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Lauschangriff und Lesestoff vom 26. März 2021

Als es am Montagmorgen still in der Wohnung geworden war, dachte ich an den Frühling und daran, dass ein nächster Lockdown nur leichter werden könne … Weil ich ihn einfach zum größten Teil im Garten und draussen verbringen würde. Ich höre jedenfalls schon die Vögel singen. Das rettete mich über den Tag. Und ich fragte mich, ob ich so wie jetzt, während dieser Pandemie, in Krisenzeiten immer handeln würde? Ob der Mensch immer versucht, sein Leben möglichst normal weiterzuführen? Wie ist das, wenn man in einem Kriegsgebiet lebt, fragte ich mich. Bringt man auch dann die Kinder jeden Morgen zur Kita und in die Schule und die Hunde raus? Freut man sich über die Entwicklungsschritte des Babys, fährt man zur Arbeit, macht man einfach weiter? Wahrscheinlich schon. Ich weiß es nicht. Das besonders Verrückte an dieser Pandemie ist ja, dass wir nicht wissen, was danach ist. Bleibt das Leben „anders“? Ich finde gar nicht, dass es darum geht über richtig und falsch zu diskutieren, über zu wenig Impfstoff oder gar keine Impfung, über unsinnige, vernünftige oder nicht faire Beschlüsse der Regierung. Ich glaube, es geht darum, zu überlegen, was wir alle anders machen können, damit es überhaupt nicht mehr so weit kommt. „Man kann nicht alles haben“, ist ein blöder Spruch aber ich finde ihn je mehr ich darüber nachdenke, ziemlich gut. Irgendwann haben Menschen angefangen, zu glauben, sie könnten eben doch alles haben. Aber das stimmt nicht. Hier liegt das Problem. Irgendwas und somit auch wer bleibt immer auf der Strecke. Und so gilt es, für sich selbst festzulegen, was wirklich wichtig ist …

Auf der Internetseite https://www.zukunftsinstitut.de beschreiben Forscher vier mögliche verschiedene Szenarien, wie ein Leben nach der Pandemie aussehen könnte. Es ist interessant zu lesen und sich dann vielleicht ein Wunschszenario auszusuchen oder auch selbst auszumalen …

Pandemüde oder schlapp?

Das Süddeutsche Magazin hat ein Thema aufgegriffen, auf das ich vor zwei Wochen bereits hier in meiner Lauschangriff-und Lesestoff-Serie hingewiesen hatte. Da ging es um den Podcast mit Dr. Anne Fleck. Nun erzählt sie auch im Süddeutsche Magazin, ab wann wir bei Müdigkeit die Notbremse ziehen müssen. Sie sagt beispielsweise: „Wer sich pausenlos durch den Tag snackt, kommt nie in den wichtigen Prozess der Autophagie, in der der Körper Zellschrott recycelt. Wer dauernd isst, fordert Leber und Magen-Darm-Trakt zur ständigen Arbeit heraus. Der Körper kriegt keine Ruhe, es fehlt die Zeit der Regeneration.“ Das gilt übrigens auch für Kinder …

Unter Männern …

Dieser Podcast beinhaltet ein interessantes Gespräch unter Männern: Veit Lindau und Bestseller-Autor und Coach Lars Amend sprechen eineinhalb Stunden lang sehr offen und ehrlich über die Liebe, über Männer und darüber, wie die Liebe bleibt (vor allem was Veit Lindau dazu zu sagen hat, ist schön: Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber Liebe ist, wenn man das ehrliche Interesse daran nicht verliert, zu erfahren, warum die Meinung des anderen so ist, wie sie ist …) Lars Atmend stellt darüberhinaus die interessante Frage (ungefähr ab Minute 50), wie Männer in der heutigen Zeit eigentlich ihre männliche Energie beibehalten können, „ohne dass es gegen die Frau geht“. Ein aufschlussreiches Gespräch – bestimmt nicht nur für Männer. 

Auch dieses Gespräch ist eins unter Männern. Es geht um Rassismus. Die ehemaligen Nationalspieler Erwin Kostedde und Gerald Asamoah im Interview mit dem Zeit Magazin. Wichtig und berührend.

Exklusiv-Zeit

Jetzt kommt ein Bericht über zwei Mädels. Was Katja Kröger in ihrem aktuellen Artikel auf wasfürmich schreibt, kann ich gut nachvollziehen und diese Exklusiv-Zeit mit Mama ist für die Kinder wahnsinnig wichtig. Für meine Fünfjährige gibt es Exklusiv-Zeit in Nicht-Lockdown-Zeiten jeden Montag Mittag ab viertel nach eins. Da habe ich keine Termine, das Date mit ihr ist fest im Kalender eingetragen. Es tut ihr so gut. Und mir auch. Kürzlich war das Wetter mal besonders schlecht und wir haben einfach zusammen einen Film geschaut. Ich schaue kaum fern. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, dachte, das sei pädagogisch bestimmt jetzt totaler Mist – es war wunderbar. 

Wichtig aber nicht systemrelevant

Das hier ist nicht neu, sondern aus dem Februar, aber ich wollte es als kleine Erinnerung noch einmal hier erwähnen. Mir ist schon öfter aufgefallen, dass manche Leute sich von dem Begriff „systemrelevant“ triggern lassen. Dabei heißt „nicht systemrelevant“ überhaupt nicht, dass der Job nicht wichtig oder gut ist. Kristin Rübesamen erklärt das sehr schön.

Ist Yoga systemrelevant? Nein, ist es nicht. Wir Yogalehrer können niemanden retten, bei dem die Lunge versagt.

Kristin Rübesamen, YogaEasy

Darum geht es bei diesem Begriff. Um nichts anderes. Und damit weiterhin Menschen gerettet werden können – übrigens nicht nur die, bei denen die Lunge versagt, sondern alle, die in ein Krankenhaus müssen, dort liegen oder Gefahr laufen, dort zu landen, sind auch beispielsweise Erzieher/innen systemrelavent, denn die Kinder der Menschen, die in der Gesundheitsbranche arbeiten, müssen schliesslich betreut werden. Dann brauchen wir auch noch was zu essen, sonst läuft gar nichts. Punkt. Das ist es eigentlich. Ziemlich simpel. Das heißt aber nicht, dass deine Arbeit oder du nicht wichtig (b)ist. 

Quinoa-Eier?!?

Und jetzt kommt das, worauf ich mich schon freue, wenn die Osterfeiertage, neudeutsch: Ruhetage, äh oder jetzt doch nicht, eintreten. Danke Lynn, das Rezept kommt wie gerufen und ist endlich mal was anderes als all die Rezepte über vegane Osterideen, die es sonst so gibt. Ich habe gepoppten Buchweizen zuhause, klappt damit bestimmt auch. 

https://de.heavenlynnhealthy.com/knusprige-ostereier-mit-quinoa/

In den nächsten Tagen werde ich viel aufschreiben, Yoga üben, Gewichte stemmen (weil mir das gerade so gut tut) und Over Night Oats vorbeireiten. Und das Rezept dazu verlinke ich dann nächste Woche.

„Gesegnet sind die Unbeweglichen“

Richard Freeman, der Ashtanga-Yogalehrer des Westens, prägte diesen Satz: „Blessed are the tight people“, sagte er. Ich zitiere das gerne. Ich kenne so viele, die glauben, sie wären zu unbeweglich, um mit Yoga zu beginnen. Ich habe das schon öfter gehört: „Eigentlich sollte ich Yoga mal probieren. Aber …“ Komischerweise ist das beim Joggen ganz anders. Die wenigstens Menschen, die joggen, sind besonders schnelle Läufer. Niemand käme auf den Gedanken, nur weil er nicht schnell ist, erst gar nicht mit dem Laufen anzufangen. Dabei ist Joggen definitiv nicht der richtige Sport für jeden … Und wer schlapp ist, macht zwar auch (häufig) leider kein Krafttraining, weiß aber sehr wohl, dass es Sinn machen würde, damit zu beginnen. Das medial gezeichnete Bild von Yoga gibt uns aber leider vor, gelenkig sein zu müssen, um überhaupt damit anfangen zu können. Schwachsinn. Stattdessen sollten eher überbewegliche Menschen bei Dehnübungen vorsichtig sein.

Ungelenkig zu sein ist der beste Grund, mit Yoga anzufangen. Aber erst mal gibt es vielleicht etwas zu klären: Gelenkigkeit und Dehnbarkeit sind zwei unterschiedliche Begriffe. Gelenkigkeit ist die Fähigkeit, eines Knochensegments zur Ausführung des weitestmöglichen Bewegungsauschlags durch das dazugehörige Gelenk. Die Dehnbarkeit hingegen ist die Fähigkeit eines Muskels, seine optimale Länge zu erreichen, um den größtmöglichen Bewegungsausschlag auszuführen, und somit sein Kraftpotenzial voll zu nutzen. Aus beiden zusammen, Dehnbarkeit und Gelenkigkeit, ergibt sich unsere Beweglichkeit. Die Dehnbarkeit lässt sich dabei am einfachsten trainieren. Und das ist auch der Grund, weshalb fast jeder den Spagat lernen könnte. Deswegen erfreuen sich Deep Stretching Kurse gerade so großer Beliebtheit (aber: Yoga ist eben mehr als Deep Stretching 😉 ).

