Guet gnueg

Eine Kriegerhaltung. Nichts Spektakuläres. Der Blick nicht nach oben, sondern schräg vorne, das Herz nicht weit genug geöffnet, die Schulter sitzt auch einfach nur irgendwie auf dem Körper drauf. Ein Hut, keine Frisur. Egal. Gut genug, oder? Bild: Arndt Falter

Gut zwei Jahre lang ist meine große Tochter in eine Kita gegangen, die nur bis 13.15 Uhr geöffnet hatte. Als wir vor zweieinhalb Jahren nach Kiel gezogen sind, gab man mir gleich zu verstehen, dass Kitaplätze hier rar sind (Warum ist das eigentlich so? Was läuft da falsch in einem Land wie Deutschland? In Kiel liegt es angeblich an der fehlenden Zahl von Gebäuden, die den Anforderungen entsprechen …? Ob das wahr ist …?). Ich kenne wirklich Familien, die wissen noch nicht, ob und wann ihre Kinder im kommenden Jahr einen Kitaplatz kriegen werden. Also war ich, nachdem wir uns in der Kita anmelden konnten, sehr dankbar. Ich war gerade wieder schwanger und war mir sicher, dass der Großen ein paar Stunden am Tag ohne eine Mama mit Säugling an der Brust ganz gut tun würden. Ebenso würde es mir und dem Baby natürlich gut tun, wenn wir uns ein paar Stunden am Tag ganz auf uns konzentrieren könnten. Hey, so ganz uneigennützig ist doch hier gar nichts, oder? 😉 Damals dachte ich: Komm, ist doch egal. An Arbeiten ist mit einem Baby ohnehin nicht wirklich zu denken, da macht mir die frühe Abholzeit nichts aus. Beide Kinder wurden älter (die Mutter auch) und seit August 2020 ist die Kita meiner Ältesten bis 16 Uhr geöffnet. Was ich an einem Tag plötzlich alles schaffen kann! Wie viel möglich ist im Vergleich zu vorher, erstaunt mich immer wieder. Dabei habe ich sie noch nie erst um 16 Uhr abgeholt.

Immer noch ertappe ich mich allerdings dabei, dass ich – sobald die Kinder aus dem Haus sind  – alles Mögliche ganz schnell und dringend in diesen Tag packen muss. Ich arbeite meistens von zuhause aus. (Im Lockdown light vor allem, denn Fitness- und Yogastudios sind geschlossen.) Ich nehme mir viel zu viel vor, rödele durch den Vormittag wie eine Irre, um dann um 13.30 Uhr festzustellen, dass ich immer noch nicht geduscht bin und noch nichts zu Mittag gegessen habe. Nur noch eine Stunde, und dann will ich eigentlich langsam die Jüngste in Empfang nehmen … Und die Küche sieht immer noch aus wie Sau … 

Erst seit Anfang November habe ich etwas gelernt: Ich muss nicht alles Mögliche in diese sechs Stunden packen. Ich kann auch ruhig mal weniger leisten. Weil gut immer auch gut genug ist. Warum ich das hier schreibe? Weil mir aufgefallen ist, dass es ganz vielen Mamas so geht. Das Paradoxe dabei ist: Gerade wenn die Kleinen anfangen, in die Kita zu gehen, die Eltern also plötzlich wieder einige Stunden am Tag ganz für sich haben, beginnt der Stress: Als hätte sich im ersten oder zweiten oder dritten Jahr zuhause mit Kind so viel Tatendrang in einem angestaut, dass man jetzt alles auf einmal anpacken muss. Eine Freundin von mir sagte mir kürzlich: „Ich werde dann schon nervös, wenn sie morgens trödelt und wir es nicht vor 9 Uhr aus dem Haus schaffen. Dann denke ich: Ich muss ja schon in fast drei Stunden wieder los, um sie abzuholen.“ Und die Moral von der Geschichte: Für viele Mamas war die Lockdown-Zeit im Frühling geradezu Entspannung. Weil der Druck auf einmal weggefallen ist, alles in einen Vormittag zu packen, in dem das Kind betreut ist. Plötzlich konnten wir auf Bring- und Abholzeiten einen Pups lassen. Normalerweise hatten die uns in den Wahnsinn getrieben, weil wir gerade begonnen hatten, wieder Arbeit anzunehmen, Dinge auch mal flexibel etwas mehr Zeit in Anspruch nahmen oder das Aufräumen der eigenen Bude einfach länger dauerte, als angenommen.

Sarah Louisa Iseli, Sängerin, Schauspielerin, Jodlerin, Ukulele-Spielerin, Angehörige der Kategorie Lieblingsmensch, erinnert mich manchmal daran, dass jeder „guet gnueg“ ist.

In dieser ersten Novemberwoche nach einem wirklich zehrenden Oktober mit Deadlines und wichtigen Terminen, stand ich irgendwann ungefähr gegen 12 Uhr mittags in meiner Küche. Ich hatte mir morgens eine Stunde Zeit für Pranayama und Asanas genommen, hatte am Computer gesessen und für diesen Blog geschrieben und wollte mich gerade darüber erschrecken, dass mir nur noch weitere zweienhalb Stunden Zeit blieben, bis ich die Kinder abholen wollte … Und da entspannte sich in mir irgendetwas. Einfach so. Einfach so habe ich plötzlich gedacht, dass ich gar nichts weitere in diesen Mittag packen müsse, dass es auch völlig in Ordnung sei, wenn nicht all das, was ich mir vorstellte, bis 14.30 Uhr erledigt wäre. Ich habe plötzlich verstanden, dass ich in fünfeinhalb Stunden nicht einen Artikel schreiben, das Abendessen vorbereiten und auch noch das Projekt „Balkonverschönerung“ erledigt haben muss. Sondern manchmal reicht es, nur eine Sache davon zu meiner Zufriedenheit vollbracht zu haben. Der Podcast einer Schweizer Freundin von mir heißt „Guet gnueg – der Podcast für mehr Liebe“. Er ist auf schweizerdeutsch, daher wird nicht jeder genau verstehen, was Sarah und ihre Interviewpartner erzählen. Egal. Die Kurzfassung ist: Sarah ist Sängerin und Schauspielerin, sie tut was sie liebt, das ist manchmal leicht, manchmal sehr schwer vor allem in einer Zeit, in der Kunst als nicht systemrelevant eingestuft wird.. Auf ihrem bisherigen Weg hat Sarah vieles gelernt. Vor allem aber das: Du bist immer gut genug. 

Im Jahr 2019 lief für mich vieles nicht so rund, wie ich mir das gewünscht hatte. Und natürlich hatte auch ich Ende Dezember 2019 nicht mal annähernd eine Vorstellung davon, was 2020 auf uns zukommen würde. Wie auch? Aber glücklicherweise hatte ich mir für das neue Jahr kleine Ziele gesteckt. Und die habe ich erreicht. Für manche mag das Prinzip nicht funktionieren, vielleicht sind manche glücklicher im totalen Vollgas-Modus zu leben und vielleicht ist auch deine Definition von „Erfolg“ nur mit dem Erreichen ganz großer Ziele verbunden. Dann ist auch das sicher gut so. Für mich habe ich festgestellt, dass ich besser mit kleinen Schritten umgehen kann. Dann vergesse ich auch nicht, zwischendrin mal Luft zu holen. 

Am Mittwoch gibt es hier übrigens eine weitere neue Rubrik. Kommst du ‚rum?

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