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Lauschangriff und Lesestoff vom 5. Februar 2021

Am Sonntag ist etwas Eigenartiges passiert. Ich war im Yogastudio, um eine Stunde Zoom-Yoga zu drehen. Zum ersten Mal seit Lockdown-Yoga fühlte sich die Stunde so an, als seien meine Schüler physisch anwesend. Im Raum, meine ich – online waren sie ja zugeschaltet. Ich weiß nicht, woran das lag, vermutlich daran, dass ich mich so langsam daran gewöhne, während ich Asanas vormache, ins Mikro zu hecheln und gleichzeitig zu erläutern, wie dabei geatmet werden soll. Vielleicht weil es mir mittlerweile egal ist, wie viele Versprecher mir über die Lippen gehen, obwohl ich weiß, dass die Stunde auch aufgezeichnet wird. Voller Energie kam ich nach Hause. Das Gefühl trug mich durch den Sonntagabend. Ich war bereit für eine neue Lockdown-Woche.

So lonely

Montagmorgen kamen die dicken grauen Wolken. Ich fühlte mich schwer. Leer. Müde. Wie kann man sich eigentlich schwer und gleichzeitig leer fühlen? Ich wollte das natürlich nicht. Aber ich merkte, dass ich das Gefühl nicht abschütteln konnte. Zum Glück hatte ich vor kurzem irgendwo – ich weiß nicht mehr wo, vielleicht auf ohhhmhhh (?) gelesen, dass es auch völlig okay sei, wenn man mal alles scheiße finden würde. Ich nahm das Gefühl an, akzeptierte es und gab ihm Raum. Und dann konnte ich es benennen: Ich fühle mich einsam. Jetzt – knapp ein ganzes Jahr nach Beginn der Covid-19-Pandemie, im zweiten Lockdown, habe ich dieses Gefühl zum ersten Mal so deutlich gespürt. Ich dachte an das „Gefühle“-Buch meiner Kinder, in dem Traurigkeit mit grauen Wolken über den Köpfen dargestellt wird. Graue Wolken über meinem Kopf. Dabei fing es hier in Kiel zum ersten Mal in diesem Winter richtig an zu schneien. Eine Woche früher wäre ich alleine aufgrund dieser Tatsache durch den Schnee getanzt. Tja, letzte Woche. Letzte Woche hatte ich ja auch noch geglaubt, ich müsse nicht auf bessere Zeiten warten. Da war ich so überzeugt davon, dieser Pandemie den Stinkefinger zeigen zu können, ich steckte voller Energie und Ideen …

Alle gemeinsam einsam

Ich bin natürlich nicht einsam. Den ganzen Tag springen hier zwei Kinder um mich herum, wir sind eine vierköpfige Familie. Manchmal treffe ich eine andere Mutter auf dem Spielplatz. Ich telefoniere mit meinen Freundinnen und meiner Familie. Ich arbeite, schreibe Mails, beantworte Fragen, manchmal sehe ich die Nachbarin kurz: „Hallo, wie geht’s bei euch?“ Freitagabends sitze ich vorm Laptop und nehme an einer Ausbildung für Yogalehrer teil. Da ist reger Austausch. Wenn es gar nicht anders geht und ich wichtige Aufträge zu erledigen habe, kommt die Babysitterin. Das habe ich erst vor kurzem eingeführt. Sie ist meine Rettung. Als ich diesen Montag kurz vor dem Laptop saß und durch SZ-Magazin-Schlagzeilen scrollte, wurde ich auf dieses Interview mit Psychologin Stefanie Stahl aufmerksam, in dem es eigentlich um Eifersucht unter Paaren geht. „Die Natur richtet kein sinnloses Gefühl ein, unsere Emotionen sind dafür da, dass wir in die richtige Richtung laufen“, sagte Stahl da. Da ging es mir schon ein bisschen besser. Später entdeckte ich den Instagram-Post von @kleinliebchen: „Bis auf ‚Ich bin müde‘ bin ich eigentlich niemand der gerne jammert. Ich sag schon auch ab und zu mal wie anstrengend ich gerade alles finde, aber dann ist es auch wieder gut. Heute aber muss es raus: Ich fühle mich trotz dass ich 3 Kinder von früh bis spät um mich herum habe einsam. Ich fühle mich isoliert und eingesperrt. Ich beneide meinen Mann wenn er morgens rausgeht und unter Menschen ist“, postet sie da. Ich fragte mich kurz, ob diese Influencer eigentlich in die Köpfe anderer Menschen gucken können … Manchmal tut es ja schon gut, wenn man spürt, dass man mit dem Gefühl, einsam zu sein, nicht einsam ist.