Es ist wichtig, unsere Beweglichkeit zu trainieren, da sie gerade mit zunehmendem Alter abnimmt. Wie wertvoll es ist, sich uneingeschränkt bücken, strecken, den Oberkörper drehen zu können, das merken wir meistens erst dann, wenn es schon zu spät ist … Sich die Fußnägel selbst schneiden zu können, rückwärts einparken – auch dabei ist Beweglichkeit von Nutzen. Beweglich zu sein bedeutet, dass wir unsere Gelenke mit größtmöglichem Radius mühelos und schmerzfrei bewegen können. Mit der Abnahme unserer Beweglichkeit steigt das Risiko, sich zu verletzen. Unsere Körperhaltung wird schlechter, unsere Wirbelsäule lässt sich nicht mehr so gut aufrichten, wir bewegen uns unsicherer …

Wer regelmäßig Dehnübung durchführt, wirkt diesem Prozess entgegen. Die Asanas haben in unserer westlichen Welt mit gutem Grund das Ziel erhalten, unsere Beweglichkeit, die Ausrichtung des Körpers und unsere Balance, also unser Gleichgewicht, zu verbessern. ´Sie dehnen und lockern die Muskulatur. Gleichzeitig stärken sie aber auch immer den Gegenspieler des Muskels, der gerade gedehnt wird. Yoga macht uns also nicht nur beweglicher, sondern auch stärker, ausdauernder. Wir lernen, uns besser konzentrieren zu können und wir lernen, zu entspannen. Auch das hängt ja letztlich mit unserer Muskulatur zusammen.

Warum übrigens auch Kraftsportler Dehnübungen machen sollten, erklärt hier in diesem Video Prof. Dr. Stephan Geisler, den ich selbst noch aus meiner Zeit an der Deutschen Sporthochschule in Köln kenne, sehr gut. Und dessen kleine Videosequenzen ich generell empfehlen kann, wenn du dir bei Fragen, die das Thema Training betreffen, mal gerade unsicher bist.

10 Gründe, warum Männer Yoga üben sollten …

Hier kommen 10 gute Gründe, warum Männer Yoga üben sollten.

Wer hat’s erfunden?

  1. Männer haben Yoga erfunden. Das sollten sich die Männer, die Yoga beängstigend finden, einmal durch den Kopf gehen lassen. Es ist also etwas skurril, dass der Großteil der Menschen, die im Westen Yoga praktizieren, tatsächlich weiblich ist. Es hat ziemlich lange gedauert, bis Frauen überhaupt Yoga unterrichten durften. Demnach war Yoga sozusagen einmal Männersache. So stellt sich die Frage, weshalb es heute nur noch Frauensache sein sollte …?

    Harte Hunde
  2. Es gibt Männer, die glauben, Yoga sei für Weicheier. Das Gegenteil ist vermutlich der Fall, aber darum geht es hier gar nicht. Männer wie Keith Mitchell und Derrick Townsel haben bewiesen, dass Yoga für harte Hunde ideal ist. Beide waren einst Profis der amerikanischen Footballiga NFL. In einem Interview mit dem Yogaportal mindbodygreen.com wurde Keith Mitchell, heute ein bekannter Yogalehrer, einmal gefragt, ob er ein aggressiver Footballspieler war. „Ist das jetzt ein Witz?“, konnte Mitchell darauf nur antworten. Schließlich weiß eigentlich jeder, der ein bisschen was von Sport versteht, dass American Football gar nicht anders möglich ist. 
  3. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat einen eigenen Yogalehrer. Der fährt sogar zu den großen Turnieren mit und das hat mittlerweile auch fast jeder Fußballfan mitbekommen. Jeder Yogapraktizierende auf jeden Fall – denn an dem Namen Patrick Broome geht in Deutschlands Yogaszene kein Weg vorbei. Broome begleitet die Nationalmannschaft seit vielen Jahren und war auch dabei, als die Mannschaft den WM-Titel gewann. In vielen anderen Sportarten ist Yoga als Trainingsergänzung nicht mehr wegzudenken. Basketball-Star Dirk Nowitzki soll bis zu fünf Mal die Woche auf der Yogamatte stehen, der mehrmalige Fecht-Europameister und zweimalige Olympiateilnehmer Max Hartung ist bekennender Yogaübender. Das sind nur einige Beispiele.

    Der beste Grund: weil’s guttut
  4. Broome kennt natürlich auch viele gute Gründe, weshalb Männer Yoga üben sollten. Der beste: „Es ist so gut für euch, Männer! “, sagt er im Interview mit Wanda Badwal für deren Podcast Wandaful Yoga – Yoga beyond the asana. „Ich kenne niemandem, dem es nicht gut tut.“

  5. Sogar in der machobeladenen Fußball-Medienlandschaft Großbritanniens bekennt sich ein berühmter Fußballer als Yogafanatiker. Ryan Giggs behauptet sogar, dass er bis ins Alter von 40 Jahren Profifußballer sein konnte, habe er Yoga zu verdanken. Der Waliser gewann mit Manchester United insgesamt 36 Titel, darunter 13 englische Meisterschaften und zwei Mal die Champions League. „Wenn ich eine Yoga-Sitzung am Tag nach einem Spiel habe, bin ich bei weitem nicht so steif und bin viel schneller wieder im Training bereit Vollgas zu geben“, sagte er einmal gegenüber The Telegraph. Gerade wird ihm allerdings Körperverletzung gegenüber seiner Exfreundin vorgeworfen. Giggs bestreitet das. Wenn es stimmt, hat er seine Yoga-Hausaufgaben wohl nicht ganz so gut gemacht, wie angenommen …

    Gesegnet sind die Unbeweglichen …

    6. Man muss nicht beweglich sein, um Yoga zu üben. Allerdings ist Unbeweglichkeit einer der besten Gründe, um mit Yoga anzufangen. 

    7. Dehnen hält fit, weil es die Muskulatur geschmeidig hält und das zu weniger Schmerzen führt und auch Verletzungen vorbeugt.

    8. Die meisten Männer betreiben Sportarten, die nicht für Symmetrie im Körper ausgelegt sind. Es gibt meistens eine stärkere Körperseite und eine schwächere. Yoga gleicht das Ungleichgewicht in unserem Körper (das wir im Übrigen alle haben) wieder aus. Auch das beugt Verletzungen vor. 

    Macht es männerfreundlich
    9. Michael James Wong ist ein großartiger Yogalehrer, Speaker und Initiator der Bewegung „Just breathe“, die in Großbritannien bereits Tausende von Menschen zu Massenmeditationen an ziemlich coolen Orten gebracht hat. Er ist auch der Mitbegründer von „Boys of Yoga“, einer coolen Jungs-Gang, die sich dafür einsetzt, dass Yoga Männern zugänglicher gemacht wird. Es sei kein Wunder, dass Männer Yoga irritierend fänden, wenn die Medienlandschaft im Zusammenhang mit der philosophischen Lehre nur schlanke Frauenkörper und grüne Smoothies abbilde. Er sagt: „Yoga beruhigt, macht deinen Körper frei und gibt dir die Möglichkeit, deinem Leben eine Perspektive zu geben.“ Damit meint er, Yoga schafft Platz in deinem Leben, wodurch du herausfinden kannst, was dir am meisten dient.

    10. Von Männern wird heute so viel erwartet. Gefühlsausbrüche sind tabu, sie sollen tolle Väter und Partner aber auch erfolgreich im Job sein und den Haushalt schmeissen. Eigentlich genau wie Frauen eben 😉 Männer sollen aber vor allem immer der Beste sein. Beim Yoga können Männer mal flüchten, hier gibt es keinen Wettkampf. Und viele von ihnen werden überrascht sein, wie praktisch starke Muskeln beim Yoga sind und wie schwer daher viele Yogahaltungen für manche Frauen sind.

Lauschangriff und Lesestoff vom 29.1.2021

Der erste Monat des neuen Jahres ist nun also schon so gut wie um. Für mich war diese letzte Januar-Woche etwas wild, ich hatte viele Aufträge – worüber ich wahnsinnig dankbar bin –, einen neuen Online-Yogakurs in einem Fitnessstudio, jede Menge private Herausforderungen in der Familie (Lockdown lässt grüßen, wer hat sie gerade nicht?) und auch noch eine neue Yogalehrer-Ausbildung begonnen. Darum habe ich meine so heiß geliebte Themen-Recherche einfach mal hinten anstellen müssen. Ich kam kaum dazu zu lesen, Podcasts waren weit weg von dem, was möglich war. Dabei gäbe es gerade ja wahnsinnig viele wichtige Themen zu diskutieren. Vielleicht fehlte mir diese Woche einfach mal die Kraft. Außerdem habe ich zu Beginn der Woche gleich einen Text gelesen, bei dem ich dachte: „Ach komm, das hier kann gleich für die ganze Woche an Leseinspiration reichen.“ 

Self-Care nervt

Ich habe in den vergangenen Monaten schon einige Texte von Teresa Bücker gelesen; sie schreibt unter anderem für das Süddeutsche Magazin, das ich ja schon einige Male hier auch erwähnt habe. Mir ist bewusst, dass es Texte sind, die bezahlt werden müssen. Heute aber kommt eine Empfehlung für Teresa Bückers Texte, die kostenfrei sind. Dieser eine Text  – übrigens eine Leseempfehlung auf die ich über das Instagram-Profil von Rebecca Randak, der Gründerin von Fuck Lucky Go Happy, aufmerksam wurde – war ein wundervoller Lichtblick meiner Woche. Ich weiß, es gibt gerade jede Menge spannende und wichtige Themen in der Welt, aber das hier war wirklich gut für mein Herz. Dabei erschien er schon am Samstag. Er ist so klug und so wundervoll und ich brauchte Zeit, mir all die Worte noch mal durch den Kopf gehen zu lassen. Vieles sprach mir so aus der Seele, weil mir das Thema Self-care, das gerade in der Yogaszene ja immer wieder und wieder propagiert wird, manchmal auf den Keks geht. Auch schon vor Corona. Weil ich während meiner ersten Schwangerschaft nämlich noch bemerkte, wie viele Menschen in der Bahn für mich aufstanden und in der zweiten, nur drei Jahre später, sich niemand mehr von seinem Allerwertesten erhob für eine Schwangere. Was nicht so schlimm war, jedenfalls in meinem Fall nicht. Es ist mir einfach aufgefallen. Vermutlich hatten die in diesen drei Jahren alle zu viel über Self-care nachgedacht. Ich habe schon tausend Mal gesehen, wie Menschen, die Hilfe viel dringender nötig gehabt hätten, als eine relativ fitte Schwangere, nicht geholfen wurde. Community Care – das brauchen wir viel dringender als Selfcare, schreibt Teresa Bücker und das ist gerade jetzt so wahnsinnig wichtig und richtig. Bücker schreibt: „Wenn man sich darauf besinnt, was Kinder gerade brauchen, wird plötzlich klar, was für ein hohles Konzept Self-care mittlerweile geworden ist. Denn Kinder brauchen kein Self-Care, Kinder brauchen andere, die sich um sie kümmern (…)“ Ich habe mich im ersten Lockdown sehr gewundert, als plötzlich vor allem die Wohlstands-Eltern aufschrieen, weil die Kitas zu waren. Ich erinnere mich an eine Diskussion, die ich mit einem Fernseh-Journalisten auf Facebook führte, der am ersten Tag vor dem Lockdown schrieb: „Gerade für Eltern von kleinen Kindern wird das richtig richtig ätzend.“ Ich bin innerlich ausgerastet, weil ich zu diesem Zeitpunkt vieles ätzend an Corona finden konnte aber nicht unbedingt, dass ich jetzt besonders viel Zeit mit meinen kleinen Kindern verbringen würde. Auch wenn ich darüber nicht jede Minute jubeln kann. „Richtig, richtig ätzend“ – das konnte nur jemand schreiben, der wahnsinnig viel Self-Care für sich in Anspruch nehmen wollte. Aber egal. Wenn auch du die tollen Newsletter von Teresa Bücker abonnieren möchtest, dann kannst du das unter diesem Link.

