How to be good?!?

Der Weg als Yogalehrer verläuft meist nicht so geradlinig wie dieser Weg zum Strand.

Ich glaube an Talent. Trotzdem bin ich bin mir ziemlich sicher, dass noch kein grandioser Yogalehrer einfach so vom Himmel gefallen ist. Alle mussten erst mal lernen, Lehrer zu werden. Ich wähle hier bewusst das Wort „werden“. Falls du aber gerade eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht hast und voller Selbstzweifel steckst, dann atme erst einmal auf.

Wie wird man „gut“?

Nachdem ich meine ersten beiden Ausbildungen hinter mir hatte und zusätzlich ein Diplom in Sportwissenschaften im Gepäck, habe ich mir natürlich die Frage gestellt, was einen guten Lehrer ausmacht, oder auch: Wann ich denn endlich einer sein könne. Meine erste Ausbildung habe ich 2014 gemacht. Das mag klingen, als sei es ewig her, ist es aber nicht. Durch meine Vorbildung, also mein Sportstudium sowie meine Arbeit in der Fitness-und Gesundheitsbranche (Betriebliches Gesundheitsmanagement) war für mich der Fokus auf Adjustments, eine gesunde Ausrichtung und das Wissen über Anatomie und Physiologie selbstverständlich. Es beeindruckte mich als Schüler immer am allermeisten, wenn mir ein Lehrer etwas über meinen Körper beibringen konnte, was ich bislang nicht wusste oder selbst nicht so gut vermitteln konnte. Aber dann hörte ich immer wieder, dass Yoga doch in erster Linie „berühren“ müsse, auf emotionaler Ebene, dass es etwas mit uns machen solle und dass das Körperliche doch eigentlich nebensächlich sein müsse …

Tief genug

Ich las ständig davon, wie viele Menschen durch tiefe Täler gelaufen waren, bevor sie dann auf dem Weg zum Yogalehrer endlich wieder irgendwo Licht gesehen hatten, las, was Yoga mit ihnen alles machte und wie nachhaltig Yoga ihr Leben verändert hatte. Ich bin definitiv dankbar dafür, dass ich Yoga gefunden habe. Ich liebe Yoga und ich liebe den Weg, den ich eingeschlagen habe, weil ich mich irgendwann einmal dafür entschieden habe. Trotzdem kann ich nicht behaupten, dass mein Leben vor Yoga schlecht war. Bin ich deswegen ein weniger guter Lehrer? Diese Frage stellte ich mir tatsächlich. Wie sagte eine Freundin vor kurzem mal schmunzelnd zu mir: „Du warst ja irgendwie schon immer ein bisschen Yoga …“ Damit meinte sie nichts anderes als meine relativ entspannte Grundhaltung, die garantiert der Verdienst meines Elternhauses ist und rein gar nichts mit meiner Yogapraxis zu tun hat.

Ich aber fragte mich, ob ich nur ein guter Lehrer sein könne, wenn die Täler, die ich durchschritt, auch nur tief genug waren. Was für verrückte Gedanken, oder? Schließlich weiß ich: Schlimmer geht immer. Und auch: schlimm ist immer relativ. Genauso wie „gut“ und „schlecht“ auch irgendwie relativ sind. Ich versuchte, ein guter Lehrer zu sein und habe mir dabei alles mögliche sagen lassen. Beispielsweise dass Yogastunden nur dann gut sind, wenn sie einem „Thema“ untergeordnet sind, das einen tieferen philosophischen Hintergrund hat. Oder dass Musik beim Yoga nervt. Dass ich jede Stunde mit Om beenden muss und jede mit einer Art Ted Talk, der sich dann durch den ganzen Unterricht zieht, beginnen. Ich habe vieles ausprobiert. Und dabei stellt man dann natürlich vor allen Dingen erst mal eines fest: Die Authentizität bleibt zuweilen auf der Strecke. Ist ja auch gar nicht so leicht, authentisch zu bleiben, wenn man versucht, umzusetzen, was andere sagen. Rückblickend ist es ziemlich klar, dass es schwer ist, ein guter Lehrer zu sein. Das Ding ist ja, selbst wenn du alles über die richtige Ausrichtung von Asanas weißt, Meditationen anleiten, das Yoga Sutra und die Bhagavad Gita auswendig zitieren kannst und zusätzlich dazu noch Sanskrit gelernt hast, macht dich das nicht automatisch zu einem fantastischen Lehrer.

Reingefallen!

