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Bleib wachsam!

Vielleicht hast du den Artikel zur Studie über die Achtsamkeit in der FAZ gelesen. Letztlich kann ich den Artikel von Felicitas Witte empfehlen, allerdings gilt es zu differenzieren: In diesem Artikel geht es um Achtsamkeitstraining, aber was ist denn mit Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst und anderen/m? Ich sage statt „bleibe achtsam“: Bleibe wachsam! Achtsamkeitstraining ist kein Allheilmittel. Das ist klar. Und ich werde auch nicht müde, das zu betonen. Meditation ist angesagt und trendy, aber klar: sie bringt „the deep shit“ nach oben. Auch mir kommen manchmal beim blossen Atmen die Tränen. Druckabfall, das pure Leben, Themen aus dem Unterbewusstsein – das reicht schon. Witte berichtet in ihrem Artikel von einer Studie der amerikanischen Brown University, die besagt, dass mehr als jeder Zweite durch Achtsamkeitstraining unangenehme Nebenwirkungen erlebt habe. Das glaube ich.

Bei Panikattacken braucht es keinen Achtsamkeitscoach sondern professionelle Hilfe. Wer unter schlimmen Traumata leidet, sollte nicht unentwegt alleine meditieren. Das erste, was ich in meiner Ausbildung zur Kinderyogalehrerin gelernt habe, war, dass man Kinder nicht in die totale Stille holen solle. Meditation in dem Sinne wie sie für Erwachsene gut sein kann, gehört nicht ins Kinderyoga. Kommen da Traumata hoch, von denen wir als Yogalehrer/innen nichts wissen können, haben diese Kinder ein Problem. Und bräuchten unbedingt professionelle Begleitung.

Dennoch gefällt mir eines an dem Artikel nicht. Das Thema „gelebte Achtsamkeit“, also der achtsame Umgang mit meiner Umwelt und mir selbst, wird außer Acht gelassen. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Achtsamkeit als propagiertem Allheilmittel und gelebter Achtsamkeit. Wie kann mehr Achtsamkeit im Alltag schaden? Wenn ich das Thema Straßenverkehr nehme: Ich gehe davon aus – ohne irgendwelche Statistiken zu kennen – dass die meisten Unfälle, und damit auch viele Todesfälle und schwere Verletzungen, vermieden werden könnten, wenn hinter dem Steuer ein bisschen mehr Achtsamkeit gelebt würde. Multitasking hat irgendwann in den 90ern einen besonderen Stellenwert bekommen, wer „multitaskingfähig“ war, war gut. Besonders Frauen brüsteten sich damit. Musste sein, wie sonst sollten sie den Anforderungen, die Beruf und Familie stellten, gerecht werden? Wer wie mit Oktopus-Armen um sich selbst herumwirbeln konnte, war besonders cool. Hinterm Steuer noch schnell den Babysitter organisieren, sich für den Yogakurs am Abend anmelden und gleichzeitig den großen Business-Deal abschließen? Check! Dabei ist es logisch, dass, wenn ich mich auf eine einzige Sache konzentriere, sie garantiert besser gelingt. Oder? Wem sage ich das?

Achtsamkeit hat auch etwas mit innerer Stärke zu tun. Ich gebe immer dieses eine kleine Beispiel, wenn ich – was selten vorkommt, weil auch ich diesen Achtsamkeits-Hype mit Vorsicht genieße – darüber rede: Fragst du dich manchmal, mitten in deinem tosenden Alltag, wie es dir gerade geht? Ich hatte das heute morgen schon wieder, gleich nachdem die Kinder im Kindergarten verschwunden waren und ich nach Ferien, Krankheitsphase und Erziehermangel in der Kita den Impuls hatte, ich müsse schnell-schnell an den Schreibtisch. Ja keine Sekunde verlieren. All das aufarbeiten, was liegen geblieben ist. Viel zu viel natürlich. Ich war seit 6:20 Uhr wach und es war 8:30 Uhr. Ich hatte in diesen zwei Stunden noch nicht einen Schluck Wasser getrunken. Ich hielt also inne und meine innere Stimme rief mir zu: Nein! Stopp! Jetzt holst du dir ein Glas Wasser!