Gut im Yoga?!

Ganz witzig und auch nicht unwichtig fand ich übrigens den Text von Katharina Goßmann auf yogaeasygermany mit dem Titel: „Ich gestehe, ich bin voll schlecht im Yoga …“

Sie schreibt: „Seit 15 Jahren mache ich Yoga, beeindrucke aber weder mit schwierigen Asanas noch einem ausgeglichenen Gemüt. Funktioniert Yoga nicht?“ Ich musste sehr schmunzeln und finde diesen Text richtig sympathisch. Yoga funktioniert natürlich. Auch bei der Redakteurin von Deutschlands größtem Online-Yogastudio. Warum, erklärt sie natürlich in diesem Text. Ich erzähle meinen Schülern ständig, dass sie nicht nicht gut im Yoga sein können. Aber natürlich glauben mir das auch nicht alle. Deswegen empfehle ich an dieser Stelle auch noch mal diesen Text. 

Schreiben als Therapie

Gestern Abend habe ich noch schnell den neuesten Podcast von Katharina Döricht aka Tasty Katy gehört. Dabei geht es um das Thema Journaling oder wie Katharina Döricht selbst so schön sagt: „Tagebuch schreiben“. Ich habe meinen Blog im Juni 2020 wieder ins Leben gerufen und ich bin ziemlich überzeugt davon, dass Schreiben auch eine Art Psychotherapie ist – ein Mittel mit sich in Kontakt zu kommen, sagt Katharina Döricht. Meine eigene Erfahrung ist, dass es wirklich viel kraftvoller ist, Dinge auf Papier zu bringen als sie einfach nur im Kopf mit sich herumzutragen. Katharina Döricht berichtet auch, was die Wissenschaft zum Thema Journaling sagt und warum wir dabei wundervoll reflektieren, unsere Gedanken ordnen und uns mit uns selbst beschäftigen. Ich habe mich ein bisschen in diese Stimme verliebt und freue mich schon darauf, dass ich in den nächsten Wochen mit dem Hören ihrer vergangenen Podcastfolgen aufholen kann. Da finden sich nämlich jede Menge spannender Themen, die mich wirklich interessieren. 

Und das war es für heute. Punkt. Mehr gibt es nächste Woche. Hoffe ich jedenfalls.

Unser neues Buch

Hier kommt jetzt Werbung in eigener Sache. Und: für eine gute Sache.

Endlich dürfen wir es bekannt geben: Unser neues Buch erscheint am 20. April. Das ist zu spät für Weihnachtsgeschenke aber wir erzählen es trotzdem schon mal. Es heißt „Yoga für ein starkes Herz. Mit den richtigen Übungen, Meditationen und Atemtechniken die Herzgesundheit fördern“ und es ist anders als die beiden ersten Bücher, die ich bereits geschrieben habe. Ich hatte dabei jemanden an meiner Seite. Vielleicht hat alleine das schon dazu geführt, dass sich die Arbeit an diesem Buch besonders (schön) angefühlt hat. Wir haben dieses Projekt von Anfang an etwas scherzhaft „Herzensprojekt“ genannt. Und im Nachhinein festgestellt, dass es das wohl auch war. Und ist. Meine Co-Autorin heißt Katharina Bauer. Sie ist eine deutsche Stabhochspringerin. 

Katharina ist auch die erste Sportlerin auf der Welt, die mit einem implantierten Defibrillator an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen hat. Seit ihrem siebten Lebensjahr weiß sie von ihrer Herzkrankheit; seit dem 17.April 2018 lebt sie mit einem implantierten Defibrillator unter dem linken Latissimus-Muskel – den sie im Übrigen nicht unwesentlich für ihren Hauptberuf braucht (also den Muskel, nicht den Defibrillator!). Katharina Bauer ist es gelungen, ihren Traum trotz ihrer Krankheit weiterzuleben. Sie lebt mit ihrer „Lebensversicherung“ im Körper, wie sie ihren Defi selbst nennt, sogar entspannter als je zuvor. Yoga, Meditation, Coaching, ein unstillbarer Drang nach Selbstoptimierung und Vertrauen in Selbstheilungskräfte haben sie dahin gebracht, wo sie jetzt steht. Ihre Ärzte staunen: Die Extrasystolen ihres Herzens haben sich wie auf wundersame Weise reguliert. Warum Yoga ihr dabei geholfen hat, wie es helfen kann, was Kardiologen sagen und warum es sich lohnt auf den Motor unseres Lebens besonders acht zu geben, darüber schreiben wir in diesem Buch. Wir beschreiben Asanas und Yogasequenzen, geben Tipps für Atemübungen und Meditationen. Dabei haben wir immer auch wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt, Ärzte interviewt, andere Yogalehrer mit ins Boot geholt und Ratschläge von Experten ein- und angenommen. 

Eigentlich wollte Katharina sich in diesem Frühling auf die Olympischen Spiele in Tokyo vorbereiten. Nun – es ist alles etwas anders gekommen. Die Idee das Buch zu schreiben, hatten wir auch schon bevor Corona die Pläne der Leistungssportler für 2020 zunichte gemacht hatte. Doch dann wurde daraus für Katharina nicht nur ein Buchprojekt. Die Arbeit an dem Buch, noch mehr Zeit für Yoga und den eigenen Körper zu haben, bot eine bessere und sinnvolle Struktur in einem kuriosen und haltlosen Jahr 2020. Perspektivlosigkeit ist für Sportler ein enormer Motivationskiller. Das Projekt gab ihr Halt, und sie konnte trotz der Situation mit Spaß weiter trainieren.  Nun befindet sie sich mitten in der Vorbereitung auf hoffentlich stattfindende Wettkämpfe. Und auf ihren größten Traum: die Teilnahme an Olympischen Spielen – obwohl auch jetzt noch niemand voraussagen kann, ob diese überhaupt stattfinden können. Auch hier hilft Yoga Katharina dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren und mit der Tatsache klarzukommen, dass nicht alles in unserer Hand liegen kann. 

Bis unser Buch erscheint, dauert es noch ein bisschen. Du kannst es aber schon vorbestellen. Ich freue mich sehr über das Ergebnis. Für mich war das eine sehr lehrreiche Zeit. Wenn ich mal an irgendetwas gezweifelt habe, hat Katharina mir in unseren abendlich- bis nächtlichen Gesprächen die Zweifel wieder ausgeräumt. Ich habe viel mehr über das Herz gelernt als ich das je in meinem (sehr lang zurückliegenden) Sportstudium hätte lernen können. Ich habe erschrocken festgestellt, wie viele (junge) Menschen an Bluthochdruck leiden. Ich habe wieder mein Vertrauen in Ärzte gefunden und mich deshalb für einen Gesundheitscheck angemeldet 🙂 Ich habe einen Menschen noch mehr ins Herz geschlossen, als vor unserer gemeinsamen Arbeit. Und ich habe noch mehr den Wert von simplem Yoga erfahren. 

Wenn Du mehr über Katharina, eine unheimlich motivierende Persönlichkeit, wissen möchtest, dann höre doch mal in diesen Podcast rein. Einen kurzen Blick auf unser Buch kannst Du hier schon mal werfen.

Aparigraha und Weihnachten

Ich gebe es gleich zu, ich liebe Weihnachten. Ich freue mich auch jedes Jahr auf die Adventszeit. Die Magie, die von Weihnachten und den letzten Wochen des Jahres ausging als ich ein Kind war, ist nicht verlorengegangen. Seit ich Mama bin hat Weihnachten wieder einen ganz besonderen Zauber. Ich mochte die Adventszeit mit ihren Lichtern, ihrer Gemütlichkeit, die dem Winter etwas Besonderes gab, dazu führte, das Jahreszeiten ihren Reiz hatten, schon als Kind. Der Winter war irgendwie schön, und Weihnachten machte ihn besonders. Es gibt diese eiskalten Wintertage, wenn der Duft von Kaminfeuer in der Luft liegt – noch heute riecht das für mich wie Weihnachten – auch wenn Weihnachten in den letzten Jahren eher 13 Grad und Regen bedeutete … 

Natürlich ging es als Kind vor allem um den Zauber der Geschenke, die Überraschungen. Was würde wohl unterm Baum liegen? Ich weiß, dass es manchmal enttäuschte Gesichter gab und dass an Weihnachten auch immer Erwartungen geknüpft waren. Als wir nach und nach alle erwachsen wurden, wurden die Geschenke weniger wichtig, stattdessen wuchs die Bedeutung des Zusammenseins. Weihnachten bedeutete, dass wir uns alle im Haus meiner Eltern trafen und Zeit füreinander hatten, nicht nur zusammen zu Abend aßen sondern auch nach dem Ausschlafen gemeinsam frühstückten. Weihnachten bedeutete Rumlungern ohne Reue. Spazieren zu gehen. Es sich gemütlich zu machen. Mittlerweile feiern wir nur noch alle zwei Jahre bei meinen Eltern. Die Jahre dazwischen in Dänemark, bei der Familie meines Mannes. Dort gibt es schon länger die Regel: Geschenke sind eigentlich für die Kinder. So gibt es also nur alle zwei Jahre Geschenke. Was soll ich sagen, dieses Jahr wären eigentlich Geschenke dran – nun ist das mit dem Reisen ja etwas schwierig zurzeit. Fakt ist: Ich habe noch nicht entschieden, wie unser Weihnachten 2020 ablaufen soll. 

