Schlagwort: Glück

Lauschangriff und Lesestoff vom 2. April 2021

Die Woche begann mit Sonne. Ich startete mit einer tiefen Yogapraxis am Montagmorgen in diese verrückte letzte März-Woche. Der März fühlt sich neuerdings unendlich lang an, oder? Schon der letztjährige hatte ja etwa 60 Tage. Zurück zu Montag, 29. März 2021: Ich konnte mich via Zoom zum Unterricht meiner früheren Lehrerin aus der Schweiz zuschalten. Jedes Mal ist Yoga üben mit ihr besonders; nie fühlt sich mein Körper so wie nach dieser Praxis. Früher sagte ich immer: Wenn sie in den Raum kommt, geht die Sonne auf. Sie ist auch der Grund, weshalb ich vor vielen Jahren beschlossen hatte, beim Yoga zu bleiben: Ich empfand pures Glück … und damals auch immer Muskelkater. Zoom-Yoga über 1400 Kilometer Entfernung hinweg also – ein schwacher Trost als Outcome einer Pandemie … Wie heilsam, denn diese Woche war auch geprägt von Déjà-vu Momenten anderer Art: Wann immer ich durch Nachrichten scrollte um zu lesen, was es aus dem Bundesland, in dem ich lebe, für Neuigkeiten gab, hätte ich mich am liebsten unter dem riesigen Berg Decken versteckt, mit dem meine Kinder Höhle spielen. Ich traf wieder die Entscheidung – genau wie Ende März 2020 – Nachrichten lieber nicht mehr täglich zu lesen. Stattdessen im Flow zu bleiben. Jeden Tag aufs neue beginnen, ohne zu wissen, was der nächste bringt. 

Ich weiß, dass ich hier in der letzten Woche den Podcast von Veit Lindau empfohlen habe, in dem er mit dem Autor und Lifecoach Lars Amend über die Liebe spricht. Die beiden haben den Spieß umgedreht: Nun hat Lars Amend in seinem Podcast „Auf einen Espresso mit Lars Amend“ den Lifecoach und Autor Veit Lindau interviewt. Auch das lohnt sich. Diesmal geht es vor allem um Schubladendenken, Persönlichkeitsentwicklung und die Geschlechter. Auch in diesem Gespräch geht es um die Macht der Worte. Veit Lindau erklärt, warum er glaubt, dass jetzt die Zeit gekommen ist, in der Männer und Frauen sich neu begegnen müssen und sich die Geschlechter endlich von den Fesseln ihrer Vergangenheit lösen sollen.

Von Sprache und wie sie Stereotypen entstehen lässt, erzählt auch Sprachwissenschaftlerin Susanne Olschewski in diesem Interview auf www.zeitpunkt.ch.

Und dann empfehle ich dringend den Podcast von Sophia Hoffmann und die Folge von Hoffmanns Küche, in der die vegane Köchin und Aktivistin mit Peter Duran, dem Betreiber des Berliner Cafés Isla Coffee, spricht. Es geht darin unter anderem auch um Kaffee. Ja genau. Das ist besonders wichtig, weil wir Kaffeetrinker beginnen müssen, zu verstehen, dass Kaffee ein Luxusprodukt ist. Wie erkennen wir, welche Unternehmen tatsächlich fair handeln, welche Unternehmen tatsächlich den Kaffeebauer nicht ausbeuten, was nötig ist, um Kaffee überhaupt auf unseren Tisch zu bringen und was wir selbst tun können, um dieses Luxusgut tatsächlich als solches wertzuschätzen. 

Am Mittwoch entschied ich mich dazu, die Kinder nicht in die Betreuung zu bringen, sondern mit ihnen zum Strand zu fahren. Wer weiß, wann wir hier oben wieder Temperaturen um die 20 Grad haben … im Mai? Es war ein wahnsinnig schöner Tag. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir stundenlang am Stück so viel Freiheit, so viel Spaß, so viel positive Energie aufgesaugt hatten. Alle waren glücklich. Die Kinder tobten durch den Sand. Stundenlang. Ich weiß, dass viele Menschen besonders in dieser Pandemie das Meer vermissen. Mir war nicht immer so schlüssig, warum. Denn das Bild von vollgestopften Stränden und Sonnenbaden war auch vor Corona nicht mein Ding. Aber diese Weite zu spüren, den Wind auf der Haut, den Sand unter den Füßen, das Wasser, dessen stechende Kühle sich bis in den hintersten Winkel meiner Muskulatur zog – das alles war so wohltuend. Wie Pranayama Praxis. Ich konnte meinen Kindern ansehen, wie sehr sie im Moment lebten. Abends spannte die Haut in meinem Gesicht, übermorgen habe ich bestimmt ein paar Falten mehr – egal. Der Tag war es wert. Ich habe natürlich auch schon im vergangenen Jahr die Nähe zum Meer schätzen gelernt. Diese Nähe zum Meer wiederum führt auch dazu, dass ich Opfer bringen muss. Meine Familie ist weit weg. Manchmal hätte ich in den letzten Jahren lieber in einem Haus in der Nähe meines Elternhauses gesessen und den Garten gejätet statt zum Meer fahren zu können … Ich wünsche mir, dass meine Kinder diese Nähe zum Wasser als besondere Erinnerungen ihrer Kindheit abspeichern. Und wenn das Meer gerade nicht in deiner Nähe ist, dann hilft dir vielleicht auch Yoga – mit einem besonders guten Lehrer – in den Bliss-Moment zu kommen …

In der Zeit habe ich diesen Bericht zum Thema Leben ohne Glauben gelesen. Es geht dabei um die Frage, ob der Mensch ohne Glauben leben kann. Wie die Suche nach dem Sinn des Daseins aussieht, wenn Religion keine Rolle mehr spielt. Um Glauben geht es übrigens auch am Samstag in meinem Beitrag hier auf dem Blog.

Mit dem wärmeren Wetter kommt bei mir wieder die Lust auf Overnight Oats. Dieses Rezept von greenkitchenstories.com hat mich dabei besonders überzeugt. Himmlisch, oder?

Wie auch immer – komm gut in dieses verrückte Osterwochenende.

