Schlagwort: Kinder

Einfach leben ist nicht schwer, nachdenken dagegen sehr …

Heute unterrichte ich meine erste Stunde mit physisch anwesenden Menschen seit Ende Oktober. Über ein halbes Jahr lang spielte sich Yogaunterricht mal wieder ausschließlich virtuell ab. Heute nachmittag werde ich mit meinen Schülern/innen im Freien praktizieren. Auf einer grünen Wiese. Mit Hilfe eines Kopfhörers können die Schüler/innen meine Anweisungen verstehen, egal wie wild der Wind weht. Musik läuft im Hintergrund. Mann, ich freue mich so darauf! Einen Tag später öffnen die Studios dann offiziell in Schleswig-Holstein und Yoga – unter strengen Auflagen – wird auch drinnen wieder möglich sein. Und so sehr ich mich freue, dass viele in meinem Umfeld nun bereits zwei Mal geimpft sind, dass Restaurants, Hotels und Cafés öffnen, so geht es mir auch ähnlich wie wie im vergangen Jahr nach Lockdown 1. Ich frage mich: Wie wird unsere neue Realität eigentlich aussehen? Wie wünschen wir sie uns? 

Lieber Arm an Arm als Zahn um Zahn

Heute morgen hatten meine Kinder heimlich den Fernseher eingeschaltet. Das machen sie manchmal. Es ist eine Art Spiel. Denn sie verheimlichen es nie, sondern kommen lachend angelaufen, um zu beichten, dass der Fernseher läuft. Ich hielt meine Tasse Kaffee noch in der Hand, habe sie also kurz mal machen lassen und mir dann angesehen, was sie gerade eingeschaltet hatten. Auf MDR lief „Zahn um Zahn“ – das hatte ich noch nie zuvor gesehen. Eine DDR-Serie aus den 80er-Jahren. Ich musste schmunzeln, weil die übertrieben freundliche Arzthelferin – mit Namen Häppchen – die Patienten am Arm berührte, wenn sie sie aus der Praxis geleitete. Was für ein ungewohntes Bild! Ich zuckte fast zusammen, angesichts des „Zuviels“ an Berührung. Wie schade, oder? 

Nach uns die Sintflut?

Aber dann gibt es auch Dinge, die will ich gar nicht haben. Dummerweise war ich über den Bild-Kommentar von Ralf Schuler gestolpert: „Haben denn alle einen Knall?“, stand da provokant in der Überschrift. „Tempolimit, Fleischverzicht, Flugscham, Böllerverbot – haben wir Deutschen eigentlich einen Knall?“, fragt der Journalist da. Und weiter: „Einfach mal leben ist nicht unsere Stärke …“ Komisch, dass ich genau das Gegenteil von den Deutschen denke. Mich bestürzte dieser Text – auch wenn mir klar ist, dass diese Zeitung natürlich gerne Klischees bedient und Provokation zum Konzept gehört – denn wieso findet Ralf Schuler, ein im Osten aufgewachsener Journalist, der sich selbst zu DDR-Zeiten zum Christentum bekannte (was mich wahnsinnig beeindruckt) solche Worte? … Worte, die man meiner Meinung ruhig schreiben kann, wenn man nach dem Prinzip: „Nach mir die Sintflut“ lebt. Ich kann ziemlich viel Spaß haben ohne Fleisch, ohne Böller, ohne Langstreckenflüge. Ich lebe so sehr nach dem Prinzip „einfach leben“, dass mich alleine das Wunder meiner fließenden Atmung manchmal schier umzuhauen droht. Ich genieße die Sonne an furchtbaren Regentagen, suche mit meinen Kindern nach dem Regenbogen und feiere schon seit meinem 18. Lebensjahr laut, lustig und ausgelassen ganz ohne Alkohol. Meine Freunde wissen das. Die fragten mich früher auf Partys ob es mein Ernst sei, jetzt noch Auto zu fahren, weil sie einfach nicht bemerkt hatten, dass ich gar nicht betrunken war – sondern einfach ich.

Leiser, sanfter, glücklicher

Tempo auf der Autobahn? Echt jetzt? Das macht glücklich? Silvesterknaller in die Luft böllern? Lebenswichtig! Vielleicht wäre es erstrebenswerter, sich zu wünschen, dass wir uns Silvester‘ 21 alle umarmen können ohne einen einzigen leisen Zweifel? Und dass sie in China keine Tiere mehr auf Märkten verkaufen, die dort einfach nichts zu suchen haben? Wären wir nicht viel glücklicher, wenn wir mehr im Einklang mit der Natur leben würden, verzichten könnten, auf das, was der Umwelt richtig weh tut, uns auf das Wesentliche besinnen würden, statt immer nur schneller, höher, weiter? Das war mal ein Prinzip, das für den Leistungssport galt. Da machte es Sinn. Heute geht es, so kommt mir das vor, in allen Bereichen des Lebens darum. Und lauter natürlicher. Bitte auch lauter. Wer am lautesten schreit, der lebt am besten. Echt jetzt?

Was für eine Vision!

Es war noch mitten im dicksten Corona-Winter, da besuchte mich eine Freundin in meiner Küche, wir tranken einen Kaffee zusammen und redeten darüber, wie die Zukunft unserer Kinder aussehen könnte. „Ach“, sagte meine Freundin da, „ich denke, die werden sich über uns totlachen, werden sagen: Echt? Wie konntet ihr denn 40 Stunden die Woche arbeiten, Kinder haben und dann auch noch für eure Ferien nach Dubai fliegen?“ War das eine Vision! Stell dir mal vor, unsere Kinder wollten gar nicht mehr in die Ferne reisen? Stell dir mal vor, sie würden deutlich weniger arbeiten, gesünder leben und ein ganz ausgeprägtes Umweltbewusstsein haben? Diese Vision rettete mich über den Winter. 

Und jetzt: Rettet die Yogastudios!

Lauschangriff und Lesestoff vom 19. März 2021

In der vergangenen Woche habe ich das Interview gelesen, das Teresa Bücker mit der Psychologin Taniesha Burke für das SZ-Magazin geführt hat. Das Thema: Wie können wir unsere Kinder bestmöglich durch diese Pandemie begleiten? Das Gute im Schlechten suchen – das ist ein Gedanke, den ich mir Ende des vergangenen Jahres ganz bewusst vorgenommen habe. Ich hätte auch gut ohne Covid-19 leben können, na klar, aber es gibt ganz bestimmt auch Dinge, die ich ohne diese Pandemie nicht so intensiv erfahren hätte. Dazu zählt auch Nähe. Zeit für und mit meinen Kindern.

Immer wieder treffe ich (fremde) Menschen, die mir beim Anblick meiner (noch kleinen) Kinder sagen: »Ach, sie werden so schnell groß!« Und deswegen bin ich dankbar für die intensive gemeinsame Zeit. »Wenn wir uns jetzt auf die Beziehung zu unseren Kindern konzentrieren, werden sie in ein paar Jahren oder Jahrzehnten an die Pandemie zurückdenken und sich ganz besonders und gern an die Zeit erinnern, die sie mit ihren Eltern verbracht haben«, sagt Taniesha Burke in diesem Interview. Ach, sie spricht mir so aus der Seele …

Die Richtung ändern …

In dieser Woche bin ich über drei Blogartikel gestolpert. Der eine ist von Lisa, sie macht gerade eine Yogalehrer-Ausbildung und schreibt darin sehr schön und durchaus unterhaltsam von ihren Erfahrungen. Da kommen alte Erinnerungen an die erste Yogalehrer-Ausbildung tatsächlich wieder auf. Wie Lisa, Anfang 30, viel gearbeitet, Karriereträumen und -erwartungen hinterhergehetzt, geht es ja vielen, die plötzlich den tieferen Sinn des Lebens suchen und sich dann in einer Yogalehrer-Ausbildung wiederfinden. Wir ändern häufig die Richtung in unserem Leben und das ist auch gut so. Dass ich mit 24 andere Vorstellungen von meinem Leben hatte als jetzt mit fast 42 ist irgendwie logisch. Ich weiß nicht wieso, aber immer noch werden Kinder so erzogen, dass sie spätestens zum Ende ihrer Schulzeit wissen sollen, was sie mal werden wollen und wohin die Reise gehen soll. Ich habe schon häufig junge Menschen getroffen, die völlig zerrissen kurz vor Beginn ihres Berufslebens nach der richten Entscheidung lechzten: Doch lieber eine Ausbildung? Ein Studium? Erst mal reisen? Oder ist Geld verdienen doch wichtiger? Ich kann da nur empfehlen: höre einfach mal auf das Bauchgefühl. Wofür brennst du? Und wenn du jetzt in eine Richtung gehst und irgendwann in eine andere ist das völlig in Ordnung. Denn das bist dann DU.

