Schlagwort: Yoga

Unser neues Buch

Hier kommt jetzt Werbung in eigener Sache. Und: für eine gute Sache.

Endlich dürfen wir es bekannt geben: Unser neues Buch erscheint am 20. April. Das ist zu spät für Weihnachtsgeschenke aber wir erzählen es trotzdem schon mal. Es heißt „Yoga für ein starkes Herz. Mit den richtigen Übungen, Meditationen und Atemtechniken die Herzgesundheit fördern“ und es ist anders als die beiden ersten Bücher, die ich bereits geschrieben habe. Ich hatte dabei jemanden an meiner Seite. Vielleicht hat alleine das schon dazu geführt, dass sich die Arbeit an diesem Buch besonders (schön) angefühlt hat. Wir haben dieses Projekt von Anfang an etwas scherzhaft „Herzensprojekt“ genannt. Und im Nachhinein festgestellt, dass es das wohl auch war. Und ist. Meine Co-Autorin heißt Katharina Bauer. Sie ist eine deutsche Stabhochspringerin. 

Katharina ist auch die erste Sportlerin auf der Welt, die mit einem implantierten Defibrillator an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen hat. Seit ihrem siebten Lebensjahr weiß sie von ihrer Herzkrankheit; seit dem 17.April 2018 lebt sie mit einem implantierten Defibrillator unter dem linken Latissimus-Muskel – den sie im Übrigen nicht unwesentlich für ihren Hauptberuf braucht (also den Muskel, nicht den Defibrillator!). Katharina Bauer ist es gelungen, ihren Traum trotz ihrer Krankheit weiterzuleben. Sie lebt mit ihrer „Lebensversicherung“ im Körper, wie sie ihren Defi selbst nennt, sogar entspannter als je zuvor. Yoga, Meditation, Coaching, ein unstillbarer Drang nach Selbstoptimierung und Vertrauen in Selbstheilungskräfte haben sie dahin gebracht, wo sie jetzt steht. Ihre Ärzte staunen: Die Extrasystolen ihres Herzens haben sich wie auf wundersame Weise reguliert. Warum Yoga ihr dabei geholfen hat, wie es helfen kann, was Kardiologen sagen und warum es sich lohnt auf den Motor unseres Lebens besonders acht zu geben, darüber schreiben wir in diesem Buch. Wir beschreiben Asanas und Yogasequenzen, geben Tipps für Atemübungen und Meditationen. Dabei haben wir immer auch wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt, Ärzte interviewt, andere Yogalehrer mit ins Boot geholt und Ratschläge von Experten ein- und angenommen. 

Eigentlich wollte Katharina sich in diesem Frühling auf die Olympischen Spiele in Tokyo vorbereiten. Nun – es ist alles etwas anders gekommen. Die Idee das Buch zu schreiben, hatten wir auch schon bevor Corona die Pläne der Leistungssportler für 2020 zunichte gemacht hatte. Doch dann wurde daraus für Katharina nicht nur ein Buchprojekt. Die Arbeit an dem Buch, noch mehr Zeit für Yoga und den eigenen Körper zu haben, bot eine bessere und sinnvolle Struktur in einem kuriosen und haltlosen Jahr 2020. Perspektivlosigkeit ist für Sportler ein enormer Motivationskiller. Das Projekt gab ihr Halt, und sie konnte trotz der Situation mit Spaß weiter trainieren.  Nun befindet sie sich mitten in der Vorbereitung auf hoffentlich stattfindende Wettkämpfe. Und auf ihren größten Traum: die Teilnahme an Olympischen Spielen – obwohl auch jetzt noch niemand voraussagen kann, ob diese überhaupt stattfinden können. Auch hier hilft Yoga Katharina dabei, einen kühlen Kopf zu bewahren und mit der Tatsache klarzukommen, dass nicht alles in unserer Hand liegen kann. 

Bis unser Buch erscheint, dauert es noch ein bisschen. Du kannst es aber schon vorbestellen. Ich freue mich sehr über das Ergebnis. Für mich war das eine sehr lehrreiche Zeit. Wenn ich mal an irgendetwas gezweifelt habe, hat Katharina mir in unseren abendlich- bis nächtlichen Gesprächen die Zweifel wieder ausgeräumt. Ich habe viel mehr über das Herz gelernt als ich das je in meinem (sehr lang zurückliegenden) Sportstudium hätte lernen können. Ich habe erschrocken festgestellt, wie viele (junge) Menschen an Bluthochdruck leiden. Ich habe wieder mein Vertrauen in Ärzte gefunden und mich deshalb für einen Gesundheitscheck angemeldet 🙂 Ich habe einen Menschen noch mehr ins Herz geschlossen, als vor unserer gemeinsamen Arbeit. Und ich habe noch mehr den Wert von simplem Yoga erfahren. 

Wenn Du mehr über Katharina, eine unheimlich motivierende Persönlichkeit, wissen möchtest, dann höre doch mal in diesen Podcast rein. Einen kurzen Blick auf unser Buch kannst Du hier schon mal werfen.

Aparigraha und Weihnachten

Ich gebe es gleich zu, ich liebe Weihnachten. Ich freue mich auch jedes Jahr auf die Adventszeit. Die Magie, die von Weihnachten und den letzten Wochen des Jahres ausging als ich ein Kind war, ist nicht verlorengegangen. Seit ich Mama bin hat Weihnachten wieder einen ganz besonderen Zauber. Ich mochte die Adventszeit mit ihren Lichtern, ihrer Gemütlichkeit, die dem Winter etwas Besonderes gab, dazu führte, das Jahreszeiten ihren Reiz hatten, schon als Kind. Der Winter war irgendwie schön, und Weihnachten machte ihn besonders. Es gibt diese eiskalten Wintertage, wenn der Duft von Kaminfeuer in der Luft liegt – noch heute riecht das für mich wie Weihnachten – auch wenn Weihnachten in den letzten Jahren eher 13 Grad und Regen bedeutete … 

Natürlich ging es als Kind vor allem um den Zauber der Geschenke, die Überraschungen. Was würde wohl unterm Baum liegen? Ich weiß, dass es manchmal enttäuschte Gesichter gab und dass an Weihnachten auch immer Erwartungen geknüpft waren. Als wir nach und nach alle erwachsen wurden, wurden die Geschenke weniger wichtig, stattdessen wuchs die Bedeutung des Zusammenseins. Weihnachten bedeutete, dass wir uns alle im Haus meiner Eltern trafen und Zeit füreinander hatten, nicht nur zusammen zu Abend aßen sondern auch nach dem Ausschlafen gemeinsam frühstückten. Weihnachten bedeutete Rumlungern ohne Reue. Spazieren zu gehen. Es sich gemütlich zu machen. Mittlerweile feiern wir nur noch alle zwei Jahre bei meinen Eltern. Die Jahre dazwischen in Dänemark, bei der Familie meines Mannes. Dort gibt es schon länger die Regel: Geschenke sind eigentlich für die Kinder. So gibt es also nur alle zwei Jahre Geschenke. Was soll ich sagen, dieses Jahr wären eigentlich Geschenke dran – nun ist das mit dem Reisen ja etwas schwierig zurzeit. Fakt ist: Ich habe noch nicht entschieden, wie unser Weihnachten 2020 ablaufen soll. 