In meiner Familie ist es eine Tradition vor Weihnachten Wunschzettel zu schreiben. Nicht nur die Kinder. Mittlerweile ist das zum Teil richtig anstrengend geworden, die Wunschzettel sind ein großes Thema, an Weihnachten werden sie genau durchdiskutiert, manchmal sogar bewertet und es ist schon wichtig, dass man sich beim Erstellen auch Mühe gibt; zum Teil werden sie mit InDesign erstellt. Danach schön ’ne PDF gemacht. In Wahrheit ist es nicht wichtig, dass am Ende auch wirklich etwas unterm Baum liegt, das auf dem Wunschzettel stand. Es geht vielmehr darum, es den anderen nicht so schwer zu machen; ihnen eine Idee zu geben, worüber man sich freuen würde. Als Erwachsene habe ich gelernt, Erwartungen loszulassen und die Geschenke sind wirklich – ich schwör’! – nicht mehr wichtig für mich. Trotzdem finde ich, dürfen wir uns auch als Yogis über Geschenke freuen. Für mich stehen Aparigraha (Bescheidenheit), eines der fünf Yamas, der ethischen Regeln, die sich auf unser soziales Leben und unseren Umgang mit der Umwelt beziehen, und das Annehmen von Geschenken nicht im Gegensatz zueinander. Aparigraha soll uns lehren, dass überflüssiger Besitz wahnsinnig machen kann. Horten ist, wie wir ja alle im Zuge der Covid-19-Pandemie erfahren und zum Teil vielleicht sogar gespürt haben, ziemlich egoistisch. Bei diesem Prinzip geht es darum, loslassen zu können, überflüssigen Konsum zu vermeiden, aber auch Menschen und Situationen freilassen zu können. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass wir uns auch als Yogis über materielle Dinge freuen dürfen. Die Frage ist, in welchem Maß uns diese Dinge wichtig sind. Glauben wir, Frieden in ihnen zu finden?  Dann werden wir den Frieden vermutlich lange suchen. Ich kann mich sehr wohl über ein schönes Geschenk freuen, ich weiß aber, dass dieses Geschenk mich nicht wirklich glücklicher machen wird. Wenn wir etwas Materielles unbedingt wollen, sollten wir vielleicht hinterfragen, warum wir es unbedingt wollen. Materielle Dinge machen uns als Menschen nicht wertvoller, sie können Freude machen. 

Geschenke, die mit Liebe ausgesucht wurden, anzunehmen, ist etwas Schönes. Genauso schön finde ich es, andere zu beschenken! Ist das mittlerweile nicht fast schöner als selbst Geschenke auszupacken? Das Einpacken vor Heilig’ Abend macht doch mehr Spaß als das Auspacken. Weil man sich so schön ausmalen kann, wie man jemand anderem eine Freude bereitet. Trotzdem renne ich nicht durch den Advent wie eine Irre, um Geschenke zu besorgen. Schon gar nicht in diesem Jahr. Advent heißt Ankunft. Ich will sie nicht verpassen. Ich will nicht an Weihnachten denken, dass die Adventszeit an mir vorbeigerauscht ist, weil ich ständig das Gefühl hatte noch dringend irgendetwas erledigen zu müssen. Gestern war Black Friday,  diese amerikanische Erfindung am Tag nach Thanksgiving. Ich habe gar nichts bestellt. Ich brauchte nichts. Nicht einem Rabatt hinterherjagen, der in Wirklichkeit gar keiner ist, weil ich ohne Black Friday vielleicht gar nicht den Gedanken gehabt hätte, etwas zu kaufen …

Ich bin in meinem Konsumverhalten entspannt geworden. Ich versuche, nachhaltig zu sein. Das gelingt mir nicht immer, vor allem nicht bei den Geschenken für die Kinder. Viel zu viel Plastik. Dafür aber bei Kleidung. Meine Jeans (und mittlerweile viele anderen Sachen auch) kaufe ich meistens gebraucht, weil ich weiß, wie unfassbar umweltbelastend die Herstellung ist. Ich schaue schon mal nach, wie Unternehmen wirtschaften, wie sie Waren herstellen, wie sie mit dem Geld, das ich ihnen überweise, umgehen, bevor ich was bestelle. Ich definiere mich nicht über mein Auto. Vor allem aber:  Ich bin auch nicht neidisch auf diejenigen, die ein besonders teures fahren. Für mich bedeutet Aparigraha in erster Linie ohne Neid und Gier zu leben. Aparigraha heißt für mich, dass wir uns nicht kaufen lassen dürfen – und natürlich auch andere mit unseren Geschenken nicht kaufen sollen. Es gibt ja auch noch einen großen Unterschied zwischen Gier und der reinen Lust und Freude auf etwas.  Ich hoffe, du genießt es dieses Jahr, beschenkt zu werden und vor allem, andere zu beschenken. Und falls du dir über Aparigraha Gedanken gemacht haben solltest, relax! Das Jahr war anstrengend genug. Wir haben es verdient, zu genießen. Hab einen schönen ersten Advent!

 

Das jüngere Selbst … doesn’t know shit. Und das ist gut so.

„Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte …“ lese ich in letzter Zeit häufig auf Blogs oder Instagram-Posts. Sogar in Büchern. „Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte …“ … hätte ich mir viel Ärger ersparen können. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte … wäre mein Konto schon viel früher reich gefüllt gewesen. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte, … hätte ich mir diesen Liebeskummer ersparen können. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte, … wäre mein Glück nicht von anderen abhängig gewesen. Ganz ehrlich: Das jüngere Selbst didn’t know shit. Und das ist normal. Vermutlich sogar gut, denn um etwas zu wissen, müssen wir erst einmal Erfahrungen machen. Dazu gehört es  auch, Fehler zu  machen. Fehler sind nicht immer schlimm. Aber klar ist mir das auch gerade erst geworden, weil der Computerspezialist um die Ecke mein Smartphone repariert hat. Als ich mit meinen beiden Kindern im Sommer bei ihm im Büro stand und wir so übers Elternsein, Kinder und das Leben redeten, sagte er mir plötzlich: „Ich wette, du hast in deinem Leben noch nicht wirklich einen Fehler begangen.“ Fragezeichen?, doppeltes Ausrufezeichen!!  in meinem Kopf. Halt!  „Ich mache doch ständig Fehler“, sagte ich. „Täglich.“ Im Umgang mit meinen Kindern, meinem Partner genauso wie mit denjenigen, die mir nicht so nahe stehen oder die ich nicht mal kenne. Ich war völlig irritiert und der Mann, der mein Smartphone rettet, sagte: „Denk mal drüber nach.“ Und das habe ich.

Wer wir sind?

Weil ja immer alles im Leben kein Zufall ist, veröffentlichte Madhavi Guemos etwa zeitgleich ihren neuen Podcast. Der hieß „Warum Fehler machen so gesund ist“. Wir sind eine Gesellschaft, in dem immer erst mal Fehler gesucht werden, sagt Madhavi da.  Das stimmt. Die Schönheit von jemandem oder etwas erkennen wir meistens nicht so schnell wie die Makel. Ich greife mir da an die eigene Nase und werde versuchen, das in nächster Zeit  zu üben. In dem ich andere Blogartikel mit positiven Nachrichten kommentiere, wenn sie mir gefallen haben, in dem ich anderen Menschen sage, wenn sie mich inspiriert haben, etwas gut gemacht haben oder hübsch aussehen. Und noch etwas anderes möchte ich gerne üben:  Fehler einzugestehen – auch wenn ich jetzt gerade hörte, dass ich angeblich noch keine gemacht habe (ich denke, ich weiß, was er mir damit sagen wollte; schlimme, gravierende, nicht mehr rückgängig zu machende Fehler, die mein ganzes Leben und das anderer negativ beeinflussen, ohne jetzt hier weiter in die Tiefe zu gehen). Im Grunde genommen, ist es nicht schlecht, wenn wir auf Fehler hingewiesen werden. Meistens lernen wir schließlich etwas daraus. Dass wir Fehler nicht gerne zugeben, liegt wohl einerseits an unserem ganz natürlichen Streben nach Anerkennung und andererseits an unserem eigenen Anspruch alles richtig machen zu wollen. Weil uns immerzu die fundamentale Frage beschäftigt: passen wir (mit unserem Stamm) in diese Gesellschaft? Wir haben Angst vor Ablehnung und deswegen fällt es uns schwer, Fehler zuzugeben oder uns dafür zu entschuldigen – dabei wäre das wahrscheinlich genau das, was uns am wenigsten Ablehnung bescheren würde.

Wir machen Fehler und kommen deswegen nicht immer gleich zum Ziel. Aber das ist ja nur in unserer eigenen Wahrnehmung so. Denn der Weg zum Ziel hat irgendeinen Sinn gehabt. Als ich Mama wurde, beschäftigte mich das „Wenn-ich-gewusst-hätte“-Thema sehr. Weil man als Mama (und bestimmt auch als Papa) so gerne alles richtig machen würde. Und dem kleinen zarten Wesen so vieles gerne ersparen würde. Und doch ist das natürlich Blödsinn.