Die Espresso-Meditation

So langsam fühlt sich der Lockdown an, als wolle er nie enden. Wie kommt man da durch, wenn egal wo im Raum ich mich befinde, die Perspektive unauffindbar scheint? Einmal am Tag alles auf den Kopf stellen, hilft. Aber die Perspektive habe ich dann immer noch nicht gefunden. Nur am Dienstagabend, da hatte man für einen kurzen Moment das Gefühl, der ganze Planet würde tanzen …

Eine halbe Stunde im Lotussitz …

Ich erinnere mich noch daran, als ich meiner Atemlehrerin erzählte, ich hätte – ungefähr als meine jüngste Tochter ein knappes Jahr alt war – das dringende Bedürfnis gehabt, Meditationen wieder in meinen Alltag zu bauen. Jeden Morgen, am liebsten eine halbe Stunde – so hatte ich mir das vorgestellt. Was soll ich sagen, dieses Projekt ging völlig schief. Es war immer was. Ein Kind krank, eins beim Weinen, dann wollte ich in vier Stunden ohne Kinder immer siebenhundert Termine packen. Uhh, für die Meditation war ich da einfach zu gestresst 😉 Keine Zeit. Meine Lehrerin lachte herzlich darüber. Es scheint ein Klassiker zu sein. Wer bringt uns auch schon bei, dass Meditation eigentlich überall und nahezu jederzeit möglich ist? Dass wir keine halbe Stunde brauchen, um uns daran erinnern zu können, achtsam mit uns selbst oder anderen umzugehen? Und dass sie auf gar keinen Fall dazu führen soll, dass wir uns noch gestresster fühlen als wir uns ohnehin schon fühlen. Ich stelle mir es bildlich vor, wie ich jammernd bei einer Therapeutin sitze und ihr erzähle: „Täglich meditieren zu wolle, setzt mich so wahnsinnig unter Druck …“ Die weitläufige (westliche) Vorstellung von Meditation beinhaltet das Sitzen im Lotussitz (alleine daran würden ja schon 99,9 Prozent der Menschheit scheitern) während mindestens einer halben Stunde. Etwas anderes ist Meditation in unseren Köpfen zunächst einmal nicht. Dabei hat doch schon jemand versucht, es uns sehr früh beizubringen: Beppo Straßenkehrer aus dem Buch Momo: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten (…) Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“ Das sagte er, und es hieß nichts anderes als tue etwas achtsam und es ist Meditation (und der Schlüssel zum Glück nebenbei).

Meditation wie ein Espresso

Es ist noch nicht lange her, da hörte ich das erste Mal etwas von der (Achtung fancy inszenierter Name!) Instant Meditation. Wie Instant Kaffee. Nur besser eben. Instant Meditation bedeutet, „mehrmals am Tag in unseren Aktivitäten innezuhalten und mit wohlwollendem Interesse bei uns selbst vorbeizuschauen“, schreibt Lienhard Valentin in dem Buch achtsamkeit. mitten im leben (Hg: Britta Hölzel und Christine Brähler). Das kann man – ja müssen wir sogar – lernen. Es geht dabei eigentlich nur darum, die Aktivität, die man gerade ausübt, für einen kurzen Moment zu stoppen, innezuhalten und sich wirklich ernsthaft die Frage zu stellen, wie es uns gerade geht. Wenn wir merken, dass wir angespannt sind, lautet die nächste Frage, wie wir uns dabei helfen können, diese Anspannung im besten Fall zu lösen, oder uns selbst so zu unterstützen, dass unsere Anspannung uns nicht im nächsten Moment komplett aus der Fassung bringt.

Post-it nicht vergessen!

Ich habe es mir wirklich angewöhnt, mich daran zu erinnern, dass ich überall und nahezu in jeder Körperhaltung tief in meinen Bauchraum atmen kann. Das genügt manchmal schon, dem aufkommenden Wutanfall einer Fünfjährigen standzuhalten. Oder besser gesagt: ihr dann auf Augenhöhe zu begegnen statt als genervter Erwachsener. In dem Buch Mind Gym habe ich gelesen, dass Motivationscoach Gary Mack seinen Topathleten den Rat gegeben hat, sich orangefarbene Sticker mit der Aufschrift „Breathe and Focus“ überall hin zu kleben. Ein Hockeyspieler klebte sie beispielsweise auf den Schläger, ein Baseballspieler klebte ihn unter den Schirm seiner Kappe … Ich glaube, für den Rest des Lockdowns mache ich mir Post-its mit den Hinweisen: „Einatmen. Ausatmen.“ und „Wie geht es mir?“

Wie hilfreich wäre es gerade jetzt, wenn wir die Instant-Meditation verinnerlicht hätten? So schwer ist das ja nicht. Wir müssen uns lediglich daran erinnern, dass wir uns die Frage „Wie geht es mir?“ mehrmals täglich stellen dürfen. Wie wohltuend es ist, tief ein- und auszuatmen. Und dass es nicht verwerflich ist, wenn wir darauf achten, dass es uns gut geht, denn nur dann können wir auch wirklich anderen Gutes tun.

Lauschangriff und Lesestoff vom 15.1.2021

So, hier ist dann nun auch endgültig die Weihnachtsferien-Stimmung vorbei. Meine Zweijährige sagte mir am Dienstag in aller Deutlichkeit: „ICH WILL MEINE KITA“ Tja, so kriegt jeder von uns mal den Lagerkoller. Meine bisherige Pandemie-Überlebensstrategie lautete: nicht zu viel Zeitung lesen, nicht zu viel Fernsehen wenn es um Corona geht. Mir wird da viel zu viel geredet und diskutiert, das ertrage ich nicht so gut. (Ich sage es aber auch gleich mal dazu: Ich gucke mir auch keine Action- und schon gar keine Horrorfilme an. Wenn ich Fernsehen gucke, dann muss ganz klar sein, dass in dem Film nicht besonders viel passiert. Schon gar nichts Schlimmes.) Aber die Sendung Sternstunde Philosophie auf SRF, dem Schweizer Fernsehen, habe ich mir angeschaut. Dass sie mich so fasziniert hat, mag auch an der ruhigen und besonnenen Art von Philipp Blom gelegen habe, aber vor allem fand ich das was er gesagt hat, einfach wahnsinnig wichtig, spannend und weitsichtig. Auch erschreckend und etwas … perspektivlos. Er hat beispielsweise gesagt, dass wir akzeptieren müssten, dass diese Pandemie womöglich nicht ein einzigartiges Ereignis sei, sondern sie eine Konsequenz desselben  Phänomens wie die Klimakatastrophe, nämlich aus der Tatsache entstanden sei, dass wir immer tiefer in die Natur eingreifen. Systeme verändern und so weiter.