In meiner Familie ist es eine Tradition vor Weihnachten Wunschzettel zu schreiben. Nicht nur die Kinder. Mittlerweile ist das zum Teil richtig anstrengend geworden, die Wunschzettel sind ein großes Thema, an Weihnachten werden sie genau durchdiskutiert, manchmal sogar bewertet und es ist schon wichtig, dass man sich beim Erstellen auch Mühe gibt; zum Teil werden sie mit InDesign erstellt. Danach schön ’ne PDF gemacht. In Wahrheit ist es nicht wichtig, dass am Ende auch wirklich etwas unterm Baum liegt, das auf dem Wunschzettel stand. Es geht vielmehr darum, es den anderen nicht so schwer zu machen; ihnen eine Idee zu geben, worüber man sich freuen würde. Als Erwachsene habe ich gelernt, Erwartungen loszulassen und die Geschenke sind wirklich – ich schwör’! – nicht mehr wichtig für mich. Trotzdem finde ich, dürfen wir uns auch als Yogis über Geschenke freuen. Für mich stehen Aparigraha (Bescheidenheit), eines der fünf Yamas, der ethischen Regeln, die sich auf unser soziales Leben und unseren Umgang mit der Umwelt beziehen, und das Annehmen von Geschenken nicht im Gegensatz zueinander. Aparigraha soll uns lehren, dass überflüssiger Besitz wahnsinnig machen kann. Horten ist, wie wir ja alle im Zuge der Covid-19-Pandemie erfahren und zum Teil vielleicht sogar gespürt haben, ziemlich egoistisch. Bei diesem Prinzip geht es darum, loslassen zu können, überflüssigen Konsum zu vermeiden, aber auch Menschen und Situationen freilassen zu können. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass wir uns auch als Yogis über materielle Dinge freuen dürfen. Die Frage ist, in welchem Maß uns diese Dinge wichtig sind. Glauben wir, Frieden in ihnen zu finden?  Dann werden wir den Frieden vermutlich lange suchen. Ich kann mich sehr wohl über ein schönes Geschenk freuen, ich weiß aber, dass dieses Geschenk mich nicht wirklich glücklicher machen wird. Wenn wir etwas Materielles unbedingt wollen, sollten wir vielleicht hinterfragen, warum wir es unbedingt wollen. Materielle Dinge machen uns als Menschen nicht wertvoller, sie können Freude machen. 

Geschenke, die mit Liebe ausgesucht wurden, anzunehmen, ist etwas Schönes. Genauso schön finde ich es, andere zu beschenken! Ist das mittlerweile nicht fast schöner als selbst Geschenke auszupacken? Das Einpacken vor Heilig’ Abend macht doch mehr Spaß als das Auspacken. Weil man sich so schön ausmalen kann, wie man jemand anderem eine Freude bereitet. Trotzdem renne ich nicht durch den Advent wie eine Irre, um Geschenke zu besorgen. Schon gar nicht in diesem Jahr. Advent heißt Ankunft. Ich will sie nicht verpassen. Ich will nicht an Weihnachten denken, dass die Adventszeit an mir vorbeigerauscht ist, weil ich ständig das Gefühl hatte noch dringend irgendetwas erledigen zu müssen. Gestern war Black Friday,  diese amerikanische Erfindung am Tag nach Thanksgiving. Ich habe gar nichts bestellt. Ich brauchte nichts. Nicht einem Rabatt hinterherjagen, der in Wirklichkeit gar keiner ist, weil ich ohne Black Friday vielleicht gar nicht den Gedanken gehabt hätte, etwas zu kaufen …

Ich bin in meinem Konsumverhalten entspannt geworden. Ich versuche, nachhaltig zu sein. Das gelingt mir nicht immer, vor allem nicht bei den Geschenken für die Kinder. Viel zu viel Plastik. Dafür aber bei Kleidung. Meine Jeans (und mittlerweile viele anderen Sachen auch) kaufe ich meistens gebraucht, weil ich weiß, wie unfassbar umweltbelastend die Herstellung ist. Ich schaue schon mal nach, wie Unternehmen wirtschaften, wie sie Waren herstellen, wie sie mit dem Geld, das ich ihnen überweise, umgehen, bevor ich was bestelle. Ich definiere mich nicht über mein Auto. Vor allem aber:  Ich bin auch nicht neidisch auf diejenigen, die ein besonders teures fahren. Für mich bedeutet Aparigraha in erster Linie ohne Neid und Gier zu leben. Aparigraha heißt für mich, dass wir uns nicht kaufen lassen dürfen – und natürlich auch andere mit unseren Geschenken nicht kaufen sollen. Es gibt ja auch noch einen großen Unterschied zwischen Gier und der reinen Lust und Freude auf etwas.  Ich hoffe, du genießt es dieses Jahr, beschenkt zu werden und vor allem, andere zu beschenken. Und falls du dir über Aparigraha Gedanken gemacht haben solltest, relax! Das Jahr war anstrengend genug. Wir haben es verdient, zu genießen. Hab einen schönen ersten Advent!

 

Das jüngere Selbst … doesn’t know shit. Und das ist gut so.

„Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte …“ lese ich in letzter Zeit häufig auf Blogs oder Instagram-Posts. Sogar in Büchern. „Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte …“ … hätte ich mir viel Ärger ersparen können. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte … wäre mein Konto schon viel früher reich gefüllt gewesen. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte, … hätte ich mir diesen Liebeskummer ersparen können. Wenn mein jüngeres Ich gewusst hätte, … wäre mein Glück nicht von anderen abhängig gewesen. Ganz ehrlich: Das jüngere Selbst didn’t know shit. Und das ist normal. Vermutlich sogar gut, denn um etwas zu wissen, müssen wir erst einmal Erfahrungen machen. Dazu gehört es  auch, Fehler zu  machen. Fehler sind nicht immer schlimm. Aber klar ist mir das auch gerade erst geworden, weil der Computerspezialist um die Ecke mein Smartphone repariert hat. Als ich mit meinen beiden Kindern im Sommer bei ihm im Büro stand und wir so übers Elternsein, Kinder und das Leben redeten, sagte er mir plötzlich: „Ich wette, du hast in deinem Leben noch nicht wirklich einen Fehler begangen.“ Fragezeichen?, doppeltes Ausrufezeichen!!  in meinem Kopf. Halt!  „Ich mache doch ständig Fehler“, sagte ich. „Täglich.“ Im Umgang mit meinen Kindern, meinem Partner genauso wie mit denjenigen, die mir nicht so nahe stehen oder die ich nicht mal kenne. Ich war völlig irritiert und der Mann, der mein Smartphone rettet, sagte: „Denk mal drüber nach.“ Und das habe ich.