Manchmal, wenn alles um mich herum am Durchdrehen ist, inklusive ich selber, denke ich: Mach dir erst einmal einen Tee. Das hat mir meine Co-Autorin und Leistungssportlerin Katharina Bauer beigebracht. Wenn wir uns nachmittags zum Telefonieren verabredet hatten, während wir an unserem Manuskript arbeiteten, sagte sie: „So, ich habe mir jetzt noch einen Tee gemacht.“

Richtig so. Das ist Achtsamkeit. Nicht erst was trinken, wenn der Körper schon in den Seilen hängt. Ein simples Beispiel. Ich könnte tausend andere Beispiele geben. Ich mag den Begriff Selfcare so gar nicht, weil ich in den vergangenen Jahren so oft das Gefühl hatte, dass vor lauter Selfcare sich niemand mehr einen Dreck um andere schert. Ich vermute, es liegt daran, dass es den meisten Menschen heute zu gut geht – deswegen meckern ja auch alle so viel. Trotzdem musst du auf dich gut acht geben. Das ist etwas, was – ich wage hier eine blöde Behauptung aufzustellen – besonders Frauen etwas schwer fällt. 

In den letzten Wochen war ich krank, kam nicht auf die Füße, weil ich zu wenig geschlafen hatte und keine Zeit für Ruhe gefunden habe. Achtsamkeit fiel mir schwer. Ganz kleine Pausen habe ich mir mit Olympia versüßt oder versauert – wie man es nimmt. Ich beobachte das, was bei Olympischen Spielen und in der Sportwelt geschieht schon lange – auch während meiner Zeit als Sportjournalistin – gelassen und mit nicht allzu viel Euphorie. Die vergangenen zwei Wochen haben viele wichtige Themen auf den Tisch gebracht: Tierschutz – ich sage nur Moderner Fünfkampf, Rassismus, Depression, Missbrauch und Müdigkeit, das Recht auf Meinungsfreiheit, Korruption. Im Zusammenhang mit Sport werden solche Themen ungern gesehen. Ganz zu schweigen von dem Thema: Unerlaubte Leistungssteigerung. Was das betrifft, appelliere ich gerne an die „(W)ach(t)samkeit“. Versuche wachsam zu bleiben. Mein Motto: Man darf hinschauen, muss aber nicht alles glauben, was man sieht. Neben der alltäglichen Berichterstattung im Fernsehen lese ich daher auch den Blog des mehrfach preisgekrönten Journalisten Jens Weinreich

Da kann ich mich, obwohl er sich den unschönen Geschichten des Sports widmet, häufig köstlich amüsieren. Ebenso empfehle ich diesen Film von Eike Schulz.

Also, bleib wachsam.

Aparigraha und Weihnachten

Ich gebe es gleich zu, ich liebe Weihnachten. Ich freue mich auch jedes Jahr auf die Adventszeit. Die Magie, die von Weihnachten und den letzten Wochen des Jahres ausging als ich ein Kind war, ist nicht verlorengegangen. Seit ich Mama bin hat Weihnachten wieder einen ganz besonderen Zauber. Ich mochte die Adventszeit mit ihren Lichtern, ihrer Gemütlichkeit, die dem Winter etwas Besonderes gab, dazu führte, das Jahreszeiten ihren Reiz hatten, schon als Kind. Der Winter war irgendwie schön, und Weihnachten machte ihn besonders. Es gibt diese eiskalten Wintertage, wenn der Duft von Kaminfeuer in der Luft liegt – noch heute riecht das für mich wie Weihnachten – auch wenn Weihnachten in den letzten Jahren eher 13 Grad und Regen bedeutete … 

Natürlich ging es als Kind vor allem um den Zauber der Geschenke, die Überraschungen. Was würde wohl unterm Baum liegen? Ich weiß, dass es manchmal enttäuschte Gesichter gab und dass an Weihnachten auch immer Erwartungen geknüpft waren. Als wir nach und nach alle erwachsen wurden, wurden die Geschenke weniger wichtig, stattdessen wuchs die Bedeutung des Zusammenseins. Weihnachten bedeutete, dass wir uns alle im Haus meiner Eltern trafen und Zeit füreinander hatten, nicht nur zusammen zu Abend aßen sondern auch nach dem Ausschlafen gemeinsam frühstückten. Weihnachten bedeutete Rumlungern ohne Reue. Spazieren zu gehen. Es sich gemütlich zu machen. Mittlerweile feiern wir nur noch alle zwei Jahre bei meinen Eltern. Die Jahre dazwischen in Dänemark, bei der Familie meines Mannes. Dort gibt es schon länger die Regel: Geschenke sind eigentlich für die Kinder. So gibt es also nur alle zwei Jahre Geschenke. Was soll ich sagen, dieses Jahr wären eigentlich Geschenke dran – nun ist das mit dem Reisen ja etwas schwierig zurzeit. Fakt ist: Ich habe noch nicht entschieden, wie unser Weihnachten 2020 ablaufen soll. 

In meiner Familie ist es eine Tradition vor Weihnachten Wunschzettel zu schreiben. Nicht nur die Kinder. Mittlerweile ist das zum Teil richtig anstrengend geworden, die Wunschzettel sind ein großes Thema, an Weihnachten werden sie genau durchdiskutiert, manchmal sogar bewertet und es ist schon wichtig, dass man sich beim Erstellen auch Mühe gibt; zum Teil werden sie mit InDesign erstellt. Danach schön ’ne PDF gemacht. In Wahrheit ist es nicht wichtig, dass am Ende auch wirklich etwas unterm Baum liegt, das auf dem Wunschzettel stand. Es geht vielmehr darum, es den anderen nicht so schwer zu machen; ihnen eine Idee zu geben, worüber man sich freuen würde. Als Erwachsene habe ich gelernt, Erwartungen loszulassen und die Geschenke sind wirklich – ich schwör’! – nicht mehr wichtig für mich. Trotzdem finde ich, dürfen wir uns auch als Yogis über Geschenke freuen. Für mich stehen Aparigraha (Bescheidenheit), eines der fünf Yamas, der ethischen Regeln, die sich auf unser soziales Leben und unseren Umgang mit der Umwelt beziehen, und das Annehmen von Geschenken nicht im Gegensatz zueinander. Aparigraha soll uns lehren, dass überflüssiger Besitz wahnsinnig machen kann. Horten ist, wie wir ja alle im Zuge der Covid-19-Pandemie erfahren und zum Teil vielleicht sogar gespürt haben, ziemlich egoistisch. Bei diesem Prinzip geht es darum, loslassen zu können, überflüssigen Konsum zu vermeiden, aber auch Menschen und Situationen freilassen zu können. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass wir uns auch als Yogis über materielle Dinge freuen dürfen. Die Frage ist, in welchem Maß uns diese Dinge wichtig sind. Glauben wir, Frieden in ihnen zu finden?  Dann werden wir den Frieden vermutlich lange suchen. Ich kann mich sehr wohl über ein schönes Geschenk freuen, ich weiß aber, dass dieses Geschenk mich nicht wirklich glücklicher machen wird. Wenn wir etwas Materielles unbedingt wollen, sollten wir vielleicht hinterfragen, warum wir es unbedingt wollen. Materielle Dinge machen uns als Menschen nicht wertvoller, sie können Freude machen. 

Geschenke, die mit Liebe ausgesucht wurden, anzunehmen, ist etwas Schönes. Genauso schön finde ich es, andere zu beschenken! Ist das mittlerweile nicht fast schöner als selbst Geschenke auszupacken? Das Einpacken vor Heilig’ Abend macht doch mehr Spaß als das Auspacken. Weil man sich so schön ausmalen kann, wie man jemand anderem eine Freude bereitet. Trotzdem renne ich nicht durch den Advent wie eine Irre, um Geschenke zu besorgen. Schon gar nicht in diesem Jahr. Advent heißt Ankunft. Ich will sie nicht verpassen. Ich will nicht an Weihnachten denken, dass die Adventszeit an mir vorbeigerauscht ist, weil ich ständig das Gefühl hatte noch dringend irgendetwas erledigen zu müssen. Gestern war Black Friday,  diese amerikanische Erfindung am Tag nach Thanksgiving. Ich habe gar nichts bestellt. Ich brauchte nichts. Nicht einem Rabatt hinterherjagen, der in Wirklichkeit gar keiner ist, weil ich ohne Black Friday vielleicht gar nicht den Gedanken gehabt hätte, etwas zu kaufen …

Ich bin in meinem Konsumverhalten entspannt geworden. Ich versuche, nachhaltig zu sein. Das gelingt mir nicht immer, vor allem nicht bei den Geschenken für die Kinder. Viel zu viel Plastik. Dafür aber bei Kleidung. Meine Jeans (und mittlerweile viele anderen Sachen auch) kaufe ich meistens gebraucht, weil ich weiß, wie unfassbar umweltbelastend die Herstellung ist. Ich schaue schon mal nach, wie Unternehmen wirtschaften, wie sie Waren herstellen, wie sie mit dem Geld, das ich ihnen überweise, umgehen, bevor ich was bestelle. Ich definiere mich nicht über mein Auto. Vor allem aber:  Ich bin auch nicht neidisch auf diejenigen, die ein besonders teures fahren. Für mich bedeutet Aparigraha in erster Linie ohne Neid und Gier zu leben. Aparigraha heißt für mich, dass wir uns nicht kaufen lassen dürfen – und natürlich auch andere mit unseren Geschenken nicht kaufen sollen. Es gibt ja auch noch einen großen Unterschied zwischen Gier und der reinen Lust und Freude auf etwas.  Ich hoffe, du genießt es dieses Jahr, beschenkt zu werden und vor allem, andere zu beschenken. Und falls du dir über Aparigraha Gedanken gemacht haben solltest, relax! Das Jahr war anstrengend genug. Wir haben es verdient, zu genießen. Hab einen schönen ersten Advent!