Der Planet braucht uns nicht so sehr …

Er sagte auch: „Wir glauben eigentlich instinktiv wir stehen über der Natur. Wir sind etwas anderes. Wir sind schon etwas unangenehm berührt, wenn wir als Säugetiere angesprochen werden.“ Ich habe so etwas wie eine Corona-Pandemie niemals kommen sehen, natürlich nicht. Aber das, was Blom sagt, habe ich schon oft gedacht. Wieso denken wir eigentlich, uns Menschen stehe alles zu? Wieso vergiften wir Nahrungsmittel, um noch mehr davon produzieren zu können? Beispielsweise. Wieso behandeln wir Tiere wie Scheiße, nur weil wir denken, wir müssten sie essen, um zu überleben. Und wieso schreiben wir Völkern vor, wir wüssten, wie sie zu leben haben? „Der Mensch ist für den Planeten nicht so besonders wichtig“, sagte Blom. Lange beispielsweise nicht so wichtig wie Ameisen … Think about it! Menschen sind vor allem für Menschen wichtig.

Ob Blom Recht hat oder nicht mit seiner Vermutung, dass wir in den nächsten Jahrzehnten noch weitere Pandemien erleben werden oder nicht, wer weiß es schon? Ich bin auf jeden Fall gespannt, ob unsere Kinder in 20 Jahren darüber lachen, dass wir uns heute in unserer Freiheit eingeschränkt fühlen, weil wir manchmal dazu angehalten sind, einen Mundschutz zu tragen … Und ob sie ganz andere Probleme mit sich herumtragen müssen …

Scheitern darf sein

Wahnsinnig gut getan hat mir mal wieder die kluge Claudia Schaumann. Du kennst sie natürlich. Ihren Blog Wasfürmich lesen 50.000 Leser. Und bevor sie sich in ihre Winterpause verabschiedete, schrieb sie diesen Artikel, der vermutlich all meinen Freundinnen aus der Seele spricht. Und während ich ihn las, dachte ich natürlich: Und mir besonders! 😉

Nur Zeit zum Atmen

Gehört habe ich in dieser Woche nur einen Podcast. Es blieb einfach für keine Zeit für mehr. Dafür war der aber auch auf Englisch, ich musste also ganz genau zuhören – da konnte ich nicht nebenbei noch Kochtöpfe spülen! Es ging um ein Thema, dass nicht einfach nur so nebenbei abgehandelt werden konnte. Wie es der Zufall so will bin ich auf den Podcast von wemove.world aufmerksam geworden. Es geht da nämlich um Bewegung und Atmung, wichtige Dinge! Das Interview mit Patrick McKeowne, dem Atemexperten unserer Zeit, ist zwar schon fast ein Jahr alt, hat mich aber sehr gefesselt. Der Titel dieser Podcastepisode lautete: „Is the way you breathe holding you back?“ Jetzt will ich unbedingt McKeownes Bücher lesen!

Veganes Ei – der Crashkurs

Vielleicht hast du auch schon vom Veganuary gehört. Eine britische Organisation hat ihn 2014 zum ersten Mal ins Leben gerufen. Da das neue Jahr ja oft und gerne zum Anlass genommen wird, Vorsätze anzugehen und derjenige, weniger Fleisch zu essen, mittlerweile in jedes Hirn vorgedrungen sein sollte, ist das doch eine gute Sache. Viele Prominente, Blogger, und Influenzier machen mit und sogar Lebensmittelhersteller nehmen das zum Anlass ihre veganen Produkte zu bewerben – wenn’s das Ziel, Menschen dazu zu animieren, weniger Fleisch zu essen, unterstützt – super! Deswegen gibt es heute hier den aktuellen Blogbeitrag von Natalie von yayfortoday. Ich liebe veganes Rührei. Wahrscheinlich weil ich finde, dass es so gar nicht nach Rührei schmeckt. 

Wie macht man weiter ohne ein Ziel?

Vieles was uns zu Beginn eines neuen Jahres Mut macht, was wir mit Vorfreude erwarten und worauf wir hinarbeiten, ist uns durch Covid-19 abhanden gekommen. Wie also können wir weitermachen, wenn ein Ziel fehlt? Wie stehen wir auf, wenn es keine Struktur mehr gibt? Und wie finden wir Orientierungspunkte in einer unbeständigen Zeit? Darüber habe ich mit jemandem gesprochen, der darin ungewollt zur Expertin geworden ist: Die Stabhochspringerin Katharina Bauer (30) gilt als medizinisches Wunder. Sie trägt in ihrem Körper einen implantierbaren Defibrillator. Hätte sie auf andere gehört, wäre ihre sportliche Karriere schon mehr als einmal vorbei gewesen. Im vergangenen Jahr wollte sie zu den Olympischen Spielen in Tokio. Dann kam Corona. 

Es ist noch kein Jahr her, da hast du mitten in der Vorbereitung für die Olympischen Spiele gesteckt, die eigentlich im Sommer 2020 stattfinden sollten. Kannst du dich noch an das Silvester 2019 erinnern und deine Gedanken und Vorstellungen von diesem – für uns alle so ungewöhnlichen – Jahr 2020?

Katharina Bauer: Ich kann mich noch sehr gut an das Silvester erinnern. Das war in Düsseldorf bei meiner Freundin Yvonne und es war das Ende des Jahres, in dem ich einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten hatte. Die Vorweihnachtszeit habe ich als sehr schmerzhafte Zeit in Erinnerung, ich konnte morgens kaum stehen, kaum laufen. Und gerade um Weihnachten herum besserte sich das. Ich war also sehr dankbar und habe mich auf das kommende Jahr gefreut. Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich endlich komplett schmerzfrei werden könnte. Zudem standen natürlich große Dinge bevor: Die Olympischen Spiele sollten 2020 stattfinden, ich würde im Sommer meinen 30. Geburtstag feiern, wir beide würden an einem Buchprojekt arbeiten … So habe ich den Jahreswechsel natürlich sehr positiv wahrgenommen, aber ich war auch vorsichtig optimistisch aufgrund meiner Rückenschmerzen. Das Thema Gesundheit stand also für mich schon sehr im Vordergrund.

Im März 2020 warst du mit einer Gruppe Athleten im Trainingslager in Südafrika. Während in Deutschland der Lockdown beschlossen wurde, informierte euch die Verbandsleitung, dass euer Trainingslager abgebrochen werden muss. Was ging da in dir vor? Hast du zu dem Zeitpunkt schon geglaubt, dass die Olympischen Spiele verschoben werden müssen und dass das Jahr eine solche Wendung nehmen würde?