Wer wir sind?

Weil ja immer alles im Leben kein Zufall ist, veröffentlichte Madhavi Guemos etwa zeitgleich ihren neuen Podcast. Der hieß „Warum Fehler machen so gesund ist“. Wir sind eine Gesellschaft, in dem immer erst mal Fehler gesucht werden, sagt Madhavi da.  Das stimmt. Die Schönheit von jemandem oder etwas erkennen wir meistens nicht so schnell wie die Makel. Ich greife mir da an die eigene Nase und werde versuchen, das in nächster Zeit  zu üben. In dem ich andere Blogartikel mit positiven Nachrichten kommentiere, wenn sie mir gefallen haben, in dem ich anderen Menschen sage, wenn sie mich inspiriert haben, etwas gut gemacht haben oder hübsch aussehen. Und noch etwas anderes möchte ich gerne üben:  Fehler einzugestehen – auch wenn ich jetzt gerade hörte, dass ich angeblich noch keine gemacht habe (ich denke, ich weiß, was er mir damit sagen wollte; schlimme, gravierende, nicht mehr rückgängig zu machende Fehler, die mein ganzes Leben und das anderer negativ beeinflussen, ohne jetzt hier weiter in die Tiefe zu gehen). Im Grunde genommen, ist es nicht schlecht, wenn wir auf Fehler hingewiesen werden. Meistens lernen wir schließlich etwas daraus. Dass wir Fehler nicht gerne zugeben, liegt wohl einerseits an unserem ganz natürlichen Streben nach Anerkennung und andererseits an unserem eigenen Anspruch alles richtig machen zu wollen. Weil uns immerzu die fundamentale Frage beschäftigt: passen wir (mit unserem Stamm) in diese Gesellschaft? Wir haben Angst vor Ablehnung und deswegen fällt es uns schwer, Fehler zuzugeben oder uns dafür zu entschuldigen – dabei wäre das wahrscheinlich genau das, was uns am wenigsten Ablehnung bescheren würde.

Wir machen Fehler und kommen deswegen nicht immer gleich zum Ziel. Aber das ist ja nur in unserer eigenen Wahrnehmung so. Denn der Weg zum Ziel hat irgendeinen Sinn gehabt. Als ich Mama wurde, beschäftigte mich das „Wenn-ich-gewusst-hätte“-Thema sehr. Weil man als Mama (und bestimmt auch als Papa) so gerne alles richtig machen würde. Und dem kleinen zarten Wesen so vieles gerne ersparen würde. Und doch ist das natürlich Blödsinn.

Wenn Du eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht hast, hast Du vielleicht schon etwas von den Kleshas gehört. Kleshas sind unsere unbewussten, inneren Neigungen, die bestimmen wie wir als Subjekt denken und handeln. Das wiederum wird maßgeblich durch das bestimmt, was wir in der Vergangenheit gelernt und erfahren haben. Daher können wir nicht viel dafür. Die Schuld alleine auf unsere Eltern zu schieben, ist aber auch ein bisschen einfach. Und so ist es auch nur normal, dass unsere Kinder zwar ihre eigene Persönlichkeit entwickeln aber dennoch natürlich von allen Seiten irgendwie beeinflusst werden. Dabei immer das „Richtige“ zu tun, ist wohl kaum möglich.

Klar ist, wenn wir ein glückliches und erfülltes Leben führen wollen, müssen wir uns immer wieder neu mit uns selbst auseinandersetzen, Muster aufbrechen, herausfinden, warum wir tun was wir tun, Erlebtes verarbeiten, loslassen und so weiter. Und das werden wir auch unseren eigenen Kindern nicht ersparen können – selbst wenn wir , was natürlich gar nicht möglich ist, als Eltern alles richtig machen würden. Man muss nun dem Kind nicht unbedingt den Namen Klesha geben oder eine Yogalehrer-Ausbildung absolvieren, um darauf zu kommen, dass wir an unserer Situation immer etwas ändern können. Man kann sich auch einfach mal mit Psychoanlyse oder Innerer-Kind-Arbeit beschäftigen. Was für viele ein wenig abschreckend klingt, ist schlicht ein Weg, uns selbst einfach besser kennenzulernen. Dabei auch das jüngere Ich zu verstehen und zu akzeptieren.

Ich bin keine Mama, die alles besser weiß

Ich habe mich oft gefragt, wie ich meine Kinder bestmöglich begleiten kann, damit sie ein glückliches Leben führen können. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass ich nicht zu viel darüber nachdenken sollte. Natürlich kann ich ihnen vieles an die Hand geben. Beispielsweise, wie sie mit Angst und anderen Gefühlen umgehen können. Oder dass ich ihnen klarmache, dass sie mit mir jemanden haben, der immer und egal was ist, für sie da sein wird. Auch wenn sie das manchmal vermutlich nerven wird. Das wichtigste aber ist wahrscheinlich, dass ich sie dabei unterstütze, ihre eigene, individuelle Persönlichkeit zu entwickeln, ihre Stärken bewundere und ihre Neigungen akzeptiere.  Erfahrungen werden sie weiterhin selbst machen müssen und dürfen.  Ich weiß genau, dass ich meine Kinder vor peinlichen Erlebnissen mit der ersten Liebe, vor richtig dollem Liebeskummer und blöden Begegnungen mit unangenehmen Menschen schützen möchte und doch ist mir natürlich völlig klar, dass sie da durch müssen. Und dass das womöglich auch noch zu den weniger dramatischen Ereignissen ihres Lebens dazugehört. Als Mama kann ich versuchen, sie stark zu machen für das Leben. Es liegt an den Erfahrungen, die sie jetzt machen, wie sie später mit den wirklich unangenehmen Dingen des Lebens umgehen können. Ich bin kein Erziehungsratgeber und handele oft aus dem Bauch heraus. Für mich ist es wichtig, meinen Kindern zu vermitteln, dass wir immer über alles reden können. Ich entschuldige mich bei ihnen, wenn ich Fehler mache und zeige ihnen, dass ich authentisch sein möchte und nicht eine Mama bin, die immer alles besser weiß. Ich begleite sie, wenn sie wütend sind und versuche ihnen zu vermitteln, dass Wut und Angst Gefühle wie andere auch sind und dass es unterschiedliche Wege gibt, damit umzugehen. Manchmal bin ich ungeduldig mit ihnen. Manchmal bin ich genervt.  Ich mache bestimmt viele Fehler an jedem Tag. Manchmal könnte ich daran verzweifeln, dann fühle ich mich wie eine schlechte Mutter. Alleine heute habe ich bestimmt wieder 100 Fehler aus erzieherischer Sicht gemacht.  An anderen Tagen denke ich, ich mache sehr viel richtig.

