Schlagwort: Leben

Ich will den Herbst noch nicht spüren …

Der Juli ist vorbei. Das macht mich ein bisschen wehmütig. Irgendwie war dieser Sommer ja so kurz wir ein Windhauch – auch ähnlich angenehm. Im Juni kitzelte er mich, gab mir Energie.  Mein mentaler Espresso. Leichtigkeit war zu spüren, Erleichterung. In meinem Umfeld waren schnell mehr geimpft als ungeimpft – ich hatte den Eindruck, spätestens im September würden wir diese Pandemie in den Sack stecken können. Dann kam König Fußball, mit ihm der Regen und erschütternde Bilder aus englischen Fußballstadien. Das Verhalten von UEFA und den Fans auf den Rängen im Stadion – ein Hohn für die Schulkinder dieser Erde, denen wir eineinhalb Jahre lang erklärt hatten, sie müssten Abstand halten und Maske tragen. Unsere Sommerferien waren durchwachsen, irgendwer war immer erkältet, die Nachrichten lagen schwer auf meinen Schultern, ganze Orte spülte es diesen Sommer weg. Deswegen wollte ich meine Ferien nicht schlecht finden, sondern da war vor allem Dankbarkeit. Als vor ein paar Tagen Wasser in unseren Keller spülte, blieb meine Laune gut. Ich meine: Bitte? Wasser im Keller?! Lachhaft. Das Haus steht hier so standhaft, ich werde nicht meckern!

Auch mich beschäftigte, während ich bei meinen Eltern im Garten kurze Anflüge von Sommer genießen konnte, den Kindern beim Plantschen im Wasser zusah, die Frage: „Darf ich genießen, während andere leiden? Darf ich mich über meine Sommerferien freuen oder sollte ich doch lieber schnell ins Hochwassergebiet, meine Kinder den erkälteten Großeltern überlassen, und dort Hilfe leisten? Sehe ich die eigenen Probleme nicht stets als viel zu groß? Habe ich nicht immer Ausreden, um irgendetwas Gutes nicht tun zu können? Wie kann ich wahrhaftig ein besserer Mensch werden?“ Gleichzeitig konnte ich ein gutes Gespräch mit meiner Mutter über Dankbarkeit führen. Dankbarkeit für all den Reichtum in unserem Leben, auch wenn manchmal etwas gerade schwer ist. Augenblicke des Glücks sind da, um sie zu genießen. Sonst wäre das Leben ja nicht lebenswert. Manchmal reicht ein Atemzug, zu erkennen, dass alles da ist, was man braucht. Daran arbeite ich sehr viel. Ich erinnere mich häufig daran, atme tief in meinen Bauchraum, spüre die Pause zwischen dem Ein- und dem Ausatmen. Übe. Ich will noch nicht an den Herbst denken. Tröstlich, dass in Baden-Württemberg die Sommerferien gerade erst anfangen … Ich will nicht an das C-Wort denken.

Meine Yogapraxis hat gelitten, in den letzten Wochen. Mein Kopf ist zu schwer, die Nasennebenhöhlen dicht, an Umkehrhaltungen ist nicht zu denken. Davor waren die Kinder krank, zu betreuungsbedürftig, um Zeit für mich selbst zu finden. Ich hatte fast vergessen, dass ich einfach nur auf meiner Matte sitzen und atmen darf. Sanfte Bewegungen im Atemfluss. Das geht auch mit Erkältung. Wie gut das plötzlich wieder war. Alles weggeatmet. Eingetaucht ins Leben. Auch wenn das Meer gerade zu kalt ist. Vermutlich ist das die beste Vorbereitung auf alles…

Bin ich jetzt alt?

Mein Geburtstag scheint in weiter Ferne. Wer weiß schon, was im Oktober ist? Ich bin gerade einundvierzigeinhalbundeinbisschen. Ich hatte bestimmt irgendwann mal gedacht, die Vierzig würde sich sehr seltsam anfühlen. Tat sie aber nicht. Ich habe es nie wirklich gemerkt, dass ich älter geworden bin. Komisch, dass man eigentlich doch immer glaubt, man sei gerade erst 20 gewesen …