Rest and wait …

Am selben Tag hatte Sheila Ilzhöfer auf Fuck Lucky Go Happy diesen Text veröffentlicht: „Wir müssen aufhören, Probleme kleinzureden“, schrieb sie da. Wir dürfen uns scheiße fühlen, auch wenn wir wahnsinnig privilegiert sind, wenn es uns wahnsinnig gut geht, weil wir genug zu essen, eine warme, schöne Wohnung und gesunde Kinder haben. Ich fühlte mich scheiße. Ich spürte die Einsamkeit. Einsamkeit kann krank machen. Ich erinnere mich noch an meine erste Yogalehrerausbildung. Dort sagte die Ausbilderin Alanna Kaivalya einmal zu uns: „Wir fürchten uns mehr vor der Einsamkeit als vor dem Tod.“ Das glaube ich sofort. Ich will trotzdem Covid-19 nicht haben. Und vor allem niemand anderen damit anstecken. Dilemma. Tanya Markul, auch eine Yogalehrerin und Poetin, mit der ich früher in Kopenhagen Yoga üben durfte, schrieb am Dienstag auf Facebook: „Sometimes all we can do is rest and wait while we’re held between the ecstasy and ache. Don’t give it a name but perhaps a poem, a dance or clean living space. And put trust in its work for it’s the complex magic of being you. Sometimes that’s all we can do.“

Das ruhige Leben ist die Rettung

Was mir geholfen hat, meine gute Laune wieder zurückzugewinnen, waren gute Gespräche mit meiner Familie und die verschiedenen Podcasts eines einzigen Yogalehrers: Michael James Wong ist ein großartiger Lehrer und Sprecher, der mich auf meinem Yogaweg schon lange aus der Ferne begleitet. Für mein erstes Yogabuch durfte ich ihn 2015 interviewen. Er hat das Projekt „Just breathe“ ins Leben gerufen, sitzt bei Massenmeditationen zusammen mit Tausenden an Orten wie The British Museum, um den Wert gemeinsamer Stille zu erfahren. Als Gründer der Sunday School of Yoga begleitet er Yogalehrer in ihrer Entwicklung. Er schafft es auf sehr angenehme Art und Weise aufzuzeigen, wie angenehm Meditation und Nichtstun sein kann. Seine ruhige Stimme und die Interviews seiner letzten beiden Podcastfolgen aus „The quiet life“ haben mich diese Woche aufgerichtet. Zunächst einmal der Podcast mit der Ernährungsberaterin Rhiannon Lambert. Sie beschreibt sehr gut, wie verrückt es für sie war, zu Beginn der Pandemie ein Kind zur Welt zu bringen und die Freude darüber mit fast niemandem teilen zu dürfen. Sie erzählt, wie und wo sie sich am sichersten fühlt und wie sie es schafft, geerdet zu bleiben. Außerdem spricht sie auch über die interessante Tatsache, dass das, was wir essen, sehr wohl Einfluss auf unsere Emotionen haben kann. 