Als ich meine Yogalehrer-Ausbildung machte, sagte unsere Lehrerin immer: „Everything is okay.“ Das sei Yoga. Weißte was? Natürlich ist nicht everything okay! Es gibt leider viele Dinge auf der Welt, die total nicht okay sein. Aber im Grunde genommen, verstehe ich, was sie damit meinte. Sie meinte, dass wir uns immer selbst entscheiden können, wie wir mit Situationen umgehen. Wie unsere Kinder uns spiegeln – und das tun sie natürlich ständig, denn nur wir sind diejenigen, durch die sie als Kleinkinder lernen und Erfahrungen machen – zeigt auch eindeutig, wie viel sie sich an uns abschauen. Ob sie wollen oder nicht. Und deswegen sitzen wir oft da, ungefähr in der Mitte unseres Lebens, und stellen fest, dass wir doch verdammt viel genauso machen wie unsere eigenen Eltern. Das jüngere Ich hat keinen blassen Schimmer und das ist auch völlig okay. Weil jeder Schritt  auf einem anderen Schritt basiert. Vielleicht ist es mal an der Zeit, zu kapieren, dass wir ein bisschen milder mit uns selbst umgehen sollten, wenn es um unsere Vergangenheit geht. Vielleicht waren manche „Fehler“, die wir vermeintlich begangen haben, ja gar keine, so wie es mein Smartphone-Retter sagt.

Gefühle bestätigen

Meine knapp fünfjährige Tochter hatte auch heute wieder einen sehr lauten Wutanfall. Aus Erwachsenen-Sicht ist das oft etwas „Schlimmes“, „furchtbar Nerviges“. Das geht auch mir oft so. Und doch weiß ich, dass sie nicht wütend ist, um mich zu ärgern oder nervig zu sein, sondern wirklich, weil sie in dem Moment von ihren Emotionen überrannt wird.

Natürlich beinhaltet jedes Leben Schmerz und Vergnügen. Alles andere ist nicht möglich.  Negative Gefühle werde ich auch bei meinen Kindern nicht ausblenden können und wollen. „Wenn man versucht, ein negatives Gefühl zu blockieren, beseitigt man auch die positiven Gefühle“, schreibt die Psychotherapeutin Philippa Perry in dem Buch „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)„. Sie schreibt auch: „Wenn wir die Gefühle unserer Kinder bestätigen, stärken wir die Bindung zwischen uns und unserem Kind.“ Und nur die, die Qualität der Beziehung zu unseren Kindern, haben wir in der Hand.Das ist tröstlich. Doch mein jüngeres Ich didn’t know shit. Das macht aber nichts. Jede Erfahrung, die ich mache, hat bestimmt einen Sinn. Wenn ich mir Gedanken darüber mache, hoffe ich, dass auch meine Kinder irgendwann mal Innere-Kind-Arbeit oder Psychoanalyse machen werden. Der Gedanke fühlt sich verrückterweise schmerzhaft an. Andererseits habe ich zu meinen Eltern eine sehr gute Beziehung und ich kann mich nicht erinnern, dass das mal anders war.  Im Sommer verbrachte ich drei Wochen Ferien bei ihnen. Ich kann mir keinen besseren Ort für unsere Sommerferien vorstellen. Ich denke genau wie mein Computerfachmann: Sie haben keine Fehler gemacht. Und vielleicht denken meine Kinder ja auch mal so. Das jüngere Ich weiß es aber nicht.

Om statt Omeprazol?

Es gibt ein Klischee. Es heißt: Yoga heilt alles. Das stimmt aber nicht. Und auch in Mysore gehen die Menschen zum Arzt, wenn sie krank sind. Aber Yoga kann schon ziemlich tolle Dinge …

Ich habe selbst dieses Gefühl erlebt, dass die Wissenschaft heute erklären kann: Nach einer richtig guten Yogastunde fühle ich mich so wahnsinnig leicht, lebendig, müde und gut zugleich. Viele, die Yoga schon mal ausprobiert haben und vor allem diejenigen, die dann auch irgendwie dabei geblieben sind, kennen das: Sie fühlen sich gut, wenn sie das Yogastudio verlassen, können aber nicht erklären warum. Da passiert etwas mit unserem vegetativen Nervensystem, das für viele von uns nur schwer zu fassen ist. Das ist der Zauber von Yoga. Neben den verschwindenden Rückenschmerzen natürlich und der verbesserten Beweglichkeit, der stärkeren Körpermitte und dem besser definierten Gluteus Maximus.

Sicher kennst du diese Illustration von Janosch: „Herr Janosch, Herr Janosch: Wie heilt man sich selbst?“, steht da über dem Mann in der tigergestreiften Latzhose, der auf dem Kopf steht. „Kopfstand. Das ist Yoga, alles wird umgekehrt, und oben wird unten, und kaputt wird voll gut“, ist Janoschs Antwort. Es ist eine typische Janosch-Illustration, nur er kann das wahrscheinlich so schön erklären. Es klingt vielleicht absurd, aber da ist viel Wahres dran. Die Welt auf dein Kopf stellen, kann Wunder bewirken. Es erklärt aber nicht alles.

