Schlagwort: Egoismus

Einfach leben ist nicht schwer, nachdenken dagegen sehr …

Heute unterrichte ich meine erste Stunde mit physisch anwesenden Menschen seit Ende Oktober. Über ein halbes Jahr lang spielte sich Yogaunterricht mal wieder ausschließlich virtuell ab. Heute nachmittag werde ich mit meinen Schülern/innen im Freien praktizieren. Auf einer grünen Wiese. Mit Hilfe eines Kopfhörers können die Schüler/innen meine Anweisungen verstehen, egal wie wild der Wind weht. Musik läuft im Hintergrund. Mann, ich freue mich so darauf! Einen Tag später öffnen die Studios dann offiziell in Schleswig-Holstein und Yoga – unter strengen Auflagen – wird auch drinnen wieder möglich sein. Und so sehr ich mich freue, dass viele in meinem Umfeld nun bereits zwei Mal geimpft sind, dass Restaurants, Hotels und Cafés öffnen, so geht es mir auch ähnlich wie wie im vergangen Jahr nach Lockdown 1. Ich frage mich: Wie wird unsere neue Realität eigentlich aussehen? Wie wünschen wir sie uns? 

Lieber Arm an Arm als Zahn um Zahn

Heute morgen hatten meine Kinder heimlich den Fernseher eingeschaltet. Das machen sie manchmal. Es ist eine Art Spiel. Denn sie verheimlichen es nie, sondern kommen lachend angelaufen, um zu beichten, dass der Fernseher läuft. Ich hielt meine Tasse Kaffee noch in der Hand, habe sie also kurz mal machen lassen und mir dann angesehen, was sie gerade eingeschaltet hatten. Auf MDR lief „Zahn um Zahn“ – das hatte ich noch nie zuvor gesehen. Eine DDR-Serie aus den 80er-Jahren. Ich musste schmunzeln, weil die übertrieben freundliche Arzthelferin – mit Namen Häppchen – die Patienten am Arm berührte, wenn sie sie aus der Praxis geleitete. Was für ein ungewohntes Bild! Ich zuckte fast zusammen, angesichts des „Zuviels“ an Berührung. Wie schade, oder? 

Nach uns die Sintflut?

Aber dann gibt es auch Dinge, die will ich gar nicht haben. Dummerweise war ich über den Bild-Kommentar von Ralf Schuler gestolpert: „Haben denn alle einen Knall?“, stand da provokant in der Überschrift. „Tempolimit, Fleischverzicht, Flugscham, Böllerverbot – haben wir Deutschen eigentlich einen Knall?“, fragt der Journalist da. Und weiter: „Einfach mal leben ist nicht unsere Stärke …“ Komisch, dass ich genau das Gegenteil von den Deutschen denke. Mich bestürzte dieser Text – auch wenn mir klar ist, dass diese Zeitung natürlich gerne Klischees bedient und Provokation zum Konzept gehört – denn wieso findet Ralf Schuler, ein im Osten aufgewachsener Journalist, der sich selbst zu DDR-Zeiten zum Christentum bekannte (was mich wahnsinnig beeindruckt) solche Worte? … Worte, die man meiner Meinung ruhig schreiben kann, wenn man nach dem Prinzip: „Nach mir die Sintflut“ lebt. Ich kann ziemlich viel Spaß haben ohne Fleisch, ohne Böller, ohne Langstreckenflüge. Ich lebe so sehr nach dem Prinzip „einfach leben“, dass mich alleine das Wunder meiner fließenden Atmung manchmal schier umzuhauen droht. Ich genieße die Sonne an furchtbaren Regentagen, suche mit meinen Kindern nach dem Regenbogen und feiere schon seit meinem 18. Lebensjahr laut, lustig und ausgelassen ganz ohne Alkohol. Meine Freunde wissen das. Die fragten mich früher auf Partys ob es mein Ernst sei, jetzt noch Auto zu fahren, weil sie einfach nicht bemerkt hatten, dass ich gar nicht betrunken war – sondern einfach ich.

Leiser, sanfter, glücklicher

Tempo auf der Autobahn? Echt jetzt? Das macht glücklich? Silvesterknaller in die Luft böllern? Lebenswichtig! Vielleicht wäre es erstrebenswerter, sich zu wünschen, dass wir uns Silvester‘ 21 alle umarmen können ohne einen einzigen leisen Zweifel? Und dass sie in China keine Tiere mehr auf Märkten verkaufen, die dort einfach nichts zu suchen haben? Wären wir nicht viel glücklicher, wenn wir mehr im Einklang mit der Natur leben würden, verzichten könnten, auf das, was der Umwelt richtig weh tut, uns auf das Wesentliche besinnen würden, statt immer nur schneller, höher, weiter? Das war mal ein Prinzip, das für den Leistungssport galt. Da machte es Sinn. Heute geht es, so kommt mir das vor, in allen Bereichen des Lebens darum. Und lauter natürlicher. Bitte auch lauter. Wer am lautesten schreit, der lebt am besten. Echt jetzt?

Was für eine Vision!

Es war noch mitten im dicksten Corona-Winter, da besuchte mich eine Freundin in meiner Küche, wir tranken einen Kaffee zusammen und redeten darüber, wie die Zukunft unserer Kinder aussehen könnte. „Ach“, sagte meine Freundin da, „ich denke, die werden sich über uns totlachen, werden sagen: Echt? Wie konntet ihr denn 40 Stunden die Woche arbeiten, Kinder haben und dann auch noch für eure Ferien nach Dubai fliegen?“ War das eine Vision! Stell dir mal vor, unsere Kinder wollten gar nicht mehr in die Ferne reisen? Stell dir mal vor, sie würden deutlich weniger arbeiten, gesünder leben und ein ganz ausgeprägtes Umweltbewusstsein haben? Diese Vision rettete mich über den Winter. 

Und jetzt: Rettet die Yogastudios!