Wenn Du eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht hast, hast Du vielleicht schon etwas von den Kleshas gehört. Kleshas sind unsere unbewussten, inneren Neigungen, die bestimmen wie wir als Subjekt denken und handeln. Das wiederum wird maßgeblich durch das bestimmt, was wir in der Vergangenheit gelernt und erfahren haben. Daher können wir nicht viel dafür. Die Schuld alleine auf unsere Eltern zu schieben, ist aber auch ein bisschen einfach. Und so ist es auch nur normal, dass unsere Kinder zwar ihre eigene Persönlichkeit entwickeln aber dennoch natürlich von allen Seiten irgendwie beeinflusst werden. Dabei immer das „Richtige“ zu tun, ist wohl kaum möglich.

Klar ist, wenn wir ein glückliches und erfülltes Leben führen wollen, müssen wir uns immer wieder neu mit uns selbst auseinandersetzen, Muster aufbrechen, herausfinden, warum wir tun was wir tun, Erlebtes verarbeiten, loslassen und so weiter. Und das werden wir auch unseren eigenen Kindern nicht ersparen können – selbst wenn wir , was natürlich gar nicht möglich ist, als Eltern alles richtig machen würden. Man muss nun dem Kind nicht unbedingt den Namen Klesha geben oder eine Yogalehrer-Ausbildung absolvieren, um darauf zu kommen, dass wir an unserer Situation immer etwas ändern können. Man kann sich auch einfach mal mit Psychoanlyse oder Innerer-Kind-Arbeit beschäftigen. Was für viele ein wenig abschreckend klingt, ist schlicht ein Weg, uns selbst einfach besser kennenzulernen. Dabei auch das jüngere Ich zu verstehen und zu akzeptieren.

Ich bin keine Mama, die alles besser weiß

Ich habe mich oft gefragt, wie ich meine Kinder bestmöglich begleiten kann, damit sie ein glückliches Leben führen können. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass ich nicht zu viel darüber nachdenken sollte. Natürlich kann ich ihnen vieles an die Hand geben. Beispielsweise, wie sie mit Angst und anderen Gefühlen umgehen können. Oder dass ich ihnen klarmache, dass sie mit mir jemanden haben, der immer und egal was ist, für sie da sein wird. Auch wenn sie das manchmal vermutlich nerven wird. Das wichtigste aber ist wahrscheinlich, dass ich sie dabei unterstütze, ihre eigene, individuelle Persönlichkeit zu entwickeln, ihre Stärken bewundere und ihre Neigungen akzeptiere.  Erfahrungen werden sie weiterhin selbst machen müssen und dürfen.  Ich weiß genau, dass ich meine Kinder vor peinlichen Erlebnissen mit der ersten Liebe, vor richtig dollem Liebeskummer und blöden Begegnungen mit unangenehmen Menschen schützen möchte und doch ist mir natürlich völlig klar, dass sie da durch müssen. Und dass das womöglich auch noch zu den weniger dramatischen Ereignissen ihres Lebens dazugehört. Als Mama kann ich versuchen, sie stark zu machen für das Leben. Es liegt an den Erfahrungen, die sie jetzt machen, wie sie später mit den wirklich unangenehmen Dingen des Lebens umgehen können. Ich bin kein Erziehungsratgeber und handele oft aus dem Bauch heraus. Für mich ist es wichtig, meinen Kindern zu vermitteln, dass wir immer über alles reden können. Ich entschuldige mich bei ihnen, wenn ich Fehler mache und zeige ihnen, dass ich authentisch sein möchte und nicht eine Mama bin, die immer alles besser weiß. Ich begleite sie, wenn sie wütend sind und versuche ihnen zu vermitteln, dass Wut und Angst Gefühle wie andere auch sind und dass es unterschiedliche Wege gibt, damit umzugehen. Manchmal bin ich ungeduldig mit ihnen. Manchmal bin ich genervt.  Ich mache bestimmt viele Fehler an jedem Tag. Manchmal könnte ich daran verzweifeln, dann fühle ich mich wie eine schlechte Mutter. Alleine heute habe ich bestimmt wieder 100 Fehler aus erzieherischer Sicht gemacht.  An anderen Tagen denke ich, ich mache sehr viel richtig.

Als ich meine Yogalehrer-Ausbildung machte, sagte unsere Lehrerin immer: „Everything is okay.“ Das sei Yoga. Weißte was? Natürlich ist nicht everything okay! Es gibt leider viele Dinge auf der Welt, die total nicht okay sein. Aber im Grunde genommen, verstehe ich, was sie damit meinte. Sie meinte, dass wir uns immer selbst entscheiden können, wie wir mit Situationen umgehen. Wie unsere Kinder uns spiegeln – und das tun sie natürlich ständig, denn nur wir sind diejenigen, durch die sie als Kleinkinder lernen und Erfahrungen machen – zeigt auch eindeutig, wie viel sie sich an uns abschauen. Ob sie wollen oder nicht. Und deswegen sitzen wir oft da, ungefähr in der Mitte unseres Lebens, und stellen fest, dass wir doch verdammt viel genauso machen wie unsere eigenen Eltern. Das jüngere Ich hat keinen blassen Schimmer und das ist auch völlig okay. Weil jeder Schritt  auf einem anderen Schritt basiert. Vielleicht ist es mal an der Zeit, zu kapieren, dass wir ein bisschen milder mit uns selbst umgehen sollten, wenn es um unsere Vergangenheit geht. Vielleicht waren manche „Fehler“, die wir vermeintlich begangen haben, ja gar keine, so wie es mein Smartphone-Retter sagt.

Gefühle bestätigen

Meine knapp fünfjährige Tochter hatte auch heute wieder einen sehr lauten Wutanfall. Aus Erwachsenen-Sicht ist das oft etwas „Schlimmes“, „furchtbar Nerviges“. Das geht auch mir oft so. Und doch weiß ich, dass sie nicht wütend ist, um mich zu ärgern oder nervig zu sein, sondern wirklich, weil sie in dem Moment von ihren Emotionen überrannt wird.

Natürlich beinhaltet jedes Leben Schmerz und Vergnügen. Alles andere ist nicht möglich.  Negative Gefühle werde ich auch bei meinen Kindern nicht ausblenden können und wollen. „Wenn man versucht, ein negatives Gefühl zu blockieren, beseitigt man auch die positiven Gefühle“, schreibt die Psychotherapeutin Philippa Perry in dem Buch „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)„. Sie schreibt auch: „Wenn wir die Gefühle unserer Kinder bestätigen, stärken wir die Bindung zwischen uns und unserem Kind.“ Und nur die, die Qualität der Beziehung zu unseren Kindern, haben wir in der Hand.Das ist tröstlich. Doch mein jüngeres Ich didn’t know shit. Das macht aber nichts. Jede Erfahrung, die ich mache, hat bestimmt einen Sinn. Wenn ich mir Gedanken darüber mache, hoffe ich, dass auch meine Kinder irgendwann mal Innere-Kind-Arbeit oder Psychoanalyse machen werden. Der Gedanke fühlt sich verrückterweise schmerzhaft an. Andererseits habe ich zu meinen Eltern eine sehr gute Beziehung und ich kann mich nicht erinnern, dass das mal anders war.  Im Sommer verbrachte ich drei Wochen Ferien bei ihnen. Ich kann mir keinen besseren Ort für unsere Sommerferien vorstellen. Ich denke genau wie mein Computerfachmann: Sie haben keine Fehler gemacht. Und vielleicht denken meine Kinder ja auch mal so. Das jüngere Ich weiß es aber nicht.

Om statt Omeprazol?

Es gibt ein Klischee. Es heißt: Yoga heilt alles. Das stimmt aber nicht. Und auch in Mysore gehen die Menschen zum Arzt, wenn sie krank sind. Aber Yoga kann schon ziemlich tolle Dinge …

Ich habe selbst dieses Gefühl erlebt, dass die Wissenschaft heute erklären kann: Nach einer richtig guten Yogastunde fühle ich mich so wahnsinnig leicht, lebendig, müde und gut zugleich. Viele, die Yoga schon mal ausprobiert haben und vor allem diejenigen, die dann auch irgendwie dabei geblieben sind, kennen das: Sie fühlen sich gut, wenn sie das Yogastudio verlassen, können aber nicht erklären warum. Da passiert etwas mit unserem vegetativen Nervensystem, das für viele von uns nur schwer zu fassen ist. Das ist der Zauber von Yoga. Neben den verschwindenden Rückenschmerzen natürlich und der verbesserten Beweglichkeit, der stärkeren Körpermitte und dem besser definierten Gluteus Maximus.

Sicher kennst du diese Illustration von Janosch: „Herr Janosch, Herr Janosch: Wie heilt man sich selbst?“, steht da über dem Mann in der tigergestreiften Latzhose, der auf dem Kopf steht. „Kopfstand. Das ist Yoga, alles wird umgekehrt, und oben wird unten, und kaputt wird voll gut“, ist Janoschs Antwort. Es ist eine typische Janosch-Illustration, nur er kann das wahrscheinlich so schön erklären. Es klingt vielleicht absurd, aber da ist viel Wahres dran. Die Welt auf dein Kopf stellen, kann Wunder bewirken. Es erklärt aber nicht alles.