Yoga und die Forschung

Der Essener Psychologe Holger Cramer bezeichnet Yoga als starke, konzentrierte Hinwendung zum Körper. Das trifft es ziemlich genau und bedeutet, dass man einfach besser darauf achtet, was im Körper geschieht. Dass der Mensch mit Yoga verschiedene Dinge in seinem Körper beeinflussen kann, ist vielen Wissenschaftlern nicht entgangen und daher gibt es mittlerweile unzählige Studien, die sich mit den Auswirkungen von Yoga auf unseren Körper beschäftigen. Dass unsere westliche Schulmedizin selbst begann daran zu glauben, vielleicht manchmal etwas von fernöstlichen Methoden lernen zu können, fing an interessant zu werden, als die Beatles Maharishi, den aus Indien stammende Begründer der Transzendentalen Meditation, engagierten. Heute gibt es zum Glück viele Studien über die positiven Eigenschaften von Yoga. Nachzulesen sind sie beispielsweise im Internet auf Pubmed.com, einer Meta-Datenbank mit medizinischen Artikeln. Yogakurse werden heute sogar von Krankenkassen bezuschusst – zum Glück. Dass Yoga auch in der Medizin ernster genommen wird, ist unter anderem auch ein Verdienst von Dr. Holger Cramer. Auch er beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Studien zum Thema Yoga. Für ihn hat sich bestätigt, dass Yoga die wirksamste Methode gegen Rücken- und Nackenschmerzen ist. Dabei ist er vor allem für die Anwendung von Iyengar Yoga. Die bislang durchgeführten Studien deuten daraufhin, dass Yoga nicht nur vorbeugend, sondern auch schmerzlindernd und heilend auf Nacken- und Rückenprobleme wirken kann. Das liegt daran, dass Yoga die Muskulatur gerade in diesen Bereichen aufbaut, was wiederum dafür sorgt, dass wir eine bessere Haltung einnehmen können. In einem seiner Experimente stellte sich heraus, dass bereits neun Wochen regelmäßiger Yogaunterricht chronische Nackenschmerzen lindern kann. Während der Studie konnten die Teilnehmer, die zusammen mit einem zertifizierten Yogalehrer und Physiotherapeuten einmal in der Woche Iyengar-Yoga-Stunden absolvierten, signifikante Verbesserungen und auch eine bessere Mobilität feststellen. Sie erzielten bessere Resultate als die Gruppe, die ausschließlich ein Programm absolvierte, das sich auf Rückenübungen zu Hause beschränkte. Auch die Yogagruppe übte zusätzlich täglich zehn Minuten zu Hause und beide Gruppen konnten nach neun Wochen über geringere Nackenschmerzen berichten, aber die Yoga-Gruppe war deutlich erfolgreicher. Ihre Teilnehmer fühlten sich mobiler und sprachen durchgehend von einer allgemein verbesserten Lebensqualität. Yoga erlebten sie als aktive Selbsthilfe-Strategie, mit der sie in belastenden Situationen Schmerz lindern oder sogar vorbeugen konnten, sowie als Stressmanagement-Strategie. Einige Patienten konnten dadurch sogar den Gebrauch von Schmerzmitteln reduzieren. Durch ihr neues Körperbewusstsein begannen die Patienten im Alltag bewusst auf ihre Körperhaltung zu achten und Fehlhaltungen zu verändern, wodurch sie den Schmerzen weiter entgegenwirkten. Sie  erkannten ihre Grenzen besser und waren eher bereit, diese zu respektieren.

Nackenschmerzen? Mehr bewegen!

Nackenschmerzen sind in unserer Gesellschaft etwas Normales geworden. Wir sitzen zu viel, vorwiegend am Computer, schlafen in unbequemen Positionen und haben grundsätzlich die Angewohnheit unsere Körperhaltung ziemlich zu vernachlässigen. Wer von uns achtet schon darauf, dass unsere Schultern nicht hängen, wenn wir herumlaufen, dass unser Rücken nicht krumm ist, wenn wir sitzen oder unser Becken in der richtigen Position ist, wenn wir stehen? Deswegen ist es so wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und etwas dagegen zu unternehmen. „Bei Rücken- und Nackenschmerzen hilft es grundsätzlich, sich zu bewegen“, sagt Cramer. Das wisse man heute. „Prinzipiell ist es egal wie man sich bewegt aber beim Yoga kommt beispielsweise noch der soziale Aspekt hinzu, ohne dass ich, wie bei anderen Sportarten, mit meinen Mitstreitern in Konkurrenz treten muss.“ Zusätzlich habe Yoga einen starken Entspannungseffekt und gerade das sei ein wichtiger Punkt, wenn es um Rücken- oder Nackenschmerzen gehe. „Patienten mit Rücken- und Nackenschmerzen müssen oft noch mal lernen, wie sie sich entspannen können. Weil die Schmerzen eine permanente Spannung erzeugen.“ Yoga kombiniert Bewegung und Entspannung und macht es deswegen so wertvoll. „Gerade bei Nackenschmerzen gehen oft Haltungsprobleme mit einher. Dadurch werden die Nackenschmerzen natürlich noch schlimmer. Die Patienten unserer Studie, die Yoga machten, konnten im Alltag plötzlich auch besser auf ihre Körperhaltung achten. Sie spürten beispielsweise, wenn ihre Schultern zusammenfielen und achteten dadurch mehr darauf, wieder eine gute Haltung einzunehmen.“ Natürlich hilft alleine schon die richtige Haltung bei Nacken- und Rückenschmerzen ein wenig weiter. 

Das Karolinska Institutet in Stockholm hat in einer weiteren Studie festgestellt, dass Yoga zu den kostensparendsten Methoden zählt, Rückenschmerzen im unteren Bereich der Wirbelsäule zu behandeln. Und eben das freut unsere Krankenkassen. Emmanuel Aboagye, Malin Lohela Karlsson, Jan Hagberg und Irene Jensen fanden nicht nur heraus, dass eine regelmäßige Yogapraxis zu signifikanten Verbesserungen von Rückenschmerzen führt, sondern auch, dass es im Vergleich zu einer reinen Übungstherapie viel kostengünstiger ist. Und das macht die Krankenkassen froh.

Yoga verbessert die Knochendichte

Mittlerweile gäbe es auch einige vielversprechenden Studien zum Thema Osteoporose, berichtet Cramer. „Einige dieser Studien zeigen, dass Yoga die Knochendichte verbessern kann.“ Wenn es darum geht, Osteoporose vorzubeugen, ist Bewegung, also sportliche Betätigung, ohnehin gut. Für Menschen, die bereits an Osteoporose leiden, mag das nicht wie die richtige Lösung klingen. Hier können Bewegungstherapien die motorischen Fähigkeiten und die Balance merklich verbessern. Und das bedeutet, unter anderem eben auch Yoga. Cramer hat auch herausgefunden, dass Yoga eine vielversprechende Methode ist, körperliche und psychische Akut- und Spätfolgen von Brustkrebserkrankungen zu lindern. „Wie man weiß, kann starke Erschöpfung als Nebenwirkung der Brustkrebserkrankung aber auch der Chemotherapie auftreten. Und hier kann Yoga helfen. Aber was wir kürzlich in einer Studie herausgefunden haben, ist, dass Yoga bei menopausalen Beschwerden hilft. Brustkrebspatientinnen müssen häufig mit Hormonen versorgt werden, die frühzeitig Wechseljahrbeschwerden auslösen können. Diesen kann Yoga entgegenwirken. Es ist aber wichtig zu erkennen, dass Yoga nie in Konkurrenz mit einer Chemotherapie tritt. Yoga lindert Begleiterscheinungen von Krebs oder Therapie, ist aber nicht ein Heilmittel. Yoga erhöht lediglich die Lebensqualität von Brustkrebspatienten.“ Yoga ist also als unterstützende Therapie zu sehen. Die Studie zeigte aber auch, dass Yoga auch bei gesunden Frauen mit Wechseljahrbeschwerden durchaus als Hormontherapie helfen kann. 

