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Warum ich nicht mehr auf bessere Zeiten warte

Noch mindestens zehn harte Woche stünden uns bevor, prophezeit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Das glaube ich aufs Wort. Vielleicht auch noch mehr. Wer weiß das schon. In zehn Wochen ist ein gutes Viertel des Jahres wieder vorbei. Anfang Januar habe auch ich noch auf bessere Zeiten gewartet. Mir vorgestellt, wen ich treffen will, wenn Treffen wieder möglich sind. Wo ich als erstes essen gehen will, wenn Restaurants wieder auf sind. Wohin wir als Familie fahren wollen, wenn wir wieder andere besuchen dürfen und wie meine Yogastunden wohl aussehen werden, wenn sie wieder im Yogastudio stattfinden mit Teilnehmern im Saal. Ich habe mir überlegt, was ich als erstes mache, nachdem ich meine Kinder in die Kita gebracht habe und mit was ich dann meinen ersten Kaffee alleine in der Küche genießen möchte. Vor allem habe ich mich auf Sport gefreut. Im Fitnessstudio, an der frischen Luft und mit ganz viel schweren Gewichten. 

Jahr des Lernens

Das mache ich jetzt nicht mehr. Denn mir ist plötzlich sehr klar und deutlich geworden, dass es nicht meiner Lebensphilosophie entspricht, auf bessere Zeiten zu warten. Stattdessen will ich doch das Leben genießen. Jeden Moment auskosten. Mich darüber freuen, dass meine Kinder genauso klein sind, wie sie jetzt klein sind und nicht darauf warten, dass sie größer werden. Werden sie nämlich. Ohne Zweifel. Ich habe mir überlegt, wie ich diesem Jahr etwas abgewinnen kann. Egal wie es in den nächsten zehn Wochen zu und hergehen wird. Wie dieses Jahr für mich wertvoll sein kann, auch wenn immer noch weniger Begegnungen stattfinden können als ich mir das wünsche. Und ich weniger Geld verdienen werde, als ich mir das wünsche. Ich bin selbständig. Ich war deswegen auch immer die Erste, die vor Corona-Zeiten von der Kitaleitung meiner ältesten Tochter angerufen und gefragt wurde, ob ich meine Kinder zuhause lassen könne, weil gerade viele Erzieher krank seien. Ich war diejenige, die bei Erzieher-Ausfällen gefragt wurde, ob ich nicht mal eben eine halbe Stunde Yoga mit den Kindern machen könne – umsonst natürlich. Was wenige verstanden haben: gerade weil ich selbständig bin brauche ich eine Kita. Ich verdiene nichts, wenn ich nicht arbeite. Demnach ist eines hier so ziemlich klar: so lange ich keine Betreuung habe, kann ich nicht vernünftig arbeiten. Ich kann auch nicht von einer Zweijährigen erwarten, dass sie den ganzen Tag Ausmalbilder macht, damit Mama ihre Texte schreiben kann. Ich kann nicht zwischen Wäschebergen, Rollenspielen, Füttern und Windel wechseln mal eben so ein Buch schreiben. Das wird jeder verstehen. Ich habe es trotzdem vor, aber das ist eine andere Geschichte. Und so habe ich mir etwas überlegt. Das Jahr 2021 wird ein Jahr des Lernens. Der Weiterentwicklung. Der Investition in mich. Und damit hatte ich meine Perspektive zurück und mit ihr die gute Laune. Das Hier und Jetzt. Das Leben im Moment. Gerade habe ich eine neue Yogalehrer-Ausbildung begonnen. Im April kommt eine weitere Ausbildung dazu, die eigentlich nicht sehr viel mit Yoga zu tun hat. Und dann mache ich Ende des Jahres vielleicht noch eine Ausbildung. Wenn dann noch etwas Geld übrig ist jedenfalls. Mal sehen. 

Was mir fehlt

Abgesehen von diesen Entscheidungen habe ich mich gefragt, was mir gerade – außer meinen Eltern und Geschwistern – am meisten fehlt. Und das ist Sport. Nicht Yoga, sondern richtiger Sport. Sport, der mich zum Schwitzen bringt. Also habe ich eine Nachbarin gefragt, ob sie sich vorstellen könne, mit mir abends um 21 Uhr joggen zu gehen. Wir haben beide kleine Kinder, bei meinen wird es momentan wirklich spät bis sie schlafen. Was für ein Glück: bei ihren auch. Sie schrieb mir, diese Nachricht käme wie gerufen. Und ob ich mich vielleicht mit ihrem Mann unterhalten hätte, denn der hätte gerade noch zu ihr gesagt, sie müsse wieder mehr Sport machen. „Ich brauche einen Schweinehunddompteur“, schrieb sie mir und ich schrie: „Da bin ich!“ Jetzt joggen wir durch die Nacht. Ich habe angefangen, HIT-Training in meinen Alltag einzubauen, manchmal dauert das nur zehn Minuten und die Kinder gucken dann Peppa Wutz. Oder sie machen mit. Manchmal kriege ich eine halbe Stunde in den Tag gequetscht. Wir richten uns gerade ein Homegym ein – wie der Rest der Nation. Und dann habe ich auch noch begonnen, eine weitere Yogastunde online zu unterrichten. Und jetzt merke ich so langsam, dass ich mich wirklich sehr lebendig fühle. Corona kann mich mal.

Warum Yoga und Leistungssport ein super Team sind

Das Jahr 2020 ist ein verrücktes Jahr. Jetzt ist Sommer und normalerweise wäre es ein Sport-Sommer geworden. Fußball-Europameisterschaften, Olympische Spiele. Die Athleten auf ihrer größten Bühne. Corona hat auch dem – wie so vielem – einen Strich durch die Rechnung gemacht. Viele Athleten fürchteten um ihre Existenz, für viele ist der Ausfall von Olympia mit einer (finanziellen) Katastrophe gleichzusetzen. Ausgerechnet Yoga war und ist nun für viele Hochleistungssportler eine Konstante. Ein Anker auf dem wildesten Sturm ihrer Karriere. Denn während viele sich noch Gedanken darüber machten, wie in Corona-Zeiten trainiert werden könnte, schaltete Barbara Plaza, die einzige Yogalehrerin in Deutschland, die fest im Team eines Olympiastützpunktes mitarbeitet, ihren Laptop ein und bot Yoga per Zoom an. Für „ihre“ Athleten – die vom Olympiastützpunkt Rheinland und diejenigen, die ohnehin schon mit ihr zusammenarbeiteten, wie die deutsche Hockey-Nationalmannschaft der Damen beispielsweise oder die deutschen Olympia-Fechter – die Rettung. „Zu diesem Zeitpunkt, gerade als der Lockdown beschlossene Sache war, sind diese Athleten in ein Loch gefallen. Plötzlich ist alles weggefallen, was sonst eine Routine gibt: Trainingszeiten, Physiotherapie, Massage. Zusätzlich dazu, kämpften sie mit einer riesigen Unsicherheit: Was ist mit Wettkämpfen? Würden sie in Zukunft ihren Sport überhaupt noch ausüben können, damit Geld verdienen können? Das waren und sind die Fragen, mit denen sich die Athleten beschäftigen mussten. Da war es schön, wenigstens eine Yogaeinheit anbieten zu können“, sagt Plaza. Die Sportler hatten durch die Yogapraxis zwei, drei feste Termine in der Woche. „Das gab vielen tatsächlich Halt. Und sie freuten sich sehr darauf.“

Barbara Plaza, früher selbst Spitzen-Hochspringerin, konnte auch schon vor Corona-Zeiten gute Gründe aufzählen, weshalb Spitzensportler Yoga in ihr Training integrieren sollten. Wer sich also fragt, wie man es schafft, einen Sportverein davon zu überzeugen, Yoga anzubieten, findet hier entsprechende Argumente:

Immer an der Grenze

„Geschäftsleuten wird schon lange empfohlen, abends zum Yoga zu rennen – und nun muss man sich nur mal vorstellen, dass Spitzensportler im Vergleich dazu nicht nur mental ständig auf Höchstleistung getrimmt sind, sondern auch körperlich. Sie arbeiten stets an der Grenze der höchstmöglichen Belastung“, sagt Plaza.

Spitzensportler leben im Vollgas-Modus. Der Sympathikus, der Teil des vegetativen Nervensystems, der unseren Körper auf Leistungsbereitschaft hält, ist nahezu daueraktiviert. „Das bedeutet, das Nervensystem eines Hochleistungssportlers ist auf Hochspannung getrimmt“, sagt Plaza. Der Kampfmodus ist fast immer aktiviert. Es kommt zu einer dauerhaften Hormonausschüttung, die einerseits psychischen Stress, andererseits erhöhte Verletzungsgefahr mit sich bringt. Die Balance wieder zu finden, ein gesundes Wechselspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus – der für Erholung und Entspannung zuständig ist – zu erzeugen, dabei hilft Yoga.

Spannungen aufbauen … und abbauen

Für Katharina Bauer beispielsweise, eine der besten deutschen Stabhochspringerinnen, gehört Yoga mittlerweile zum Trainingsalltag. Sie zählt zu Plazas Schülerinnen. Stabhochsprung-Wettbewerbe dauern unter Umständen schon mal vier Stunden, dann sind die Athleten Warteperioden ausgesetzt und müssen plötzlich auf den Punkt wieder voll da sein. Auch hierbei helfen Bauer Techniken, die sie im Yoga gelernt hat. „Ich mache Yoga vor jedem Wettkampf, um eine gewisse Spannung aufzubauen“, erklärt Bauer. Unmittelbar vor jedem Wettbewerb bringt sie sich mit Sonnengrüßen in die richtige Stimmung. „Mein Körpergefühl hat sich dadurch verbessert. Es gibt im Stabhochsprung so viele Bewegungsabläufe, wo man gespannt sein oder über eine sehr lange Zeit den Fokus aufrecht erhalten muss“, erklärt sie. 

Stabhochspringerin Katharina Bauer beim Yoga. (Foto: Tine Bielecki)

„Der Körper regeneriert beim Yoga“, sagt Yogalehrerin Plaza. Wenn Athleten ihr erzählen, dass sie zusätzlich zum täglichen Training kaum Zeit für Yoga finden könnten, entgegnet sie: „Du kannst dich abends vor den Fernseher legen oder zehn bis 15 Minuten Yoga praktizieren – was ist wohl besser?“ Nun, hier gilt es dann darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das kennen wir wohl alle. Während für Leistungssportler Yoga tatsächlich eine aktive Regeneration sei, ist es im Vergleich dazu für Hobbysportler eine Trainingsergänzung. Im Hochleistungssport ist es Yogas Aufgabe, „die Sportler runterzuholen“, wie Plaza sagt.

Das Glücksgefühl-Prinzip

Es mag merkwürdig klingen, aber Dehnung und Endorphine stehen in einer Beziehung zueinander. Endorphine sind für eine Reihe von physiologischen Reaktionen verantwortlich, etwa für die Entspannung und das Wohlgefühl, die Praktizierende auch häufig nach dem Yoga verspüren. Dehnübungen stimulieren die Freisetzung dieser Morphine. Endorphine docken nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip innerhalb des Zentralnervensystems an Rezeptoren auf der Zelloberfläche an, dringen in das Innere der Nervenzelle ein und entfalten dort ihre Wirkung.

Auf körperlicher Ebene geht es beim Yoga darum, die Muskulatur, die gerade beim Leistungssportler durch einseitige Belastung angespannt ist, zu lockern. Wird die Dehnfähigkeit der Muskulatur erhöht, bedeutet das gleichzeitig eine höhere Bewegungsamplitude und das wiederum heißt, der Krafteinsatz kann erhöht werden. Fast egal, welche Sportart betrieben wird, Plaza legt in ihrer Praxis einen hohen Fokus auf die tiefe Hüftmuskulatur. „Die wird meistens vernachlässigt und ist überbelastet“, sagt sie. „Wenn die Hüfte blockiert ist, kann ein Sportler keine Leistung bringen.“ Ebenso wichtig sei die Brustkorböffnung. Plaza lacht wieder. „Ich muss fast alles integrieren: Vorbeugen für die rückwärtige Beinmuskulatur, Drehbewegungen für die tiefe Muskulatur um die Wirbelsäule und so weiter.“

Nichts müssen müssen

Natürlich gehöre Dehnen für viele Athleten zum Trainingsalltag, doch beim Yoga lernten sie auch, wie richtig gedehnt werden soll. „Viele fragen mich: Gehe ich beim Dehnen eigentlich bis zum Anschlag? Ich sage dann immer: Mach es doch mal anders als sonst im Training, du musst hier gar nichts beim Yoga, lass mal los, dann dehnt der Muskel, dann wird er weich, dann entspannt er.“ Zusätzlich dazu spielt die Atmung in ihrem Unterricht eine große Rolle. „Die meisten Athleten wissen gar nicht, wozu sie die Atmung einsetzen können. Im besten Fall lernen sie beim Yoga wertvolle Werkzeuge für den Wettkampf zu nutzen.“  Abläufe, die hier geübt werden, werden auch neurologisch verankert. Ein Athlet kann vieles im Wettkampf nicht beeinflussen: die Gegner, die äußeren Bedingungen, das Kampfgericht. Aber die Entscheidung, wie wir atmen, bleibt immer uns selbst überlassen. Je besser wir das Nervensystem unter Kontrolle haben, desto schneller reagiert unser Körper und desto schneller ist er wieder in der Lage Leistung zu bringen. Für kurze Momente die Gedanken beruhigen, schöpft Energie und befreit.

Yoga als Doping

„Der Körper ist limitiert“, sagt Plaza. Bei der Suche nach Ressourcen wurde früher (und leider auch noch heute) nach Medikamenten gegriffen. „Wenn wir wissen, dass wir mit Yoga Regenerationsprozesse beschleunigen, könnte Yoga vielleicht eine dieser Ressourcen sein“, sagt Plaza. Dabei ginge es nicht darum, dass Athleten stundenlang Yoga üben sollten. „Ich sage immer, lieber jeden Tag wenig als einmal im Monat 90 Minuten. Es ist ähnlich wie bei der Physiotherapie. Du fühlst dich danach gut, aber der Effekt verpufft nach kurzer Zeit. Wer elf Minuten am Tag Sonnengrüße macht, die Matte ausrollt, mal atmet, entspannt, der hat schon alles integriert, was wichtig ist.“ Es spielt gar keine Rolle, welche Sportart man betreibt. Yoga dient jedem. Man muss nur wissen, was der jeweilige Sportler in seiner Disziplin für Anforderungen benötigt. Demnach können auch Kraftsportler nur von der Lehre profitieren. 

Für Hobbysportler gilt es hingegen, auch Elemente von Kräftigungs- und Stabilisationsübungen einzubauen. Hier ist das Ziel, mehr Balance in Bewegungsmuster zu bringen. Wer immer nur joggen geht, braucht einen körperlichen Ausgleich. Kleinere aber lästige Wehwehchen verschwinden bei einer regelmässigen Yogapraxis meistens. Dehnen tut allen gut. 

Was Barbara Plaza an der Corona-Zeit gefallen hat: Wenn die Athleten drei Mal in der Woche ihre Yogaeinheiten gemacht haben, haben sie auch festgestellt, dass es ihnen enorm gut tut. Und einige versuchen, diese Regelmäßigkeit beizubehalten. Hockey-Kapitänin Janne Müller-Wieland berichtete im Interview mit der Süddeutschen Zeitung von ihren Yoga-Sessions. Der Mannschaft habe es Halt gegeben, wenn sie sich zum „gemeinsamen“ Live-Stream-Yoga verabreden konnte. Schließlich war es ja das einzige, was das Team zu dieser Zeit zusammen machen konnte. Die Gedanken ausschalten, das gelingt ja beim Yoga manchmal. Und ist zu Corona-Zeiten gar nicht das schlechteste, was man machen kann.

Fotos: Marinus Veit