Am Mittwoch habe ich eine Stunde Zeit gehabt, um mit einer befreundeten Yogalehrerin aus der Umgebung einen Kaffee zu trinken. Meine jüngste Tochter ist eineinhalb Jahre älter als ihr kleiner Sohn. Und irgendwie kamen wir plötzlich auf die 90er Jahre und als ich erwähnte, dass ich in den 90ern Abitur gemacht habe, musste sie lachen. Und ich dann, als sie mir sagte, sie sei Jahrgang ’91. Die meisten Yogalehrer, die ich hier in der Umgebung kenne, sind jünger als ich. Wenn ich mich durch meine Social Media Kanäle scrolle, muss ich selbst über mich lachen. Ich fühle mich wie eine uralte Frau, der man jeden Schritt auf einer App erklären muss. Muss man ja auch 😉

Coaching statt Frisuren

Seit die 4 vorne steht, habe ich viel Geld in mich investiert. Aber nicht so wie früher in die Fußpflege oder Frisuren. Stattdessen in mein Inneres. Ich habe mir unangenehme Fragen stellen lassen und sie mir selbst in aller Ausführlichkeit gestellt. Ich lerne jeden Tag mit meinen Kindern. Wenn ich wirklich achtsam bin, haben wir die beste Zeit zusammen. Was es bedeutet, achtsam zu sein, haben sie mir besser beigebracht als es ein Erwachsener je könnte. Ich halte Kinder für die Zen-Meister schlechthin. Kinderköpfe sind unfassbar heilsam. Man muss sich allerdings darauf einlassen … Ich bin wieder mehr von Tieren umgeben, weil mir das gut tut. Ich atme besser. Wenn ich mal wirklich nicht weiter weiß, buche ich ein Coaching. Früher habe ich mir dann Klamotten gekauft.

Was sind eigentlich fortgeschrittene Asanas?

Mein Yogapraxis ist anders geworden. Ich weiß, auch auf meinem Instagramprofil gibt es viele Fotos, auf denen ich auf den Händen stehe, meine Beine dabei in irgendeine Richtung strecke oder meinen Oberkörper mühelos auf meine Beine falte. Ich habe früh verstanden, dass das menschliche Auge sich dem Schönen gerne zuwendet und deswegen finde ich es nicht verwerflich, dass Instagram als Medium genutzt wird, bei dem es vor allem um schöne Images geht. So lange wir unseren Kindern erklären, dass das nicht die Welt ist und dass auch das schönste Model auf Instagram Tage hat, an denen es ihm richtig Scheisse geht. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich meinen Schülern/innen Oliver Pochers Parodien auf Influencer als Hausaufgabe geben. Ich bin aber Yogalehrerin. Deswegen empfehle ich es nicht 😉 Denn jemand könnte sich ja davon verletzt fühlen. Das war ein langes Vorgespräch. Worauf ich hinaus will ist:

Vergangene Woche hatte ich ein Interview mit einem Yogamagazin. Es ging um das Buch, das ich gemeinsam mit Katharina Bauer geschrieben habe, Yoga für ein starkes Herz. Die Frage, die mich staunen liess, lautete, ob Herzpatienten in der Lage seien, fortgeschrittene Asanas auszuführen. Ich staunte, denn: Wer oder was ist ein Herzpatient? Herzpatienten können alles mögliche sein. Wie man am Beispiel von Katharina Bauer sieht, können sie Hochleistungssportler sein. Sie können Menschen sein, die viel jünger sind als ich, körperlich fit sind und Räder im Sand schlagen. Sie können älter sein und übergewichtig aber auch Kinder voller Lebensenergie und Bewegungstalent. Es gibt also nicht den oder die eine/n Herzpatienten/in. Ich kann diese Frage nicht beantworten, wenn ich den Menschen nicht vor mir sehe, und vor allem auch nicht, wenn der Mensch mir nicht gesagt hat, was er eigentlich mit der Yogapraxis erreichen will.