Die Sache mit dem GABA

Was Yoga kann, ist psychische Symptome wie Angst und Stress reduzieren. Das funktioniert unter anderem, weil Yoga, in richtigem Masse angewendet, den Spiegel von Cortisol, einem Stresshormon, im Blut reduziert. Die Boston University School of Medicine kam bei ihrer Studie zu Yoga und Gamma-Aminobuttersäure-Konzentration im Gehirn (ein Botenstoff, der als hemmender Neurotransmitter tätig ist, Neuronen beruhigt und Angst lindert) zu dem Ergebnis, dass Yoga den Spiegel von Gamma-Aminobuttersäure (kurz GABA) anheben könne.  GABA sorgt für die Verringerung von Angst und Stress. Es beruhigt unsere Gedanken. Bei regelmäßigen Yogatreibenden stieg der Spiegel des Stoffs durchschnittlich um 27 Prozent an. Es wird vermutet, dass ein niedriger GABA-Spiegel mit Depressionserkrankungen zusammenhängt. Depressive und an Angst Erkrankte haben meist weniger GABA als gesunde Menschen. Der Anstieg des GABA-Spiegels erklärt auch das Glücksgefühl nach einer Yogastunde, was viele Yogis kennen. Yoga-Übungen, die der Körperaufrichtung dienen, können Depressiven ebenfalls helfen. Diese Asanas, so nennt man die Körperstellungen im Yoga, sind stimmungshebend – was wahrscheinlich wiederum mit GABA in Zusammenhang zu bringen ist.

Und dann gibt es noch eine Reihe von „Nebenwirkungen“, die uns im Alltag helfen können: Yoga erhöht beispielsweise die Reaktionsfähigkeit und verhilft zu einem besseren Körperbewusstsein. Die Journalistin Hania Luczak hat bereits im Jahr 2013 eine 23-seitige Reportage im Geo-Magazin darüber geschrieben „was Yoga kann“. Einige der oben genannten Studien sind auch dort nachzulesen. Luczak ist nicht nur eine mehrfach preisgekrönte Journalistin, sie ist auch Biochemikerin und normalerweise niemand, der leicht durch Heilsversprechen zu beeindrucken ist. Sie mache einen großen Bogen um „räucherstäbchenselige Sinnfindungsinstitute“ schreibt sie in dem Artikel. Und vielleicht haben deswegen seit diesem Bericht viele, die für Yogatreibende bisher nur mitleidige Blicke übrig hatten, plötzlich aufgehorcht. Denn da war doch tatsächlich in der Geo, einem Magazin, das sich mit neuen wissenschaftlichen Trends beschäftigt und für seine ausführlichen und gut recherchierten Reportagen bekannt ist, zu lesen, dass hinter Yoga mehr steckt als Räucherstäbchenseligkeit. 

Stress macht krank – Yoga hilft

Es ist kein Geheimnis, dass Stress krank machen kann. Bei bis zu 80 Prozent aller Krankheiten sollen Stress und ein damit verbundener ungesunder Lebensstil ursächlich oder beteiligt sein, schrieb Lanczek in ihrem Artikel. Durch Meditation, Atemtechnik und Körperübungen lasse sich Stress zähmen. Yoga könne bei Migräne helfen und Bluthochdruck senken, erzählte der Wissenschaftler Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité-Universitätsmedizin Berlin der Journalistin. Was Yoga Sport noch voraus hat, ist die Kombination von Atemübungen, Meditation und Körperübungen. Alles gehört zusammen und durch die Koppelung von Atmung und Übungen erreicht man viel. Durch eine effektivere Atmung kann man den Puls senken – das lässt sich einfach ausprobieren und dazu muss man kein Yogapraktizierender Mönch sein. 

Michalsen hat unter anderem Untersuchungen gemacht, bei denen er feststellen konnte, dass sich der Stresslevel von Menschen mit Herzerkrankungen und Bluthochdruck nach nur drei Monaten Yogatraining reduzierte. Auch Cramer forscht im Bereich Herzkreislauf-Erkrankungen. Hier gäbe es noch vieles zu erfahren, allerdings könne durch die richtige Yogatherapie der Blutdruck tatsächlich gesenkt werden. Doch sei wichtig: „Yoga ist kein Ersatz für Medikation. Die Studienlage zeigt, dass mit Yoga der Blutdruck zusätzlich gesenkt werden kann. Auch Blutzuckerentgleisungen können durch Yoga verbessert werden. Und bei manifesten Herzerkrankungen, also beispielsweise bei Patienten, die einen Herzschrittmacher haben, hilft Yoga durchaus dabei, die Lebensqualität zu verbessern. Es gibt Hinweise darauf, dass durch Yoga Vorhofflimmern verringert werden kann“, sagt Cramer. Die richtigen Yogaübungen in Kombination mit einer gesunden Ernährung konnten bei Herzerkrankten erhebliche Gesundheitsfortschritte bewirken. Das vegetative Nervensystem wird ausbalanciert, das Herz schlägt plötzlich ruhiger. Die Stresshormone regulieren sich nach unten. Durch die Regulierung der Atemfrequenz auf unter 15 Atemzüge pro Minute hilft Yoga auch bei Asthma-Kranken. 

Was Yoga nicht kann

Bereits in meiner ersten Yogalehrer- Ausbildung habe ich vieles gehört, was Yoga kann, aber auch was es nicht kann. Yoga kann Multiple Sklerose nicht heilen. Yoga heilt keine Psychosen. Yoga in Verbindung mit gesunder Ernährung kann Diabetes Typ 2 heilen aber nicht Diabetes Typ 1. Weil Diabetes Typ 1 leider grundsätzlich noch nicht heilbar ist. Yoga kann auch den Grünen Star nicht heilen. Es ist sogar so, dass Patienten mit Grünem Star unter gar keinen Umständen Umkehrhaltungen machen sollen, wie beispielsweise einen Handstand, da sich dann der Augeninnendruck erhöht. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass jemand mit Grünem Star kein Yoga machen darf. Es muss aber darauf geachtet werden, dass die richtigen Modifikationen vorgenommen werden. Das gilt genauso für Bluthochdruckpatienten oder Herzkranke. „Beim Bluthochdruck haben wir keine richtigen Daten darüber dass Umkehrhaltungen diesen Patienten schaden, aber es ist naheliegend“, sagt Dr. Cramer. „Weil diese Menschen tendenziell ein hohes Schlaganfall-Risiko haben, soll der Blutstrom zum Gehirn nicht erhöht werden.“ Die Liste, an Krankheiten, die auch durch Yoga nicht positiv zu beeinflussen sind, ist natürlich wahnsinnig lang. Das sollte auch ziemlich klar sein.