Yoga und die Forschung

Der Essener Psychologe Holger Cramer bezeichnet Yoga als starke, konzentrierte Hinwendung zum Körper. Das trifft es ziemlich genau und bedeutet, dass man einfach besser darauf achtet, was im Körper geschieht. Dass der Mensch mit Yoga verschiedene Dinge in seinem Körper beeinflussen kann, ist vielen Wissenschaftlern nicht entgangen und daher gibt es mittlerweile unzählige Studien, die sich mit den Auswirkungen von Yoga auf unseren Körper beschäftigen. Dass unsere westliche Schulmedizin selbst begann daran zu glauben, vielleicht manchmal etwas von fernöstlichen Methoden lernen zu können, fing an interessant zu werden, als die Beatles Maharishi, den aus Indien stammende Begründer der Transzendentalen Meditation, engagierten. Heute gibt es zum Glück viele Studien über die positiven Eigenschaften von Yoga. Nachzulesen sind sie beispielsweise im Internet auf Pubmed.com, einer Meta-Datenbank mit medizinischen Artikeln. Yogakurse werden heute sogar von Krankenkassen bezuschusst – zum Glück. Dass Yoga auch in der Medizin ernster genommen wird, ist unter anderem auch ein Verdienst von Dr. Holger Cramer. Auch er beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Studien zum Thema Yoga. Für ihn hat sich bestätigt, dass Yoga die wirksamste Methode gegen Rücken- und Nackenschmerzen ist. Dabei ist er vor allem für die Anwendung von Iyengar Yoga. Die bislang durchgeführten Studien deuten daraufhin, dass Yoga nicht nur vorbeugend, sondern auch schmerzlindernd und heilend auf Nacken- und Rückenprobleme wirken kann. Das liegt daran, dass Yoga die Muskulatur gerade in diesen Bereichen aufbaut, was wiederum dafür sorgt, dass wir eine bessere Haltung einnehmen können. In einem seiner Experimente stellte sich heraus, dass bereits neun Wochen regelmäßiger Yogaunterricht chronische Nackenschmerzen lindern kann. Während der Studie konnten die Teilnehmer, die zusammen mit einem zertifizierten Yogalehrer und Physiotherapeuten einmal in der Woche Iyengar-Yoga-Stunden absolvierten, signifikante Verbesserungen und auch eine bessere Mobilität feststellen. Sie erzielten bessere Resultate als die Gruppe, die ausschließlich ein Programm absolvierte, das sich auf Rückenübungen zu Hause beschränkte. Auch die Yogagruppe übte zusätzlich täglich zehn Minuten zu Hause und beide Gruppen konnten nach neun Wochen über geringere Nackenschmerzen berichten, aber die Yoga-Gruppe war deutlich erfolgreicher. Ihre Teilnehmer fühlten sich mobiler und sprachen durchgehend von einer allgemein verbesserten Lebensqualität. Yoga erlebten sie als aktive Selbsthilfe-Strategie, mit der sie in belastenden Situationen Schmerz lindern oder sogar vorbeugen konnten, sowie als Stressmanagement-Strategie. Einige Patienten konnten dadurch sogar den Gebrauch von Schmerzmitteln reduzieren. Durch ihr neues Körperbewusstsein begannen die Patienten im Alltag bewusst auf ihre Körperhaltung zu achten und Fehlhaltungen zu verändern, wodurch sie den Schmerzen weiter entgegenwirkten. Sie  erkannten ihre Grenzen besser und waren eher bereit, diese zu respektieren.

Nackenschmerzen? Mehr bewegen!

Nackenschmerzen sind in unserer Gesellschaft etwas Normales geworden. Wir sitzen zu viel, vorwiegend am Computer, schlafen in unbequemen Positionen und haben grundsätzlich die Angewohnheit unsere Körperhaltung ziemlich zu vernachlässigen. Wer von uns achtet schon darauf, dass unsere Schultern nicht hängen, wenn wir herumlaufen, dass unser Rücken nicht krumm ist, wenn wir sitzen oder unser Becken in der richtigen Position ist, wenn wir stehen? Deswegen ist es so wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und etwas dagegen zu unternehmen. „Bei Rücken- und Nackenschmerzen hilft es grundsätzlich, sich zu bewegen“, sagt Cramer. Das wisse man heute. „Prinzipiell ist es egal wie man sich bewegt aber beim Yoga kommt beispielsweise noch der soziale Aspekt hinzu, ohne dass ich, wie bei anderen Sportarten, mit meinen Mitstreitern in Konkurrenz treten muss.“ Zusätzlich habe Yoga einen starken Entspannungseffekt und gerade das sei ein wichtiger Punkt, wenn es um Rücken- oder Nackenschmerzen gehe. „Patienten mit Rücken- und Nackenschmerzen müssen oft noch mal lernen, wie sie sich entspannen können. Weil die Schmerzen eine permanente Spannung erzeugen.“ Yoga kombiniert Bewegung und Entspannung und macht es deswegen so wertvoll. „Gerade bei Nackenschmerzen gehen oft Haltungsprobleme mit einher. Dadurch werden die Nackenschmerzen natürlich noch schlimmer. Die Patienten unserer Studie, die Yoga machten, konnten im Alltag plötzlich auch besser auf ihre Körperhaltung achten. Sie spürten beispielsweise, wenn ihre Schultern zusammenfielen und achteten dadurch mehr darauf, wieder eine gute Haltung einzunehmen.“ Natürlich hilft alleine schon die richtige Haltung bei Nacken- und Rückenschmerzen ein wenig weiter. 

Das Karolinska Institutet in Stockholm hat in einer weiteren Studie festgestellt, dass Yoga zu den kostensparendsten Methoden zählt, Rückenschmerzen im unteren Bereich der Wirbelsäule zu behandeln. Und eben das freut unsere Krankenkassen. Emmanuel Aboagye, Malin Lohela Karlsson, Jan Hagberg und Irene Jensen fanden nicht nur heraus, dass eine regelmäßige Yogapraxis zu signifikanten Verbesserungen von Rückenschmerzen führt, sondern auch, dass es im Vergleich zu einer reinen Übungstherapie viel kostengünstiger ist. Und das macht die Krankenkassen froh.

Yoga verbessert die Knochendichte

Mittlerweile gäbe es auch einige vielversprechenden Studien zum Thema Osteoporose, berichtet Cramer. „Einige dieser Studien zeigen, dass Yoga die Knochendichte verbessern kann.“ Wenn es darum geht, Osteoporose vorzubeugen, ist Bewegung, also sportliche Betätigung, ohnehin gut. Für Menschen, die bereits an Osteoporose leiden, mag das nicht wie die richtige Lösung klingen. Hier können Bewegungstherapien die motorischen Fähigkeiten und die Balance merklich verbessern. Und das bedeutet, unter anderem eben auch Yoga. Cramer hat auch herausgefunden, dass Yoga eine vielversprechende Methode ist, körperliche und psychische Akut- und Spätfolgen von Brustkrebserkrankungen zu lindern. „Wie man weiß, kann starke Erschöpfung als Nebenwirkung der Brustkrebserkrankung aber auch der Chemotherapie auftreten. Und hier kann Yoga helfen. Aber was wir kürzlich in einer Studie herausgefunden haben, ist, dass Yoga bei menopausalen Beschwerden hilft. Brustkrebspatientinnen müssen häufig mit Hormonen versorgt werden, die frühzeitig Wechseljahrbeschwerden auslösen können. Diesen kann Yoga entgegenwirken. Es ist aber wichtig zu erkennen, dass Yoga nie in Konkurrenz mit einer Chemotherapie tritt. Yoga lindert Begleiterscheinungen von Krebs oder Therapie, ist aber nicht ein Heilmittel. Yoga erhöht lediglich die Lebensqualität von Brustkrebspatienten.“ Yoga ist also als unterstützende Therapie zu sehen. Die Studie zeigte aber auch, dass Yoga auch bei gesunden Frauen mit Wechseljahrbeschwerden durchaus als Hormontherapie helfen kann. 

Die Sache mit dem GABA

Was Yoga kann, ist psychische Symptome wie Angst und Stress reduzieren. Das funktioniert unter anderem, weil Yoga, in richtigem Masse angewendet, den Spiegel von Cortisol, einem Stresshormon, im Blut reduziert. Die Boston University School of Medicine kam bei ihrer Studie zu Yoga und Gamma-Aminobuttersäure-Konzentration im Gehirn (ein Botenstoff, der als hemmender Neurotransmitter tätig ist, Neuronen beruhigt und Angst lindert) zu dem Ergebnis, dass Yoga den Spiegel von Gamma-Aminobuttersäure (kurz GABA) anheben könne.  GABA sorgt für die Verringerung von Angst und Stress. Es beruhigt unsere Gedanken. Bei regelmäßigen Yogatreibenden stieg der Spiegel des Stoffs durchschnittlich um 27 Prozent an. Es wird vermutet, dass ein niedriger GABA-Spiegel mit Depressionserkrankungen zusammenhängt. Depressive und an Angst Erkrankte haben meist weniger GABA als gesunde Menschen. Der Anstieg des GABA-Spiegels erklärt auch das Glücksgefühl nach einer Yogastunde, was viele Yogis kennen. Yoga-Übungen, die der Körperaufrichtung dienen, können Depressiven ebenfalls helfen. Diese Asanas, so nennt man die Körperstellungen im Yoga, sind stimmungshebend – was wahrscheinlich wiederum mit GABA in Zusammenhang zu bringen ist.

Und dann gibt es noch eine Reihe von „Nebenwirkungen“, die uns im Alltag helfen können: Yoga erhöht beispielsweise die Reaktionsfähigkeit und verhilft zu einem besseren Körperbewusstsein. Die Journalistin Hania Luczak hat bereits im Jahr 2013 eine 23-seitige Reportage im Geo-Magazin darüber geschrieben „was Yoga kann“. Einige der oben genannten Studien sind auch dort nachzulesen. Luczak ist nicht nur eine mehrfach preisgekrönte Journalistin, sie ist auch Biochemikerin und normalerweise niemand, der leicht durch Heilsversprechen zu beeindrucken ist. Sie mache einen großen Bogen um „räucherstäbchenselige Sinnfindungsinstitute“ schreibt sie in dem Artikel. Und vielleicht haben deswegen seit diesem Bericht viele, die für Yogatreibende bisher nur mitleidige Blicke übrig hatten, plötzlich aufgehorcht. Denn da war doch tatsächlich in der Geo, einem Magazin, das sich mit neuen wissenschaftlichen Trends beschäftigt und für seine ausführlichen und gut recherchierten Reportagen bekannt ist, zu lesen, dass hinter Yoga mehr steckt als Räucherstäbchenseligkeit. 