Das andere, was mich stutzig machte, war die Frage an sich. Und deswegen dachte ich dann: Bin ich jetzt alt? Geht es überhaupt beim Yoga darum, „fortgeschrittene Asanas“ ausführen zu können und wenn ja, was sind eigentlich fortgeschrittene Asanas? Ein Bekannter von mir macht gar kein Yoga, kann aber ohne Probleme den Lotussitz einnehmen. Wenn wir uns sehen, schlägt er seine Beine mühelos in den Lotus – natürlich nur, um mich zu ärgern. Ich kann das nämlich nicht. Es amüsiert mich. In der aktuellen Ausgabe des Schweizer Yogamagazins Yoga!Das Magazin sagt R. Sriram, der auch eine besonders schöne deutsche Übersetzung des Yoga Sutra veröffentlicht hat: „Yoga versucht alle Aspekte zu integrieren, die zu einem Menschen gehören, um die bestmöglichen Haltungen auf allen Ebenen zu gestalten – emotional, körperlich, geistig, in Beziehung zu anderen, zu der Umwelt und sich selbst.“ Er sagt: „Asanas sind nur ein Glied aus dem Ashtangayoga. Mit dem Körper hängt der Atem zusammen und dieser darf beim Üben als zentraler Punkt nie vernachlässigt werden. Körperübungen führen immer dahin, dass der Atem verbessert und ein tieferes Atemverständnis erreicht wird.“ In der heutigen Zeit wird das häufig – selbst in der Yogapraxis – vergessen. Was will ich mit meiner Praxis eigentlich erreichen? Dieser zentralen Frage muss alles andere untergeordnet werden.

Auf zum Strand!

Und nun, da die 4 vorne steht, ist der Yoga für mich kein Mittel zum Knackarsch. Dafür mache ich nämlich Krafttraining an der Hantelstange. Es sind zwei völlig unterschiedliche Motivationen: Yoga soll mich erden. Mich dorthin zurückbringen, wo ich verstehen kann, warum ich hier bin und wie ich besser mit mir selbst und meiner Umwelt umgehen kann. Der Knackarsch macht mich nur deswegen glücklich, weil ich mich gesünder fühle, wenn ich ihn habe. Meinen Kindern sage ich immer, dass ich trainiere, damit ich sie noch lange tragen kann. Auch wenn sie – was bald sein wird – mal größer sind als ich. Aber Yoga mache ich nicht (mehr), um auf den Händen balancieren zu können. Bin ich jetzt alt? Ist das die typische Sichtweise einer Yogalehrerin über 40? Bestimmt. Claudia Schaumann schrieb vergangene Woche auf wasfürmich.de: „Geht das ganz große Glücksgefühl mit 40 flöten?“ Sie schreibt darüber, dass sie sich früher so federleicht fühlte, dass Probleme klein waren und plötzlich mit der 40 so viele Sorgen auftauchen. Dass die Sorge um die eigenen Eltern größer wird, dass wir beim Lesen der Todesanzeigen erschrecken, wenn wir die Geburtsjahre sehen. Ja, mit 20 dachte auch ich, das Leben sei unendlich. Ich hatte sehr viel Spaß. Aber trotzdem finde ich es jetzt besser.

Auch ich denke – gerade an Tagen wie diesen, wenn der Sommer laut lacht, die Nächte kurz sind und meine Füße ständig umgeben sind von Sand – ach, dieses Leben, wie lange darf es noch bleiben?, und lerne doch immer mehr, dass das Ende vielleicht gar kein Ende ist. Ich lerne wieder mehr und mehr, was mir gefällt und guttut. Wo ich Kraft tanken kann und wo ich Zuversicht und Vertrauen finde. Jeden Sommer zähle ich mehr Falten. Weil ich das Gesicht so gerne in die Sonne halte. Sie stören mich nicht mehr. Ich hatte übrigens fast vergessen, wie sich der Sommer anfühlt. Das liegt sicher nicht am Alter, sondern eher an der Pandemie. Dass ich das wertschätze, hat vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun: Die Anzahl der Sommer, die ich erlebe, sind nicht unendlich: Auf zum Strand!

Warum denn jetzt?

Das Leben ist kostbar. Auch in Pandemiezeiten. Ich lese gerade das Buch von Veit Lindau „Genesis – Die Befreiung der Geschlechter“. Zu Beginn hat es mich fast genervt, dass er nicht müde wird, immer und immer wieder zu erwähnen, dass du, ja genau du, ein Wunder bist. Dass du, ja genau du, die Welt verändern kannst. Mit deinen Gedanken. Mit diesem einen Unterschied. Und während ich mich am Anfang noch fragte, wieso Lindau nicht damit aufhört zu erzählen, wie wundersam wir sind, ist mir das plötzlich – in einem alltäglichen Moment – sehr klar geworden. Das Leben an sich ist ein Wunder. Es ist nicht selbstverständlich. Oh, werde ich jetzt hier zu spirituell? Vielleicht. Letzte Woche schrieb ich noch, dass ich mich auf den Sommer freue und jetzt schreibe ich vom allgegenwärtigen Moment … und davon, dass ich überhaupt nicht weiß, ob dieser Sommer für mich stattfindet … Ist das anstrengend? Mag sein.

Alles selbstverständlich?

Aber es ist auch wohltuend. Denn unser Alltag ist schließlich auch manchmal anstrengend. Während wir nämlich so vor uns hin dümpeln, uns über dies und jenes aufregen, uns unheimlich wichtig nehmen – beispielsweise weil unsere Freiheit gerade eingeschränkt ist – , wir uns streiten, mit anderen diskutieren ohne deren Meinung, deren Herkunft, deren Aussehen zu respektieren, verschwenden wir keine Sekunde daran, dass unser irdisches Dasein begrenzt ist – und dass diese Grenze sekündlich gesetzt werden kann. Wir nehmen alles für selbstverständlich. Nicht nur den kleinen automatischen Rasenmäher, der von sich aus das Gras auf akkurate Weise schneidet, während wir im Liegestuhl liegen bleiben können … ja nicht zu viel Bewegung … Nicht nur den scheinbar perfekt zubereiteten Burger, der einfach so auf den Teller gezaubert wurde, ja nicht darüber nachdenken, wer was wie dafür tun musste … Nicht nur den frischen Duft unserer gewaschenen Klamotten, gebadet in Weichspüler … damit die Handtücher sich auch wirklich ganz sanft anfühlen auf der Haut. Wir nehmen das Land in dem wir leben für selbstverständlich. Und dann gibt es ja noch die anderen. Tja, das ist ja dann das Leben der anderen. Das Leben – nicht das der anderen, sondern das Leben – scheint selbstverständlich.

Jetzt ist das Wertvollste, was wir haben

Bewusst wird uns die Kostbarkeit des Moments meistens erst mit dem Tod eines nahestehenden Menschen. Oder mit dem Unfall, der uns entweder ins Krankenhaus katapultiert oder uns im Schrecken für Sekunden verharren lässt: „Puh, Glück gehabt!“ Aber genau das ist der Grund, weshalb manche Menschen schon seit Tausenden von Jahren verstanden haben, dass die Besinnung auf Ein- und Ausatmen zum Glück führt. In einem Interview mit der Journalistin Doris Iding sagte Eckhart Tolle einmal: „Viele Menschen sehen in dem JETZT, in dem gegenwärtigen Moment, nur einen Stolperstein. Sie glauben, dass sie in einem zukünftigen Moment glücklicher sein werden als im JETZT. Dabei handelt es sich bei der Zukunft nur um eine Gedankenform, denn keiner hat die Zukunft jemals getroffen. Wenn sie kommt, dann ist sie wieder der gegenwärtige Moment. Aber das realisieren die meisten Menschen nicht, egal in welchen Lebensumständen sie sich befinden.“ Ich habe über diese Worte nachgedacht und plötzlich machten Tolles Worte Sinn für mich. Es ist absurd, sich die Zukunft herbeizusehnen. Jetzt ist das Wertvollste, was wir besitzen.

Das neue Bewusstsein ist hier

Dieses Annehmen des Jetzt ist nicht leicht. Das gelingt mir genauso wenig oft wie dir. Ich übe. Das Problem beschreibt Eckhart Tolle sehr gut: „Das Eigenartige ist: Je schlimmer die Lebensumstände, desto größer die potentielle Chance der Bewusstseinstransformation. In Situationen, die scheinbar aussichtslos sind, wie zum Beispiel eine schwere körperliche Behinderung, Krankheit oder ein tiefgreifender Verlust, verstärkt sich zunächst der normale Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment – und somit das Leid – um ein Vielfaches. Das Jetzt wird fast unerträglich. Es innerlich zuzulassen, das „so-sein“ des Jetzt zu akzeptieren, scheint unmöglich und sinnlos. Doch dann, wenn der Mensch die Last des „leidenden Selbst“ nicht mehr tragen kann, kann es geschehen, dass plötzlich innerlich etwas kippt. Das tief verwurzelte Nein zum gegenwärtigen Moment löst sich auf, und damit auch das leidende Selbst. Und wenn das Jetzt zugelassen wird so wie es ist, dann öffnet sich die Tür zu einem tiefen, inneren Frieden und einer Intelligenz, die jenseits des Denkens liegt.“ Für mich macht diese Erklärung sehr viel Sinn. Es gibt viele Beispiele von besonderen Menschen, die unter einem enormen Leidensdruck unglaubliche Stärke bewiesen haben. Tolle sagte in diesem Interview vor etwa sechs Jahren – das nichts an seiner Aktualität verloren hat: „Das neue Bewusstsein ist schon hier. Sagen Sie nicht: Ich muss es erst noch erreichen. Für die Änderung des Bewusstseins braucht man keine Zeit. Dieser Gedanke ist das größte Hindernis. Das heißt, Sie brauchen nirgendwo hinzugehen. Sie brauchen nur vollkommen Ja zum gegenwärtigen Moment, zum JETZT, zu sagen.“

Wie geht „jetzt“?

Ich kann den Moment nur erreichen, wenn ich atme. Wenn ich mich bewusst darauf einlassen, wie ich ein- und wie ich ausatme. Dann bin ich da. Im Jetzt. Und das ist ein gutes Gefühl. Letzte Woche habe ich geschrieben: „Ich freue mich auf den Sommer.“ Ich dachte an einen Sommer mit kurzen Hosen, an den Strand, an Sprünge ins Wasser und Eis-verschmierte Gesichter meiner Kinder. Am Donnerstag war ich bei Regen mit meiner Tochter im Garten, wir pflanzten Tomaten und rupften Unkraut und der Moment war perfekt. Der Sommer war so wenig in Sicht wie das totale Ende der Pandemie. Meine Ausbilderin sagte immer: „Yoga is now.“ Das hörte sich schon damals so an, als würde es Sinn machen. Verstanden hatte ich das aber da noch nicht. Denn damals bezog ich es vermutlich hauptsächlich auf komplizierte Asanas, während deren Ausführung keine Zeit übrig blieb, die an den nächsten Gedanken verschwendet werden konnte.

Immer öfter …

Natürlich habe ich mich nun gefragt, ob ich denn, wenn ich versuche, die Zukunft (und die Vergangenheit) ausser Acht zu lassen, überhaupt noch einen Sinn darin sehe, beispielsweise Leistung zu bringen. Darüber musste ich nicht lange nachdenken. Natürlich macht das Sinn. Weil es ja auch hier um den gegenwärtigen Moment geht. Es geht mir ja im gegenwärtigen Moment nicht zwingend besser, nur weil ich auf der Coach liege und eine Packung Chips in mich reinschiebe … eher schlechter. Oder?

Kennst du das Gefühl, wenn du dich von äußeren Faktoren stressen lässt, durch den Moment rast, weil du Angst davor hast, zu spät zu kommen oder etwas nicht zu schaffen, was pünktlich geschafft werden muss …? Ich habe – witzigerweise nach dem Rat einer Freundin – begonnen, wenn es eilig ist, mich nicht mehr zu beeilen. Mit Ruhe an die Sache heranzugehen. „Meistens schafft man es dann ja viel eher“, sagte diese Freundin einmal zu mir. Ich habe diese Erfahrung auch gemacht. In Stresssituationen achtsam bleiben, einen Schritt nach dem nächsten statt Multitasking, das hat mich schon oft zum Ziel gebracht. Nicht immer erinnere ich mich daran. Immer öfter.

Warum ich nicht mehr auf bessere Zeiten warte

Noch mindestens zehn harte Woche stünden uns bevor, prophezeit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Das glaube ich aufs Wort. Vielleicht auch noch mehr. Wer weiß das schon. In zehn Wochen ist ein gutes Viertel des Jahres wieder vorbei. Anfang Januar habe auch ich noch auf bessere Zeiten gewartet. Mir vorgestellt, wen ich treffen will, wenn Treffen wieder möglich sind. Wo ich als erstes essen gehen will, wenn Restaurants wieder auf sind. Wohin wir als Familie fahren wollen, wenn wir wieder andere besuchen dürfen und wie meine Yogastunden wohl aussehen werden, wenn sie wieder im Yogastudio stattfinden mit Teilnehmern im Saal. Ich habe mir überlegt, was ich als erstes mache, nachdem ich meine Kinder in die Kita gebracht habe und mit was ich dann meinen ersten Kaffee alleine in der Küche genießen möchte. Vor allem habe ich mich auf Sport gefreut. Im Fitnessstudio, an der frischen Luft und mit ganz viel schweren Gewichten. 

Jahr des Lernens

Das mache ich jetzt nicht mehr. Denn mir ist plötzlich sehr klar und deutlich geworden, dass es nicht meiner Lebensphilosophie entspricht, auf bessere Zeiten zu warten. Stattdessen will ich doch das Leben genießen. Jeden Moment auskosten. Mich darüber freuen, dass meine Kinder genauso klein sind, wie sie jetzt klein sind und nicht darauf warten, dass sie größer werden. Werden sie nämlich. Ohne Zweifel. Ich habe mir überlegt, wie ich diesem Jahr etwas abgewinnen kann. Egal wie es in den nächsten zehn Wochen zu und hergehen wird. Wie dieses Jahr für mich wertvoll sein kann, auch wenn immer noch weniger Begegnungen stattfinden können als ich mir das wünsche. Und ich weniger Geld verdienen werde, als ich mir das wünsche. Ich bin selbständig. Ich war deswegen auch immer die Erste, die vor Corona-Zeiten von der Kitaleitung meiner ältesten Tochter angerufen und gefragt wurde, ob ich meine Kinder zuhause lassen könne, weil gerade viele Erzieher krank seien. Ich war diejenige, die bei Erzieher-Ausfällen gefragt wurde, ob ich nicht mal eben eine halbe Stunde Yoga mit den Kindern machen könne – umsonst natürlich. Was wenige verstanden haben: gerade weil ich selbständig bin brauche ich eine Kita. Ich verdiene nichts, wenn ich nicht arbeite. Demnach ist eines hier so ziemlich klar: so lange ich keine Betreuung habe, kann ich nicht vernünftig arbeiten. Ich kann auch nicht von einer Zweijährigen erwarten, dass sie den ganzen Tag Ausmalbilder macht, damit Mama ihre Texte schreiben kann. Ich kann nicht zwischen Wäschebergen, Rollenspielen, Füttern und Windel wechseln mal eben so ein Buch schreiben. Das wird jeder verstehen. Ich habe es trotzdem vor, aber das ist eine andere Geschichte. Und so habe ich mir etwas überlegt. Das Jahr 2021 wird ein Jahr des Lernens. Der Weiterentwicklung. Der Investition in mich. Und damit hatte ich meine Perspektive zurück und mit ihr die gute Laune. Das Hier und Jetzt. Das Leben im Moment. Gerade habe ich eine neue Yogalehrer-Ausbildung begonnen. Im April kommt eine weitere Ausbildung dazu, die eigentlich nicht sehr viel mit Yoga zu tun hat. Und dann mache ich Ende des Jahres vielleicht noch eine Ausbildung. Wenn dann noch etwas Geld übrig ist jedenfalls. Mal sehen. 

Was mir fehlt

Abgesehen von diesen Entscheidungen habe ich mich gefragt, was mir gerade – außer meinen Eltern und Geschwistern – am meisten fehlt. Und das ist Sport. Nicht Yoga, sondern richtiger Sport. Sport, der mich zum Schwitzen bringt. Also habe ich eine Nachbarin gefragt, ob sie sich vorstellen könne, mit mir abends um 21 Uhr joggen zu gehen. Wir haben beide kleine Kinder, bei meinen wird es momentan wirklich spät bis sie schlafen. Was für ein Glück: bei ihren auch. Sie schrieb mir, diese Nachricht käme wie gerufen. Und ob ich mich vielleicht mit ihrem Mann unterhalten hätte, denn der hätte gerade noch zu ihr gesagt, sie müsse wieder mehr Sport machen. „Ich brauche einen Schweinehunddompteur“, schrieb sie mir und ich schrie: „Da bin ich!“ Jetzt joggen wir durch die Nacht. Ich habe angefangen, HIT-Training in meinen Alltag einzubauen, manchmal dauert das nur zehn Minuten und die Kinder gucken dann Peppa Wutz. Oder sie machen mit. Manchmal kriege ich eine halbe Stunde in den Tag gequetscht. Wir richten uns gerade ein Homegym ein – wie der Rest der Nation. Und dann habe ich auch noch begonnen, eine weitere Yogastunde online zu unterrichten. Und jetzt merke ich so langsam, dass ich mich wirklich sehr lebendig fühle. Corona kann mich mal.