Yoga kann vieles positiv unterstützen. Ein Allheilmittel ist es nicht. Yoga ist nicht die Lösung für alles und tatsächlich gehen auch die Menschen in Tibet und im indischen Yogamekka Mysore zum Arzt, wenn sie krank sind. „Der Buddha ist nicht im Alter von 29 Jahren aus seinem Königshaus ausgezogen, um eine Methode zu finden Hämorrhoiden zu kurieren“, zitiert Spiegel-Autor Ulrich Schnabel den Religionswissenschaftler und praktizierenden Buddhist Alan Wallace. Damit will er sagen, Meditation wurde nicht erfunden, um Krankheiten zu heilen. Sie kann andere Therapien ergänzen, nicht ersetzen. 

Tatsächlich könnten akut Kranke mit der plötzlichen Verschreibung von Yoga auch überfordert sein. Es ist also immer genau abzuwägen, wann Yoga weiterhelfen kann und wann nicht. Und trotzdem werde ich nicht müde, zu betonen, wie geil Yoga ist. Die Wissenschaft hat das auch mitbekommen und das Forschungsfeld hier ist weit. Ich lese gerade wieder viel darüber. Und es bleibt unheimlich spannend.

Teile dieses Textes sind 2016 in meinem Buch „Yoga ist ein Arschloch. Warum es uns trotzdem so guttut“ erschienen.

Was Mama-sein manchmal mit Yoga zu tun hat

Als ich das erste Mal nach der Geburt meiner ersten Tochter in einer Yogaklasse war – ich meine jetzt kein Mama-Baby-Yoga, sondern eine Stunde für Erwachsene, keine Selbstpraxis vorm Laptop, sondern mit einer Yogalehrerin, die mich anfassen konnte –, hab ich gedacht: „Ach, wie schön. Ich bin wieder da. Ich komme wieder öfter. Es geht los.“ Und dann zogen doch vier Wochen ins Land, bis ich es wieder schaffte. Die Zeit mit dem Baby flog so dahin. Yoga war gar nicht mehr wichtig. Zumindest nicht die Asana-Praxis.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich, als meine Erstgeborene fünf Monate alt war, einer Freundin schrieb: „Meine Tochter kann jetzt schon sitzen, sich drehen, fast schon krabbeln – zumindest rückwärts geht es ganz gut. Und ich falle im Handstand immer noch um.“ Die Freundin musste lachen und ich mich in meinem Ehrgeiz zügeln. Nach der zweiten Schwangerschaft muss ich sagen: Armbalancen sind nicht das Problem. Rückbeugen finde ich viel schwieriger. 

Vor meiner ersten Schwangerschaft war ich mindestens fünf Mal in der Woche im Yogaunterricht. An den anderen Tagen übte ich zuhause. Als meine Tochter zur Welt kam, änderte sich das gründlich. Zunächst einmal war Yoga gar nicht so wichtig. Aber ganz langsam kam die Sehnsucht. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass ich als Mama trotzdem mehr denn je Yoga übte. Der Fokus lag nun nicht mehr auf körperlichen Asanas, die mich zum Schwitzen brachten, mich forderten. Yoga ist so viel größer geworden als Asana-Praxis. Ich bin über das Körperliche zum Yoga gekommen. Das ist kein Geheimnis. Und es ist mir auch nicht peinlich. Asanas üben, das ist immer noch der Teil von Yoga für mich, der mir am meisten Spaß macht. Noch mehr Spaß, als die wohltuende Acht-Minuten-Meditation, die ich mir manchmal gönne, wenn alle noch schlafen. Auf der Matte baue ich Spannungen ab, Bewegung tut mir gut. Ich liebe es, über den eigenen Körper zu staunen, die Grenzen zu erkennen und besonders liebe ich es, wenn ich mich nach der Asana-Praxis so viel besser fühle als davor. Wenn Rückenschmerzen plötzlich weg sind beispielsweise. Oder vergessene Muskeln „Hallo“ sagen. Ich würde viel lieber mehr Sport machen und komme nicht dazu und deswegen ist Asana-Praxis für mich vielleicht auch so wichtig geblieben. Und ja, manchmal würde ich auch noch mal gerne einfach morgens um sechs aus dem Haus schleichen, meine 90-minütige Yogapraxis im Yogastudio durchziehen und dann erst wieder nach Hause kommen. Gerade aber sind andere Dinge dran.

Kinder – Achtsamkeit-Weltmeister

Als meine jüngste Tochter noch sehr klein war, hatte ich bei der Yogalehrerin und Zweifach-Mama Nicole Bongartz unter einem Instagram-Foto diese tollen Sätze gefunden: „Als ich ein kleines Kind war, habe ich immer gedacht, die Erwachsenen wären perfekt. Sie wussten alles und machten nie etwas falsch. Heute weiß ich, das es umgekehrt ist, die Kinder sind die perfekten, von denen wir noch lernen können.“ Das spricht mir ganz aus der Seele. Das ist das, was ich täglich denke. Ich glaube manchmal, wenn wir Erwachsenen ein bisschen mehr Kind sein könnten, würden wir viel mehr von Yoga verstehen.

Als meine Größere sprechen konnte, fiel mir plötzlich auf, wie toll sie Dinge wahrnimmt, die uns Erwachsenen gar nicht mehr auffallen. Kinder leben so unfassbar bewusst den Moment. Sie sind Weltmeister im Achtsam sein – hochbezahlte Manager nehmen heute Kurse, um Achtsamkeit überhaupt in ihren Wortschatz aufnehmen zu können. Die Leichtigkeit, die Neugierde aber auch die Vorsicht und Rücksicht mit der meine Kinder dem Leben begegnen, es wahrnehmen und aufsaugen – das ist auch Yoga. Zu erkennen, dass wir nicht viel brauchen, um rundum zufrieden zu sein. Dabei helfen Kinder. Festzustellen, wie dankbar wir eigentlich sein dürfen. Meine Kinder sind gesund – wie großartig ist das überhaupt? Bedeutet das nicht eigentlich, dass alles andere nahezu nebensächlich wird? 

