Kategorie: Yoga

Heute schon bewegt?

In den vergangenen Wochen ist mir noch einmal ganz deutlich bewusst geworden, wie wichtig Yoga ist. Damit meine ich jetzt ganz simpel Asanas. Wir dürfen Yoga ruhig zunächst einmal über das Körperliche erfahren, weil wir zu viel Sitzen, uns zu wenig bewegen und zum Teil ganz vergessen haben, wofür unser Körper eigentlich konstruiert ist. „Yoga verwandelt sich immer in das, was Menschen gerade brauchen“, hat der Kulturhistoriker Mark Singleton im Interview mit GEO Wissen gesagt. Wir brauchen ganz dringend ein Mittel zum Stressabbau aber auch eines, um unseren Körper wieder zu bewegen.

Entspannung bei den Tagesthemen?!?

Vergangene Woche habe ich zufällig in den yogaeasy-Podcast „Besser leben mit Yoga“ reingehört. Als Interviewpartner stand Kristin Rübesamen der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse zur Verfügung und er konnte recht eindrücklich erläutern, warum aktive Pausen so wichtig für unsere Gesundheit sind. Ja, Fernsehen mag im ersten Moment wie die ideale Entspannungstherapie aussehen. Doch wenn wir genauer darüber nachdenken, ist es in Zeiten von endloser Informationsbeschallung, Multitasking und Arbeitsverdichtung vielleicht auch ein bisschen zu viel. Medienkonsum könne niemals das richtige Regenerationsprogramm sein, sagt Froböse. Und so kommt man natürlich ganz schnell zum Yoga. Yoga ist die aktive Pause schlechthin. In der Asana-Praxis kommen wir selbst in der Bewegung zur Ruhe, spätestens am Ende können wir dabei sogar entspannen und loslassen.

„Bewegung? Aus dem Alter bin ich ‚raus!“

Zu dem Podcast passte ganz gut ein Erlebnis, das ich tatsächlich auch in der vergangenen Woche auf dem Spielplatz hatte: Ich saß zusammen mit einer anderen Mama auf einer Bank, unsere Kinder tobten lachend um einen Ball herum. „Ach“, sagte die andere Mama da zu mir, „wenn er mit anderen Kindern zusammen ist, bewegt er sich natürlich auch viel mehr. Ich renne ja nicht mehr. Ich finde, aus dem Alter bin ich einfach raus.“ Ich war so erstaunt über diese Aussage, dass ich gar nichts antworten konnte. Ich weiß, dass viele Menschen ihre Kinder als Entschuldigung dafür nutzen, dass sie außer Form gekommen sind. Für mich sind meine Kinder der beste Grund dafür in Form zu bleiben. Ich weiß ja rein zufällig, wie alt die andere Mama ist. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Dass wir kleine Kinder haben, sagt eigentlich schon alles aus. Schließlich sollte unser Körper im gebärfähigen Alter absolut auf der Höhe sein. Dass sich das mit dem „idealen Gebäralter“ ein wenig nach hinten verschoben hat, ist halt so. Geht mir ja auch so … Aber es hört sich trotzdem für mich erschreckend an, dass viele kerngesunde Menschen ungefähr zur Halbzeit ihres Lebens entschliessen, dass sie sich von nun an nur noch in gehendem Tempo bewegen wollen. Als müssten sie sparsam mit ihrer Energie umgehen …

Acht Bewegungsrichtungen! Was? Ja, acht!

Genetisch gesehen ist der menschliche Körper darauf ausgelegt, täglich athletische Höchstleistung zu bringen. Das musste er nämlich mal zur Nahrungsbeschaffung. Die Zeiten haben sich geändert. Ist schon klar. Jetzt gibt es Nahrungsmittel an jeder Ecke und bewegen muss man sich eigentlich auch nicht mehr unbedingt, wenn man vom Fleck kommen will. Hm. Eigentlich vielleicht gerade doch ein Grund, manchmal auszuprobieren, wozu der eigene Körper eigentlich so im Stande ist. Man muss ja nicht gleich einen Marathon laufen. Unsere Wirbelsäule kann sich in acht Richtungen bewegen. Acht?!? Ja! Sie kann sich vor- und zurückbeugen, zur Seite nach links und rechts beugen, sich drehen und sie lässt sich sogar auseinanderdehnen und in sich zusammenziehen. Wann hast Du das zuletzt ausprobiert?

Übrigens hat Froböse auch noch gesagt: „Körperliche Aktivität ist der beste Motor dafür, das Immunsystem zu aktivieren.“ Ich erwähne es nur mal so, jetzt wo der Herbst kommt und das C-Wort irgendwie wieder häufiger zu hören ist.

Erfolgskonzept Savasana

Wenn Du so willst, enthält dieser Text unbezahlte Werbung für das Unternehmen yoga2b. Vor allem aber enthält er Werbung für Yoga.

Vor einigen Jahren habe ich in Hamburg mit den Mitarbeitern großer, renommierter Unternehmen in deren Mittagspause gesportelt. Meistens haben wir Yoga geübt. Dass es Großes bewirken kann, ist mir klar. Das sah ich alleine schon an den Gesichtern meiner Schüler, die mir von nachlassenden Rückenschmerzen berichteten, gesteigerter Konzentration nach der Bewegung und dem sinken Blutdruck, von dem mir sogar einer meiner Teilnehmer erzählt hatte.

Um Yoga machen zu können, haben wir gemeinsam in Seminarräumen Tische gerückt, uns auf Dachterrassen gequetscht oder auf Wiesen Matten ausgerollt. Es war eine tolle Zeit und ich hoffe, und wünsche mir, dass Yoga als aktive Pause in Unternehmen ernster genommen wird. Yoga als Erfolgskonzept in Unternehmen funktioniert, weil es ein Weg ist, motivierte Mitarbeiter zu bekommen und auch zu halten. Weil es dabei hilft, aus einem Potpourri von Einzelkämpfern und Individualisten ein Team zu bilden. Häh? Wie soll das gehen? Eine, die das nahezu perfekt vermitteln kann, ist Vanessa Hansch, früher Maempel. Im Dschungel der Yogalehrerinnen hatte sie früh eine gute Idee: Sie ist spezialisiert darauf, in Unternehmen Yoga-Philosophie zu unterrichten und gründete das Unternehmen yoga2b.

Yogalehrerin Vanessa Hansch integriert Yoga in die Businesswelt und behauptet dadurch Mitarbeiter fokussierter, belastbarer und motivierter werden zu lassen. Die Mitarbeiter eines Unternehmens sollen sich also gemeinsam verbiegen, um motivierter bei der Arbeit zu erscheinen? Klingt fast absurd. Es fängt an, Sinn zu machen, wenn man etwas tiefer in die Yogaphilosophie eintaucht. Echt? Nun mal nicht durchdrehen, oder? Vanessa Hansch schmunzelt, denn sie kann nachvollziehen, dass es sich zunächst verwirrend anhören muss, dass das gemeinsame Einnehmen von Yogahaltungen zum Erfolg im Business verhelfen soll. 

„Krieger 2“ zum Erfolg

Hansch, selbst einst klassisches Konzernkind und geförderte Nachwuchsführungskraft, ist überzeugt davon, dass Unternehmer, die yogische Werte leben, erfolgreicher sind. Was macht sie nun in ihren Workshops für Unternehmen? „Ich schaffe den Transfer von yogischen Verhaltensweisen zu alltäglichen Arbeitssituationen.“ Beispielsweise lässt sie als Teambildungsmaßnahme  die Teilnehmenden Balance-Übungen im Team machen. „Natürlich spüren alle schnell, dass alles einfacher wird, wenn man sich gegenseitig unterstützt.“ 

Theoretische Ansätze mit einer körperlichen Übung zu verbinden, führe häufig zu einem Aha-Effekt. Körperliche Übungen untermauern das, was man gerade gehört hat. Natürlich bringe auch Yoga keine neuen Erkenntnisse aber durch die körperliche Erfahrung werde vieles klarer. So wird beispielsweise versucht, zwischen den Teilnehmenden eine besondere Verbindung aufzubauen. „Eine klassische Übung: Zweierteams gemeinsam spazieren gehen lassen, ohne dass sie miteinander sprechen dürfen.“ Oder: lernen, Menschen zuzuhören, sie aussprechen zu lassen. „Für manche Menschen ist das total schwierig, andere finden es wiederum schwer längere Zeit zu sprechen ohne dass ihr Gegenüber etwas dazu sagt.“ Bei solchen Übungen geht es auch darum, mehr Mitgefühl füreinander aufzubringen. „Yoga stärkt unumstritten das Gemeinschaftsgefühl. Im Vergleich zu einem Firmenlauf, der das vielleicht auch schafft, hat Yoga aber keinen Wettkampfcharakter und das ist auch gut so. Es soll ja gerade nicht um Wettkampf gehen innerhalb des Teams. Als Einzelner krisenfest zu sein, sei nicht für alles die Lösung. 

Yoga heißt Verbindung

Erfolgreiche Menschen haben ein großes Ego. Das ist in Ordnung, aber es ist auch wichtig, dass alle wissen, dass sie miteinander etwas bewegen können – meist mehr, als alleine. Hansch behauptet: „Es gibt keinen Menschen, der nicht gemocht werden möchte. Und deswegen will auch kein Chef von seinen Mitarbeitern als Arsch gesehen werden.“ Mitgefühl sei einer der wichtigsten Bausteine für ein funktionierendes Team. „Wenn ich beginne, zu verstehen, warum mein Kollege oder mein Chef oder mein Mitarbeiter sich so verhalten hat, wie er sich verhalten hat, dann ärgere ich mich auch weniger darüber“, sagt Hansch. Dass Yoga dabei hilft, zeigt alleine schon der Name. Yoga heißt schließlich Verbindung. Und dabei geht es nicht immer nur um die Verbindung mit sich selbst, sondern auch um die Verbindung mit der Umwelt. 

Die innere Kündigung

Ein großes Problem für jegliche Unternehmen sei die „innere Kündigung“. So nennt Hansch das, wenn ein Mitarbeiter sich schon entschieden hat, lieber etwas anderes tun zu wollen, der letzte Schritt zur tatsächlichen Kündigung aber noch fehlt. Das sind die Mitarbeiter, deren Motivation bis in den Keller gesunken ist und die für ein Unternehmen schlichtweg keine großen Leistungen mehr bringen können. Daher sagt Hansch auch, fürchteten die Chefs die innere Kündigung. Vanessa Hansch behauptet, dass es möglich ist, Mitarbeiter dazu zu bringen, das Unternehmen als das eigene zu betrachten. Und das führe automatisch zum Erfolg. 

Dass Yoga zu Stressresistenz und mehr Gelassenheit verhilft, ist kein Geheimnis. Der Erfolg von Yoga ist dabei die Kombination aus körperlichen Übungen und Meditation. Yoga verhilft zu mehr Loyalität, verbesserter Produktivität und gestärkten Teamgeist. Weil diejenigen, die sich mit der Yogaphilosophie nachhaltig beschäftigen, mehr Kraft und Stärke in sich selber finden und beispielsweise lernen, dass man sich auf Dinge, die man nicht verändern kann, einlassen kann. 

Foto: Romy Geßner

Om statt Omeprazol?

Es gibt ein Klischee. Es heißt: Yoga heilt alles. Das stimmt aber nicht. Und auch in Mysore gehen die Menschen zum Arzt, wenn sie krank sind. Aber Yoga kann schon ziemlich tolle Dinge …

Ich habe selbst dieses Gefühl erlebt, dass die Wissenschaft heute erklären kann: Nach einer richtig guten Yogastunde fühle ich mich so wahnsinnig leicht, lebendig, müde und gut zugleich. Viele, die Yoga schon mal ausprobiert haben und vor allem diejenigen, die dann auch irgendwie dabei geblieben sind, kennen das: Sie fühlen sich gut, wenn sie das Yogastudio verlassen, können aber nicht erklären warum. Da passiert etwas mit unserem vegetativen Nervensystem, das für viele von uns nur schwer zu fassen ist. Das ist der Zauber von Yoga. Neben den verschwindenden Rückenschmerzen natürlich und der verbesserten Beweglichkeit, der stärkeren Körpermitte und dem besser definierten Gluteus Maximus.

Sicher kennst du diese Illustration von Janosch: „Herr Janosch, Herr Janosch: Wie heilt man sich selbst?“, steht da über dem Mann in der tigergestreiften Latzhose, der auf dem Kopf steht. „Kopfstand. Das ist Yoga, alles wird umgekehrt, und oben wird unten, und kaputt wird voll gut“, ist Janoschs Antwort. Es ist eine typische Janosch-Illustration, nur er kann das wahrscheinlich so schön erklären. Es klingt vielleicht absurd, aber da ist viel Wahres dran. Die Welt auf dein Kopf stellen, kann Wunder bewirken. Es erklärt aber nicht alles.

Yoga und die Forschung

Der Essener Psychologe Holger Cramer bezeichnet Yoga als starke, konzentrierte Hinwendung zum Körper. Das trifft es ziemlich genau und bedeutet, dass man einfach besser darauf achtet, was im Körper geschieht. Dass der Mensch mit Yoga verschiedene Dinge in seinem Körper beeinflussen kann, ist vielen Wissenschaftlern nicht entgangen und daher gibt es mittlerweile unzählige Studien, die sich mit den Auswirkungen von Yoga auf unseren Körper beschäftigen. Dass unsere westliche Schulmedizin selbst begann daran zu glauben, vielleicht manchmal etwas von fernöstlichen Methoden lernen zu können, fing an interessant zu werden, als die Beatles Maharishi, den aus Indien stammende Begründer der Transzendentalen Meditation, engagierten. Heute gibt es zum Glück viele Studien über die positiven Eigenschaften von Yoga. Nachzulesen sind sie beispielsweise im Internet auf Pubmed.com, einer Meta-Datenbank mit medizinischen Artikeln. Yogakurse werden heute sogar von Krankenkassen bezuschusst – zum Glück. Dass Yoga auch in der Medizin ernster genommen wird, ist unter anderem auch ein Verdienst von Dr. Holger Cramer. Auch er beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Studien zum Thema Yoga. Für ihn hat sich bestätigt, dass Yoga die wirksamste Methode gegen Rücken- und Nackenschmerzen ist. Dabei ist er vor allem für die Anwendung von Iyengar Yoga. Die bislang durchgeführten Studien deuten daraufhin, dass Yoga nicht nur vorbeugend, sondern auch schmerzlindernd und heilend auf Nacken- und Rückenprobleme wirken kann. Das liegt daran, dass Yoga die Muskulatur gerade in diesen Bereichen aufbaut, was wiederum dafür sorgt, dass wir eine bessere Haltung einnehmen können. In einem seiner Experimente stellte sich heraus, dass bereits neun Wochen regelmäßiger Yogaunterricht chronische Nackenschmerzen lindern kann. Während der Studie konnten die Teilnehmer, die zusammen mit einem zertifizierten Yogalehrer und Physiotherapeuten einmal in der Woche Iyengar-Yoga-Stunden absolvierten, signifikante Verbesserungen und auch eine bessere Mobilität feststellen. Sie erzielten bessere Resultate als die Gruppe, die ausschließlich ein Programm absolvierte, das sich auf Rückenübungen zu Hause beschränkte. Auch die Yogagruppe übte zusätzlich täglich zehn Minuten zu Hause und beide Gruppen konnten nach neun Wochen über geringere Nackenschmerzen berichten, aber die Yoga-Gruppe war deutlich erfolgreicher. Ihre Teilnehmer fühlten sich mobiler und sprachen durchgehend von einer allgemein verbesserten Lebensqualität. Yoga erlebten sie als aktive Selbsthilfe-Strategie, mit der sie in belastenden Situationen Schmerz lindern oder sogar vorbeugen konnten, sowie als Stressmanagement-Strategie. Einige Patienten konnten dadurch sogar den Gebrauch von Schmerzmitteln reduzieren. Durch ihr neues Körperbewusstsein begannen die Patienten im Alltag bewusst auf ihre Körperhaltung zu achten und Fehlhaltungen zu verändern, wodurch sie den Schmerzen weiter entgegenwirkten. Sie  erkannten ihre Grenzen besser und waren eher bereit, diese zu respektieren.

Nackenschmerzen? Mehr bewegen!

Nackenschmerzen sind in unserer Gesellschaft etwas Normales geworden. Wir sitzen zu viel, vorwiegend am Computer, schlafen in unbequemen Positionen und haben grundsätzlich die Angewohnheit unsere Körperhaltung ziemlich zu vernachlässigen. Wer von uns achtet schon darauf, dass unsere Schultern nicht hängen, wenn wir herumlaufen, dass unser Rücken nicht krumm ist, wenn wir sitzen oder unser Becken in der richtigen Position ist, wenn wir stehen? Deswegen ist es so wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und etwas dagegen zu unternehmen. „Bei Rücken- und Nackenschmerzen hilft es grundsätzlich, sich zu bewegen“, sagt Cramer. Das wisse man heute. „Prinzipiell ist es egal wie man sich bewegt aber beim Yoga kommt beispielsweise noch der soziale Aspekt hinzu, ohne dass ich, wie bei anderen Sportarten, mit meinen Mitstreitern in Konkurrenz treten muss.“ Zusätzlich habe Yoga einen starken Entspannungseffekt und gerade das sei ein wichtiger Punkt, wenn es um Rücken- oder Nackenschmerzen gehe. „Patienten mit Rücken- und Nackenschmerzen müssen oft noch mal lernen, wie sie sich entspannen können. Weil die Schmerzen eine permanente Spannung erzeugen.“ Yoga kombiniert Bewegung und Entspannung und macht es deswegen so wertvoll. „Gerade bei Nackenschmerzen gehen oft Haltungsprobleme mit einher. Dadurch werden die Nackenschmerzen natürlich noch schlimmer. Die Patienten unserer Studie, die Yoga machten, konnten im Alltag plötzlich auch besser auf ihre Körperhaltung achten. Sie spürten beispielsweise, wenn ihre Schultern zusammenfielen und achteten dadurch mehr darauf, wieder eine gute Haltung einzunehmen.“ Natürlich hilft alleine schon die richtige Haltung bei Nacken- und Rückenschmerzen ein wenig weiter. 

Das Karolinska Institutet in Stockholm hat in einer weiteren Studie festgestellt, dass Yoga zu den kostensparendsten Methoden zählt, Rückenschmerzen im unteren Bereich der Wirbelsäule zu behandeln. Und eben das freut unsere Krankenkassen. Emmanuel Aboagye, Malin Lohela Karlsson, Jan Hagberg und Irene Jensen fanden nicht nur heraus, dass eine regelmäßige Yogapraxis zu signifikanten Verbesserungen von Rückenschmerzen führt, sondern auch, dass es im Vergleich zu einer reinen Übungstherapie viel kostengünstiger ist. Und das macht die Krankenkassen froh.

Yoga verbessert die Knochendichte

Mittlerweile gäbe es auch einige vielversprechenden Studien zum Thema Osteoporose, berichtet Cramer. „Einige dieser Studien zeigen, dass Yoga die Knochendichte verbessern kann.“ Wenn es darum geht, Osteoporose vorzubeugen, ist Bewegung, also sportliche Betätigung, ohnehin gut. Für Menschen, die bereits an Osteoporose leiden, mag das nicht wie die richtige Lösung klingen. Hier können Bewegungstherapien die motorischen Fähigkeiten und die Balance merklich verbessern. Und das bedeutet, unter anderem eben auch Yoga. Cramer hat auch herausgefunden, dass Yoga eine vielversprechende Methode ist, körperliche und psychische Akut- und Spätfolgen von Brustkrebserkrankungen zu lindern. „Wie man weiß, kann starke Erschöpfung als Nebenwirkung der Brustkrebserkrankung aber auch der Chemotherapie auftreten. Und hier kann Yoga helfen. Aber was wir kürzlich in einer Studie herausgefunden haben, ist, dass Yoga bei menopausalen Beschwerden hilft. Brustkrebspatientinnen müssen häufig mit Hormonen versorgt werden, die frühzeitig Wechseljahrbeschwerden auslösen können. Diesen kann Yoga entgegenwirken. Es ist aber wichtig zu erkennen, dass Yoga nie in Konkurrenz mit einer Chemotherapie tritt. Yoga lindert Begleiterscheinungen von Krebs oder Therapie, ist aber nicht ein Heilmittel. Yoga erhöht lediglich die Lebensqualität von Brustkrebspatienten.“ Yoga ist also als unterstützende Therapie zu sehen. Die Studie zeigte aber auch, dass Yoga auch bei gesunden Frauen mit Wechseljahrbeschwerden durchaus als Hormontherapie helfen kann. 

Die Sache mit dem GABA

Was Yoga kann, ist psychische Symptome wie Angst und Stress reduzieren. Das funktioniert unter anderem, weil Yoga, in richtigem Masse angewendet, den Spiegel von Cortisol, einem Stresshormon, im Blut reduziert. Die Boston University School of Medicine kam bei ihrer Studie zu Yoga und Gamma-Aminobuttersäure-Konzentration im Gehirn (ein Botenstoff, der als hemmender Neurotransmitter tätig ist, Neuronen beruhigt und Angst lindert) zu dem Ergebnis, dass Yoga den Spiegel von Gamma-Aminobuttersäure (kurz GABA) anheben könne.  GABA sorgt für die Verringerung von Angst und Stress. Es beruhigt unsere Gedanken. Bei regelmäßigen Yogatreibenden stieg der Spiegel des Stoffs durchschnittlich um 27 Prozent an. Es wird vermutet, dass ein niedriger GABA-Spiegel mit Depressionserkrankungen zusammenhängt. Depressive und an Angst Erkrankte haben meist weniger GABA als gesunde Menschen. Der Anstieg des GABA-Spiegels erklärt auch das Glücksgefühl nach einer Yogastunde, was viele Yogis kennen. Yoga-Übungen, die der Körperaufrichtung dienen, können Depressiven ebenfalls helfen. Diese Asanas, so nennt man die Körperstellungen im Yoga, sind stimmungshebend – was wahrscheinlich wiederum mit GABA in Zusammenhang zu bringen ist.

Und dann gibt es noch eine Reihe von „Nebenwirkungen“, die uns im Alltag helfen können: Yoga erhöht beispielsweise die Reaktionsfähigkeit und verhilft zu einem besseren Körperbewusstsein. Die Journalistin Hania Luczak hat bereits im Jahr 2013 eine 23-seitige Reportage im Geo-Magazin darüber geschrieben „was Yoga kann“. Einige der oben genannten Studien sind auch dort nachzulesen. Luczak ist nicht nur eine mehrfach preisgekrönte Journalistin, sie ist auch Biochemikerin und normalerweise niemand, der leicht durch Heilsversprechen zu beeindrucken ist. Sie mache einen großen Bogen um „räucherstäbchenselige Sinnfindungsinstitute“ schreibt sie in dem Artikel. Und vielleicht haben deswegen seit diesem Bericht viele, die für Yogatreibende bisher nur mitleidige Blicke übrig hatten, plötzlich aufgehorcht. Denn da war doch tatsächlich in der Geo, einem Magazin, das sich mit neuen wissenschaftlichen Trends beschäftigt und für seine ausführlichen und gut recherchierten Reportagen bekannt ist, zu lesen, dass hinter Yoga mehr steckt als Räucherstäbchenseligkeit. 

Stress macht krank – Yoga hilft

Es ist kein Geheimnis, dass Stress krank machen kann. Bei bis zu 80 Prozent aller Krankheiten sollen Stress und ein damit verbundener ungesunder Lebensstil ursächlich oder beteiligt sein, schrieb Lanczek in ihrem Artikel. Durch Meditation, Atemtechnik und Körperübungen lasse sich Stress zähmen. Yoga könne bei Migräne helfen und Bluthochdruck senken, erzählte der Wissenschaftler Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité-Universitätsmedizin Berlin der Journalistin. Was Yoga Sport noch voraus hat, ist die Kombination von Atemübungen, Meditation und Körperübungen. Alles gehört zusammen und durch die Koppelung von Atmung und Übungen erreicht man viel. Durch eine effektivere Atmung kann man den Puls senken – das lässt sich einfach ausprobieren und dazu muss man kein Yogapraktizierender Mönch sein. 

Michalsen hat unter anderem Untersuchungen gemacht, bei denen er feststellen konnte, dass sich der Stresslevel von Menschen mit Herzerkrankungen und Bluthochdruck nach nur drei Monaten Yogatraining reduzierte. Auch Cramer forscht im Bereich Herzkreislauf-Erkrankungen. Hier gäbe es noch vieles zu erfahren, allerdings könne durch die richtige Yogatherapie der Blutdruck tatsächlich gesenkt werden. Doch sei wichtig: „Yoga ist kein Ersatz für Medikation. Die Studienlage zeigt, dass mit Yoga der Blutdruck zusätzlich gesenkt werden kann. Auch Blutzuckerentgleisungen können durch Yoga verbessert werden. Und bei manifesten Herzerkrankungen, also beispielsweise bei Patienten, die einen Herzschrittmacher haben, hilft Yoga durchaus dabei, die Lebensqualität zu verbessern. Es gibt Hinweise darauf, dass durch Yoga Vorhofflimmern verringert werden kann“, sagt Cramer. Die richtigen Yogaübungen in Kombination mit einer gesunden Ernährung konnten bei Herzerkrankten erhebliche Gesundheitsfortschritte bewirken. Das vegetative Nervensystem wird ausbalanciert, das Herz schlägt plötzlich ruhiger. Die Stresshormone regulieren sich nach unten. Durch die Regulierung der Atemfrequenz auf unter 15 Atemzüge pro Minute hilft Yoga auch bei Asthma-Kranken. 

Was Yoga nicht kann

Bereits in meiner ersten Yogalehrer- Ausbildung habe ich vieles gehört, was Yoga kann, aber auch was es nicht kann. Yoga kann Multiple Sklerose nicht heilen. Yoga heilt keine Psychosen. Yoga in Verbindung mit gesunder Ernährung kann Diabetes Typ 2 heilen aber nicht Diabetes Typ 1. Weil Diabetes Typ 1 leider grundsätzlich noch nicht heilbar ist. Yoga kann auch den Grünen Star nicht heilen. Es ist sogar so, dass Patienten mit Grünem Star unter gar keinen Umständen Umkehrhaltungen machen sollen, wie beispielsweise einen Handstand, da sich dann der Augeninnendruck erhöht. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass jemand mit Grünem Star kein Yoga machen darf. Es muss aber darauf geachtet werden, dass die richtigen Modifikationen vorgenommen werden. Das gilt genauso für Bluthochdruckpatienten oder Herzkranke. „Beim Bluthochdruck haben wir keine richtigen Daten darüber dass Umkehrhaltungen diesen Patienten schaden, aber es ist naheliegend“, sagt Dr. Cramer. „Weil diese Menschen tendenziell ein hohes Schlaganfall-Risiko haben, soll der Blutstrom zum Gehirn nicht erhöht werden.“ Die Liste, an Krankheiten, die auch durch Yoga nicht positiv zu beeinflussen sind, ist natürlich wahnsinnig lang. Das sollte auch ziemlich klar sein.

Yoga kann vieles positiv unterstützen. Ein Allheilmittel ist es nicht. Yoga ist nicht die Lösung für alles und tatsächlich gehen auch die Menschen in Tibet und im indischen Yogamekka Mysore zum Arzt, wenn sie krank sind. „Der Buddha ist nicht im Alter von 29 Jahren aus seinem Königshaus ausgezogen, um eine Methode zu finden Hämorrhoiden zu kurieren“, zitiert Spiegel-Autor Ulrich Schnabel den Religionswissenschaftler und praktizierenden Buddhist Alan Wallace. Damit will er sagen, Meditation wurde nicht erfunden, um Krankheiten zu heilen. Sie kann andere Therapien ergänzen, nicht ersetzen. 

Tatsächlich könnten akut Kranke mit der plötzlichen Verschreibung von Yoga auch überfordert sein. Es ist also immer genau abzuwägen, wann Yoga weiterhelfen kann und wann nicht. Und trotzdem werde ich nicht müde, zu betonen, wie geil Yoga ist. Die Wissenschaft hat das auch mitbekommen und das Forschungsfeld hier ist weit. Ich lese gerade wieder viel darüber. Und es bleibt unheimlich spannend.

Teile dieses Textes sind 2016 in meinem Buch „Yoga ist ein Arschloch. Warum es uns trotzdem so guttut“ erschienen.

Echtes Yoga, schlechtes Yoga

Ich sage immer: „Finde dein Yoga. Es muss ja nicht Yoga sein.“ Trotzdem finde ich Yoga oder das was wir heute darunter verstehen, wirklich richtig gut. Ich werde in diesem Beitrag nicht all die positiven Einflüsse, die eine regelmäßigen Yogapraxis auf uns hat, aufzählen (vielleicht mache ich das mal an anderer Stelle, es ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt und ich werde nicht müde, darüber zu reden und zu schreiben …). Was mich an der Yogaszene aber nervt, ist, dass vieles, was heute als „Yoga“ bezeichnet wird, von anderen Yogatreibenden belächelt wird. Es fällt mir immer wieder auf, dass Menschen Yoga in „echtes“ und „schlechtes“ Yoga unterteilen. 

Eine meiner schönsten Yogastunden habe ich auf dem Pazifik erlebt. Auf einem Stand-up-Paddle-Board. Dabei macht man Yoga auf einer Art Surfbrett, es ist wackelig. Wenn man die Augen schliesst, hört man das sanfte Plätschern der Wellen, manchmal das Kreischen einer Möwe. Ich fühlte die Wellenbewegungen unter meinem Körper und wenn ich beim Yoga eins mit der Natur war, dann garantiert in dieser Situation. Ich hatte Glücksgefühle. Sehr großen Spaß machte mir dann auch die Einheit auf einem ähnlichen Board – allerdings an Land. Es war ein Brett, dass das Stand-Up-Paddle-Board an Land simulieren sollte. In dieser Stunde in einem Fitness-Studio in Los Angeles lachte ich sehr viel. Beides, Yoga auf dem Stand-Up-Paddle-Board oder der Alternative an Land, ist eine wunderbare Erfindung. Das Indoor-Board, unter das man kleine Luftkissen schiebt, damit die Wellenbewegungen auf dem Wasser simuliert werden können, hilft gerade unbeweglichen Schülern eine massive Verbesserung der Flexibilität der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur und in der Schulter zu erreichen. Die Möglichkeit, sich beispielsweise in Lunge-Positionen oder Vorwärtsbeugen an etwas festhalten zu können – nämlich an dem Boardrand – und dabei aktiv zu spüren, wie man die Schulterblätter nach hinten unten schiebt, hilft den Übenden enorm. 

Ich bin froh, dass in Los Angeles Bryan Kest nach vielen Jahren Training in Hawaii und Mysore mit Power Yoga Santa Monica seinen eigenen Stil entwickelt hat. Aus diesem Stil haben sich dann wieder Stile entwickelt, Kest begeisterte Yogalehrer und -schüler in der ganzen Welt mit seiner kraftvollen Art Yoga zu praktizieren. Ich bin froh, dass Christopher Harrison, ein Akrobatik-Lehrer, seinen Athleten nur eine Möglichkeit bieten wollte, sich zwischen ihren Vorstellungen fit zu halten und deswegen Yoga mit dem Arbeitsgerät der Akrobaten, einem Tuch, das an der Decke hängt, entwickelte. Deswegen gibt es jetzt in jeder halbwegs größeren Stadt Anti-Gravity-Yoga. Ich finde es witzig, dass die amerikanische private Yoga-Kette Core Power Yoga Klassen anbietet, die Yoga Sculpt heißen. Die Teilnehmer verbinden dabei Yogaelemente mit Kurzhanteln. Danach schwitzen alle wie die Irren und ich habe Schüler selten so glückselig in Savasana erlebt, der Ruhestellung auf dem Rücken, die üblicherweise nach jeder Yogastunde praktiziert wird und vielen Schülern schwer fällt, weil sie sich wirklich auf sich selbst einlassen müssen. Mehrere Minuten ruhig liegen zu bleiben ohne dass etwas spannendes passiert – es scheint, als sei das eine der größten Herausforderungen unserer Zeit – aber nach einer Stunde Yoga Sculpt liegen sie alle da wie platt gemacht und sind froh, dass sie sich ausruhen dürfen. Meine wunderbare Kollegin Steffi Rohr hat Bodega Moves erfunden, sie kombiniert Yoga mit Elementen aus dem Functional Training. Ein ähnliches Konzept steckt hinter athleticflow, der Kombination aus HIIT-Training und Yoga. Als ich in Kalifornien lebte, gab es „YAS“, eine Spinning-Stunde, die mit einer Yogaeinheit endete. Die Leute verausgabten sich eine halbe Stunde lang auf dem Fahrrad und rollten danach die Yogamatten aus.

Es gibt tausend weitere Beispiele für Yoga, das nicht viel mit dem Yoga zu tun hat, das vor 3000 Jahren in allerallererster Linie eine philosophische Lehre war. Das heißt aber nicht, dass es schlecht ist, dass es diese Arten von Yoga heute gibt und Yoga sich in unserer westlichen Welt zu einer Art Fitness-Konzept entwickelt hat. Im Gegenteil. Yoga ist etwas gelungen, woran die meisten Fitness-Konzepte scheitern. Es erfindet sich immer wieder neu und schafft es so, immer mehr Menschen zu begeistern. Und das ist gut in einer Zeit, in der sich der Mensch offensichtlich viel zu wenig bewegt. Dass Yoga viel mehr ist, als Bewegung und die eigentliche Lehre nicht viel mit dem Beherrschen von atemberaubenden Posen, die besonders auf Instagram einen guten Eindruck hinterlassen, zu tun hat, versteht sich von selbst. Wenn du Lust darauf hast, alle Facetten des Yoga kennenzulernen, ist das wunderbar. Und wenn du für dich dein Yoga gefunden hast, dann ist das auch wunderbar. Und niemand hat das Recht, zu urteilen, was richtig oder falsch an deinem Yoga ist. Wenn Yoga dich „bewegt“, hat es schon seinen Zweck erfüllt.

Namaste, Yogis.

Warum Yoga und Leistungssport ein super Team sind

Das Jahr 2020 ist ein verrücktes Jahr. Jetzt ist Sommer und normalerweise wäre es ein Sport-Sommer geworden. Fußball-Europameisterschaften, Olympische Spiele. Die Athleten auf ihrer größten Bühne. Corona hat auch dem – wie so vielem – einen Strich durch die Rechnung gemacht. Viele Athleten fürchteten um ihre Existenz, für viele ist der Ausfall von Olympia mit einer (finanziellen) Katastrophe gleichzusetzen. Ausgerechnet Yoga war und ist nun für viele Hochleistungssportler eine Konstante. Ein Anker auf dem wildesten Sturm ihrer Karriere. Denn während viele sich noch Gedanken darüber machten, wie in Corona-Zeiten trainiert werden könnte, schaltete Barbara Plaza, die einzige Yogalehrerin in Deutschland, die fest im Team eines Olympiastützpunktes mitarbeitet, ihren Laptop ein und bot Yoga per Zoom an. Für „ihre“ Athleten – die vom Olympiastützpunkt Rheinland und diejenigen, die ohnehin schon mit ihr zusammenarbeiteten, wie die deutsche Hockey-Nationalmannschaft der Damen beispielsweise oder die deutschen Olympia-Fechter – die Rettung. „Zu diesem Zeitpunkt, gerade als der Lockdown beschlossene Sache war, sind diese Athleten in ein Loch gefallen. Plötzlich ist alles weggefallen, was sonst eine Routine gibt: Trainingszeiten, Physiotherapie, Massage. Zusätzlich dazu, kämpften sie mit einer riesigen Unsicherheit: Was ist mit Wettkämpfen? Würden sie in Zukunft ihren Sport überhaupt noch ausüben können, damit Geld verdienen können? Das waren und sind die Fragen, mit denen sich die Athleten beschäftigen mussten. Da war es schön, wenigstens eine Yogaeinheit anbieten zu können“, sagt Plaza. Die Sportler hatten durch die Yogapraxis zwei, drei feste Termine in der Woche. „Das gab vielen tatsächlich Halt. Und sie freuten sich sehr darauf.“

Barbara Plaza, früher selbst Spitzen-Hochspringerin, konnte auch schon vor Corona-Zeiten gute Gründe aufzählen, weshalb Spitzensportler Yoga in ihr Training integrieren sollten. Wer sich also fragt, wie man es schafft, einen Sportverein davon zu überzeugen, Yoga anzubieten, findet hier entsprechende Argumente:

Immer an der Grenze

„Geschäftsleuten wird schon lange empfohlen, abends zum Yoga zu rennen – und nun muss man sich nur mal vorstellen, dass Spitzensportler im Vergleich dazu nicht nur mental ständig auf Höchstleistung getrimmt sind, sondern auch körperlich. Sie arbeiten stets an der Grenze der höchstmöglichen Belastung“, sagt Plaza.

Spitzensportler leben im Vollgas-Modus. Der Sympathikus, der Teil des vegetativen Nervensystems, der unseren Körper auf Leistungsbereitschaft hält, ist nahezu daueraktiviert. „Das bedeutet, das Nervensystem eines Hochleistungssportlers ist auf Hochspannung getrimmt“, sagt Plaza. Der Kampfmodus ist fast immer aktiviert. Es kommt zu einer dauerhaften Hormonausschüttung, die einerseits psychischen Stress, andererseits erhöhte Verletzungsgefahr mit sich bringt. Die Balance wieder zu finden, ein gesundes Wechselspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus – der für Erholung und Entspannung zuständig ist – zu erzeugen, dabei hilft Yoga.

Spannungen aufbauen … und abbauen

Für Katharina Bauer beispielsweise, eine der besten deutschen Stabhochspringerinnen, gehört Yoga mittlerweile zum Trainingsalltag. Sie zählt zu Plazas Schülerinnen. Stabhochsprung-Wettbewerbe dauern unter Umständen schon mal vier Stunden, dann sind die Athleten Warteperioden ausgesetzt und müssen plötzlich auf den Punkt wieder voll da sein. Auch hierbei helfen Bauer Techniken, die sie im Yoga gelernt hat. „Ich mache Yoga vor jedem Wettkampf, um eine gewisse Spannung aufzubauen“, erklärt Bauer. Unmittelbar vor jedem Wettbewerb bringt sie sich mit Sonnengrüßen in die richtige Stimmung. „Mein Körpergefühl hat sich dadurch verbessert. Es gibt im Stabhochsprung so viele Bewegungsabläufe, wo man gespannt sein oder über eine sehr lange Zeit den Fokus aufrecht erhalten muss“, erklärt sie. 

Stabhochspringerin Katharina Bauer beim Yoga. (Foto: Tine Bielecki)

„Der Körper regeneriert beim Yoga“, sagt Yogalehrerin Plaza. Wenn Athleten ihr erzählen, dass sie zusätzlich zum täglichen Training kaum Zeit für Yoga finden könnten, entgegnet sie: „Du kannst dich abends vor den Fernseher legen oder zehn bis 15 Minuten Yoga praktizieren – was ist wohl besser?“ Nun, hier gilt es dann darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das kennen wir wohl alle. Während für Leistungssportler Yoga tatsächlich eine aktive Regeneration sei, ist es im Vergleich dazu für Hobbysportler eine Trainingsergänzung. Im Hochleistungssport ist es Yogas Aufgabe, „die Sportler runterzuholen“, wie Plaza sagt.

Das Glücksgefühl-Prinzip

Es mag merkwürdig klingen, aber Dehnung und Endorphine stehen in einer Beziehung zueinander. Endorphine sind für eine Reihe von physiologischen Reaktionen verantwortlich, etwa für die Entspannung und das Wohlgefühl, die Praktizierende auch häufig nach dem Yoga verspüren. Dehnübungen stimulieren die Freisetzung dieser Morphine. Endorphine docken nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip innerhalb des Zentralnervensystems an Rezeptoren auf der Zelloberfläche an, dringen in das Innere der Nervenzelle ein und entfalten dort ihre Wirkung.

Auf körperlicher Ebene geht es beim Yoga darum, die Muskulatur, die gerade beim Leistungssportler durch einseitige Belastung angespannt ist, zu lockern. Wird die Dehnfähigkeit der Muskulatur erhöht, bedeutet das gleichzeitig eine höhere Bewegungsamplitude und das wiederum heißt, der Krafteinsatz kann erhöht werden. Fast egal, welche Sportart betrieben wird, Plaza legt in ihrer Praxis einen hohen Fokus auf die tiefe Hüftmuskulatur. „Die wird meistens vernachlässigt und ist überbelastet“, sagt sie. „Wenn die Hüfte blockiert ist, kann ein Sportler keine Leistung bringen.“ Ebenso wichtig sei die Brustkorböffnung. Plaza lacht wieder. „Ich muss fast alles integrieren: Vorbeugen für die rückwärtige Beinmuskulatur, Drehbewegungen für die tiefe Muskulatur um die Wirbelsäule und so weiter.“

Nichts müssen müssen

Natürlich gehöre Dehnen für viele Athleten zum Trainingsalltag, doch beim Yoga lernten sie auch, wie richtig gedehnt werden soll. „Viele fragen mich: Gehe ich beim Dehnen eigentlich bis zum Anschlag? Ich sage dann immer: Mach es doch mal anders als sonst im Training, du musst hier gar nichts beim Yoga, lass mal los, dann dehnt der Muskel, dann wird er weich, dann entspannt er.“ Zusätzlich dazu spielt die Atmung in ihrem Unterricht eine große Rolle. „Die meisten Athleten wissen gar nicht, wozu sie die Atmung einsetzen können. Im besten Fall lernen sie beim Yoga wertvolle Werkzeuge für den Wettkampf zu nutzen.“  Abläufe, die hier geübt werden, werden auch neurologisch verankert. Ein Athlet kann vieles im Wettkampf nicht beeinflussen: die Gegner, die äußeren Bedingungen, das Kampfgericht. Aber die Entscheidung, wie wir atmen, bleibt immer uns selbst überlassen. Je besser wir das Nervensystem unter Kontrolle haben, desto schneller reagiert unser Körper und desto schneller ist er wieder in der Lage Leistung zu bringen. Für kurze Momente die Gedanken beruhigen, schöpft Energie und befreit.

Yoga als Doping

„Der Körper ist limitiert“, sagt Plaza. Bei der Suche nach Ressourcen wurde früher (und leider auch noch heute) nach Medikamenten gegriffen. „Wenn wir wissen, dass wir mit Yoga Regenerationsprozesse beschleunigen, könnte Yoga vielleicht eine dieser Ressourcen sein“, sagt Plaza. Dabei ginge es nicht darum, dass Athleten stundenlang Yoga üben sollten. „Ich sage immer, lieber jeden Tag wenig als einmal im Monat 90 Minuten. Es ist ähnlich wie bei der Physiotherapie. Du fühlst dich danach gut, aber der Effekt verpufft nach kurzer Zeit. Wer elf Minuten am Tag Sonnengrüße macht, die Matte ausrollt, mal atmet, entspannt, der hat schon alles integriert, was wichtig ist.“ Es spielt gar keine Rolle, welche Sportart man betreibt. Yoga dient jedem. Man muss nur wissen, was der jeweilige Sportler in seiner Disziplin für Anforderungen benötigt. Demnach können auch Kraftsportler nur von der Lehre profitieren. 

Für Hobbysportler gilt es hingegen, auch Elemente von Kräftigungs- und Stabilisationsübungen einzubauen. Hier ist das Ziel, mehr Balance in Bewegungsmuster zu bringen. Wer immer nur joggen geht, braucht einen körperlichen Ausgleich. Kleinere aber lästige Wehwehchen verschwinden bei einer regelmässigen Yogapraxis meistens. Dehnen tut allen gut. 

Was Barbara Plaza an der Corona-Zeit gefallen hat: Wenn die Athleten drei Mal in der Woche ihre Yogaeinheiten gemacht haben, haben sie auch festgestellt, dass es ihnen enorm gut tut. Und einige versuchen, diese Regelmäßigkeit beizubehalten. Hockey-Kapitänin Janne Müller-Wieland berichtete im Interview mit der Süddeutschen Zeitung von ihren Yoga-Sessions. Der Mannschaft habe es Halt gegeben, wenn sie sich zum „gemeinsamen“ Live-Stream-Yoga verabreden konnte. Schließlich war es ja das einzige, was das Team zu dieser Zeit zusammen machen konnte. Die Gedanken ausschalten, das gelingt ja beim Yoga manchmal. Und ist zu Corona-Zeiten gar nicht das schlechteste, was man machen kann.

Fotos: Marinus Veit

Hilft Yoga in Krisenzeiten?

Als wir erfahren hatten, dass Schulen, Kitas und andere öffentliche Einrichtungen in den kommenden fünf plus Wochen schliessen würden, legte ich zunächst mal Yogamatten in der Wohnung aus. Für jedes Familienmitglied eine. Meine Kinder sind noch klein. Es ist nicht so, dass sie täglich Sonnengrüße üben. Ich hatte einfach das Gefühl, dass uns Yoga in den nächsten Wochen ein wenig Halt geben würde.  

Ich habe mir Routinen aus der Kita abgeguckt und mache morgens einen Singkreis. Hinterher geht es meistens mal kurz auf die Yogamatte. Dabei darf es ruhig wild und albern zugehen. Wenn ich im Herabschauenden Hund oder der Schiefen Ebene stehe, klettern die Kinder auf meinen Rücken. Egal. Mir geht es gar nicht darum, dass meine Kinder Yoga machen, sondern einerseits sehr eigennützig darum, dass ich auf der Matte ein kleines bisschen Spannung abbauen kann, wenn ich mich bewege oder dehne und andererseits will ich meinen Kindern von klein auf  vermitteln, dass die Yogamatte ein Zufluchtsort sein kann. Oder darf. Je nachdem wie sie das eben sehen. Für meine eineinhalbjährige Tochter bedeutet Yoga eine Körperhaltung wie den Herabschauenden Hund einzunehmen. Das findet sie lustig und mehr und mehr gelingt es mir gemeinsam mit den Kindern auf der Matte zu stehen. Oft machen sie einfach das, was sie unter Yoga verstehen, während ich in verschiedene Körperhaltungen gehe und das seeeeehr genieße.

Yoga in Kiel oder Kalifornien?

Meine eigene Yogapraxis ist während diesen Wochen wieder wichtiger geworden. Was ich aber besonders schön finde, ich kann mit meinen früheren Kollegen aus Santa Barbara üben. Wie viele andere, streamt das Studio, in dem ich einige meiner Ausbildungen machte, gerade live. Was mir am Üben mit den ehemaligen Kollegen so gefällt, ist einerseits, dass wir nun wieder zeitgleich auf der Matte stehen – trotz Zeitunterschied. Ich sehe, wie viele andere gerade mitmachen. Meistens sind es über 100 Teilnehmende. Die Westküste der USA ist verdammt weit weg aber auch da sitzen die Menschen gerade zuhause. Wann waren wir alle schon mal so miteinander verbunden? Ich weiß, dass es manchen weniger gut geht als anderen. Dass wir nicht wirklich überall auf der Welt miteinander verglichen werden können, weil wir ganz unterschiedliche Bedingungen in dieser Situation vorfinden und deswegen auch nicht alle im viel zitierten „selben Boot“ sitzen. Dennoch finde ich – bringt diese ganze Geschichte mit sich, wieder mehr an die anderen zu denken, diejenigen, die eben woanders auf dieser Erde leben.

Vielleicht hört sich das jetzt blöd an, aber Panik habe ich kaum in diesen Wochen verspürt. Und ich will nicht behaupten, dass das daran liegt, dass ich ein durch und durch ausgeglichene Yogalehrerin bin. Das stimmt nämlich nicht. Ich bin mir nur irgendwie im Moment ziemlich sicher, dass Panik gar nichts bringt. Ich mache mir Sorgen um die Gesundheit meiner Eltern und frage mich, ob ich sie wiedersehen darf – uns trennen knapp 800 Kilometer. Ich bin glücklicherweise – und das schätze ich natürlich ungemein – in einer finanziell „noch“ abgesicherten Situation. Für mich ist Arbeiten momentan tatsächlich ziemlich schwierig, weil ich nahezu rund um die Uhr mit meinen Kindern beschäftigt bin. Ein Buchprojekt sitzt mir im Nacken. Dieser Blog wartete schon so lange darauf, mit Leben gefüllt zu werden. Nun dauert es eben noch länger. Zu meinen wichtigsten Kunden zählt ein Tourismusverband, der natürlich in der aktuellen Situation noch nicht einmal weiß, ob so etwas wie eine touristische Saison in diesem Jahr überhaupt stattfinden wird. Aber ich bin gerade mit einem Urvertrauen ausgestattet, dass sehr wohltuend ist.

Ich liebe die Gelassenheit​

Gerade jetzt sind andere Dinge wichtiger. Ich fürchte mich nicht davor, dass man mir alle Freiheiten nimmt, mit denen ich – selbstverständlich – aufgewachsen bin. Ich sehe es eher so, dass ich nun dafür verantwortlich sein kann, Leben zu erhalten. Dass immer wieder darüber diskutiert wird, ob die getroffenen Maßnahmen Sinn machen oder nicht, verstehe ich, aber für mich bedeutet Yogaphilosophie auch: Wahrheiten gibt es immer viele. Und meine Wahrheit muss nicht deine sein. Für mich steht Gesundheit aber über allem. In der aktuellen Sonderausgabe von GEO gibt es ein spannendes Interview mit der Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel: „Den Dingen gegenüber, die ich nicht verändern kann, gilt es Gleichmut und Gelassenheit zu bewahren und nicht in den Widerstand oder ins Beharren zu verfallen. Das bedeutet nicht, dass ich passiv werde und alles hinnehme. Sondern vielmehr, dass ich meine Energie auf das richte, was mir wichtig ist und was ich auch verändern kann,“ sagt sie. 

Neue Energie

Ich bin mir sehr bewusst, dass meine Kindern diese Krise nicht in besonderer Erinnerung behalten werden, so lange ich ihnen ein gut gelaunter Anker bin, viel Zeit mit ihnen verbringe und mit ihnen über all ihre Gefühle rede. Ich könnte mich jetzt hinstellen, und behaupten, es läge an Yoga, dass ich so entspannt durch die Gegend laufe und die ersten vier Wochen der Quarantäne absolut reibungslos überstanden habe. Aber ich weiß nicht, woran es liegt. Ich weiß aber jetzt etwas, was mir vor Corona-Zeiten nicht bewusst war. Dass ich gerne und viel Zeit mit meinen Kindern verbringe und dafür in den letzten fünf Jahren auf Erfolg im Job verzichtet habe, ist gar nicht so doof. Ich habe oft mit mir gehadert, warum ausgerechnet ich in meiner neuen Rolle als Mama so wenig anderes hinzukriegen scheine. Zwei Kinder, fünf Umzüge, zwei Kontinente, ein Buch, – es war ja gar nicht nichts. Aber irgendwie halt doch weniger als ich von mir selbst erwartet habe. Diese Webseite beispielsweise, die wollte ich schon so lange in Angriff nehmen. Blieb immer liegen. Das Gute daran ist aber: In den letzten Wochen war ich nicht einmal einem Nervenzusammenbruch nahe, weil ich mich rund um die Uhr mit meinen Kindern beschäftigen musste. Stattdessen ist da plötzlich eine neue Energie. Fragt mich nicht, woher sie kommt. Vielleicht ist es die Energie, die ich sonst in sinnvolle Berührungen meiner Yogaschüler stecke, vielleicht die Energie, die ich im Fitnessstudio an der Langhantel-Stange verschwendet habe? Vielleicht liegt es daran, dass ich nur noch beim Biobauern kaufe, weil ich keine Lust mehr auf Supermärkte habe – schon lange übrigens nicht mehr aber seit Corona noch viel weniger. Obwohl ich nicht zu denen zähle, die während der Corona-Pandemie plötzlich mehr Zeit hatten, sitze ich jetzt abends oft noch stundenlang am Schreibtisch.

Angst habe ich nur dann, wenn ich zu viele Nachrichten gesehen habe und mein Melatonin-Ausstoß hoch ist – also falls ich nachts wachliege. Das hat dann aber nicht unbedingt wirklich etwas mit Corona zu tun. Yoga tut mir vor allem gut, weil ich Spannungen abbauen kann, wenn ich mich auf der Matte bewege. Meine Muskeln zu spüren, macht mich glücklich. Atmen erdet mich. Ich will gar nicht sagen, dass Corona Tolles hinbekommen hat – ich hätte auch gut und gerne darauf verzichten können. Aber auf einmal sind die kleinen Dinge im Leben wieder wichtiger. Meinen Kaffee am Morgen mit geschäumter Hafermilch geniesse ich noch bewusster als zu Vor-Corona-Zeiten. Das Frühstück ist meistens was Besonderes. Extra-lang gekochtes Porridge mit Kokosmilch oder Espresso-Dattel-Mandelmus-Mischung oder selbstgemachte Rharbaberkompott. Ich bin nicht froh, dass es Corona gibt, aber ich fokussiere mich auf die positiven Seiten. Ich nehme die kleinen Dinge wieder bewusster wahr. Vielleicht wird Familie wieder wichtiger. Vielleicht atmet die Umwelt gerade auf. Vielleicht gibt es ja irgendwo Biologen, die so etwas messen. Es würde mich interessieren. Das wäre doch wenigstens ein schöner Nebeneffekt. #stayhome #staysafe

Dieser Artikel enthält unbezahlte Werbung für Das Magazin GEO.