Mama- und Montagmorgen-Liebe

Ich bin dankbar für jeden Schritt meines Lebens. Mit sechs Jahren dachte ich, ich würde Romane schreiben wenn ich groß bin – ich bin weder groß geworden, noch habe ich einen einzigen Roman geschrieben. Mit zwölf war ich dann bei Journalistin angekommen. Diesen Weg habe ich sogar verfolgt und dabei viele besonders schöne und einzigartige Erfahrungen gemacht. Mit Ende 20 wusste ich, dass ich, obwohl ich das gerne gewollt hätte, nicht die Eier in der Hose habe, um richtigen investigativen Journalismus zu betreiben, sprich dahin zu gehen, wo es wehtut, wo ich unangenehme Fragen stellen und unangenehme Antworten bekommen muss. Das war eine Erkenntnis, die ich ganz klar so treffen konnte. Es hat nicht mal besonders wehgetan. Ich wollte aber auch keinen Kuscheljournalismus und so ist jeder Schritt meines Lebenslaufs eigentlich nachvollziehbar. Ich verabschiedete mich mehr und mehr vom Journalismus und wurde zur Texterin und Autorin. Und eben auch zur Yogalehrerin. Und alles passt zusammen. Das absolvierte Studium der Sportwissenschaften hilft mir heute ungemein beim Yogaunterricht. Die journalistische Erfahrung hat mich zur Buchautorin gemacht. Und dann kamen die Kinder und der klare Gedanke: Karriere ist mir wirklich nicht so wichtig. Ich liebe es, Mama zu sein. Dabei liebe ich aber auch jeden Montagmorgen, wenn ich hier alle aus dem Haus schicken kann und endlich alleine bin. Zeit habe, kreativ zu sein …

Graue Haare

Ich habe einen weiteren Blogartikel gefunden, der sich mit einem ganz anderen Thema beschäftigt, aber mich dann wieder zu dem von Lisa hingeführt hat. Nämlich den von Iris. Sie beschäftigte sich mit der Frage: Killen graue Haare das Business von Frauen? Graue Haare habe ich auch schon. Ich kann sie fast noch zählen, es werden mehr und ich habe leider nicht so Lust auf Färben. Dafür bin ich schon zu sehr Ökotante. Vielleicht hast du einen Tipp für mich. Vielleicht färb ich irgendwann mal wieder. Egal. Gerade ist es nicht so wichtig, denn es sieht mich ja kaum jemand. Generell behaupte ich ja, dass ich in dem letzten Jahr gefühlt um fünf Jahre gealtert bin. Optisch trifft das doch garantiert zu. Diese Pandemüdigkeit hat jedenfalls nichts zu meiner Schönheit beigetragen. Ich bin dann aber natürlich sofort auf den Podcast von Greta Silver gehüpft. In der aktuellen Folge geht es nämlich darum: „Welche Arbeit passt zu dir?“ Und während ich dem Podcast lauschte, dachte ich, „Manno Mann, ich muss doch mal wieder Momo lesen. Da sind all die Weisheiten vereint, die wir uns heute mühselig aus dem Yoga Sutra raussuchen …“

Und dann war da natürlich noch der hier. In dem Beitrag „Happy Birthday, Corona“ schreibt Judith sehr persönlich und ehrlich, wie sie die letzten 365 Tage erlebt hat. Was gut war, was schlecht war und weshalb Rückzug und Abstand Dinge sind, die sie künftig gerne wieder freiwillig planen würde.

Und nun die Frage des Tages: Werde ich drumherum kommen, am Wochenende diese veganen und glutenfreien Brownies auszuprobieren …oder zumindest eine Variante davon? Hmmmm, lass mich mal raten …

Lauschangriff und Lesestoff vom 12. Februar 2021

Gerade übe ich wieder sehr viel Yoga in Form von Asanas, also Körperhaltungen. Das ist der Teil von Yoga, der bei uns im Westen ja auch am bekanntesten ist. In den vergangenen Jahren war das bei mir unterschiedlich. Manchmal übe ich viel auf der Matte, manchmal lese ich mehr, dann beschäftigt Yoga mich wieder fast ausschließlich im Kopf. Manchmal atme ich einfach besser und manchmal versuche ich zu lernen, Weisheiten einer Philosophie in meinen wilden Alltag mit zwei kleinen Kindern zu integrieren. Und dann stehe ich plötzlich wieder auf den Händen oder balanciere auf einem Bein. Im vergangenen November wollte ich am liebsten auf der Matte nur atmen. Und jetzt bin ich gerade wieder so richtig heiß auf Power Yoga. Vielleicht liegt es daran, dass die Asana-Praxis wirklich eine praktische Erfindung ist, wenn man viel Zeit auf wenig Raum verbringt. Und während ich noch im Herbst dachte, die Yoga-Praxis muss doch gerade nicht anstrengend sein, denk ich jetzt: Warum eigentlich nicht? Schließlich können wir noch so viele 7-Minuten-Workouts zuhause machen, wir bewegen uns trotzdem zu wenig. Yoga habe sich immer in das verwandelt, was die Menschen gerade brauchten, sagte der Yogahistoriker Mark Singleton einmal im Interview mit dem Magazin GEO ( Mark Singleton im Interview mit G. Gottschalk: Yoga? In: GEO Wissen Gesundheit. Yoga & Meditation. Nr. 13. Hamburg: Gruner & Jahr GmbH. S. 116). Deswegen: Warum also nicht in körperliches Training in einer Zeit, in der der menschliche Körper von 99 Prozent unserer Gesellschaft nicht mehr dafür genutzt wird, wofür er eigentlich mal konstruiert wurde, nämlich die Bewegung. 

Durchs Wohnzimmer turnen

In der Pandemie nehmen alle zu, vor allem die Kinder. Kein Wunder. Die dürfen ja auch nicht mehr Turnen gehen und Fußball spielen und wer will schon als Fünfjähriger im Park joggen? Da sind mal wieder die Eltern gefragt, aber die wollen ja gerne, dass die Politiker ihnen alles abnehmen. Aber auch Frau Merkel hat nun leider keine Zeit, meine Kinder an der Hand zu nehmen und mit ihnen durch mein Wohnzimmer zu turnen. Das muss ich schon selber tun. Mache ich auch. Heute habe ich sie als „böses Monster“ ungefähr 27 Runden durch die Wohnung gejagt. Sie juchzten und sind dabei fast an ihrem eigenen Lachen erstickt. Sie wären gerne noch 27 weitere Runden gerannt, aber ich musste (glücklicherweise) dann meinen Zoom-Yogakurs unterrichten. Als ich bei Google die Begriffe „Gewichtszunahme“ und „Pandemie“ eingab, spuckte die Suchmaschine reihenweise Texte aus. Vermutlich ist dieser hier der, den ich empfehlen kann. Traurig machte mich der Beitrag auf ndr.de am vergangenen Mittwoch. Auch das ist natürlich keine überraschende Entwicklung. Kinder kriegen es doppelt und dreifach ab, wenn niemand da ist, der das alles für sie auffangen kann. 