Ich fand es von Anfang an irreführend, wenn Yogalehrer meinten, sie müssten ihren Schülern Lebensweisheiten oder Ratschläge mit auf den Weg geben. Aber natürlich bin auch ich darauf reingefallen, dachte meine Stunden seien wertlos und einfach nur Gymnastik, wenn ich mir nicht schlaue Sprüche ausdenken würde. Meistens stand ich dann vor der Klasse und verkniff sie mir doch wieder. Weil ich es irgendwie schräg fand, wenn ich meinen Schülern, die zum Teil viel mehr Lebenserfahrung hatten als ich, irgendetwas Weises über mein Leben mit auf den Weg gebeten sollte. Doch es hat ja auch Stunden gegeben, in denen mich wirklich das gesprochene Wort eines Lehrers nachdenklich gestimmt hatte …

Mit dem Weg zum Yogalehrer ist es genau wie mit dem Weg zu sich selbst. Man braucht eine Weile bis man herausgefunden hat, was richtig für einen ist und irgendwann ist vielleicht wieder etwas anderes gut. Das ist gar nicht schlimm und soll keinesfalls entmutigen. Im Gegenteil.

Mein Unterricht ist meiner

Es brauchte eine ganze Weile bis ich verstanden hatte, das mein Yogaunterricht absolut so sein durfte, wie ich ihn unterrichten wollte. Ohne Schnörkelphrasen (die kommen bei 90 Minuten Anleitung ganz automatisch und ungewollt …) Ohne erzwungenes Om. Dafür aber mit viel Bewegung. Gerne auch mal damit, die Schüler dazu zu bringen, verblüfft über den eigenen Körper zu sein. Und: mit ganz viel Ruhe am Ende. Ich weiß heute, dass die Schüler, die immer wieder in meinen Unterricht kommen, ganz bestimmt nie gekommen sind, weil sie von mir Lebensweisheiten hören wollten. Ich weiß heute, warum sie kommen. 

Aus 2019 habe ich vieles mitgenommen, aber nachhaltig ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich nur dann Ratschläge verteilen möchte, wenn ich ausdrücklich darum gebeten werde. Wie soll ich wissen, was für meine Schüler, die ich höchstens und im besten Fall ein bis zwei Mal in der Woche sehe, gut ist? Deswegen vermeide ich es in meinen Unterrichtsstunden ganz bewusst aber dafür mit der Gewissheit, dass das dann trotzdem guter Unterricht sein kann. Yoga beginnt bei mir tatsächlich auf der Matte. Asanas lassen Spannung los. Atmen lässt Luft raus. Die Verbindung von beidem bewirkt das, was wir im Yoga als so befreiend bezeichnen. Ich liebe entspannendes Yin heute genauso wie anstrengendes Power Yoga, ich liebe Meditationsübungen heute genauso wie minutenlanges Nichtstun in Savasana. Und deswegen kann ich es auch unterrichten. Ich finde es gar nicht verkehrt, wenn in einer Zeit, in der sich der Mensch ohnehin viel zu wenig bewegt, der Yogaweg mit dem Körperlichen beginnt. Alles andere überlasse ich meinen Schülern selbst. Das mit sich selbst auseinandersetzen, beispielsweise, das Hinterfragen gewisser Lebensweisen, Herangehensweisen, Antworten oder Aussagen. Psychoanalytik ist eine tolle Sache. Aber eben nicht Aufgabe des Yogalehrers. Was ich hingegen an meinen Schülern sehen kann, ist, welche Asanas ihnen leicht und welche ihnen schwer fallen, was ihnen hilft, besser in eine Dehnung zu kommen oder welche Asana ich dem Einzelnen alternativ anbieten kann. Das sehe ich auch als meine Aufgabe.

Stay true, stay you

Sich damit auseinanderzusetzen, was Yoga alles kann, aber auch was es alles nicht kann, ist eine meiner Leidenschaften. Wo sind die Grenzen des Lehrers, wie weit geht meine Verantwortung – diese Fragen beschäftigen mich auf meiner Reise zum Yogalehrer. Immer mehr und weiter zu lernen ebenfalls. Yogalehrer bleiben ja auch ein Leben lang Schüler. Und falls du gerade eine Ausbildung zum Yogalehrer gemacht hast und jetzt noch nicht den Sprung ins kalte Wasser des Unterrichtens gewagt hast, weil du erst ein guter Lehrer sein möchtest, dann kann ich nur sagen (und das ist kein Ratschlag sondern ein Mutzuspruch): Es wird immer Menschen geben, die deinen Unterricht mögen. Du darfst anfangen, um zu lernen und dich auf dem Weg zum Lehrer zu entwickeln. Keiner der grandiosen Yogalehrer, die du schon selbst hast unterrichten sehen, ist als Genie vom Himmel gefallen. Gehe in den Austausch mit Schülern wie Lehrern und lass dich nicht entmutigen, wenn du selbst das Gefühl hast, da, wo du stehst, genau am richtigen Ort zu sein. Meine Asanapraxis ist übrigens lange nicht mehr so konsequent wie am Anfang meiner Lehrertätigkeit und trotzdem macht mich das nicht zu einem schlechteren Lehrer. Aber das ist eine andere Geschichte. Namaste, Yogis.

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