Mein Anker nach dem Bandscheibenvorfall und der langsamen Genesung im Winter war das bevorstehende Trainingslager in Südafrika im März. Dieser Ort hat für mich energetisch eine große Bedeutung. Ich liebe das Land und dort kann meine Seele auch immer heilen. Die Sonne, das Wetter, die Leute, das Team, die Trainingsbedingungen – all das macht den Ort sehr besonders und ich wusste, ab dann würde es Vollgas Richtung Olympische Spiele gehen. Wir waren genau eine Woche in Südafrika, dann wurde der Lockdown beschlossen. Wir wurden von einem auf den anderen Tag zurück nach Deutschland geholt. In Südafrika lebten wir wie in einer Blase, hatten kaum Nachrichten gehört und keine Panik mitbekommen. Das, was in Deutschland zu diesem Zeitpunkt passierte, war für uns nicht greifbar. Wir rätselten freitags noch darüber, ob es Sinn machen würde, länger in Südafrika zu bleiben. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass der Deutsche Leichtathletikverband uns auch schon Flüge für unsere Rückreise gebucht hatte. Das wurde kurz später Realität. Ein hartes Erwachen. Und dann war das für uns zunächst einmal sehr erschreckend. Weil wir als Sportler auch gar nicht wussten, was auf uns zukommen würde. Es war direkt auch im Gespräch, dass die Trainingsanlagen gesperrt werden müssten. Ich habe also sofort realisiert, dass die ganze Jahresplanung über den Haufen geworfen wird. Das war zunächst ein Schock. Das Jahr sollte mein viertes Comeback werden und nun stand ich wieder vor einer Zwangspause. Immer wieder an die Leistungsgrenze zu gehen, kostet sehr viel Energie. Als Sportler bist du in so einem Jahr im Feuermodus. Du brennst für ein Ziel und das Ziel war plötzlich weg.

Katharina in Südafrika, ihrem „Happy Place“. Kopfüber versteht sich.

Wie hast du das, was dich in diesem Moment so bedrückt hat, dann wieder – wie schon so oft in deinem Leben – in positive Energie umwandeln können?

Das hat tatsächlich erst einmal eine Zeit lang gedauert. Als wir zu Hause ankamen, war ja noch gar keine Entscheidung darüber getroffen, ob die Olympischen Spiele stattfinden oder nicht. Wir hatten also entschieden, dass ich zunächst nicht in Leverkusen, wo ich lebe und trainiere, bleiben, sondern zu meiner Familie nach Wiesbaden fahren würde. Da die Trainingsanlagen ohnehin geschlossen waren, sollte ich mich dort fit halten. So wie das eben alle Leistungssportler während des Lockdowns machten. Und man muss natürlich klar sagen: das, was da zuhause möglich ist, was wir auch auf Instagram zeigten, das Hometraining, die Challenges und so weiter, ist kein Vergleich zum Spitzensport. 

Dann wurde glücklicherweise relativ schnell die Entscheidung getroffen, dass Olympia 2020 nicht stattfinden würde. Da war ich zum einen natürlich schockiert, weil der Fokus weg war, aber andererseits war es auch eine Erlösung. Ich weiß noch, dass ich zu Beginn des Jahres guter Dinge war, denn mein großes Ziel, schmerzfrei trainieren zu können für Olympia, war beinahe erreicht. Aber da war auch eine große Müdigkeit aufgrund all meiner Verletzungen und Rückschläge und so hatte ich eigentlich auch das Bedürfnis mich einfach mal hinzulegen und liegenzubleiben. Durch die Absage und die Verschiebung auf das nächste Jahr, wusste ich, dass ich mich neu orientieren kann. Eine neue Erfahrung war es aber auch für mich, dass wir über gewissen Situationen keine Kontrolle haben können. Nicht trainieren zu dürfen obwohl man schmerzfrei ist, war für mich ganz neu. Aber wie immer habe ich dann relativ schnell verstanden, dass ich auch aus dieser Situation das Beste machen muss. Ich konnte dann das wertschätzen, was ich hatte: Zeit mit meinen Eltern, die ich sonst zu dieser Zeit niemals so gehabt hätte. Das habe ich aufgesaugt. Und dann hat mein Körper mir das einfach gedankt. Eine Zwangspause – das war für meinen Körper ideal.

Wann hast du realisiert, dass das Jahr 2020 und damit die Verschiebung der Olympischen Spiele ein Geschenk sein kann?

Das ging sehr schnell. Am Anfang tut es weh und dann bin ich problemlösungsorientiert. Der erste Gedanke muss immer sein: Was ist daran jetzt positiv? Und ich habe natürlich sehr schnell gewusst, dass es für meinen Körper definitiv gut ist. Ich wusste: Ich kann neue Kräfte sammeln, und das kann ich tatsächlich bei meiner Familie immer am besten. 

Hast du einen Tipp, wie wir den Fokus auf die wesentlichen Dinge des Lebens legen und wie wir akzeptieren, dass Zwangspausen positiv genutzt werden können?

Es ist der dahingesagte Spruch: Im Hier und Jetzt leben, der aber einfach der Schlüssel dazu ist, wertzuschätzen, was wir eigentlich haben. In welch privilegierter Situation wir in einem Land wie Deutschland sind, das sollte man sich in so einer Lage als erstes klar machen. Ich sitze in einer warmen Wohnung und das mag banal klingen, aber andere haben das nicht. Ich kann immer noch in den Supermarkt gehen und dort alles einkaufen, was ich haben möchte. Und wenn ich gesund durch diese Pandemie komme, ist das auch ein Geschenk. Also Dinge wahrnehmen, die für uns selbstverständlich sind und die man dann noch mal neu wertzuschätzen lernt. Unabhängig von Corona mache ich das fast täglich: mir darüber bewusst werden, wofür ich dankbar bin. Was aber in so einer Phase auch sehr wichtig ist: Wir dürfen negative Dinge auch mal abschalten und den Fokus auf das Schöne legen. Also auch mal die Nachrichten auslassen und sich kleine Dinge vornehmen, die glücklich machen. Sich etwas suchen, was man vielleicht immer aufschiebt. Das kann man jetzt machen. Und anderen helfen ist natürlich immer auch sehr heilsam.

Hast du tatsächlich eine regelmäßige Praxis, ein festes Ritual, wie eine Dankbarkeitsmeditation am Abend?

Ich mache häufig Meditationen, gerade vorm Schlafengehen und ich habe eine Visualisierungstafel in meinem Schlafzimmer, da habe ich Ziele aufgeklebt, schöne Dinge. Alleine der Blick auf mein Visionboard gibt mir ein positives Gefühl. Das ist schon sehr bewusst in meinem Leben. 

Wenn du auf die Ärzte gehört hättest, wäre deine sportliche Karriere schon lange vorbei. Vertraust du dir selbst in schwierigen Situationen am besten und hast du eine Art Urvertrauen entwickelt, dass dich auch durch brenzlige Situationen trägt?

Das Wort Urvertrauen trifft es sehr schön. Meine Mutter ist Hypnose- und Mentalcoach und dadurch bin ich mit Themen wie Urvertrauen, Erdung und positives Denken früh in Berührung gekommen. Ich bin durch so viele sportliche und gesundheitliche Tiefs gegangen und wieder zurückgekommen, dass ich mir heute über meine mentale Stärke sehr bewusst bin. Dieses Urvertrauen habe ich also über Jahre entwickelt. Und so vertraue ich mir im Leben tatsächlich selbst sehr. Ich habe noch nie aufgegeben, und auf den Sport bezogen weiß ich, so lange ich einen inneren Antrieb habe, ein Feuer in mir brennt, so lange mache ich weiter. Das kann ich sicher auch auf andere Bereiche meines Lebens übertragen. Ich sammele kleine Erfolge und feiere sie wie einen Geburtstag. Ich habe mich nie daran gemessen, wo ich mal war, sondern mich immer an jedem Fortschritt erfreut. 

Wie hilft dir Yoga im Alltag und wie hat es dir speziell in diesem verrückten Jahr geholfen?

Das hat in diesem Jahr wirklich eine neue Dimension erreicht. Ich praktiziere ja schon lange Yoga, aber es gibt ja immer Phasen im Leben, da kommt es zu kurz. Ich habe in diesem Jahr so viel Yoga, so viel Atemübungen und Meditation gemacht, dass auch mein Trainer jetzt gemerkt hat, wie gut es mir tut, wie weit ich dadurch gekommen bin. Und ohne Yoga wäre ich bestimmt nicht so weit, wie ich jetzt bin. Ich habe durch meinen Bandscheibenvorfall enorm an Beweglichkeit eingebüßt, und die ist jetzt wieder da. Was Corona betrifft, hat Yoga mir natürlich mental auch sehr geholfen. Während dem ersten Lockdown hatte ich das Gefühl, ich gehe in einen Schildkröten-Modus, spare mir meine Energie und lasse sie nur für das Training raus und ansonsten warte ich ab, was sich tut. So hatte ich einfach wahnsinnig viel Ruhe in diesem Jahr – auch für den Kopf. 

Hohe Infektionszahlen, Ungewissheit in Sachen Impfung, wir wissen nun, auch 2021 wird nicht ‚normal‘. Und wir wissen auch: Wir haben nichts in der Hand. Wie stellst du dich als Leistungssportlerin darauf ein, dass es eventuell wieder nur ein paar wenige Wettkämpfe geben wird und Olympia ein Traum bleiben könnte?

Das ist mittlerweile keine gedankliche Belastung mehr für mich. Da habe ich mich sehr intensiv mit meinem Trainer ausgetauscht und wir wissen alle, wir können nichts voraussehen. Im Januar sollen noch Wettkämpfe stattfinden, die stehen jedoch jederzeit in der Schwebe. Vor Weihnachten habe ich die Information bekommen, dass alle Wettkämpfe im Januar ausfallen werden, aber dass im Februar Deutsche Meisterschaften stattfinden sollen. Sind wir mal ehrlich: Wir wissen es nicht. Also haben wir uns überlegt, was wir machen. Vom Prinzip her könnte ein Athlet in meinem Alter aufhören. Und so haben wir die Strategie entwickelt, dass wir alles was wir jetzt machen, für uns machen. Wenn ich im Training in diesem Jahr über 4,70 Meter springe, dann habe ich doch schon meine Bestleistung erreicht. Wer kann mir das wegnehmen? Dafür bin nur ich verantwortlich. Der Bezug zum Außen ist ja zunächst weg, und das kann einen Sportler schon verrückt machen. Aber wie ich an meine Leistungsgrenze gehen kann, wie hoch ich in meinem Leben springen kann, das kann ich selbst herausfinden. Und das ist eine Strategie, die mir sehr gut getan hat. Wir haben wahnsinnig hart trainiert aber haben auch wahnsinnig viel Spaß im Training. Ich bin momentan physisch und emotional wirklich stark, es wäre nahezu ideal, wenn jetzt Wettkämpfe mit Zuschauern stattfinden würden (lacht) – aber egal. Für einen Sportler ist auch klar: der Sport, den wir kennen, den gibt es nicht mehr so. Das Zusammensein, die Freude mit den Zuschauern, Olympische Spiele, so wie wir das kannten – von dem Gedanken mussten wir uns alle verabschieden. Wenn die Spiele stattfinden, werden sie ja anders organisiert werden müssen als wir es gewohnt waren. Das ist die Realität. Aber wenn ich mich qualifiziere, geht natürlich trotzdem ein Traum in Erfüllung. 

Deine Mutter Christine J. Bauer hat mal über dich gesagt, dass du ein neugieriges Kind warst. Neugier hat mich in vielen Situationen vor Angst beschützt. Beispielsweise bei der Geburt meiner Kinder. Glaubst du, dass Neugier einer deiner Antriebe ist? Also alleine die Neugier dich treibt, wie weit du mit deinem Körper gehen kannst?

Ich habe tatsächlich erst darüber nachgedacht, nachdem du mir diese Frage gestellt hast. Aber da ist definitiv eine Neugier, wie weit ich gehen kann, wie weit ich aus meiner Komfortzone ausbrechen kann und wo meine Leistungsgrenze liegt. Kann ich meine Grenzen übersteigen? Wie oft habe ich in meinem Leben schon gehört: Katharina, das wird nichts mehr. Ich hatte schon so oft in meinem Leben das Gefühl: Ich habe nichts zu verlieren. Ich kann nur gewinnen. Also will ich es rausfinden. Das war auch, nach der Implantation meines Defibrillators, für mich der spannende Teil der Reise: Wie weit kann ich meinen Arm heben mit diesem Defibrillator? Kann ich damit überhaupt Stabhochspringen? Welche Übungen kann ich eigentlich machen und wie muss ich sie neu erlernen? Das war spannend. Und grundsätzlich muss ich zugeben, ich bin generell ein neugieriger Mensch. Ich hinterfrage viel und will vieles herausfinden. Ja, auf jeden Fall: Neugierde ist mein Antrieb. Bleibe also neugierig!

Das jüngere Selbst … doesn’t know shit. Und das ist gut so.

„Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte …“ lese ich in letzter Zeit häufig auf Blogs oder Instagram-Posts. Sogar in Büchern. „Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte …“ … hätte ich mir viel Ärger ersparen können. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte … wäre mein Konto schon viel früher reich gefüllt gewesen. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte, … hätte ich mir diesen Liebeskummer ersparen können. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte, … wäre mein Glück nicht von anderen abhängig gewesen. Ganz ehrlich: Das jüngere Selbst didn’t know shit. Und das ist normal. Vermutlich sogar gut, denn um etwas zu wissen, müssen wir erst einmal Erfahrungen machen. Dazu gehört es  auch, Fehler zu  machen. Fehler sind nicht immer schlimm. Aber klar ist mir das auch gerade erst geworden, weil der Computerspezialist um die Ecke mein Smartphone repariert hat. Als ich mit meinen beiden Kindern im Sommer bei ihm im Büro stand und wir so übers Elternsein, Kinder und das Leben redeten, sagte er mir plötzlich: „Ich wette, du hast in deinem Leben noch nicht wirklich einen Fehler begangen.“ Fragezeichen?, doppeltes Ausrufezeichen!!  in meinem Kopf. Halt!  „Ich mache doch ständig Fehler“, sagte ich. „Täglich.“ Im Umgang mit meinen Kindern, meinem Partner genauso wie mit denjenigen, die mir nicht so nahe stehen oder die ich nicht mal kenne. Ich war völlig irritiert und der Mann, der mein Smartphone rettet, sagte: „Denk mal drüber nach.“ Und das habe ich.

Wer wir sind?

Weil ja immer alles im Leben kein Zufall ist, veröffentlichte Madhavi Guemos etwa zeitgleich ihren neuen Podcast. Der hieß „Warum Fehler machen so gesund ist“. Wir sind eine Gesellschaft, in dem immer erst mal Fehler gesucht werden, sagt Madhavi da.  Das stimmt. Die Schönheit von jemandem oder etwas erkennen wir meistens nicht so schnell wie die Makel. Ich greife mir da an die eigene Nase und werde versuchen, das in nächster Zeit  zu üben. In dem ich andere Blogartikel mit positiven Nachrichten kommentiere, wenn sie mir gefallen haben, in dem ich anderen Menschen sage, wenn sie mich inspiriert haben, etwas gut gemacht haben oder hübsch aussehen. Und noch etwas anderes möchte ich gerne üben:  Fehler einzugestehen – auch wenn ich jetzt gerade hörte, dass ich angeblich noch keine gemacht habe (ich denke, ich weiß, was er mir damit sagen wollte; schlimme, gravierende, nicht mehr rückgängig zu machende Fehler, die mein ganzes Leben und das anderer negativ beeinflussen, ohne jetzt hier weiter in die Tiefe zu gehen). Im Grunde genommen, ist es nicht schlecht, wenn wir auf Fehler hingewiesen werden. Meistens lernen wir schließlich etwas daraus. Dass wir Fehler nicht gerne zugeben, liegt wohl einerseits an unserem ganz natürlichen Streben nach Anerkennung und andererseits an unserem eigenen Anspruch alles richtig machen zu wollen. Weil uns immerzu die fundamentale Frage beschäftigt: passen wir (mit unserem Stamm) in diese Gesellschaft? Wir haben Angst vor Ablehnung und deswegen fällt es uns schwer, Fehler zuzugeben oder uns dafür zu entschuldigen – dabei wäre das wahrscheinlich genau das, was uns am wenigsten Ablehnung bescheren würde.

Wir machen Fehler und kommen deswegen nicht immer gleich zum Ziel. Aber das ist ja nur in unserer eigenen Wahrnehmung so. Denn der Weg zum Ziel hat irgendeinen Sinn gehabt. Als ich Mama wurde, beschäftigte mich das „Wenn-ich-gewusst-hätte“-Thema sehr. Weil man als Mama (und bestimmt auch als Papa) so gerne alles richtig machen würde. Und dem kleinen zarten Wesen so vieles gerne ersparen würde. Und doch ist das natürlich Blödsinn.

Wenn Du eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht hast, hast Du vielleicht schon etwas von den Kleshas gehört. Kleshas sind unsere unbewussten, inneren Neigungen, die bestimmen wie wir als Subjekt denken und handeln. Das wiederum wird maßgeblich durch das bestimmt, was wir in der Vergangenheit gelernt und erfahren haben. Daher können wir nicht viel dafür. Die Schuld alleine auf unsere Eltern zu schieben, ist aber auch ein bisschen einfach. Und so ist es auch nur normal, dass unsere Kinder zwar ihre eigene Persönlichkeit entwickeln aber dennoch natürlich von allen Seiten irgendwie beeinflusst werden. Dabei immer das „Richtige“ zu tun, ist wohl kaum möglich.

Klar ist, wenn wir ein glückliches und erfülltes Leben führen wollen, müssen wir uns immer wieder neu mit uns selbst auseinandersetzen, Muster aufbrechen, herausfinden, warum wir tun was wir tun, Erlebtes verarbeiten, loslassen und so weiter. Und das werden wir auch unseren eigenen Kindern nicht ersparen können – selbst wenn wir , was natürlich gar nicht möglich ist, als Eltern alles richtig machen würden. Man muss nun dem Kind nicht unbedingt den Namen Klesha geben oder eine Yogalehrer-Ausbildung absolvieren, um darauf zu kommen, dass wir an unserer Situation immer etwas ändern können. Man kann sich auch einfach mal mit Psychoanlyse oder Innerer-Kind-Arbeit beschäftigen. Was für viele ein wenig abschreckend klingt, ist schlicht ein Weg, uns selbst einfach besser kennenzulernen. Dabei auch das jüngere Ich zu verstehen und zu akzeptieren.

Ich bin keine Mama, die alles besser weiß

Ich habe mich oft gefragt, wie ich meine Kinder bestmöglich begleiten kann, damit sie ein glückliches Leben führen können. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass ich nicht zu viel darüber nachdenken sollte. Natürlich kann ich ihnen vieles an die Hand geben. Beispielsweise, wie sie mit Angst und anderen Gefühlen umgehen können. Oder dass ich ihnen klarmache, dass sie mit mir jemanden haben, der immer und egal was ist, für sie da sein wird. Auch wenn sie das manchmal vermutlich nerven wird. Das wichtigste aber ist wahrscheinlich, dass ich sie dabei unterstütze, ihre eigene, individuelle Persönlichkeit zu entwickeln, ihre Stärken bewundere und ihre Neigungen akzeptiere.  Erfahrungen werden sie weiterhin selbst machen müssen und dürfen.  Ich weiß genau, dass ich meine Kinder vor peinlichen Erlebnissen mit der ersten Liebe, vor richtig dollem Liebeskummer und blöden Begegnungen mit unangenehmen Menschen schützen möchte und doch ist mir natürlich völlig klar, dass sie da durch müssen. Und dass das womöglich auch noch zu den weniger dramatischen Ereignissen ihres Lebens dazugehört. Als Mama kann ich versuchen, sie stark zu machen für das Leben. Es liegt an den Erfahrungen, die sie jetzt machen, wie sie später mit den wirklich unangenehmen Dingen des Lebens umgehen können. Ich bin kein Erziehungsratgeber und handele oft aus dem Bauch heraus. Für mich ist es wichtig, meinen Kindern zu vermitteln, dass wir immer über alles reden können. Ich entschuldige mich bei ihnen, wenn ich Fehler mache und zeige ihnen, dass ich authentisch sein möchte und nicht eine Mama bin, die immer alles besser weiß. Ich begleite sie, wenn sie wütend sind und versuche ihnen zu vermitteln, dass Wut und Angst Gefühle wie andere auch sind und dass es unterschiedliche Wege gibt, damit umzugehen. Manchmal bin ich ungeduldig mit ihnen. Manchmal bin ich genervt.  Ich mache bestimmt viele Fehler an jedem Tag. Manchmal könnte ich daran verzweifeln, dann fühle ich mich wie eine schlechte Mutter. Alleine heute habe ich bestimmt wieder 100 Fehler aus erzieherischer Sicht gemacht.  An anderen Tagen denke ich, ich mache sehr viel richtig.