Stress macht krank – Yoga hilft

Es ist kein Geheimnis, dass Stress krank machen kann. Bei bis zu 80 Prozent aller Krankheiten sollen Stress und ein damit verbundener ungesunder Lebensstil ursächlich oder beteiligt sein, schrieb Lanczek in ihrem Artikel. Durch Meditation, Atemtechnik und Körperübungen lasse sich Stress zähmen. Yoga könne bei Migräne helfen und Bluthochdruck senken, erzählte der Wissenschaftler Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité-Universitätsmedizin Berlin der Journalistin. Was Yoga Sport noch voraus hat, ist die Kombination von Atemübungen, Meditation und Körperübungen. Alles gehört zusammen und durch die Koppelung von Atmung und Übungen erreicht man viel. Durch eine effektivere Atmung kann man den Puls senken – das lässt sich einfach ausprobieren und dazu muss man kein Yogapraktizierender Mönch sein. 

Michalsen hat unter anderem Untersuchungen gemacht, bei denen er feststellen konnte, dass sich der Stresslevel von Menschen mit Herzerkrankungen und Bluthochdruck nach nur drei Monaten Yogatraining reduzierte. Auch Cramer forscht im Bereich Herzkreislauf-Erkrankungen. Hier gäbe es noch vieles zu erfahren, allerdings könne durch die richtige Yogatherapie der Blutdruck tatsächlich gesenkt werden. Doch sei wichtig: „Yoga ist kein Ersatz für Medikation. Die Studienlage zeigt, dass mit Yoga der Blutdruck zusätzlich gesenkt werden kann. Auch Blutzuckerentgleisungen können durch Yoga verbessert werden. Und bei manifesten Herzerkrankungen, also beispielsweise bei Patienten, die einen Herzschrittmacher haben, hilft Yoga durchaus dabei, die Lebensqualität zu verbessern. Es gibt Hinweise darauf, dass durch Yoga Vorhofflimmern verringert werden kann“, sagt Cramer. Die richtigen Yogaübungen in Kombination mit einer gesunden Ernährung konnten bei Herzerkrankten erhebliche Gesundheitsfortschritte bewirken. Das vegetative Nervensystem wird ausbalanciert, das Herz schlägt plötzlich ruhiger. Die Stresshormone regulieren sich nach unten. Durch die Regulierung der Atemfrequenz auf unter 15 Atemzüge pro Minute hilft Yoga auch bei Asthma-Kranken. 

Was Yoga nicht kann

Bereits in meiner ersten Yogalehrer- Ausbildung habe ich vieles gehört, was Yoga kann, aber auch was es nicht kann. Yoga kann Multiple Sklerose nicht heilen. Yoga heilt keine Psychosen. Yoga in Verbindung mit gesunder Ernährung kann Diabetes Typ 2 heilen aber nicht Diabetes Typ 1. Weil Diabetes Typ 1 leider grundsätzlich noch nicht heilbar ist. Yoga kann auch den Grünen Star nicht heilen. Es ist sogar so, dass Patienten mit Grünem Star unter gar keinen Umständen Umkehrhaltungen machen sollen, wie beispielsweise einen Handstand, da sich dann der Augeninnendruck erhöht. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass jemand mit Grünem Star kein Yoga machen darf. Es muss aber darauf geachtet werden, dass die richtigen Modifikationen vorgenommen werden. Das gilt genauso für Bluthochdruckpatienten oder Herzkranke. „Beim Bluthochdruck haben wir keine richtigen Daten darüber dass Umkehrhaltungen diesen Patienten schaden, aber es ist naheliegend“, sagt Dr. Cramer. „Weil diese Menschen tendenziell ein hohes Schlaganfall-Risiko haben, soll der Blutstrom zum Gehirn nicht erhöht werden.“ Die Liste, an Krankheiten, die auch durch Yoga nicht positiv zu beeinflussen sind, ist natürlich wahnsinnig lang. Das sollte auch ziemlich klar sein.

Yoga kann vieles positiv unterstützen. Ein Allheilmittel ist es nicht. Yoga ist nicht die Lösung für alles und tatsächlich gehen auch die Menschen in Tibet und im indischen Yogamekka Mysore zum Arzt, wenn sie krank sind. „Der Buddha ist nicht im Alter von 29 Jahren aus seinem Königshaus ausgezogen, um eine Methode zu finden Hämorrhoiden zu kurieren“, zitiert Spiegel-Autor Ulrich Schnabel den Religionswissenschaftler und praktizierenden Buddhist Alan Wallace. Damit will er sagen, Meditation wurde nicht erfunden, um Krankheiten zu heilen. Sie kann andere Therapien ergänzen, nicht ersetzen. 

Tatsächlich könnten akut Kranke mit der plötzlichen Verschreibung von Yoga auch überfordert sein. Es ist also immer genau abzuwägen, wann Yoga weiterhelfen kann und wann nicht. Und trotzdem werde ich nicht müde, zu betonen, wie geil Yoga ist. Die Wissenschaft hat das auch mitbekommen und das Forschungsfeld hier ist weit. Ich lese gerade wieder viel darüber. Und es bleibt unheimlich spannend.

Teile dieses Textes sind 2016 in meinem Buch „Yoga ist ein Arschloch. Warum es uns trotzdem so guttut“ erschienen.

Was Mama-sein manchmal mit Yoga zu tun hat

Als ich das erste Mal nach der Geburt meiner ersten Tochter in einer Yogaklasse war – ich meine jetzt kein Mama-Baby-Yoga, sondern eine Stunde für Erwachsene, keine Selbstpraxis vorm Laptop, sondern mit einer Yogalehrerin, die mich anfassen konnte –, hab ich gedacht: „Ach, wie schön. Ich bin wieder da. Ich komme wieder öfter. Es geht los.“ Und dann zogen doch vier Wochen ins Land, bis ich es wieder schaffte. Die Zeit mit dem Baby flog so dahin. Yoga war gar nicht mehr wichtig. Zumindest nicht die Asana-Praxis.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich, als meine Erstgeborene fünf Monate alt war, einer Freundin schrieb: „Meine Tochter kann jetzt schon sitzen, sich drehen, fast schon krabbeln – zumindest rückwärts geht es ganz gut. Und ich falle im Handstand immer noch um.“ Die Freundin musste lachen und ich mich in meinem Ehrgeiz zügeln. Nach der zweiten Schwangerschaft muss ich sagen: Armbalancen sind nicht das Problem. Rückbeugen finde ich viel schwieriger. 

Vor meiner ersten Schwangerschaft war ich mindestens fünf Mal in der Woche im Yogaunterricht. An den anderen Tagen übte ich zuhause. Als meine Tochter zur Welt kam, änderte sich das gründlich. Zunächst einmal war Yoga gar nicht so wichtig. Aber ganz langsam kam die Sehnsucht. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass ich als Mama trotzdem mehr denn je Yoga übte. Der Fokus lag nun nicht mehr auf körperlichen Asanas, die mich zum Schwitzen brachten, mich forderten. Yoga ist so viel größer geworden als Asana-Praxis. Ich bin über das Körperliche zum Yoga gekommen. Das ist kein Geheimnis. Und es ist mir auch nicht peinlich. Asanas üben, das ist immer noch der Teil von Yoga für mich, der mir am meisten Spaß macht. Noch mehr Spaß, als die wohltuende Acht-Minuten-Meditation, die ich mir manchmal gönne, wenn alle noch schlafen. Auf der Matte baue ich Spannungen ab, Bewegung tut mir gut. Ich liebe es, über den eigenen Körper zu staunen, die Grenzen zu erkennen und besonders liebe ich es, wenn ich mich nach der Asana-Praxis so viel besser fühle als davor. Wenn Rückenschmerzen plötzlich weg sind beispielsweise. Oder vergessene Muskeln „Hallo“ sagen. Ich würde viel lieber mehr Sport machen und komme nicht dazu und deswegen ist Asana-Praxis für mich vielleicht auch so wichtig geblieben. Und ja, manchmal würde ich auch noch mal gerne einfach morgens um sechs aus dem Haus schleichen, meine 90-minütige Yogapraxis im Yogastudio durchziehen und dann erst wieder nach Hause kommen. Gerade aber sind andere Dinge dran.

Kinder – Achtsamkeit-Weltmeister

Als meine jüngste Tochter noch sehr klein war, hatte ich bei der Yogalehrerin und Zweifach-Mama Nicole Bongartz unter einem Instagram-Foto diese tollen Sätze gefunden: „Als ich ein kleines Kind war, habe ich immer gedacht, die Erwachsenen wären perfekt. Sie wussten alles und machten nie etwas falsch. Heute weiß ich, das es umgekehrt ist, die Kinder sind die perfekten, von denen wir noch lernen können.“ Das spricht mir ganz aus der Seele. Das ist das, was ich täglich denke. Ich glaube manchmal, wenn wir Erwachsenen ein bisschen mehr Kind sein könnten, würden wir viel mehr von Yoga verstehen.

Als meine Größere sprechen konnte, fiel mir plötzlich auf, wie toll sie Dinge wahrnimmt, die uns Erwachsenen gar nicht mehr auffallen. Kinder leben so unfassbar bewusst den Moment. Sie sind Weltmeister im Achtsam sein – hochbezahlte Manager nehmen heute Kurse, um Achtsamkeit überhaupt in ihren Wortschatz aufnehmen zu können. Die Leichtigkeit, die Neugierde aber auch die Vorsicht und Rücksicht mit der meine Kinder dem Leben begegnen, es wahrnehmen und aufsaugen – das ist auch Yoga. Zu erkennen, dass wir nicht viel brauchen, um rundum zufrieden zu sein. Dabei helfen Kinder. Festzustellen, wie dankbar wir eigentlich sein dürfen. Meine Kinder sind gesund – wie großartig ist das überhaupt? Bedeutet das nicht eigentlich, dass alles andere nahezu nebensächlich wird? 