Sport und Schokolade

In der aktuellsten Folge seines Podcasts spricht er mit dem Notarzt, Allgemeinmediziner und Autor Rupy Aujla. Der Bestsellerautor, der sich dafür einsetzt, gesunde Ernährung bei gesundheitlichen Beschwerden ernster zu nehmen, spricht in diesem Interview mit Michael James Wong darüber, was Dankbarkeit für ihn bedeutet und warum wir die kleinen Dinge feiern sollen. Und da war er wieder: Der Moment, in dem ich den Wert meines Kaffees am Morgen wirklich schätzen konnte. Übrigens kann ich dir nur empfehlen, die Episoden von Wongs Kurz-Podcast Good Intentions zu hören. Die tun sooooo gut. Diese Woche beispielsweise die Episode: Eat a piece of chocolate.

Und dann war da der Sport. Laufen zu gehen, all den Ballast dabei abschütteln zu können, mich danach nicht nur geistig (wie jeden Abend) sondern körperlich müde zu fühlen – das hat mir gut getan.

Und das hier könnte eventuell mein Frühstück am Wochenende zu einem Gute-Laune-Fest machen. Was meinst Du?

Lauschangriff und Lesestoff vom 22.1.2021

Schon im Februar 2019 titelte das i-D Magazin: „Die Wellness-Industrie hat ein Problem mit Diversität“. „Wellness und Weißsein sind in der westlichen Gesellschaft zum Synonym geworden“, heißt es da. Der Artikel hatte mich hart aus meiner rosaroten Yogablase gerissen. Dabei war es mir in Kalifornien, wo ich meine Yogalehrer-Ausbildungen absolviert hatte, natürlich auch schon aufgefallen: Immer mal wieder begegnete ich auch Yogalehrern und -schülern mit dunkler Hautfarbe. Aber selten. Einer meiner Lehrer war Arturo Peal, er ist dunkelhäutig und ich habe mir natürlich nie Gedanken darüber gemacht. Dass heißt aber auch, dass ich ihn nie darauf angesprochen habe, dass es in der Yogaszene, die mir bekannt ist, doch recht wenige People of Color gibt und wie er sich eigentlich damit fühle. Eigentlich hätte ich das tun müssen. Dass ich es nicht getan habe, sondern dieses Thema verschwiegen habe, zeigt eigentlich nur, wie wenig Weiße über Rassismus wissen, auch wenn sie von sich selbst behaupten, es natürlich nicht zu sein. Stefanie Luxat hat das sehr schön in einem Artikel zum Thema Rassismus auf ihrem Blogmagazin Ohhhmhhh ausgedrückt: „Du stellst dich deiner Scham, doch nicht so viel zum Thema Rassismus zu wissen, wie du immer dachtest.“ Das ist es wohl. Wie so oft hatte sie ein Gefühl mit den richtigen Worten beschrieben. In dem Artikel aus dem i-D-Magazin schrieb Stacie Graham, die Gründerin von OYA: Body-Mind-Spirit Retreats: „Schwarze Frauen und Women of Color nehmen sich selbst nicht als die Zielgruppe von Wellness wahr.“ Dieser Satz hatte mich tief berührt. Und wahrscheinlich auch beschämt. Und die Frage, was ich als weiße privilegierte Yogalehrerin tun kann, um das zu ändern, ist immer noch unbeantwortet. In dieser Woche hat Yeama Bangali auf rosamag über das Thema geschrieben. Dass Wellness für jeden eine eigene Definition hat, ist ebenso wichtig zu erkennen. Bangali schreibt: „Es ist okay, wenn du nicht um 6:30 Uhr für eine Yoga-Einheit aufstehen, den gesunden Grünkohl-Smoothie schlürfen willst oder dich der Gedanke an Meditation eher stresst. Was dir gut tut, ist das Richtige für dich.“

Lockdown-Tipps? Her damit!

Der Podcast „Die friedvolle Geburt“ widmet sich in seiner neuesten Ausgabe dem Thema „Herausforderungen im Lockdown für Familien“. Kristin Graf interviewt dazu die Lerntherapeutin Jovita Bose. Tja, was soll ich dazu sagen, ein paar Tipps können wir sicher alle gut gebrauchen. Sehr spannend finde ich auch die Arbeit des Deutsch-Dänischen Instituts für Familientherapie. Ich habe den Podcast „Die friedvolle Geburt“ hier schon mal vorgestellt und erwähne ihn gerne wieder, weil ich vermute, dass Menschen, die nicht gerade kurz vor einer Geburt stehen, nicht immer daran denken, reinzuhören. 

Yoga und Aktivismus

In dieser Woche habe ich noch einen besonderen Podcast-Tipp. Die Yogalehrerin und Redaktionsleiterin von Fuckluckygohappy Ulrike Schäfer spricht im aktuellen Podcast von studio36 über ein wahnsinnig spannend und brennend heißes Thema: Was hat Yoga mit Aktivismus zu tun? Und wie verhilft uns Spiritualität dabei, positiv gestimmt ins neue Jahr zu gehen? Ulrike Schäfer erklärt, warum sie sich als Yogini natürlich Sorgen um die Klimakrise macht und warum es so wichtig ist, dass Aktivisten sich gut um sich selbst kümmern. Außerdem erzählt sie, was ihr während der Corona-Krise bis jetzt dabei geholfen hat, locker zu bleiben. Das war nämlich nicht immer unbedingt Yoga, sondern TRX-Training, High Intensive Training und Tanzen. Die Routinen aufzubrechen, helfe, um festzustellen, was man gerade eigentlich braucht.

Nicht mein Gemüse!

Gemüseabteilung made in America

Dieses Foto hier habe ich aufgenommen, als ich im Januar 2014 in die USA gezogen bin und dort dann das erste Mal in einen Supermarkt marschierte. Es hatte mich belustigt und schockiert gleichermaßen; ich schickte es meinen Freunden nach Deutschland als ersten Gruß und musste dabei schmunzeln. Wie grauenvoll es ist, wußte ich natürlich damals schon. Es war übrigens für mich der Beginn eines Lebens, in dem ich ausschließlich Obst und Gemüse in Bioqualität kaufen wollte – eine Konsequenz, die tatsächlich aus meiner Zeit in den USA entstanden ist und von einigen meiner Bekannten vermutlich als ein bisschen radikal eingestuft wird. Dieser aktuelle Artikel auf Schrot und Korn erklärt deutlich, warum ich diese Entscheidung getroffen habe und auch in Deutschland nicht davon abweichen möchte. Ich bin sehr froh und schätze es, dass ich – seit wir in Kiel leben – direkt bei einem wahnsinnig guten Biobauern einkaufen kann. Dort durfte ich das Gemüse sogar schon selbst ausbuddeln. Mir ist es ziemlich egal wie krumm und schief eine Karotte aussieht. Diese Erkenntnis sollte wirklich ziemlich schnell in jeden einzelnen Kopf kommen – vor allem in diejenigen Köpfe, die sich um  die Bestimmungen des Lebensmitteleinzelhandels kümmern.

Beim Lob übertreiben …

Nun aber schnell noch ein Thema, bei dem wir uns ein bisschen entspannen können: Im Interview des Süddeutsche Magazins mit dem Geschmacksforscher Maik Behrens geht es darum, wie wir gesunde Lebensmittel in unsere Kinder reinkriegen. Er sagt, wir sollten dabei bloss nicht die Geduld verlieren, niemals Zwang mit einem Lebensmittel verbinden aber durchaus hartnäckig dabei bleiben, wenn es darum geht, etwas zum Probieren anzubieten. Er sagt dabei so schön: „Es ist übrigens auch erlaubt, ein bisschen zu übertreiben mit dem Lob des Brokkolis, um so die Neugier der Kinder für Lebensmittel zu wecken, die zu einer gesunden Ernährung beitragen können.“ Darin bin ich tatsächlich ziemlich gut …

Ich bin ein Fan von selbstgemachte Granola und Frühstück mit Abwechslung. Hier also noch schnell ein Frühstückstipp, da kommst du aus dem Oh und Ah sagen gar nicht mehr raus. Übertreiben ist also nicht notwendig. Hab ein schönes Wochenende.