Was von 2020 bleibt

An diesem Montag sollen meine Kinder zum ersten Mal seit dem 17. März 2020 wieder in die Kita gehen. Im März habe ich noch gedacht, ich würde mich auf den ersten Tag, an dem die Kita wieder öffnet, freuen. Nun bin ich fast ein bisschen wehmütig. Die Corona-Ferien habe ich freiwillig verlängert, weil ich meine Eltern noch besuchen wollte und wir dann irgendwie den Sommer gemeinsam feiern wollen. Ab der kommenden Woche wird so etwas wie ein Alltag wieder in unser Leben kommen und ich will nicht sagen, dass ich Corona dankbar bin aber ich bin definitiv dankbar, dass ich das letzte halbe Jahr so intensiv mit meinen Kindern verbringen durfte. Meine jüngste Tochter wird diesen Herbst zwei Jahre alt. Nie war mir so bewusst, wie schnell die Zeit vergeht, wie Erinnerungen verblassen, so sehr man sich auch darum bemüht, den Moment zu geniessen. 

Ich habe Bock auf meine Kinder. Ich bin auch manchmal genervt von ihnen. Auch ich finde Mama-sein oft sehr anstrengend. Ich habe mich während dem Lockdown einige Male gefragt, wie es wohl wäre, wenn ich jetzt keine Kinder hätte. Was man dann wohl alles hätte tun können, wie viele Bücher ich hätte verschlingen können, welche neuen Seiten, Talente ich an mir hätte entdecken können, wie viel Zeit für Yogapraxis gewesen wäre. Und doch war ich sehr froh, dass ich ein ganz anderes Leben führe.

In den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, wie viele Erwachsene die eigenen Kinder als eine Belastung wahrnehmen und wie viel „Me-Time“ Erwachsene offenbar brauchen. Dass für viele Entspannt-sein gar nicht möglich ist, so lange die Kinder in der Nähe sind. Was mir immer, wenn es anstrengend wird hilft, ist die Tatsache, dass wir uns am Ende unseres Lebens garantiert nicht die Frage stellen, ob wir auch wirklich genug Me-Time hatten. Ich weiß sehr gut, dass ich die Zeit niemals zurückdrehen kann. Gedanken wie: „Wenn sie doch nur schon dies oder jenes könnten…“, habe ich noch nie gehabt. Auch nicht, als meine Kinder als winzige Säuglinge in meinen Armen lagen, Bauchkrämpfe hatten und ich schlaflose Nächte. Nie kann ich so erschreckend gut im Hier und Jetzt sein, wie wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin oder auch nur an sie denke. Es ist nicht so, als wäre mir vor der Zukunft, vor Schul- und Teenager-Jahren bange. Überhaupt nicht. Aber die Momente, die wir jetzt gemeinsam haben, kommen nicht mehr zurück.

Summer of Samtosha

Meine Kinder haben mir vielleicht ein wenig von meiner Gelassenheit genommen (weil ich so oft am Tag zusammenzucke, wenn sich wieder jemand wehgetan hat oder ich meine Jüngste plötzlich auf der Fensterbank finde), sie rauben mir sehr viel Zeit, aber dafür schenken sie mir unendlich viel. Dafür haben sie mir beigebracht, geduldig zu sein und Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann. Der Sommer 2020 hat für mich den Namen Samtosha verdient. Samtosha – seit jeher mein Lieblings-Niyama. Es heißt so viel wie, zu akzeptieren, was gerade ist. Zufrieden zu sein, mit dem was ist oder wie man ist. Das habe ich in diesem Sommer tatsächlich zelebriert. Wo fängt Erleuchtung an und wo hört sie auf? Ich mag das Wort gar nicht, ich habe mich zu Beginn meiner Tätigkeit als Yogalehrerin sehr damit auseinandergesetzt und meine eigene Definition für Erleuchtung erschaffen: Für mich bedeutet Erleuchtung totale Glücksmomente bewusst wahrzunehmen. Mit Kindern kann man sie häufig erleben. Ich habe also, seit ich Mutter bin, weniger Zeit für eine vernünftige Asana-Praxis. Dafür aber lerne ich ganz schön viel. Nicht so viele neue Asanas vielleicht, aber anderes Yoga. Das ist spannend, manchmal sehr anstrengend, manchmal sehr stimmungshebend, überraschend und inspirierend. Wie eine gute Yogaklasse eben.

Echtes Yoga, schlechtes Yoga

Ich sage immer: „Finde dein Yoga. Es muss ja nicht Yoga sein.“ Trotzdem finde ich Yoga oder das was wir heute darunter verstehen, wirklich richtig gut. Ich werde in diesem Beitrag nicht all die positiven Einflüsse, die eine regelmäßigen Yogapraxis auf uns hat, aufzählen (vielleicht mache ich das mal an anderer Stelle, es ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt und ich werde nicht müde, darüber zu reden und zu schreiben …). Was mich an der Yogaszene aber nervt, ist, dass vieles, was heute als „Yoga“ bezeichnet wird, von anderen Yogatreibenden belächelt wird. Es fällt mir immer wieder auf, dass Menschen Yoga in „echtes“ und „schlechtes“ Yoga unterteilen. 

Eine meiner schönsten Yogastunden habe ich auf dem Pazifik erlebt. Auf einem Stand-up-Paddle-Board. Dabei macht man Yoga auf einer Art Surfbrett, es ist wackelig. Wenn man die Augen schliesst, hört man das sanfte Plätschern der Wellen, manchmal das Kreischen einer Möwe. Ich fühlte die Wellenbewegungen unter meinem Körper und wenn ich beim Yoga eins mit der Natur war, dann garantiert in dieser Situation. Ich hatte Glücksgefühle. Sehr großen Spaß machte mir dann auch die Einheit auf einem ähnlichen Board – allerdings an Land. Es war ein Brett, dass das Stand-Up-Paddle-Board an Land simulieren sollte. In dieser Stunde in einem Fitness-Studio in Los Angeles lachte ich sehr viel. Beides, Yoga auf dem Stand-Up-Paddle-Board oder der Alternative an Land, ist eine wunderbare Erfindung. Das Indoor-Board, unter das man kleine Luftkissen schiebt, damit die Wellenbewegungen auf dem Wasser simuliert werden können, hilft gerade unbeweglichen Schülern eine massive Verbesserung der Flexibilität der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur und in der Schulter zu erreichen. Die Möglichkeit, sich beispielsweise in Lunge-Positionen oder Vorwärtsbeugen an etwas festhalten zu können – nämlich an dem Boardrand – und dabei aktiv zu spüren, wie man die Schulterblätter nach hinten unten schiebt, hilft den Übenden enorm. 

Ich bin froh, dass in Los Angeles Bryan Kest nach vielen Jahren Training in Hawaii und Mysore mit Power Yoga Santa Monica seinen eigenen Stil entwickelt hat. