Priorität: Einatmen, Ausatmen

Manchmal ist es schön, wenn Yoga nur simpel ist. Foto: Arndt Falter

Im November ist meine Yogapraxis sehr einfach geworden. Na ja, ich muss fast sagen: Ich bin froh, dass da überhaupt wieder so etwas wie eine Yogapraxis stattfindet. Ich habe angefangen, in meinem Alltag als Mama und Selbständige wieder Prioritäten zu setzen und gehe auf die Matte. Und ich bin danach so unheimlich wach, gestärkt und zufrieden. Und alleine das ist wundervoll. In meinem Kopf fühlt es sich so an, als hätte der Ostseewind einmal durch jede Ritze meines Gehirns gepustet, als hätte ich noch einen starken Espresso gehabt – nur ohne Magenschmerzen. Es ist so gut. Mir reichen 30 bis 45 Minuten. Und die Praxis ist – wie schon erwähnt – wirklich simpel. Ich sitze kurz und atme in meinen Bauchraum, ich gehe in den Kniestand, atme ein und schiebe meinen Po dann ins Kind. Ich atme aus, hebe mich in einen Vierfüßler mit der Einatmung und gehe ausatmend zurück ins Kind. Ich mache den Herabschauenden Hund, fließe ein paar Mal durch den Sonnengruß, weil er meinem Rücken so gut tut, mache immer – wirklich in jeder Praxis – einen Krieger 2, eine Umgekehrte Winkelhaltung und einen friedvollen Krieger (meine Schüler kennen das …) und seit November jedes Mal das Dreieck und dann – als Top Asana sozusagen – das gedrehte Dreieck. Puh. Also von wegen simpel. Das fällt mir nämlich schwer, ich finde es recht anspruchsvoll. Danach vielleicht noch eine Brücke, die sitzende Vorbeuge, den Fisch wenn es sein muss und Savasana. Ende aus.

Ritterrüstung angeatmet

Dabei habe ich so gut geatmet, ich fühle mich so als sei ich gegen jeden kommenden Wutanfall von Unter-Sechs-Jährigen gewappnet. Als würde mein Atem mich durch den Tag tragen, komme was wolle. Als hätte ich mir eine Ritterrüstung angeatmet. Ich liebe das. Ich habe lange nicht so gut geatmet wie in den letzten Wochen. Und es fühlt sich wirklich so an, als trage mich der Atem durch Hochs und Tiefs. Was natürlich ein Trugschluss ist, denn wir können ja nie auf alles vorbereitet sein. Aber egal. Alleine die Illusion, dass ich meine Ritterrüstung bei mir trage, fühlt sich gut an. Wie verächtlich ich früher immer die Augen verdrehte, wenn ich las, dass am Abend, wenn die Kinder nicht einschlafen wollten, nur Ein- und Ausatmen helfe … Heute empfinde ich das wirklich so. Wenn ich die Luft in meinen Bauchraum strömen lasse, egal wo ich gerade bin, entsteht so viel Entspannung. Und so bringt mich meine Atmung durch meinen Alltag. Nichtigkeiten. Erste-Welt-Probleme.

Pausen sollen aktive Prozesse sein

In dem Podcast Besser leben mit Yoga von yogaeasy hat Professor Doktor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln im Interview mit Kristin Rübsamen im August gesagt: „Kein Mensch kann bei den Tagesthemen entspannen. Der Konsum von Medien kann keine Regeneration sein. Pausen sollen ein aktiver Prozess sein. Sportler werden durch Pausen richtig gut. Die Pause muss zur Leistungsfähigkeit passen. Belastung und Regeneration müssen als Zwillinge betrachtet werden.“ Yoga verbindet Bewegung mit Pause. Und der bewusste Fokus auf unsere Atmung macht etwas mit uns. Er versetzt uns in einen meditativen Zustand.

Alle Gefühle willkommen

„Kein Mensch kann bei den Tagesthemen entspannen“ – für mich klingt das ziemlich logisch. Die Flut an negativen Nachrichten ist anstrengend für uns. Schnelle Fernsehbilder sind es auch. Vielleicht setzt du dir auch wieder deine Entspannungs-Priorität. Muss ja nicht Yoga sein. Und wenn es doch Netflix sein muss … dann such dir vielleicht was Herzerwärmendes raus … 😉 Jetzt ist der Advent ja bald. Mein diesjähriges Motto dafür: „All feelings are welcome“. Vielleicht will ich in diesem Advent gar nicht jeden Tag voller Vorfreude sein. Vielleicht bin ich manchmal Lichter- und Sterne-müde, vielleicht traurig, vielleicht fühle ich mich mal gar nicht so stark und an anderen Tagen habe ich mich wieder high geatmet, freue ich mich auf eine Jahreszeit, die ich wirklich mag. Mal sehen.

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