zu lesen, dass hinter Yoga mehr steckt als Räucherstäbchenseligkeit. 

Stress macht krank – Yoga hilft

Es ist kein Geheimnis, dass Stress krank machen kann. Bei bis zu 80 Prozent aller Krankheiten sollen Stress und ein damit verbundener ungesunder Lebensstil ursächlich oder beteiligt sein, schrieb Lanczek in ihrem Artikel. Durch Meditation, Atemtechnik und Körperübungen lasse sich Stress zähmen. Yoga könne bei Migräne helfen und Bluthochdruck senken, erzählte der Wissenschaftler Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité-Universitätsmedizin Berlin der Journalistin. Was Yoga Sport noch voraus hat, ist die Kombination von Atemübungen, Meditation und Körperübungen. Alles gehört zusammen und durch die Koppelung von Atmung und Übungen erreicht man viel. Durch eine effektivere Atmung kann man den Puls senken – das lässt sich einfach ausprobieren und dazu muss man kein Yogapraktizierender Mönch sein. 

Michalsen hat unter anderem Untersuchungen gemacht, bei denen er feststellen konnte, dass sich der Stresslevel von Menschen mit Herzerkrankungen und Bluthochdruck nach nur drei Monaten Yogatraining reduzierte. Auch Cramer forscht im Bereich Herzkreislauf-Erkrankungen. Hier gäbe es noch vieles zu erfahren, allerdings könne durch die richtige Yogatherapie der Blutdruck tatsächlich gesenkt werden. Doch sei wichtig: „Yoga ist kein Ersatz für Medikation. Die Studienlage zeigt, dass mit Yoga der Blutdruck zusätzlich gesenkt werden kann. Auch Blutzuckerentgleisungen können durch Yoga verbessert werden. Und bei manifesten Herzerkrankungen, also beispielsweise bei Patienten, die einen Herzschrittmacher haben, hilft Yoga durchaus dabei, die Lebensqualität zu verbessern. Es gibt Hinweise darauf, dass durch Yoga Vorhofflimmern verringert werden kann“, sagt Cramer. Die richtigen Yogaübungen in Kombination mit einer gesunden Ernährung konnten bei Herzerkrankten erhebliche Gesundheitsfortschritte bewirken. Das vegetative Nervensystem wird ausbalanciert, das Herz schlägt plötzlich ruhiger. Die Stresshormone regulieren sich nach unten. Durch die Regulierung der Atemfrequenz auf unter 15 Atemzüge pro Minute hilft Yoga auch bei Asthma-Kranken. 

Was Yoga nicht kann

Bereits in meiner ersten Yogalehrer- Ausbildung habe ich vieles gehört, was Yoga kann, aber auch was es nicht kann. Yoga kann Multiple Sklerose nicht heilen. Yoga heilt keine Psychosen. Yoga in Verbindung mit gesunder Ernährung kann Diabetes Typ 2 heilen aber nicht Diabetes Typ 1. Weil Diabetes Typ 1 leider grundsätzlich noch nicht heilbar ist. Yoga kann auch den Grünen Star nicht heilen. Es ist sogar so, dass Patienten mit Grünem Star unter gar keinen Umständen Umkehrhaltungen machen sollen, wie beispielsweise einen Handstand, da sich dann der Augeninnendruck erhöht. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass jemand mit Grünem Star kein Yoga machen darf. Es muss aber darauf geachtet werden, dass die richtigen Modifikationen vorgenommen werden. Das gilt genauso für Bluthochdruckpatienten oder Herzkranke. „Beim Bluthochdruck haben wir keine richtigen Daten darüber dass Umkehrhaltungen diesen Patienten schaden, aber es ist naheliegend“, sagt Dr. Cramer. „Weil diese Menschen tendenziell ein hohes Schlaganfall-Risiko haben, soll der Blutstrom zum Gehirn nicht erhöht werden.“ Die Liste, an Krankheiten, die auch durch Yoga nicht positiv zu beeinflussen sind, ist natürlich wahnsinnig lang. Das sollte auch ziemlich klar sein.

Yoga kann vieles positiv unterstützen. Ein Allheilmittel ist es nicht. Yoga ist nicht die Lösung für alles und tatsächlich gehen auch die Menschen in Tibet und im indischen Yogamekka Mysore zum Arzt, wenn sie krank sind. „Der Buddha ist nicht im Alter von 29 Jahren aus seinem Königshaus ausgezogen, um eine Methode zu finden Hämorrhoiden zu kurieren“, zitiert Spiegel-Autor Ulrich Schnabel den Religionswissenschaftler und praktizierenden Buddhist Alan Wallace. Damit will er sagen, Meditation wurde nicht erfunden, um Krankheiten zu heilen. Sie kann andere Therapien ergänzen, nicht ersetzen. 

Tatsächlich könnten akut Kranke mit der plötzlichen Verschreibung von Yoga auch überfordert sein. Es ist also immer genau abzuwägen, wann Yoga weiterhelfen kann und wann nicht. Und trotzdem werde ich nicht müde, zu betonen, wie geil Yoga ist. Die Wissenschaft hat das auch mitbekommen und das Forschungsfeld hier ist weit. Ich lese gerade wieder viel darüber. Und es bleibt unheimlich spannend.

Teile dieses Textes sind 2016 in meinem Buch „Yoga ist ein Arschloch. Warum es uns trotzdem so guttut“ erschienen.

Echtes Yoga, schlechtes Yoga

Ich sage immer: „Finde dein Yoga. Es muss ja nicht Yoga sein.“ Trotzdem finde ich Yoga oder das was wir heute darunter verstehen, wirklich richtig gut. Ich werde in diesem Beitrag nicht all die positiven Einflüsse, die eine regelmäßigen Yogapraxis auf uns hat, aufzählen (vielleicht mache ich das mal an anderer Stelle, es ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt und ich werde nicht müde, darüber zu reden und zu schreiben …). Was mich an der Yogaszene aber nervt, ist, dass vieles, was heute als „Yoga“ bezeichnet wird, von anderen Yogatreibenden belächelt wird. Es fällt mir immer wieder auf, dass Menschen Yoga in „echtes“ und „schlechtes“ Yoga unterteilen. 

Eine meiner schönsten Yogastunden habe ich auf dem Pazifik erlebt. Auf einem Stand-up-Paddle-Board. Dabei macht man Yoga auf einer Art Surfbrett, es ist wackelig. Wenn man die Augen schliesst, hört man das sanfte Plätschern der Wellen, manchmal das Kreischen einer Möwe. Ich fühlte die Wellenbewegungen unter meinem Körper und wenn ich beim Yoga eins mit der Natur war, dann garantiert in dieser Situation. Ich hatte Glücksgefühle. Sehr großen Spaß machte mir dann auch die Einheit auf einem ähnlichen Board – allerdings an Land. Es war ein Brett, dass das Stand-Up-Paddle-Board an Land simulieren sollte. In dieser Stunde in einem Fitness-Studio in Los Angeles lachte ich sehr viel. Beides, Yoga auf dem Stand-Up-Paddle-Board oder der Alternative an Land, ist eine wunderbare Erfindung. Das Indoor-Board, unter das man kleine Luftkissen schiebt, damit die Wellenbewegungen auf dem Wasser simuliert werden können, hilft gerade unbeweglichen Schülern eine massive Verbesserung der Flexibilität der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur und in der Schulter zu erreichen. Die Möglichkeit, sich beispielsweise in Lunge-Positionen oder Vorwärtsbeugen an etwas festhalten zu können – nämlich an dem Boardrand – und dabei aktiv zu spüren, wie man die Schulterblätter nach hinten unten schiebt, hilft den Übenden enorm. 

Ich bin froh, dass in Los Angeles Bryan Kest nach vielen Jahren Training in Hawaii und Mysore mit Power Yoga Santa Monica seinen eigenen Stil entwickelt hat. Aus diesem Stil haben sich dann wieder Stile entwickelt, Kest begeisterte Yogalehrer und -schüler in der ganzen Welt mit seiner kraftvollen Art Yoga zu praktizieren. Ich bin froh, dass Christopher Harrison, ein Akrobatik-Lehrer, seinen Athleten nur eine Möglichkeit bieten wollte, sich zwischen ihren Vorstellungen fit zu halten und deswegen Yoga mit dem Arbeitsgerät der Akrobaten, einem Tuch, das an der Decke hängt, entwickelte. Deswegen gibt es jetzt in jeder halbwegs größeren Stadt Anti-Gravity-Yoga. Ich finde es witzig, dass die amerikanische private Yoga-Kette Core Power Yoga Klassen anbietet, die Yoga Sculpt heißen. Die Teilnehmer verbinden dabei Yogaelemente mit Kurzhanteln. Danach schwitzen alle wie die Irren und ich habe Schüler selten so glückselig in Savasana erlebt, der Ruhestellung auf dem Rücken, die üblicherweise nach jeder Yogastunde praktiziert wird und vielen Schülern schwer fällt, weil sie sich wirklich auf sich selbst einlassen müssen. Mehrere Minuten ruhig liegen zu bleiben ohne dass etwas spannendes passiert – es scheint, als sei das eine der größten Herausforderungen unserer Zeit – aber nach einer Stunde Yoga Sculpt liegen sie alle da wie platt gemacht und sind froh, dass sie sich ausruhen dürfen. Meine wunderbare Kollegin Steffi Rohr hat Bodega Moves erfunden, sie kombiniert Yoga mit Elementen aus dem Functional Training. Ein ähnliches Konzept steckt hinter athleticflow, der Kombination aus HIIT-Training und Yoga. Als ich in Kalifornien lebte, gab es „YAS“, eine Spinning-Stunde, die mit einer Yogaeinheit endete. Die Leute verausgabten sich eine halbe Stunde lang auf dem Fahrrad und rollten danach die Yogamatten aus.

Es gibt tausend weitere Beispiele für Yoga, das nicht viel mit dem Yoga zu tun hat, das vor 3000 Jahren in allerallererster Linie eine philosophische Lehre war. Das heißt aber nicht, dass es schlecht ist, dass es diese Arten von Yoga heute gibt und Yoga sich in unserer westlichen Welt zu einer Art Fitness-Konzept entwickelt hat. Im Gegenteil. Yoga ist etwas gelungen, woran die meisten Fitness-Konzepte scheitern. Es erfindet sich immer wieder neu und schafft es so, immer mehr Menschen zu begeistern. Und das ist gut in einer Zeit, in der sich der Mensch offensichtlich viel zu wenig bewegt. Dass Yoga viel mehr ist, als Bewegung und die eigentliche Lehre nicht viel mit dem Beherrschen von atemberaubenden Posen, die besonders auf Instagram einen guten Eindruck hinterlassen, zu tun hat, versteht sich von selbst. Wenn du Lust darauf hast, alle Facetten des Yoga kennenzulernen, ist das wunderbar. Und wenn du für dich dein Yoga gefunden hast, dann ist das auch wunderbar. Und niemand hat das Recht, zu urteilen, was richtig oder falsch an deinem Yoga ist. Wenn Yoga dich „bewegt“, hat es schon seinen Zweck erfüllt.

Namaste, Yogis.

Warum Yoga und Leistungssport ein super Team sind

Das Jahr 2020 ist ein verrücktes Jahr. Jetzt ist Sommer und normalerweise wäre es ein Sport-Sommer geworden. Fußball-Europameisterschaften, Olympische Spiele. Die Athleten auf ihrer größten Bühne. Corona hat auch dem – wie so vielem – einen Strich durch die Rechnung gemacht. Viele Athleten fürchteten um ihre Existenz, für viele ist der Ausfall von Olympia mit einer (finanziellen) Katastrophe gleichzusetzen. Ausgerechnet Yoga war und ist nun für viele Hochleistungssportler eine Konstante. Ein Anker auf dem wildesten Sturm ihrer Karriere. Denn während viele sich noch Gedanken darüber machten, wie in Corona-Zeiten trainiert werden könnte, schaltete Barbara Plaza, die einzige Yogalehrerin in Deutschland, die fest im Team eines Olympiastützpunktes mitarbeitet, ihren Laptop ein und bot Yoga per Zoom an. Für „ihre“ Athleten – die vom Olympiastützpunkt Rheinland und diejenigen, die ohnehin schon mit ihr zusammenarbeiteten, wie die deutsche Hockey-Nationalmannschaft der Damen beispielsweise oder die deutschen Olympia-Fechter – die Rettung. „Zu diesem Zeitpunkt, gerade als der Lockdown beschlossene Sache war, sind diese Athleten in ein Loch gefallen. Plötzlich ist alles weggefallen, was sonst eine Routine gibt: Trainingszeiten, Physiotherapie, Massage. Zusätzlich dazu, kämpften sie mit einer riesigen Unsicherheit: Was ist mit Wettkämpfen? Würden sie in Zukunft ihren Sport überhaupt noch ausüben können, damit Geld verdienen können? Das waren und sind die Fragen, mit denen sich die Athleten beschäftigen mussten. Da war es schön, wenigstens eine Yogaeinheit anbieten zu können“, sagt Plaza. Die Sportler hatten durch die Yogapraxis zwei, drei feste Termine in der Woche. „Das gab vielen tatsächlich Halt. Und sie freuten sich sehr darauf.“

Barbara Plaza, früher selbst Spitzen-Hochspringerin, konnte auch schon vor Corona-Zeiten gute Gründe aufzählen, weshalb Spitzensportler Yoga in ihr Training integrieren sollten. Wer sich also fragt, wie man es schafft, einen Sportverein davon zu überzeugen, Yoga anzubieten, findet hier entsprechende Argumente:

Immer an der Grenze

„Geschäftsleuten wird schon lange empfohlen, abends zum Yoga zu rennen – und nun muss man sich nur mal vorstellen, dass Spitzensportler im Vergleich dazu nicht nur mental ständig auf Höchstleistung getrimmt sind, sondern auch körperlich. Sie arbeiten stets an der Grenze der höchstmöglichen Belastung“, sagt Plaza.

Spitzensportler leben im Vollgas-Modus. Der Sympathikus, der Teil des vegetativen Nervensystems, der unseren Körper auf Leistungsbereitschaft hält, ist nahezu daueraktiviert. „Das bedeutet, das Nervensystem eines Hochleistungssportlers ist auf Hochspannung getrimmt“, sagt Plaza. Der Kampfmodus ist fast immer aktiviert. Es kommt zu einer dauerhaften Hormonausschüttung, die einerseits psychischen Stress, andererseits erhöhte Verletzungsgefahr mit sich bringt. Die Balance wieder zu finden, ein gesundes Wechselspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus – der für Erholung und Entspannung zuständig ist – zu erzeugen, dabei hilft Yoga.

Spannungen aufbauen … und abbauen

Für Katharina Bauer beispielsweise, eine der besten deutschen Stabhochspringerinnen, gehört Yoga mittlerweile zum Trainingsalltag. Sie zählt zu Plazas Schülerinnen. Stabhochsprung-Wettbewerbe dauern unter Umständen schon mal vier Stunden, dann sind die Athleten Warteperioden ausgesetzt und müssen plötzlich auf den Punkt wieder voll da sein. Auch hierbei helfen Bauer Techniken, die sie im Yoga gelernt hat. „Ich mache Yoga vor jedem Wettkampf, um eine gewisse Spannung aufzubauen“, erklärt Bauer. Unmittelbar vor jedem Wettbewerb bringt sie sich mit Sonnengrüßen in die richtige Stimmung. „Mein Körpergefühl hat sich dadurch verbessert. Es gibt im Stabhochsprung so viele Bewegungsabläufe, wo man gespannt sein oder über eine sehr lange Zeit den Fokus aufrecht erhalten muss“, erklärt sie. 

Stabhochspringerin Katharina Bauer beim Yoga. (Foto: Tine Bielecki)

„Der Körper regeneriert beim Yoga“, sagt Yogalehrerin Plaza. Wenn Athleten ihr erzählen, dass sie zusätzlich zum täglichen Training kaum Zeit für Yoga finden könnten, entgegnet sie: „Du kannst dich abends vor den Fernseher legen oder zehn bis 15 Minuten Yoga praktizieren – was ist wohl besser?“ Nun, hier gilt es dann darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das kennen wir wohl alle. Während für Leistungssportler Yoga tatsächlich eine aktive Regeneration sei, ist es im Vergleich dazu für Hobbysportler eine Trainingsergänzung. Im Hochleistungssport ist es Yogas Aufgabe, „die Sportler runterzuholen“, wie Plaza sagt.

Das Glücksgefühl-Prinzip

Es mag merkwürdig klingen, aber Dehnung und Endorphine stehen in einer Beziehung zueinander. Endorphine sind für eine Reihe von physiologischen Reaktionen verantwortlich, etwa für die Entspannung und das Wohlgefühl, die Praktizierende auch häufig nach dem Yoga verspüren. Dehnübungen stimulieren die Freisetzung dieser Morphine. Endorphine docken nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip innerhalb des Zentralnervensystems an Rezeptoren auf der Zelloberfläche an, dringen in das Innere der Nervenzelle ein und entfalten dort ihre Wirkung.

Auf körperlicher Ebene geht es beim Yoga darum, die Muskulatur, die gerade beim Leistungssportler durch einseitige Belastung angespannt ist, zu lockern. Wird die Dehnfähigkeit der Muskulatur erhöht, bedeutet das gleichzeitig eine höhere Bewegungsamplitude und das wiederum heißt, der Krafteinsatz kann erhöht werden. Fast egal, welche Sportart betrieben wird, Plaza legt in ihrer Praxis einen hohen Fokus auf die tiefe Hüftmuskulatur. „Die wird meistens vernachlässigt und ist überbelastet“, sagt sie. „Wenn die Hüfte blockiert ist, kann ein Sportler keine Leistung bringen.“ Ebenso wichtig sei die Brustkorböffnung. Plaza lacht wieder. „Ich muss fast alles integrieren: Vorbeugen für die rückwärtige Beinmuskulatur, Drehbewegungen für die tiefe Muskulatur um die Wirbelsäule und so weiter.“

Nichts müssen müssen

Natürlich gehöre Dehnen für viele Athleten zum Trainingsalltag, doch beim Yoga lernten sie auch, wie richtig gedehnt werden soll. „Viele fragen mich: Gehe ich beim Dehnen eigentlich bis zum Anschlag? Ich sage dann immer: Mach es doch mal anders als sonst im Training, du musst hier gar nichts beim Yoga, lass mal los, dann dehnt der Muskel, dann wird er weich, dann entspannt er.“ Zusätzlich dazu spielt die Atmung in ihrem Unterricht eine große Rolle. „Die meisten Athleten wissen gar nicht, wozu sie die Atmung einsetzen können. Im besten Fall lernen sie beim Yoga wertvolle Werkzeuge für den Wettkampf zu nutzen.“  Abläufe, die hier geübt werden, werden auch neurologisch verankert. Ein Athlet kann vieles im Wettkampf nicht beeinflussen: die Gegner, die äußeren Bedingungen, das Kampfgericht. Aber die Entscheidung, wie wir atmen, bleibt immer uns selbst überlassen. Je besser wir das Nervensystem unter Kontrolle haben, desto schneller reagiert unser Körper und desto schneller ist er wieder in der Lage Leistung zu bringen. Für kurze Momente die Gedanken beruhigen, schöpft Energie und befreit.

Yoga als Doping

„Der Körper ist limitiert“, sagt Plaza. Bei der Suche nach Ressourcen wurde früher (und leider auch noch heute) nach Medikamenten gegriffen. „Wenn wir wissen, dass wir mit Yoga Regenerationsprozesse beschleunigen, könnte Yoga vielleicht eine dieser Ressourcen sein“, sagt Plaza. Dabei ginge es nicht darum, dass Athleten stundenlang Yoga üben sollten. „Ich sage immer, lieber jeden Tag wenig als einmal im Monat 90 Minuten. Es ist ähnlich wie bei der Physiotherapie. Du fühlst dich danach gut, aber der Effekt verpufft nach kurzer Zeit. Wer elf Minuten am Tag Sonnengrüße macht, die Matte ausrollt, mal atmet, entspannt, der hat schon alles integriert, was wichtig ist.“ Es spielt gar keine Rolle, welche Sportart man betreibt. Yoga dient jedem. Man muss nur wissen, was der jeweilige Sportler in seiner Disziplin für Anforderungen benötigt. Demnach können auch Kraftsportler nur von der Lehre profitieren. 

Für Hobbysportler gilt es hingegen, auch Elemente von Kräftigungs- und Stabilisationsübungen einzubauen. Hier ist das Ziel, mehr Balance in Bewegungsmuster zu bringen. Wer immer nur joggen geht, braucht einen körperlichen Ausgleich. Kleinere aber lästige Wehwehchen verschwinden bei einer regelmässigen Yogapraxis meistens. Dehnen tut allen gut. 

Was Barbara Plaza an der Corona-Zeit gefallen hat: Wenn die Athleten drei Mal in der Woche ihre Yogaeinheiten gemacht haben, haben sie auch festgestellt, dass es ihnen enorm gut tut. Und einige versuchen, diese Regelmäßigkeit beizubehalten. Hockey-Kapitänin Janne Müller-Wieland berichtete im Interview mit der Süddeutschen Zeitung von ihren Yoga-Sessions. Der Mannschaft habe es Halt gegeben, wenn sie sich zum „gemeinsamen“ Live-Stream-Yoga verabreden konnte. Schließlich war es ja das einzige, was das Team zu dieser Zeit zusammen machen konnte. Die Gedanken ausschalten, das gelingt ja beim Yoga manchmal. Und ist zu Corona-Zeiten gar nicht das schlechteste, was man machen kann.

Fotos: Marinus Veit

Hilft Yoga in Krisenzeiten?

Als wir erfahren hatten, dass Schulen, Kitas und andere öffentliche Einrichtungen in den kommenden fünf plus Wochen schliessen würden, legte ich zunächst mal Yogamatten in der Wohnung aus. Für jedes Familienmitglied eine. Meine Kinder sind noch klein. Es ist nicht so, dass sie täglich Sonnengrüße üben. Ich hatte einfach das Gefühl, dass uns Yoga in den nächsten Wochen ein wenig Halt geben würde.  

Ich habe mir Routinen aus der Kita abgeguckt und mache morgens einen Singkreis. Hinterher geht es meistens mal kurz auf die Yogamatte. Dabei darf es ruhig wild und albern zugehen. Wenn ich im Herabschauenden Hund oder der Schiefen Ebene stehe, klettern die Kinder auf meinen Rücken. Egal. Mir geht es gar nicht darum, dass meine Kinder Yoga machen, sondern einerseits sehr eigennützig darum, dass ich auf der Matte ein kleines bisschen Spannung abbauen kann, wenn ich mich bewege oder dehne und andererseits will ich meinen Kindern von klein auf  vermitteln, dass die Yogamatte ein Zufluchtsort sein kann. Oder darf. Je nachdem wie sie das eben sehen. Für meine eineinhalbjährige Tochter bedeutet Yoga eine Körperhaltung wie den Herabschauenden Hund einzunehmen. Das findet sie lustig und mehr und mehr gelingt es mir gemeinsam mit den Kindern auf der Matte zu stehen. Oft machen sie einfach das, was sie unter Yoga verstehen, während ich in verschiedene Körperhaltungen gehe und das seeeeehr genieße.