Momentan mache ich gerade eine Fortbildung zur Kinderyoga-Lehrerin. Ich glaube nämlich, dass man nicht früh genug damit anfangen kann, die Yogamatte zu entdecken. Und ich hoffe, dass ich irgendwann, wenn es dann wieder möglich ist, Kindern etwas geben kann, was sie wirklich brauchen. Nämlich ein stärkeres Selbstbewusstsein, den Spaß an der Bewegung und die Freude an diesem irre-schönen Leben. 

Den eigenen Weg gehen …

A propos schönes Leben – noch eine Leseempfehlung aus dem SZ-Magazin: Im Interview erzählt Trauerredner und Schauspieler Carl Achleitner was ein gutes und erfülltes Leben ausmacht. Unbedingt lesen. Von der SZ gibt es übrigens kostenlos jeden Montag den Newsletter „Einfach leben“. Der ist auch schon lesenswert. 

Falls du Lockdon-Langeweile hast und ziemlich genau 2 Stunden und 40 Minuten deiner Zeit für einen einzigen Podcast übrig hast, dann empfehle ich dir die aktuelle Folge von The Rich Roll Podcast mit Alexi Pappas, Olympiateilnehmerin über 10.000 Meter, preisgekrönte Autorin und Filmemacherin, die in diesem wahnsinnig tiefsinnigen Gespräch von ihren Talenten aber vor allem auch ihren Traumata erzählt und wie sie daraus die Kraft gezogen hat, ihre Träume zu verwirklichen und ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

Und jetzt kommt ein Rezept, das angeblich einfach sein soll, gluten- und einfrei und natürlich vegan. Ich hab es noch nicht ausprobiert, aber das werde ich tun. Denn wenn das alles stimmt, klingt es wie ein Volltreffer. Ich wette, es schmeckt auch Kindern gut …

Mamas, Lust auf Abenteuer?

Vielleicht liegt es daran, dass Stefanie Seitz Chemikerin ist und ihren Forscherdrang einfach nicht zügeln kann. Und natürlich daran, dass sie einfach Bock auf Natur und Abenteuer hat. Auf jeden Fall hatte die Mutter eines achtjährigen Sohnes eine ziemlich coole Idee. Sie bat ihren Chef darum, ihre Kreativität noch mehr ausleben zu können und meldete dann ein Kleinunternehmen im Nebenerwerb an.  Es heißt „Mama macht Abenteuer“, und Stefanie Seitz bringt nebenberuflich Eltern bei, wie sie mit ihren Kindern die Natur entdecken können, denn Stefanie ist nicht nur Chemikerin, sondern auch angehende Umwelt- und Naturpädagogin. Ihr ist wichtig, dass Eltern locker und  leicht zu Helden für ihre Kinder werden. Kann man gebrauchen in Zeiten wie diesen. Denn Stefanie Seitz vermittelt auf sehr sympathische Weise, dass Kinder eigentlich keine Spielplätze brauchen. Im Interview reden wir darüber, warum so etwas wie ein Abenteuer-Kurs heutzutage überhaupt notwendig ist, wie wir unsere Kinder im Winter nach draussen kriegen und über Ideen für Pandemie-Tage. Auf ihrer Webseite gibt es sogar eine Online-Anleitung für die Mini-Schatzsuche im Winter. Kostenlos!

Liebe Stefanie, nun wissen wir ja alle, wir werden noch eine Weile 24 Stunden am Tag mit unseren Kindern beschäftigt sein. Jetzt ist Winter, meine Kids haben sich zuhause schön eingemümmelt um die Weihnachtszeit. Ich habe es also nicht so leicht, wenn ich sie nach draussen bewegen will. Was ist das Geheimnis?

Es gibt einen Trick und das ist die Sprache. Ich frage gar nicht erst, ob wir loswollen, sondern ich sage: Wir machen jetzt Detektivarbeit – Wer kommt mit?  Vorher habe ich mir natürlich dann etwas überlegt. Ich stelle kleine Aufgaben. Bei größeren Kindern kann man beispielsweise sagen: Fotografiere etwas Blaues. Damit wecke ich schon mal die Neugier. Wenn wir zurückkommen und die Aufgabe gelöst wurde, gibt es dann eine Kleinigkeit, das kann eine kleine Tüte Gummibärchen sein, einfach ein kleiner Preis dafür. Es ist sozusagen eine Schnitzeljagd im Kleinen. Mit jüngeren Kindern kann man zum Beispiel etwas sammeln. Eine Aufgabe könnte sein: Sammele zehn Tannenzapfen. Sobald die Kinder draussen sind, geht dann eigentlich ohnehin alles von allein. Dann gibt es ja immer etwas zu entdecken. Die meisten Kinder erkennen die unendlichen Spielmöglichkeiten. Man muss also gar nicht Dauermoderator sein.

Du bietest für Erwachsene Kurse an, bei denen sie lernen sollen, mit ihren Kindern die Natur zu entdecken. Wenn nicht Lockdown wäre, würdest du also wirklich mit deinen Kunden raus gehen und ihnen erklären, wie eine Schatzsuche abläuft?

Ja, wir gehen normalerweise raus. Mikroabenteuer nenne ich die Abenteuer, die wenig oder gar kein Geld kosten und einfach vor der eigenen Haustür erlebbar sind. Wir lernen dann in den Kursen, wie wir sie planen, welches Material benötigt wird, wie man etwas mit Steinen bauen kann oder auch ein Lagerfeuer macht.

Und jetzt hast du es auf online umgestellt? Wie kann man sich das vorstellen?

Das habe ich im letzten Jahr tatsächlich gemacht. Und es ist eigentlich ein Kurs für die Mamas. Ich habe gemerkt, viele Mütter haben die Einstellung: der Papa ist für Abenteuer zuständig. Und ich fragte mich: Wieso ist das eigentlich so? In Gesprächen merkte ich dann, dass die Mütter glaubten, sie hätten gar keine Ideen. Und zum Teil fehlte ihnen auch der Mut. So habe ich den ersten Onlinekurs in einer kostenlosen Beta-Version angeboten. Da haben sich 21 Frauen gefunden. Die Idee ist natürlich zunächst, die Leute rauszubringen. Wir sammeln erst einmal Ideen, es gibt viele Möglichkeiten: Sterne gucken, eine Nachtwanderung – das ist total spannend und man muss übrigens gar nichts machen – , ich zeige, wie man mit einer Sternkarte umgeht, und es geht dann hin bis zum draussen übernachten im Sommer. Das kann man ja auch in manchen Fällen zuhause, beispielsweise auf der Terrasse, wenn es eine gibt. Da habe ich übrigens eine nette Geschichte von einer Mutter, die das dann umsetzte und mir später erzählte, das Kind habe wunderbar draussen geschlafen, aber sie habe kein Auge zugemacht, weil sie einfach die vielen Geräusche wahrgenommen hat, die es zu jeder Uhrzeit gab. Sie hat sich gewundert, dass die Zeitung wirklich wahnsinnig früh am Morgen ausgetragen wird. Und sie fand das alles so gut, dass sie dann auch ihren Milchkaffee unbedingt noch draussen trinken wollte. 

Wenn der Kurs wieder draussen stattfinden kann, was passiert dann? 

Ich stelle zunächst Ideen vor, zeige also Möglichkeiten auf, was man alles machen kann und dann darf sich jeder ein Projekt aussuchen, das er gerne machen würde. Mein Ansatz ist es, die Verbindung der Eltern mit den Kindern im Grundschulbereich zu stärken, denn in der Pubertät ist es oft zu spät, dann wollen die Kinder die Eltern gar nicht mehr dabei haben. Einmal draußen mit den Kindern zu übernachten – das ist mein Ziel für die Eltern.   Denn das schafft die Erinnerungen! Und zwar vor allem die Dinge, die schief gegangen sind. Wenn man alles für das Essen vorbereitet, aber dann den Dosenöffner vergessen hat und so was – das sind Geschichten, an die sich die Kinder auch gerne erinnern.