Was von 2020 bleibt

An diesem Montag sollen meine Kinder zum ersten Mal seit dem 17. März 2020 wieder in die Kita gehen. Im März habe ich noch gedacht, ich würde mich auf den ersten Tag, an dem die Kita wieder öffnet, freuen. Nun bin ich fast ein bisschen wehmütig. Die Corona-Ferien habe ich freiwillig verlängert, weil ich meine Eltern noch besuchen wollte und wir dann irgendwie den Sommer gemeinsam feiern wollen. Ab der kommenden Woche wird so etwas wie ein Alltag wieder in unser Leben kommen und ich will nicht sagen, dass ich Corona dankbar bin aber ich bin definitiv dankbar, dass ich das letzte halbe Jahr so intensiv mit meinen Kindern verbringen durfte. Meine jüngste Tochter wird diesen Herbst zwei Jahre alt. Nie war mir so bewusst, wie schnell die Zeit vergeht, wie Erinnerungen verblassen, so sehr man sich auch darum bemüht, den Moment zu geniessen. 

Ich habe Bock auf meine Kinder. Ich bin auch manchmal genervt von ihnen. Auch ich finde Mama-sein oft sehr anstrengend. Ich habe mich während dem Lockdown einige Male gefragt, wie es wohl wäre, wenn ich jetzt keine Kinder hätte. Was man dann wohl alles hätte tun können, wie viele Bücher ich hätte verschlingen können, welche neuen Seiten, Talente ich an mir hätte entdecken können, wie viel Zeit für Yogapraxis gewesen wäre. Und doch war ich sehr froh, dass ich ein ganz anderes Leben führe.

In den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, wie viele Erwachsene die eigenen Kinder als eine Belastung wahrnehmen und wie viel „Me-Time“ Erwachsene offenbar brauchen. Dass für viele Entspannt-sein gar nicht möglich ist, so lange die Kinder in der Nähe sind. Was mir immer, wenn es anstrengend wird hilft, ist die Tatsache, dass wir uns am Ende unseres Lebens garantiert nicht die Frage stellen, ob wir auch wirklich genug Me-Time hatten. Ich weiß sehr gut, dass ich die Zeit niemals zurückdrehen kann. Gedanken wie: „Wenn sie doch nur schon dies oder jenes könnten…“, habe ich noch nie gehabt. Auch nicht, als meine Kinder als winzige Säuglinge in meinen Armen lagen, Bauchkrämpfe hatten und ich schlaflose Nächte. Nie kann ich so erschreckend gut im Hier und Jetzt sein, wie wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin oder auch nur an sie denke. Es ist nicht so, als wäre mir vor der Zukunft, vor Schul- und Teenager-Jahren bange. Überhaupt nicht. Aber die Momente, die wir jetzt gemeinsam haben, kommen nicht mehr zurück.

Summer of Samtosha

Meine Kinder haben mir vielleicht ein wenig von meiner Gelassenheit genommen (weil ich so oft am Tag zusammenzucke, wenn sich wieder jemand wehgetan hat oder ich meine Jüngste plötzlich auf der Fensterbank finde), sie rauben mir sehr viel Zeit, aber dafür schenken sie mir unendlich viel. Dafür haben sie mir beigebracht, geduldig zu sein und Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann. Der Sommer 2020 hat für mich den Namen Samtosha verdient. Samtosha – seit jeher mein Lieblings-Niyama. Es heißt so viel wie, zu akzeptieren, was gerade ist. Zufrieden zu sein, mit dem was ist oder wie man ist. Das habe ich in diesem Sommer tatsächlich zelebriert. Wo fängt Erleuchtung an und wo hört sie auf? Ich mag das Wort gar nicht, ich habe mich zu Beginn meiner Tätigkeit als Yogalehrerin sehr damit auseinandergesetzt und meine eigene Definition für Erleuchtung erschaffen: Für mich bedeutet Erleuchtung totale Glücksmomente bewusst wahrzunehmen. Mit Kindern kann man sie häufig erleben. Ich habe also, seit ich Mutter bin, weniger Zeit für eine vernünftige Asana-Praxis. Dafür aber lerne ich ganz schön viel. Nicht so viele neue Asanas vielleicht, aber anderes Yoga. Das ist spannend, manchmal sehr anstrengend, manchmal sehr stimmungshebend, überraschend und inspirierend. Wie eine gute Yogaklasse eben.

Echtes Yoga, schlechtes Yoga

Ich sage immer: „Finde dein Yoga. Es muss ja nicht Yoga sein.“ Trotzdem finde ich Yoga oder das was wir heute darunter verstehen, wirklich richtig gut. Ich werde in diesem Beitrag nicht all die positiven Einflüsse, die eine regelmäßigen Yogapraxis auf uns hat, aufzählen (vielleicht mache ich das mal an anderer Stelle, es ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt und ich werde nicht müde, darüber zu reden und zu schreiben …). Was mich an der Yogaszene aber nervt, ist, dass vieles, was heute als „Yoga“ bezeichnet wird, von anderen Yogatreibenden belächelt wird. Es fällt mir immer wieder auf, dass Menschen Yoga in „echtes“ und „schlechtes“ Yoga unterteilen. 

Eine meiner schönsten Yogastunden habe ich auf dem Pazifik erlebt. Auf einem Stand-up-Paddle-Board. Dabei macht man Yoga auf einer Art Surfbrett, es ist wackelig. Wenn man die Augen schliesst, hört man das sanfte Plätschern der Wellen, manchmal das Kreischen einer Möwe. Ich fühlte die Wellenbewegungen unter meinem Körper und wenn ich beim Yoga eins mit der Natur war, dann garantiert in dieser Situation. Ich hatte Glücksgefühle. Sehr großen Spaß machte mir dann auch die Einheit auf einem ähnlichen Board – allerdings an Land. Es war ein Brett, dass das Stand-Up-Paddle-Board an Land simulieren sollte. In dieser Stunde in einem Fitness-Studio in Los Angeles lachte ich sehr viel. Beides, Yoga auf dem Stand-Up-Paddle-Board oder der Alternative an Land, ist eine wunderbare Erfindung. Das Indoor-Board, unter das man kleine Luftkissen schiebt, damit die Wellenbewegungen auf dem Wasser simuliert werden können, hilft gerade unbeweglichen Schülern eine massive Verbesserung der Flexibilität der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur und in der Schulter zu erreichen. Die Möglichkeit, sich beispielsweise in Lunge-Positionen oder Vorwärtsbeugen an etwas festhalten zu können – nämlich an dem Boardrand – und dabei aktiv zu spüren, wie man die Schulterblätter nach hinten unten schiebt, hilft den Übenden enorm. 

Ich bin froh, dass in Los Angeles Bryan Kest nach vielen Jahren Training in Hawaii und Mysore mit Power Yoga Santa Monica seinen eigenen Stil entwickelt hat. Aus diesem Stil haben sich dann wieder Stile entwickelt, Kest begeisterte Yogalehrer und -schüler in der ganzen Welt mit seiner kraftvollen Art Yoga zu praktizieren. Ich bin froh, dass Christopher Harrison, ein Akrobatik-Lehrer, seinen Athleten nur eine Möglichkeit bieten wollte, sich zwischen ihren Vorstellungen fit zu halten und deswegen Yoga mit dem Arbeitsgerät der Akrobaten, einem Tuch, das an der Decke hängt, entwickelte. Deswegen gibt es jetzt in jeder halbwegs größeren Stadt Anti-Gravity-Yoga. Ich finde es witzig, dass die amerikanische private Yoga-Kette Core Power Yoga Klassen anbietet, die Yoga Sculpt heißen. Die Teilnehmer verbinden dabei Yogaelemente mit Kurzhanteln. Danach schwitzen alle wie die Irren und ich habe Schüler selten so glückselig in Savasana erlebt, der Ruhestellung auf dem Rücken, die üblicherweise nach jeder Yogastunde praktiziert wird und vielen Schülern schwer fällt, weil sie sich wirklich auf sich selbst einlassen müssen. Mehrere Minuten ruhig liegen zu bleiben ohne dass etwas spannendes passiert – es scheint, als sei das eine der größten Herausforderungen unserer Zeit – aber nach einer Stunde Yoga Sculpt liegen sie alle da wie platt gemacht und sind froh, dass sie sich ausruhen dürfen. Meine wunderbare Kollegin Steffi Rohr hat Bodega Moves erfunden, sie kombiniert Yoga mit Elementen aus dem Functional Training. Ein ähnliches Konzept steckt hinter athleticflow, der Kombination aus HIIT-Training und Yoga. Als ich in Kalifornien lebte, gab es „YAS“, eine Spinning-Stunde, die mit einer Yogaeinheit endete. Die Leute verausgabten sich eine halbe Stunde lang auf dem Fahrrad und rollten danach die Yogamatten aus.

Es gibt tausend weitere Beispiele für Yoga, das nicht viel mit dem Yoga zu tun hat, das vor 3000 Jahren in allerallererster Linie eine philosophische Lehre war. Das heißt aber nicht, dass es schlecht ist, dass es diese Arten von Yoga heute gibt und Yoga sich in unserer westlichen Welt zu einer Art Fitness-Konzept entwickelt hat. Im Gegenteil. Yoga ist etwas gelungen, woran die meisten Fitness-Konzepte scheitern. Es erfindet sich immer wieder neu und schafft es so, immer mehr Menschen zu begeistern. Und das ist gut in einer Zeit, in der sich der Mensch offensichtlich viel zu wenig bewegt. Dass Yoga viel mehr ist, als Bewegung und die eigentliche Lehre nicht viel mit dem Beherrschen von atemberaubenden Posen, die besonders auf Instagram einen guten Eindruck hinterlassen, zu tun hat, versteht sich von selbst. Wenn du Lust darauf hast, alle Facetten des Yoga kennenzulernen, ist das wunderbar. Und wenn du für dich dein Yoga gefunden hast, dann ist das auch wunderbar. Und niemand hat das Recht, zu urteilen, was richtig oder falsch an deinem Yoga ist. Wenn Yoga dich „bewegt“, hat es schon seinen Zweck erfüllt.

Namaste, Yogis.