Yoga in Kiel oder Kalifornien?

Meine eigene Yogapraxis ist während diesen Wochen wieder wichtiger geworden. Was ich aber besonders schön finde, ich kann mit meinen früheren Kollegen aus Santa Barbara üben. Wie viele andere, streamt das Studio, in dem ich einige meiner Ausbildungen machte, gerade live. Was mir am Üben mit den ehemaligen Kollegen so gefällt, ist einerseits, dass wir nun wieder zeitgleich auf der Matte stehen – trotz Zeitunterschied. Ich sehe, wie viele andere gerade mitmachen. Meistens sind es über 100 Teilnehmende. Die Westküste der USA ist verdammt weit weg aber auch da sitzen die Menschen gerade zuhause. Wann waren wir alle schon mal so miteinander verbunden? Ich weiß, dass es manchen weniger gut geht als anderen. Dass wir nicht wirklich überall auf der Welt miteinander verglichen werden können, weil wir ganz unterschiedliche Bedingungen in dieser Situation vorfinden und deswegen auch nicht alle im viel zitierten „selben Boot“ sitzen. Dennoch finde ich – bringt diese ganze Geschichte mit sich, wieder mehr an die anderen zu denken, diejenigen, die eben woanders auf dieser Erde leben.

Vielleicht hört sich das jetzt blöd an, aber Panik habe ich kaum in diesen Wochen verspürt. Und ich will nicht behaupten, dass das daran liegt, dass ich ein durch und durch ausgeglichene Yogalehrerin bin. Das stimmt nämlich nicht. Ich bin mir nur irgendwie im Moment ziemlich sicher, dass Panik gar nichts bringt. Ich mache mir Sorgen um die Gesundheit meiner Eltern und frage mich, ob ich sie wiedersehen darf – uns trennen knapp 800 Kilometer. Ich bin glücklicherweise – und das schätze ich natürlich ungemein – in einer finanziell „noch“ abgesicherten Situation. Für mich ist Arbeiten momentan tatsächlich ziemlich schwierig, weil ich nahezu rund um die Uhr mit meinen Kindern beschäftigt bin. Ein Buchprojekt sitzt mir im Nacken. Dieser Blog wartete schon so lange darauf, mit Leben gefüllt zu werden. Nun dauert es eben noch länger. Zu meinen wichtigsten Kunden zählt ein Tourismusverband, der natürlich in der aktuellen Situation noch nicht einmal weiß, ob so etwas wie eine touristische Saison in diesem Jahr überhaupt stattfinden wird. Aber ich bin gerade mit einem Urvertrauen ausgestattet, dass sehr wohltuend ist.

Ich liebe die Gelassenheit​

Gerade jetzt sind andere Dinge wichtiger. Ich fürchte mich nicht davor, dass man mir alle Freiheiten nimmt, mit denen ich – selbstverständlich – aufgewachsen bin. Ich sehe es eher so, dass ich nun dafür verantwortlich sein kann, Leben zu erhalten. Dass immer wieder darüber diskutiert wird, ob die getroffenen Maßnahmen Sinn machen oder nicht, verstehe ich, aber für mich bedeutet Yogaphilosophie auch: Wahrheiten gibt es immer viele. Und meine Wahrheit muss nicht deine sein. Für mich steht Gesundheit aber über allem. In der aktuellen Sonderausgabe von GEO gibt es ein spannendes Interview mit der Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel: „Den Dingen gegenüber, die ich nicht verändern kann, gilt es Gleichmut und Gelassenheit zu bewahren und nicht in den Widerstand oder ins Beharren zu verfallen. Das bedeutet nicht, dass ich passiv werde und alles hinnehme. Sondern vielmehr, dass ich meine Energie auf das richte, was mir wichtig ist und was ich auch verändern kann,“ sagt sie. 