Wie ist denn diese großartige Idee entstanden, von einem Blog der irgendwas mit nachhaltigem Reisen zu tun haben sollte, zur Abenteuer-Expertin zu werden? 

Ich wollte zunächst einfach meine Kreativität ausleben und das begann mit dem Reiseblog. Da sollte es um Urlaub und nachhaltiges Reisen gehen. Die Kurzversion ist, dass sich dann auch durch den Lockdown Entdeckungstouren vor der Haustür mit meinem Sohn zu einer regelmäßigen Wochenend-Aktivität entwickelt hatten. Wir griffen zum Fernglas und mal zum Taschenmikroskop. Ich kombinierte alles Mögliche miteinander und an Ideen mangelte es uns nicht. Die Verbundenheit mit meinem Sohn und innerhalb unserer gesamten Familie nahm deutlich zu und die Gelassenheit stieg. Ich begann Blogartikel zu schreiben, wie „5 gute Gründe für Mikroabenteuer mit Kindern“ und „How to übernachten im Wald“ und dann entwickelte sich immer mehr die Idee daraus, einen Kurs anzubieten.  Und ich habe mich gefragt: Warum finden andere Mütter das so schwierig? Das ist es doch gar nicht. Deswegen ist meine Zielgruppe jetzt auch die Eltern und nicht die Kinder.

Hinhören und hinsehen – das seien die Geheimnisse, wenn man mit Kindern draussen was erleben wolle. Vor allem im Winter.

Als sich im vergangenen März so viele Erwachsene darüber echauffierten, dass die Spielplätze geschlossen wurde, habe ich mich gefragt: Habe ich wirklich eine einzige Kindheitserinnerung an einen Spielplatz? Die Antwort war nein. Warum klettern wir nicht mit ihnen im Wald, suchen Tierspuren, schauen durch Ferngläser … ?

Ich glaube, die meisten haben es mittlerweile eben verlernt. Sogar unsere Generation. Man muss nicht nur die Jugendlichen heute anschauen, sondern wir waren da genauso. Wir hatten vielleicht noch keine Handys, aber dafür gab es RTL und Computerspiele und Nintendo und ich habe Schulfreunde, die saßen wirklich sonntags den ganzen Morgen vor dem Fernseher. Und das war einfach ein schleichender Prozess, der in den nachfolgenden Generationen noch mehr fortgeschritten ist. Wenn wir ehrlich sind und mal einen Spielplatz anschauen, dann spielen Eltern dort ja nicht mit ihren Kindern, sondern sie sitzen auf der Bank, quatschen oder beschäftigen sich mit ihrem Smartphone. Die Kinder werden also auf dem Spielplatz geparkt. Und diese Möglichkeit, immer abgelenkt sein zu können, die haben wir ja heute. Es gibt natürlich auch Eltern, die es sich erhalten haben, achtsam mit ihren Kindern etwas zu unternehmen. Das sind diejenigen, die einfach selber gerne noch in eine Pfütze reinspringen. Wenn man sich aber so anzieht, dass es ein Drama ist, wenn etwas schmutzig wird, dann trägt sich das an die Kinder natürlich auch weiter. Und so entsteht das, dass Menschen es verlernen, sich auch mal einfach so zu verhalten, wie Kinder das tun würden.

Ich habe manchmal das Gefühl, ich werde schräg angeschaut, weil ich zusammen mit meinen Kindern das Klettergerüst hochklettere oder die Rutsche mit ihnen runterrutsche. So als müsste ich mich dafür schämen, dass ich auch gerne mal der Entertainer bin. Bei dir hört es sich so nett an, wenn du sagst: Wir haben es einfach verlernt. Es ist also nicht die fehlende Lust und Bequemlichkeit derjenigen, die auf dem Spielplatz nur auf der Bank sitzen?

Nein, wir haben es tatsächlich verlernt. Es ist natürlich für Erwachsene schwierig, stundenlang Lego zu spielen. Wir müssen erst mal wieder in den Kontakt kommen, aber eigentlich wollen Kinder auch gar nicht stundenlang bespielt werden. Sondern mal 30 bis 40 Minuten am Stück alleine mit Mama oder Papa spielen und dann halt auch so, dass die Eltern nicht abgelenkt sind. Die Zeit geht wirklich so schnell vorbei, irgendwann brauchen die Kinder das nicht mehr. Aber für jüngere Kinder ist es einfach sehr schwierig, wenn sie das Gefühl bekommen, sie laufen immer nur so nebenher mit, aber stören eigentlich. Und dieses Gefühl entsteht, wenn Eltern ständig sagen: „Ja gleich machen wir das. Gleich.“ Das Gute ist: Draussen ist das tatsächlich nicht so einfach möglich, draussen genießt man die gemeinsame Zeit mehr. 

Jetzt ist Winter. Mit der Übernachtung draussen ist es etwas schwierig, wir hatten hier übrigens auch noch nicht einen Tag Schnee. Hast Du ein paar Ideen, wie wir den Lockdown überstehen können?

Hinhören und hinsehen, was gerade da ist. Kinder müssen draussen nicht leise sein aber das kann man manchmal bewusst steuern und sagen: Hey, wir lauschen mal jetzt. Gerade in der jetzigen Jahreszeit. Welche Tiere sind eigentlich da? Ja klar, im Winter ruht vieles aber da sind trotzdem Tiere, da gibt es Futterhäuser und Vögel. Bald hört man die auch schon wieder zwitschern. Die Sprache macht viel aus. Kleine Kinder entdecken draussen wahnsinnig viel und bleiben überall stehen. Das haben wir Erwachsene leider verlernt, aber das kann man einfach selbst auch mal wieder ausprobieren und genau hinschauen.

Lauschangriff und Lesestoff vom 22.1.2021

Schon im Februar 2019 titelte das i-D Magazin: „Die Wellness-Industrie hat ein Problem mit Diversität“. „Wellness und Weißsein sind in der westlichen Gesellschaft zum Synonym geworden“, heißt es da. Der Artikel hatte mich hart aus meiner rosaroten Yogablase gerissen. Dabei war es mir in Kalifornien, wo ich meine Yogalehrer-Ausbildungen absolviert hatte, natürlich auch schon aufgefallen: Immer mal wieder begegnete ich auch Yogalehrern und -schülern mit dunkler Hautfarbe. Aber selten. Einer meiner Lehrer war Arturo Peal, er ist dunkelhäutig und ich habe mir natürlich nie Gedanken darüber gemacht. Dass heißt aber auch, dass ich ihn nie darauf angesprochen habe, dass es in der Yogaszene, die mir bekannt ist, doch recht wenige People of Color gibt und wie er sich eigentlich damit fühle. Eigentlich hätte ich das tun müssen. Dass ich es nicht getan habe, sondern dieses Thema verschwiegen habe, zeigt eigentlich nur, wie wenig Weiße über Rassismus wissen, auch wenn sie von sich selbst behaupten, es natürlich nicht zu sein. Stefanie Luxat hat das sehr schön in einem Artikel zum Thema Rassismus auf ihrem Blogmagazin Ohhhmhhh ausgedrückt: „Du stellst dich deiner Scham, doch nicht so viel zum Thema Rassismus zu wissen, wie du immer dachtest.“ Das ist es wohl. Wie so oft hatte sie ein Gefühl mit den richtigen Worten beschrieben. In dem Artikel aus dem i-D-Magazin schrieb Stacie Graham, die Gründerin von OYA: Body-Mind-Spirit Retreats: „Schwarze Frauen und Women of Color nehmen sich selbst nicht als die Zielgruppe von Wellness wahr.“ Dieser Satz hatte mich tief berührt. Und wahrscheinlich auch beschämt. Und die Frage, was ich als weiße privilegierte Yogalehrerin tun kann, um das zu ändern, ist immer noch unbeantwortet. In dieser Woche hat Yeama Bangali auf rosamag über das Thema geschrieben. Dass Wellness für jeden eine eigene Definition hat, ist ebenso wichtig zu erkennen. Bangali schreibt: „Es ist okay, wenn du nicht um 6:30 Uhr für eine Yoga-Einheit aufstehen, den gesunden Grünkohl-Smoothie schlürfen willst oder dich der Gedanke an Meditation eher stresst. Was dir gut tut, ist das Richtige für dich.“

Lockdown-Tipps? Her damit!

