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Aparigraha und Weihnachten

Ich gebe es gleich zu, ich liebe Weihnachten. Ich freue mich auch jedes Jahr auf die Adventszeit. Die Magie, die von Weihnachten und den letzten Wochen des Jahres ausging als ich ein Kind war, ist nicht verlorengegangen. Seit ich Mama bin hat Weihnachten wieder einen ganz besonderen Zauber. Ich mochte die Adventszeit mit ihren Lichtern, ihrer Gemütlichkeit, die dem Winter etwas Besonderes gab, dazu führte, das Jahreszeiten ihren Reiz hatten, schon als Kind. Der Winter war irgendwie schön, und Weihnachten machte ihn besonders. Es gibt diese eiskalten Wintertage, wenn der Duft von Kaminfeuer in der Luft liegt – noch heute riecht das für mich wie Weihnachten – auch wenn Weihnachten in den letzten Jahren eher 13 Grad und Regen bedeutete … 

Natürlich ging es als Kind vor allem um den Zauber der Geschenke, die Überraschungen. Was würde wohl unterm Baum liegen? Ich weiß, dass es manchmal enttäuschte Gesichter gab und dass an Weihnachten auch immer Erwartungen geknüpft waren. Als wir nach und nach alle erwachsen wurden, wurden die Geschenke weniger wichtig, stattdessen wuchs die Bedeutung des Zusammenseins. Weihnachten bedeutete, dass wir uns alle im Haus meiner Eltern trafen und Zeit füreinander hatten, nicht nur zusammen zu Abend aßen sondern auch nach dem Ausschlafen gemeinsam frühstückten. Weihnachten bedeutete Rumlungern ohne Reue. Spazieren zu gehen. Es sich gemütlich zu machen. Mittlerweile feiern wir nur noch alle zwei Jahre bei meinen Eltern. Die Jahre dazwischen in Dänemark, bei der Familie meines Mannes. Dort gibt es schon länger die Regel: Geschenke sind eigentlich für die Kinder. So gibt es also nur alle zwei Jahre Geschenke. Was soll ich sagen, dieses Jahr wären eigentlich Geschenke dran – nun ist das mit dem Reisen ja etwas schwierig zurzeit. Fakt ist: Ich habe noch nicht entschieden, wie unser Weihnachten 2020 ablaufen soll. 

In meiner Familie ist es eine Tradition vor Weihnachten Wunschzettel zu schreiben. Nicht nur die Kinder. Mittlerweile ist das zum Teil richtig anstrengend geworden, die Wunschzettel sind ein großes Thema, an Weihnachten werden sie genau durchdiskutiert, manchmal sogar bewertet und es ist schon wichtig, dass man sich beim Erstellen auch Mühe gibt; zum Teil werden sie mit InDesign erstellt. Danach schön ’ne PDF gemacht. In Wahrheit ist es nicht wichtig, dass am Ende auch wirklich etwas unterm Baum liegt, das auf dem Wunschzettel stand. Es geht vielmehr darum, es den anderen nicht so schwer zu machen; ihnen eine Idee zu geben, worüber man sich freuen würde. Als Erwachsene habe ich gelernt, Erwartungen loszulassen und die Geschenke sind wirklich – ich schwör’! – nicht mehr wichtig für mich. Trotzdem finde ich, dürfen wir uns auch als Yogis über Geschenke freuen. Für mich stehen Aparigraha (Bescheidenheit), eines der fünf Yamas, der ethischen Regeln, die sich auf unser soziales Leben und unseren Umgang mit der Umwelt beziehen, und das Annehmen von Geschenken nicht im Gegensatz zueinander. Aparigraha soll uns lehren, dass überflüssiger Besitz wahnsinnig machen kann. Horten ist, wie wir ja alle im Zuge der Covid-19-Pandemie erfahren und zum Teil vielleicht sogar gespürt haben, ziemlich egoistisch. Bei diesem Prinzip geht es darum, loslassen zu können, überflüssigen Konsum zu vermeiden, aber auch Menschen und Situationen freilassen zu können. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass wir uns auch als Yogis über materielle Dinge freuen dürfen. Die Frage ist, in welchem Maß uns diese Dinge wichtig sind. Glauben wir, Frieden in ihnen zu finden?  Dann werden wir den Frieden vermutlich lange suchen. Ich kann mich sehr wohl über ein schönes Geschenk freuen, ich weiß aber, dass dieses Geschenk mich nicht wirklich glücklicher machen wird. Wenn wir etwas Materielles unbedingt wollen, sollten wir vielleicht hinterfragen, warum wir es unbedingt wollen. Materielle Dinge machen uns als Menschen nicht wertvoller, sie können Freude machen. 

Geschenke, die mit Liebe ausgesucht wurden, anzunehmen, ist etwas Schönes. Genauso schön finde ich es, andere zu beschenken! Ist das mittlerweile nicht fast schöner als selbst Geschenke auszupacken? Das Einpacken vor Heilig’ Abend macht doch mehr Spaß als das Auspacken. Weil man sich so schön ausmalen kann, wie man jemand anderem eine Freude bereitet. Trotzdem renne ich nicht durch den Advent wie eine Irre, um Geschenke zu besorgen. Schon gar nicht in diesem Jahr. Advent heißt Ankunft. Ich will sie nicht verpassen. Ich will nicht an Weihnachten denken, dass die Adventszeit an mir vorbeigerauscht ist, weil ich ständig das Gefühl hatte noch dringend irgendetwas erledigen zu müssen. Gestern war Black Friday,  diese amerikanische Erfindung am Tag nach Thanksgiving. Ich habe gar nichts bestellt. Ich brauchte nichts. Nicht einem Rabatt hinterherjagen, der in Wirklichkeit gar keiner ist, weil ich ohne Black Friday vielleicht gar nicht den Gedanken gehabt hätte, etwas zu kaufen …

Ich bin in meinem Konsumverhalten entspannt geworden. Ich versuche, nachhaltig zu sein. Das gelingt mir nicht immer, vor allem nicht bei den Geschenken für die Kinder. Viel zu viel Plastik. Dafür aber bei Kleidung. Meine Jeans (und mittlerweile viele anderen Sachen auch) kaufe ich meistens gebraucht, weil ich weiß, wie unfassbar umweltbelastend die Herstellung ist. Ich schaue schon mal nach, wie Unternehmen wirtschaften, wie sie Waren herstellen, wie sie mit dem Geld, das ich ihnen überweise, umgehen, bevor ich was bestelle. Ich definiere mich nicht über mein Auto. Vor allem aber:  Ich bin auch nicht neidisch auf diejenigen, die ein besonders teures fahren. Für mich bedeutet Aparigraha in erster Linie ohne Neid und Gier zu leben. Aparigraha heißt für mich, dass wir uns nicht kaufen lassen dürfen – und natürlich auch andere mit unseren Geschenken nicht kaufen sollen. Es gibt ja auch noch einen großen Unterschied zwischen Gier und der reinen Lust und Freude auf etwas.  Ich hoffe, du genießt es dieses Jahr, beschenkt zu werden und vor allem, andere zu beschenken. Und falls du dir über Aparigraha Gedanken gemacht haben solltest, relax! Das Jahr war anstrengend genug. Wir haben es verdient, zu genießen. Hab einen schönen ersten Advent!