Neue Energie

Ich bin mir sehr bewusst, dass meine Kindern diese Krise nicht in besonderer Erinnerung behalten werden, so lange ich ihnen ein gut gelaunter Anker bin, viel Zeit mit ihnen verbringe und mit ihnen über all ihre Gefühle rede. Ich könnte mich jetzt hinstellen, und behaupten, es läge an Yoga, dass ich so entspannt durch die Gegend laufe und die ersten vier Wochen der Quarantäne absolut reibungslos überstanden habe. Aber ich weiß nicht, woran es liegt. Ich weiß aber jetzt etwas, was mir vor Corona-Zeiten nicht bewusst war. Dass ich gerne und viel Zeit mit meinen Kindern verbringe und dafür in den letzten fünf Jahren auf Erfolg im Job verzichtet habe, ist gar nicht so doof. Ich habe oft mit mir gehadert, warum ausgerechnet ich in meiner neuen Rolle als Mama so wenig anderes hinzukriegen scheine. Zwei Kinder, fünf Umzüge, zwei Kontinente, ein Buch, – es war ja gar nicht nichts. Aber irgendwie halt doch weniger als ich von mir selbst erwartet habe. Diese Webseite beispielsweise, die wollte ich schon so lange in Angriff nehmen. Blieb immer liegen. Das Gute daran ist aber: In den letzten Wochen war ich nicht einmal einem Nervenzusammenbruch nahe, weil ich mich rund um die Uhr mit meinen Kindern beschäftigen musste. Stattdessen ist da plötzlich eine neue Energie. Fragt mich nicht, woher sie kommt. Vielleicht ist es die Energie, die ich sonst in sinnvolle Berührungen meiner Yogaschüler stecke, vielleicht die Energie, die ich im Fitnessstudio an der Langhantel-Stange verschwendet habe? Vielleicht liegt es daran, dass ich nur noch beim Biobauern kaufe, weil ich keine Lust mehr auf Supermärkte habe – schon lange übrigens nicht mehr aber seit Corona noch viel weniger. Obwohl ich nicht zu denen zähle, die während der Corona-Pandemie plötzlich mehr Zeit hatten, sitze ich jetzt abends oft noch stundenlang am Schreibtisch.

Angst habe ich nur dann, wenn ich zu viele Nachrichten gesehen habe und mein Melatonin-Ausstoß hoch ist – also falls ich nachts wachliege. Das hat dann aber nicht unbedingt wirklich etwas mit Corona zu tun. Yoga tut mir vor allem gut, weil ich Spannungen abbauen kann, wenn ich mich auf der Matte bewege. Meine Muskeln zu spüren, macht mich glücklich. Atmen erdet mich. Ich will gar nicht sagen, dass Corona Tolles hinbekommen hat – ich hätte auch gut und gerne darauf verzichten können. Aber auf einmal sind die kleinen Dinge im Leben wieder wichtiger. Meinen Kaffee am Morgen mit geschäumter Hafermilch geniesse ich noch bewusster als zu Vor-Corona-Zeiten. Das Frühstück ist meistens was Besonderes. Extra-lang gekochtes Porridge mit Kokosmilch oder Espresso-Dattel-Mandelmus-Mischung oder selbstgemachte Rharbaberkompott. Ich bin nicht froh, dass es Corona gibt, aber ich fokussiere mich auf die positiven Seiten. Ich nehme die kleinen Dinge wieder bewusster wahr. Vielleicht wird Familie wieder wichtiger. Vielleicht atmet die Umwelt gerade auf. Vielleicht gibt es ja irgendwo Biologen, die so etwas messen. Es würde mich interessieren. Das wäre doch wenigstens ein schöner Nebeneffekt. #stayhome #staysafe

Dieser Artikel enthält unbezahlte Werbung für Das Magazin GEO.

Lyrics beim Yoga? Oh yeah!

Vielleicht hast du dir auch schon mal die Frage gestellt, ob Musik eigentlich zur Yogapraxis gehört. Diese Frage lässt sich, wie so vieles beim Yoga, vermutlich nicht einfach so mit Ja oder nein beantworten. Manchmal ist Musik wunderbar, um Yoga zu üben, vor allem, wenn man Asanas üben möchte. Und manchmal ist es eben störend. Ich glaube, es kommt sehr darauf an, was man als Yogalehrer nun überhaupt bezwecken möchte. Mich hatte einmal eine Schülerin angesprochen aufgrund meiner Playlist. Es war eine Vinyasa Flow Stunde. Ihr habe die Stunde ganz gut gefallen, sagte sie. Cool, das Positive zuerst … Aber – kurze Pause – ob ich nicht künftig auf Musik mit Text verzichten könne. Sie fühle sich dadurch abgelenkt. Hm. Okay. Ich verstehe das. Auch ich habe während meiner Ausbildung gelernt, dass Lyrics störend während der Yogapraxis sein können. Wir sollten damit sparsam umgehen. Das mache ich auch. Trotzdem waren sie Bestandteil meiner Playlists. Bis dahin. An dem besagten Abend, als die Schülerin mich darauf angesprochen hatte, stellte ich meine Playlists – die mir bislang immer sehr gut gefallen hatten (und ich weiß, dass Musikgeschmack etwas sehr sehr persönliches und individuelles ist!!) – in Frage. Ich grübelte auf dem Nachhauseweg, wie ich dem Wunsch der Schülerin nachkommen könne, ohne mein gesamtes Vermögen bei iTunes zu lassen. Und dann, zuhause, bastelte ich an einer neuen lyricsfreien Playlist für die nächste Vinyasa Flow Stunde. Ich war unzufrieden mit meiner neuen Playlist aber ich spielte sie schön brav in der kommenden Stunde ab.

Darf Robbie mit?

Ein neuer Monat kam und mit ihm eine neue Playlist. Es war ausgerechnet der Monat Dezember. Ich hatte vor, einige bekannte Weihnachtssongs zu spielen, zusätzlich wollte ich unbedingt Robbie Williams Single „Love my life“ mit in meine Liste aufnehmen. Hallo?!? Ich habe eine Power Yoga Ausbildung. Ganz ehrlich, ich finde dieses Lied wirklich ungeheuer passend für eine Yogastunde, den ersten richtigen Flow, wenn meine Schüler warm werden sollen. Alles was Williams da singt für seine Kinder wünsche ich meinen Schülern. All das ist der Sinn von Yoga, oder? „I love my life, I am powerful, I am beautiful, I am free, I love my life, I am wonderful, I am magical, I am me, I love my life“.

Das muss man nicht übersetzen, das muss man nicht erklären. Das ist Yoga. Wahrscheinlich denkt Robbie Williams dabei nicht an Yoga. Aber das spielt keine Rolle, denn nicht für jeden ist Yoga die Antwort auf alle Fragen. Für mich jedenfalls ist klar, dass man bei diesem Lied wenn man denn abgelenkt wird, nichts negatives davonträgt. Abgelenkt durch die Lyrics? Ja, das kann passieren. Aber wirst du auch sicher nicht abgelenkt durch deine Mattennachbarin wenn sie hustet? Schaust du dir in Savasana manchmal die Decke des Yogastudios an und denkst darüber nach ob die Farbe richtig gewählt ist? Das ist dir bestimmt schon mal passiert. Und? Es ist nicht schlimm. Ich finde, dass Worte auch im Unterbewusstsein wirken können. Und das ist doch wunderbar, wenn es sich um positive, motivierende, uns stark machende Worte handelt. Theoretisch müssen ja gar nicht Lyrics in einem Song vorkommen und das Lied kann einen trotzdem an irgendetwas erinnern; vielleicht an etwas hochemotionales, vielleicht an ein Erlebnis, eine Person oder was auch immer. So also kommen wir wieder zu der Frage ob überhaupt Musik während der Yogapraxis gespielt werden soll. Zum Glück ist Yoga nie schwarz oder weiß.

Wie meine Entscheidung ausgefallen ist …

Ich habe mich entschieden, weiterhin die Playlists so zu wählen, wie ich sie wählen möchte. Weil ich ja auch so Yoga unterrichte, wie ich es möchte. Ich habe einen gewissen Stil und der passt nicht jedem. Deswegen darf ja auch jeder den Yogalehrer auswählen, den er will. Und das ist gut so. Ich spiele Musik während ich unterrichte, und wenn ich Lieder aussuche, die Lyrics enthalten, müssen meine Schüler damit leben. Das ist meine Art zu unterrichten. Manchmal unterrichte ich aber auch ohne Musik – zum Beispiel bei Privatstunden. Oder in Unternehmen. Da schaue ich mir zunächst einmal an, mit welchen Berufsgruppen ich es zu tun habe und wenn ich dann der Meinung bin, dass diesen Menschen in ihrem Arbeitsalltag ein wenig Stille guttun würde – was ja meistens so ist, lasse ich die Musik aus. Bei meinen Playlists achte ich darauf, welche Lyrics vorkommen. Aber jedes gesungene Piep muss nicht immer analysiert werden. Ich hatte übrigens später wieder eine Schülerin in einer meiner Stunden, die mich nach der Musik fragte. „Spielst du in dieser Stunde immer Musik?“, fragte sie mich. „Ja, das ist schon das Konzept“, sagte ich. „Das ist gut und in Ordnung“, sagte sie zu mir. „Weißt du, ich liebe Musik. Mir gefiel die Musik sehr gut, die du ausgewählt hast, aber ich liebe Musik eben so sehr, dass ich mich dann gar nicht mehr richtig auf Yoga konzentrieren kann.“ Diese Schülerin sagte mir, dass es zwar schade sei, sie aber vermutlich in Zukunft eine andere Stunde besuchen werde. Ich fand diese Konversation sehr angenehm. Denn diese Schülerin hatte nicht versucht, mich oder meine Art zu unterrichten, zu verändern. Sie fand es authentisch, nur einfach nicht für sie geeignet.

Foto: Thorsten Pahlke  / pixelio.de