Der Podcast „Die friedvolle Geburt“ widmet sich in seiner neuesten Ausgabe dem Thema „Herausforderungen im Lockdown für Familien“. Kristin Graf interviewt dazu die Lerntherapeutin Jovita Bose. Tja, was soll ich dazu sagen, ein paar Tipps können wir sicher alle gut gebrauchen. Sehr spannend finde ich auch die Arbeit des Deutsch-Dänischen Instituts für Familientherapie. Ich habe den Podcast „Die friedvolle Geburt“ hier schon mal vorgestellt und erwähne ihn gerne wieder, weil ich vermute, dass Menschen, die nicht gerade kurz vor einer Geburt stehen, nicht immer daran denken, reinzuhören. 

Yoga und Aktivismus

In dieser Woche habe ich noch einen besonderen Podcast-Tipp. Die Yogalehrerin und Redaktionsleiterin von Fuckluckygohappy Ulrike Schäfer spricht im aktuellen Podcast von studio36 über ein wahnsinnig spannend und brennend heißes Thema: Was hat Yoga mit Aktivismus zu tun? Und wie verhilft uns Spiritualität dabei, positiv gestimmt ins neue Jahr zu gehen? Ulrike Schäfer erklärt, warum sie sich als Yogini natürlich Sorgen um die Klimakrise macht und warum es so wichtig ist, dass Aktivisten sich gut um sich selbst kümmern. Außerdem erzählt sie, was ihr während der Corona-Krise bis jetzt dabei geholfen hat, locker zu bleiben. Das war nämlich nicht immer unbedingt Yoga, sondern TRX-Training, High Intensive Training und Tanzen. Die Routinen aufzubrechen, helfe, um festzustellen, was man gerade eigentlich braucht.

Nicht mein Gemüse!

Gemüseabteilung made in America

Dieses Foto hier habe ich aufgenommen, als ich im Januar 2014 in die USA gezogen bin und dort dann das erste Mal in einen Supermarkt marschierte. Es hatte mich belustigt und schockiert gleichermaßen; ich schickte es meinen Freunden nach Deutschland als ersten Gruß und musste dabei schmunzeln. Wie grauenvoll es ist, wußte ich natürlich damals schon. Es war übrigens für mich der Beginn eines Lebens, in dem ich ausschließlich Obst und Gemüse in Bioqualität kaufen wollte – eine Konsequenz, die tatsächlich aus meiner Zeit in den USA entstanden ist und von einigen meiner Bekannten vermutlich als ein bisschen radikal eingestuft wird. Dieser aktuelle Artikel auf Schrot und Korn erklärt deutlich, warum ich diese Entscheidung getroffen habe und auch in Deutschland nicht davon abweichen möchte. Ich bin sehr froh und schätze es, dass ich – seit wir in Kiel leben – direkt bei einem wahnsinnig guten Biobauern einkaufen kann. Dort durfte ich das Gemüse sogar schon selbst ausbuddeln. Mir ist es ziemlich egal wie krumm und schief eine Karotte aussieht. Diese Erkenntnis sollte wirklich ziemlich schnell in jeden einzelnen Kopf kommen – vor allem in diejenigen Köpfe, die sich um  die Bestimmungen des Lebensmitteleinzelhandels kümmern.

Beim Lob übertreiben …

Nun aber schnell noch ein Thema, bei dem wir uns ein bisschen entspannen können: Im Interview des Süddeutsche Magazins mit dem Geschmacksforscher Maik Behrens geht es darum, wie wir gesunde Lebensmittel in unsere Kinder reinkriegen. Er sagt, wir sollten dabei bloss nicht die Geduld verlieren, niemals Zwang mit einem Lebensmittel verbinden aber durchaus hartnäckig dabei bleiben, wenn es darum geht, etwas zum Probieren anzubieten. Er sagt dabei so schön: „Es ist übrigens auch erlaubt, ein bisschen zu übertreiben mit dem Lob des Brokkolis, um so die Neugier der Kinder für Lebensmittel zu wecken, die zu einer gesunden Ernährung beitragen können.“ Darin bin ich tatsächlich ziemlich gut …

Ich bin ein Fan von selbstgemachte Granola und Frühstück mit Abwechslung. Hier also noch schnell ein Frühstückstipp, da kommst du aus dem Oh und Ah sagen gar nicht mehr raus. Übertreiben ist also nicht notwendig. Hab ein schönes Wochenende.

Lauschangriff und Lesestoff vom 11.12.2020

Diesmal brauche ich deine Hilfe. Denn diese Woche lief überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich habe kaum gelesen, kaum mitbekommen, welche Podcasts veröffentlicht wurden. Nachrichten? Was ist das? Daher freue ich mich, wenn du mir diesmal sagst, was ich verpasst habe. Von Sonntag an war ich damit beschäftigt, die Temperatur meiner hochfiebernden Fünfjährigen zu senken und habe – ehrlich gesagt – auch sonst nicht viel hinbekommen. Das hohe Fieber dauerte vier Tage und lies sich kaum regulieren. Der kleine kluge Körper machte, was er für nötig hielt – das ist ja eigentlich eine gute Sache, kann aber ein bisschen beängstigend sein. Vor allem dann, wenn alle fiebersenkenden Maßnahmen nicht funktionieren … Nun springen hier wieder zwei gesunde Kinder durch die Wohnung. Meine Güte, bin ich dankbar.

Kindergarten-Aktivismus

Vor ein paar Wochen habe ich der Kitaleitung meiner Tochter eine Mail geschrieben, in der ich fragte, ob in diesem Jahr irgendjemand auch mal gesagt hätte, was die Erzieher der Einrichtung alles gut machten. Oder ob immer nur gemeckert würde? Ich habe geschrieben, dass ich das auch gerne mal bei nächster Gelegenheit unter den anderen Eltern ansprechen möchte. Denn ich bin ein bisschen müde von dem „Kindergarten-Aktivismus“, der mir in diesem Jahr häufiger begegnete, obwohl doch allen klar sein muss, wie schwer das Jahr auch für Erzieher war. Die Einrichtung, in die meine Tochter geht, ist eine kleine Einrichtung, die sich sehr viel Mühe gibt. Meine Tochter geht gerne hin und vielleicht habe ich deswegen auch leicht reden. Aber wenn Eltern anfangen, zu maulen, dass sie sich mehr Aktionen wünschen, dass die Kinder zu viel freie Spielzeiten hätten und zu wenig gebastelt, trompetet oder was auch immer getan wird, sich dies und das gewünscht wird, kriege ich angesichts der Probleme, die es auf dieser Welt wirklich zu lösen gäbe, graue Haare. Und dann stolperte ich über diesen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung. Es ist ein Bericht, der beschreibt, wie überlastet die Erzieher/innen in Deutschland sind und welch hohem Stresspegel sie sich im Vergleich zu anderen Ländern ausgesetzt fühlen. Im Artikel von Edeltraud Rattenhuber geht es vor allen Dingen um die Ergebnisse der Studie „Talis Starting Strong“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Befragt wurde Kita-Personal in insgesamt neun Ländern, neben Deutschland auch in Dänemark, Norwegen, Island, der Türkei, Israel, Chile, Südkorea und Japan. Wir haben in unserem Land einen massiven Mangel an Fachkräften und auch Einrichtungen. Und obwohl Deutschland zu den Ländern zählt, deren Fachkräfte besonders gut ausgebildet sind, fühlten sich die Erzieher/innen hierzulande häufig nicht ausreichend gerüstet. Zum Glück hat die Pandemie dem ganzen Land vor Augen geführt, wie wichtig Einrichtungen sind und ich hoffe, dass auch deutlich geworden ist, was Erzieher so alles leisten. Denn wenn Eltern die eigenen Kinder schon nervig finden, könnte man sich ja manchmal fragen, wie anstrengend es für andere sein muss, auf diese Kinder aufzupassen …

Frohe Weihnachten??!!

Wenn ich zu nicht viel komme, dann lese ich – das ist ja sicher schon bekannt – vor allen Dingen zwei deutschsprachige Blogs besonders gern. Den einen, weil er sich eben mit dem Leben mit Kindern beschäftigt, den anderen, weil er so wunderbar auf die schönen und wichtigen Dinge des Lebens aufmerksam macht. Da klicke ich dann rein, während ich über Haare streiche, dem Atmen lausche oder einfach noch mal kurz bevor ich selbst die Augen zumachen möchte. Auf ohhhmhhh gab es in dieser Woche einen Beitrag von der fantastischen Autorin Mirna Funk, die uns Christen vorschlägt, mal nicht jedem Frohe Weihnachten zu wünschen, sondern stattdessen vielleicht die Frage: „Hey, was machst du eigentlich während der kommenden christlichen Feiertage?“ zu stellen. Als ich in den USA lebte, war meine engste Freundin dort eine Jüdin. Es war die Person, die uns als erstes fragte, wo wir Thanksgiving feiern würden und ob wir Lust hätten, gemeinsam mit ihrer Familie bei ihren Eltern zu sein. So feierten wir ein sehr besonderes Fest in Calabasas mit Menschen, die uns aufnahmen, als gehörten wir seit vielen Jahren zur Familie. Wenige Wochen später sassen wir bei meiner Freundin auf der Couch und durften Chanukka, das jüdische Lichterfest, miterleben. Wenn ich mit den Freunden von mir spreche, mit denen ich zur Schule gegangen bin, reden wir oft über die Vor- und Nachteile davon, an vielen verschiedenen Orten gelebt zu haben. Ich finde nämlich nicht alles daran besonders vorteilhaft. Viel mehr sehe ich in den letzten Jahren die Vorteile davon, wenn Menschen immer am selben Ort leben (Aber es ist ja immer leicht, in genau dem das Positive zu sehen, was man nicht hatte). Aber wenn ich eines daran besonders gut fand, viel Zeit in verschiedenen Ländern verbracht zu haben, dann dass man plötzlich eine Sichtweise dafür bekommt, wie sich Ausländer sein oder „aus einer anderen Kultur kommend“ eigentlich anfühlt. Und wie wohltuend es ist, wenn man mit Herzlichkeit Einblicke in eine Kultur erhält, die einem gerade noch fremd war. Das hat jetzt vielleicht nicht unbedingt direkt etwas mit dem Text von Mirna Funk zu tun, trotzdem verstehe ich ihren Anstoss und werde in den nächsten zwei Wochen darauf achten, was ich zu wem bezüglich der Weihnachtsfeiertage sagen werde.

Die beste Botschaft des Jahres: Iß Weihnachtskekse!

Wenn ich dir einen Podcast aus dieser wilden Woche ans Herz legen kann, dann ist es Prana up your Life. Dein Podcast für mehr Lebensenergie von Jasmin und Josephine Jeß. Weil: die Botschaft lautet: Iß Weihnachtskekse! Und das ist genau das, was ich in diesem Jahr hören will. Auch wenn du nach ayurvedischen Grundprinzipien leben möchtest, musst du kein schlechtes Gewissen haben, wenn du dich in der Weihnachtsbäckerei austobst. Was will man mehr? Nächste Woche gibt es hier auf dem Blog übrigens mein Last-Minute-Weihnachtsgebäck-Rezept, vegan, glutenfrei, superschnell und unfassbar gut.

Zuerst aber will ich Dir noch dieses Rezept von Daniela und Glücksgenuss zeigen. Ich wollte es eigentlich diese Woche ausprobieren. Es lacht mich seit Tagen an und die Medjool-Datteln stehen schon in den Startlöchern … aber tja, dann bin ich einfach nicht zum Backen gekommen.

Lichterwelle … machst du mit?

Zuletzt noch: Am kommenden Sonntag (immer am zweiten Sonntag im Dezember) ist das weltweite Kerzenleuchten. Dann werden weltweit um 19 Uhr Ortszeit Kerzen für verstorbene Kinder aufgestellt. Die Kerzen werden von außen gut sichtbar an ein Fenster gestellt. Die Idee ist, eine Lichterwelle entstehen zu lassen, die in 24 Stunden einmal um die gesamte Erde wandert. Damit den Kindern, aber auch den Betroffenen weltweit zu gedenken, finde ich eine sehr schöne Sache. Ich habe keinen einzigen vernünftigen aktuellen Text dazu gefunden, vielleicht kommen die noch, aber ich wollte es hier nicht unerwähnt lassen. Auch in meinem engeren Familienkreis gab es im letzten Jahr ein Sternenkind. Vielleicht machst du ja auch bei der Lichteraktion mit. Und schickst du mir auch noch deine Leseempfehlung, damit ich aufholen kann, was ich diese Woche verpasst habe?

Lauschangriff und Lesestoff vom 4.12.2020

Schon am vergangenen Freitag bin ich durch den Newsletter von ohhhmhhh über den Artikel in der New York Times gestolpert, den Meghan Markle geschrieben hat. Er trägt den Titel „The losses we share“ (deutsch: Die Verluste, die wir miteinander teilen“) und erinnert uns daran, dass wir die Frage „Are you okay?“ – „Geht es dir gut?“, häufiger stellen sollten. Es ist ein sehr schöner und emotionaler Text der Herzogin, die darin erzählt, wie sie die Fehlgeburt ihres zweiten Kindes erlebt hat und warum es so wichtig ist, andere zu fragen, ob sie okay sind. „Geht es dir gut?“ – ich glaube, gerade in diesem Jahr hat diese Frage eine neue Bedeutung bekommen. Gerade weil wir uns nicht so viel drücken dürfen: Zuhören ist und war stets erlaubt.

Einen wichtigen Beitrag zum Thema Homosexualität habe ich in dieser Woche im Süddeutsche Magazin gelesen. Dabei ist mir aus dem Interview mit der Forscherin und Psychologin Dr. Claudia Krell und der Beraterin Irmengard Niedl besonders diese Aussage von Frau Dr. Krell in Erinnerung geblieben: „Wir sind noch nicht an diesem Punkt, aber eigentlich geht es doch um die Frage, wie man eine Gesellschaft so fit machen kann, dass ein Coming-out kein Drama mehr sein muss. Schließlich gibt es auch Jugendliche, die erzählen, dass sie einfach nebenbei mal erwähnt haben, dass sie nun eine Freundin haben und dass ihre Mama es sich eh schon gedacht hatte. In der Regel kennen Eltern ihr Kind ganz gut.“ Die Gesellschaft fit zu machen, damit ein Coming-Out – egal von wem – kein Drama mehr ist. Das klingt sehr schön. Fast so wie ein guter Neujahrswunsch.

Per Zufall gefunden und mit Erschüttern beäugt, habe ich diesen Beitrag auf Spiegel.de. Es ist ausnahmsweise weder ein Text noch ein Podcast sondern ein Video. Wer Kinder hat, sollte sich das anschauen. Spitzensport kann wunderbar sein, aber tiefe emotionale Verletzungen wie sie die Schäfer-Schwestern und mit ihnen viele andere Kinder immer noch tagtäglich erleben – und das ausgerechnet bei einem Hobby, das doch eigentlich Spaß bringen sollte – sind all den Ruhm, alle Reisen, allen Erfolg niemals wert. Übrigens ist es häufig so, dass Kinder, die Talent im Sport mitbringen, mehrere Wege gehen können. Es muss nicht dieser Sport sein. Es muss nicht dieser Trainer sein. Manchmal eröffnen sich neue Wege, neue Sportarten, wie das Beispiel meiner Freundin Katharina Bauer zeigt, die einst eine sehr talentierte Turnerin war, deren Mutter aber zum Glück irgendwann merkte, dass die Tochter lustlos zum Sport ging, und sie daraufhin ermutigte, etwas Neues auszuprobieren. Heute zählt Katharina zu Deutschlands besten Stabhochspringerinnen. Fragt eure Kinder, ob es ihnen gut geht.

Einen schönen, ausführlichen und äußerst informativen Beitrag zum Thema ökologische Landwirtschaft und was es eigentlich mit der biologischen Kreislaufwirtschaft auf sich hat, gab es diese Woche auf peppermynta.de zu lesen.

Seit heute gibt es einen neuen Podcast von Köchin, Autorin und Aktivistin Sophia Hoffmann. Er heißt Hoffmanns Küche und es ist ein „kulinarisch-politischer“ Podcast. In der ersten Folge spricht Sophia mit Monika Kanokova und Maximilian Mauracher vom New Standard Studio, die Nachhaltigkeit in Unternehmen umsetzen möchten. Dabei geht es den beiden darum, wirklich nachhaltiges Handeln in die Köpfe der Menschen zu bringen. Definitiv ein Thema, dass ich mir für das neue Jahr ganz besonders vorgenommen habe. Hoffmann lädt ihre Gäste übrigens in die eigene Küche ein und kocht für sie. Wie gerne würde ich mich mal von Sophia Hoffmann bekochen lassen … Hach … Aber jetzt möchte ich gerade in einer riesigen Dose gefüllt mir dieser veganen Lebkuchenvariante von ihr versinken.

Lauschangriff und Lesestoff vom 20.11.2020

Diese Woche startete für mich mit dem Geburtstag unserer Tochter. Dem fünften. Das heißt, egal, wieviel Mühe man sich gibt, solche Geburtstage können so oder so ausgehen. Weil Geburtstage für Kinder ja immer mit besonders hohen Erwartungen verknüpft sind und mit Überfluss an Emotionen. Daher musste ich ein bisschen schmunzeln, als mir am Abend bewusst wurde, dass niemand aus unserer Familie an diesem Tag geweint hatte. Check! Alle waren froh. Irgendwann am frühen Abend hatte das Geburtstagskind allerdings leise gefragt: „Warum ist gar niemand gekommen, Mama?“ Ich habe es ihr erklärt. Für Kinder im Kindergartenalter ist ein Lockdown light schwer zu begreifen. Im Frühling hatte das besser geklappt. Wenn Kitas für die meisten Kinder unzugänglich, Spielplätze mit Absperrband dekoriert und Tische und Stühle von Cafés draussen mit schweren Ketten gesichert sind, ist „Corona“ auch für Kinder greifbar. Jetzt ist das etwas schwierig. Für meine Kinder ist Corona gerade sehr weit weg, für uns Erwachsene nicht so …

Ich habe diesen Artikel in der vergangenen Woche gefunden und bin nicht besonders überrascht. Ich kann mir wage vorstellen, wie es sich anfühlen könnte, wenn man Covid-19-positiv getestet wäre und sich schuldig fühlen würde, weil man potenziell Menschen angesteckt hat, die dann ernsthaft krank oder sogar sterben werden. Bereits aus dem Sommer ist der Bericht von Lara Keuthen vom Peppermyntha Magazin und vor kurzem gab es ein Update dazu, das ich besonders interessant finde.

Ich zelebriere meine wöchentlichen Gänge zum Wochenmarkt, wo wir den Großteil der Lebensmittel kaufen, die wir verbrauchen. Wir haben Glück; unser Wochenmarkt ist besonders attraktiv und dort gibt es auch einen landwirtschaftlichen Bio-Betrieb, den ich schon mehrfach besuchen konnte und von dessen Arbeit ich überzeugt bin. Dass ich für die Lebensmittel vielleicht etwas mehr Geld ausgebe, stört mich nicht, ich mache gerne anderswo Abstriche und investiere in das, was ich in mich reinstecke, also gesundes Obst und Gemüse. Dieser Bericht zeigt eines von vielen Problemen, die die Landwirtschaft heute hat. Und wenn es irgendwie geht, sollten wir versuchen, ökologisch und nachhaltig arbeitende landwirtschaftliche Betriebe zu retten. 

Sehr berührt hat mich diese Geschichte aus dem RosaMag. Es zählt jetzt zu meiner Pflichtlektüre.

Und dann, tja, wie so oft: wasfürmich. Diese Geschichte von Katharina Weck hat mir für einen kurzen Moment die Luft zum Atmen genommen: Dankbarkeit hat für mich in den vergangenen Jahren ohnehin schon eine neue Dimension erreicht – in diesem Jahr (wie für viele von uns) ist mir noch klarer geworden, wofür ich dankbar sein kann. Und dass mein Leben bislang ein Leben in Überfluss war. Und dann dieser Text. Er ist am 17. November erschienen, ich habe mir das Buch von Katharina Weck direkt bestellt und schon diese Woche angefangen zu lesen. In einer Rezension dazu habe ich gelesen: „…Sie besinnt sich auf das Wesentliche und gibt so allen Hoffnung, die sich ebenfalls in misslichen Situationen befinden. Alle anderen erinnert sie daran, wie belanglos die meisten Ärgernisse im Alltag sind.“ Das Buch muss also jeder lesen. 

Zum Schluss noch was Aufheiterndes. Auch dieses Interview hat mich beschäftigt und berührt. Ralph Caspers kennen Mütter und Väter vielleicht von der Sendung mit der Maus. Er hat jetzt auch ein Buch geschrieben, es heißt „99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern“ und im Interview mit dem Süddeutsche Magazin erzählt er davon. Es ist wahnsinnig spannend und hat dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, ob ich mich eigentlich achtsam mit meinen Kindern unterhalte. Belanglosigkeiten und Floskeln, oberflächlichen Smalltalk und Fragen nur um gefragt zu haben, können wir uns wohl gerade in der Konversation mit unseren Kinder sparen, oder?

Und zum Lauschen? Da kann es diese Woche nur eine Empfehlung geben: Stefanie Luxat im Endlich Om-Podcast interviewt Bestseller-Autorin und Aktivistin Glennon Doyle. Da muss man nicht viel zu sagen. Einfach zuhören. 

Hab ein schönes Wochenende.

Was Mama-sein manchmal mit Yoga zu tun hat

Als ich das erste Mal nach der Geburt meiner ersten Tochter in einer Yogaklasse war – ich meine jetzt kein Mama-Baby-Yoga, sondern eine Stunde für Erwachsene, keine Selbstpraxis vorm Laptop, sondern mit einer Yogalehrerin, die mich anfassen konnte –, hab ich gedacht: „Ach, wie schön. Ich bin wieder da. Ich komme wieder öfter. Es geht los.“ Und dann zogen doch vier Wochen ins Land, bis ich es wieder schaffte. Die Zeit mit dem Baby flog so dahin. Yoga war gar nicht mehr wichtig. Zumindest nicht die Asana-Praxis.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich, als meine Erstgeborene fünf Monate alt war, einer Freundin schrieb: „Meine Tochter kann jetzt schon sitzen, sich drehen, fast schon krabbeln – zumindest rückwärts geht es ganz gut. Und ich falle im Handstand immer noch um.“ Die Freundin musste lachen und ich mich in meinem Ehrgeiz zügeln. Nach der zweiten Schwangerschaft muss ich sagen: Armbalancen sind nicht das Problem. Rückbeugen finde ich viel schwieriger. 

Vor meiner ersten Schwangerschaft war ich mindestens fünf Mal in der Woche im Yogaunterricht. An den anderen Tagen übte ich zuhause. Als meine Tochter zur Welt kam, änderte sich das gründlich. Zunächst einmal war Yoga gar nicht so wichtig. Aber ganz langsam kam die Sehnsucht. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass ich als Mama trotzdem mehr denn je Yoga übte. Der Fokus lag nun nicht mehr auf körperlichen Asanas, die mich zum Schwitzen brachten, mich forderten. Yoga ist so viel größer geworden als Asana-Praxis. Ich bin über das Körperliche zum Yoga gekommen. Das ist kein Geheimnis. Und es ist mir auch nicht peinlich. Asanas üben, das ist immer noch der Teil von Yoga für mich, der mir am meisten Spaß macht. Noch mehr Spaß, als die wohltuende Acht-Minuten-Meditation, die ich mir manchmal gönne, wenn alle noch schlafen. Auf der Matte baue ich Spannungen ab, Bewegung tut mir gut. Ich liebe es, über den eigenen Körper zu staunen, die Grenzen zu erkennen und besonders liebe ich es, wenn ich mich nach der Asana-Praxis so viel besser fühle als davor. Wenn Rückenschmerzen plötzlich weg sind beispielsweise. Oder vergessene Muskeln „Hallo“ sagen. Ich würde viel lieber mehr Sport machen und komme nicht dazu und deswegen ist Asana-Praxis für mich vielleicht auch so wichtig geblieben. Und ja, manchmal würde ich auch noch mal gerne einfach morgens um sechs aus dem Haus schleichen, meine 90-minütige Yogapraxis im Yogastudio durchziehen und dann erst wieder nach Hause kommen. Gerade aber sind andere Dinge dran.

Kinder – Achtsamkeit-Weltmeister

Als meine jüngste Tochter noch sehr klein war, hatte ich bei der Yogalehrerin und Zweifach-Mama Nicole Bongartz unter einem Instagram-Foto diese tollen Sätze gefunden: „Als ich ein kleines Kind war, habe ich immer gedacht, die Erwachsenen wären perfekt. Sie wussten alles und machten nie etwas falsch. Heute weiß ich, das es umgekehrt ist, die Kinder sind die perfekten, von denen wir noch lernen können.“ Das spricht mir ganz aus der Seele. Das ist das, was ich täglich denke. Ich glaube manchmal, wenn wir Erwachsenen ein bisschen mehr Kind sein könnten, würden wir viel mehr von Yoga verstehen.

Als meine Größere sprechen konnte, fiel mir plötzlich auf, wie toll sie Dinge wahrnimmt, die uns Erwachsenen gar nicht mehr auffallen. Kinder leben so unfassbar bewusst den Moment. Sie sind Weltmeister im Achtsam sein – hochbezahlte Manager nehmen heute Kurse, um Achtsamkeit überhaupt in ihren Wortschatz aufnehmen zu können. Die Leichtigkeit, die Neugierde aber auch die Vorsicht und Rücksicht mit der meine Kinder dem Leben begegnen, es wahrnehmen und aufsaugen – das ist auch Yoga. Zu erkennen, dass wir nicht viel brauchen, um rundum zufrieden zu sein. Dabei helfen Kinder. Festzustellen, wie dankbar wir eigentlich sein dürfen. Meine Kinder sind gesund – wie großartig ist das überhaupt? Bedeutet das nicht eigentlich, dass alles andere nahezu nebensächlich wird? 

Was von 2020 bleibt

An diesem Montag sollen meine Kinder zum ersten Mal seit dem 17. März 2020 wieder in die Kita gehen. Im März habe ich noch gedacht, ich würde mich auf den ersten Tag, an dem die Kita wieder öffnet, freuen. Nun bin ich fast ein bisschen wehmütig. Die Corona-Ferien habe ich freiwillig verlängert, weil ich meine Eltern noch besuchen wollte und wir dann irgendwie den Sommer gemeinsam feiern wollen. Ab der kommenden Woche wird so etwas wie ein Alltag wieder in unser Leben kommen und ich will nicht sagen, dass ich Corona dankbar bin aber ich bin definitiv dankbar, dass ich das letzte halbe Jahr so intensiv mit meinen Kindern verbringen durfte. Meine jüngste Tochter wird diesen Herbst zwei Jahre alt. Nie war mir so bewusst, wie schnell die Zeit vergeht, wie Erinnerungen verblassen, so sehr man sich auch darum bemüht, den Moment zu geniessen. 

Ich habe Bock auf meine Kinder. Ich bin auch manchmal genervt von ihnen. Auch ich finde Mama-sein oft sehr anstrengend. Ich habe mich während dem Lockdown einige Male gefragt, wie es wohl wäre, wenn ich jetzt keine Kinder hätte. Was man dann wohl alles hätte tun können, wie viele Bücher ich hätte verschlingen können, welche neuen Seiten, Talente ich an mir hätte entdecken können, wie viel Zeit für Yogapraxis gewesen wäre. Und doch war ich sehr froh, dass ich ein ganz anderes Leben führe.

In den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, wie viele Erwachsene die eigenen Kinder als eine Belastung wahrnehmen und wie viel „Me-Time“ Erwachsene offenbar brauchen. Dass für viele Entspannt-sein gar nicht möglich ist, so lange die Kinder in der Nähe sind. Was mir immer, wenn es anstrengend wird hilft, ist die Tatsache, dass wir uns am Ende unseres Lebens garantiert nicht die Frage stellen, ob wir auch wirklich genug Me-Time hatten. Ich weiß sehr gut, dass ich die Zeit niemals zurückdrehen kann. Gedanken wie: „Wenn sie doch nur schon dies oder jenes könnten…“, habe ich noch nie gehabt. Auch nicht, als meine Kinder als winzige Säuglinge in meinen Armen lagen, Bauchkrämpfe hatten und ich schlaflose Nächte. Nie kann ich so erschreckend gut im Hier und Jetzt sein, wie wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin oder auch nur an sie denke. Es ist nicht so, als wäre mir vor der Zukunft, vor Schul- und Teenager-Jahren bange. Überhaupt nicht. Aber die Momente, die wir jetzt gemeinsam haben, kommen nicht mehr zurück.

Summer of Samtosha

Meine Kinder haben mir vielleicht ein wenig von meiner Gelassenheit genommen (weil ich so oft am Tag zusammenzucke, wenn sich wieder jemand wehgetan hat oder ich meine Jüngste plötzlich auf der Fensterbank finde), sie rauben mir sehr viel Zeit, aber dafür schenken sie mir unendlich viel. Dafür haben sie mir beigebracht, geduldig zu sein und Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann. Der Sommer 2020 hat für mich den Namen Samtosha verdient. Samtosha – seit jeher mein Lieblings-Niyama. Es heißt so viel wie, zu akzeptieren, was gerade ist. Zufrieden zu sein, mit dem was ist oder wie man ist. Das habe ich in diesem Sommer tatsächlich zelebriert. Wo fängt Erleuchtung an und wo hört sie auf? Ich mag das Wort gar nicht, ich habe mich zu Beginn meiner Tätigkeit als Yogalehrerin sehr damit auseinandergesetzt und meine eigene Definition für Erleuchtung erschaffen: Für mich bedeutet Erleuchtung totale Glücksmomente bewusst wahrzunehmen. Mit Kindern kann man sie häufig erleben. Ich habe also, seit ich Mutter bin, weniger Zeit für eine vernünftige Asana-Praxis. Dafür aber lerne ich ganz schön viel. Nicht so viele neue Asanas vielleicht, aber anderes Yoga. Das ist spannend, manchmal sehr anstrengend, manchmal sehr stimmungshebend, überraschend und inspirierend. Wie eine gute Yogaklasse eben.