Als ich meine Yogalehrer-Ausbildung machte, sagte unsere Lehrerin immer: „Everything is okay.“ Das sei Yoga. Weißte was? Natürlich ist nicht everything okay! Es gibt leider viele Dinge auf der Welt, die total nicht okay sein. Aber im Grunde genommen, verstehe ich, was sie damit meinte. Sie meinte, dass wir uns immer selbst entscheiden können, wie wir mit Situationen umgehen. Wie unsere Kinder uns spiegeln – und das tun sie natürlich ständig, denn nur wir sind diejenigen, durch die sie als Kleinkinder lernen und Erfahrungen machen – zeigt auch eindeutig, wie viel sie sich an uns abschauen. Ob sie wollen oder nicht. Und deswegen sitzen wir oft da, ungefähr in der Mitte unseres Lebens, und stellen fest, dass wir doch verdammt viel genauso machen wie unsere eigenen Eltern. Das jüngere Ich hat keinen blassen Schimmer und das ist auch völlig okay. Weil jeder Schritt  auf einem anderen Schritt basiert. Vielleicht ist es mal an der Zeit, zu kapieren, dass wir ein bisschen milder mit uns selbst umgehen sollten, wenn es um unsere Vergangenheit geht. Vielleicht waren manche „Fehler“, die wir vermeintlich begangen haben, ja gar keine, so wie es mein Smartphone-Retter sagt.

Gefühle bestätigen

Meine knapp fünfjährige Tochter hatte auch heute wieder einen sehr lauten Wutanfall. Aus Erwachsenen-Sicht ist das oft etwas „Schlimmes“, „furchtbar Nerviges“. Das geht auch mir oft so. Und doch weiß ich, dass sie nicht wütend ist, um mich zu ärgern oder nervig zu sein, sondern wirklich, weil sie in dem Moment von ihren Emotionen überrannt wird.

Natürlich beinhaltet jedes Leben Schmerz und Vergnügen. Alles andere ist nicht möglich.  Negative Gefühle werde ich auch bei meinen Kindern nicht ausblenden können und wollen. „Wenn man versucht, ein negatives Gefühl zu blockieren, beseitigt man auch die positiven Gefühle“, schreibt die Psychotherapeutin Philippa Perry in dem Buch „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)„. Sie schreibt auch: „Wenn wir die Gefühle unserer Kinder bestätigen, stärken wir die Bindung zwischen uns und unserem Kind.“ Und nur die, die Qualität der Beziehung zu unseren Kindern, haben wir in der Hand.Das ist tröstlich. Doch mein jüngeres Ich didn’t know shit. Das macht aber nichts. Jede Erfahrung, die ich mache, hat bestimmt einen Sinn. Wenn ich mir Gedanken darüber mache, hoffe ich, dass auch meine Kinder irgendwann mal Innere-Kind-Arbeit oder Psychoanalyse machen werden. Der Gedanke fühlt sich verrückterweise schmerzhaft an. Andererseits habe ich zu meinen Eltern eine sehr gute Beziehung und ich kann mich nicht erinnern, dass das mal anders war.  Im Sommer verbrachte ich drei Wochen Ferien bei ihnen. Ich kann mir keinen besseren Ort für unsere Sommerferien vorstellen. Ich denke genau wie mein Computerfachmann: Sie haben keine Fehler gemacht. Und vielleicht denken meine Kinder ja auch mal so. Das jüngere Ich weiß es aber nicht.

Was Mama-sein manchmal mit Yoga zu tun hat

Als ich das erste Mal nach der Geburt meiner ersten Tochter in einer Yogaklasse war – ich meine jetzt kein Mama-Baby-Yoga, sondern eine Stunde für Erwachsene, keine Selbstpraxis vorm Laptop, sondern mit einer Yogalehrerin, die mich anfassen konnte –, hab ich gedacht: „Ach, wie schön. Ich bin wieder da. Ich komme wieder öfter. Es geht los.“ Und dann zogen doch vier Wochen ins Land, bis ich es wieder schaffte. Die Zeit mit dem Baby flog so dahin. Yoga war gar nicht mehr wichtig. Zumindest nicht die Asana-Praxis.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich, als meine Erstgeborene fünf Monate alt war, einer Freundin schrieb: „Meine Tochter kann jetzt schon sitzen, sich drehen, fast schon krabbeln – zumindest rückwärts geht es ganz gut. Und ich falle im Handstand immer noch um.“ Die Freundin musste lachen und ich mich in meinem Ehrgeiz zügeln. Nach der zweiten Schwangerschaft muss ich sagen: Armbalancen sind nicht das Problem. Rückbeugen finde ich viel schwieriger. 

Vor meiner ersten Schwangerschaft war ich mindestens fünf Mal in der Woche im Yogaunterricht. An den anderen Tagen übte ich zuhause. Als meine Tochter zur Welt kam, änderte sich das gründlich. Zunächst einmal war Yoga gar nicht so wichtig. Aber ganz langsam kam die Sehnsucht. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass ich als Mama trotzdem mehr denn je Yoga übte. Der Fokus lag nun nicht mehr auf körperlichen Asanas, die mich zum Schwitzen brachten, mich forderten. Yoga ist so viel größer geworden als Asana-Praxis. Ich bin über das Körperliche zum Yoga gekommen. Das ist kein Geheimnis. Und es ist mir auch nicht peinlich. Asanas üben, das ist immer noch der Teil von Yoga für mich, der mir am meisten Spaß macht. Noch mehr Spaß, als die wohltuende Acht-Minuten-Meditation, die ich mir manchmal gönne, wenn alle noch schlafen. Auf der Matte baue ich Spannungen ab, Bewegung tut mir gut. Ich liebe es, über den eigenen Körper zu staunen, die Grenzen zu erkennen und besonders liebe ich es, wenn ich mich nach der Asana-Praxis so viel besser fühle als davor. Wenn Rückenschmerzen plötzlich weg sind beispielsweise. Oder vergessene Muskeln „Hallo“ sagen. Ich würde viel lieber mehr Sport machen und komme nicht dazu und deswegen ist Asana-Praxis für mich vielleicht auch so wichtig geblieben. Und ja, manchmal würde ich auch noch mal gerne einfach morgens um sechs aus dem Haus schleichen, meine 90-minütige Yogapraxis im Yogastudio durchziehen und dann erst wieder nach Hause kommen. Gerade aber sind andere Dinge dran.

Kinder – Achtsamkeit-Weltmeister

Als meine jüngste Tochter noch sehr klein war, hatte ich bei der Yogalehrerin und Zweifach-Mama Nicole Bongartz unter einem Instagram-Foto diese tollen Sätze gefunden: „Als ich ein kleines Kind war, habe ich immer gedacht, die Erwachsenen wären perfekt. Sie wussten alles und machten nie etwas falsch. Heute weiß ich, das es umgekehrt ist, die Kinder sind die perfekten, von denen wir noch lernen können.“ Das spricht mir ganz aus der Seele. Das ist das, was ich täglich denke. Ich glaube manchmal, wenn wir Erwachsenen ein bisschen mehr Kind sein könnten, würden wir viel mehr von Yoga verstehen.

Als meine Größere sprechen konnte, fiel mir plötzlich auf, wie toll sie Dinge wahrnimmt, die uns Erwachsenen gar nicht mehr auffallen. Kinder leben so unfassbar bewusst den Moment. Sie sind Weltmeister im Achtsam sein – hochbezahlte Manager nehmen heute Kurse, um Achtsamkeit überhaupt in ihren Wortschatz aufnehmen zu können. Die Leichtigkeit, die Neugierde aber auch die Vorsicht und Rücksicht mit der meine Kinder dem Leben begegnen, es wahrnehmen und aufsaugen – das ist auch Yoga. Zu erkennen, dass wir nicht viel brauchen, um rundum zufrieden zu sein. Dabei helfen Kinder. Festzustellen, wie dankbar wir eigentlich sein dürfen. Meine Kinder sind gesund – wie großartig ist das überhaupt? Bedeutet das nicht eigentlich, dass alles andere nahezu nebensächlich wird? 

Was von 2020 bleibt

An diesem Montag sollen meine Kinder zum ersten Mal seit dem 17. März 2020 wieder in die Kita gehen. Im März habe ich noch gedacht, ich würde mich auf den ersten Tag, an dem die Kita wieder öffnet, freuen. Nun bin ich fast ein bisschen wehmütig. Die Corona-Ferien habe ich freiwillig verlängert, weil ich meine Eltern noch besuchen wollte und wir dann irgendwie den Sommer gemeinsam feiern wollen. Ab der kommenden Woche wird so etwas wie ein Alltag wieder in unser Leben kommen und ich will nicht sagen, dass ich Corona dankbar bin aber ich bin definitiv dankbar, dass ich das letzte halbe Jahr so intensiv mit meinen Kindern verbringen durfte. Meine jüngste Tochter wird diesen Herbst zwei Jahre alt. Nie war mir so bewusst, wie schnell die Zeit vergeht, wie Erinnerungen verblassen, so sehr man sich auch darum bemüht, den Moment zu geniessen. 

Ich habe Bock auf meine Kinder. Ich bin auch manchmal genervt von ihnen. Auch ich finde Mama-sein oft sehr anstrengend. Ich habe mich während dem Lockdown einige Male gefragt, wie es wohl wäre, wenn ich jetzt keine Kinder hätte. Was man dann wohl alles hätte tun können, wie viele Bücher ich hätte verschlingen können, welche neuen Seiten, Talente ich an mir hätte entdecken können, wie viel Zeit für Yogapraxis gewesen wäre. Und doch war ich sehr froh, dass ich ein ganz anderes Leben führe.

In den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, wie viele Erwachsene die eigenen Kinder als eine Belastung wahrnehmen und wie viel „Me-Time“ Erwachsene offenbar brauchen. Dass für viele Entspannt-sein gar nicht möglich ist, so lange die Kinder in der Nähe sind. Was mir immer, wenn es anstrengend wird hilft, ist die Tatsache, dass wir uns am Ende unseres Lebens garantiert nicht die Frage stellen, ob wir auch wirklich genug Me-Time hatten. Ich weiß sehr gut, dass ich die Zeit niemals zurückdrehen kann. Gedanken wie: „Wenn sie doch nur schon dies oder jenes könnten…“, habe ich noch nie gehabt. Auch nicht, als meine Kinder als winzige Säuglinge in meinen Armen lagen, Bauchkrämpfe hatten und ich schlaflose Nächte. Nie kann ich so erschreckend gut im Hier und Jetzt sein, wie wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin oder auch nur an sie denke. Es ist nicht so, als wäre mir vor der Zukunft, vor Schul- und Teenager-Jahren bange. Überhaupt nicht. Aber die Momente, die wir jetzt gemeinsam haben, kommen nicht mehr zurück.

Summer of Samtosha

Meine Kinder haben mir vielleicht ein wenig von meiner Gelassenheit genommen (weil ich so oft am Tag zusammenzucke, wenn sich wieder jemand wehgetan hat oder ich meine Jüngste plötzlich auf der Fensterbank finde), sie rauben mir sehr viel Zeit, aber dafür schenken sie mir unendlich viel. Dafür haben sie mir beigebracht, geduldig zu sein und Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann. Der Sommer 2020 hat für mich den Namen Samtosha verdient. Samtosha – seit jeher mein Lieblings-Niyama. Es heißt so viel wie, zu akzeptieren, was gerade ist. Zufrieden zu sein, mit dem was ist oder wie man ist. Das habe ich in diesem Sommer tatsächlich zelebriert. Wo fängt Erleuchtung an und wo hört sie auf? Ich mag das Wort gar nicht, ich habe mich zu Beginn meiner Tätigkeit als Yogalehrerin sehr damit auseinandergesetzt und meine eigene Definition für Erleuchtung erschaffen: Für mich bedeutet Erleuchtung totale Glücksmomente bewusst wahrzunehmen. Mit Kindern kann man sie häufig erleben. Ich habe also, seit ich Mutter bin, weniger Zeit für eine vernünftige Asana-Praxis. Dafür aber lerne ich ganz schön viel. Nicht so viele neue Asanas vielleicht, aber anderes Yoga. Das ist spannend, manchmal sehr anstrengend, manchmal sehr stimmungshebend, überraschend und inspirierend. Wie eine gute Yogaklasse eben.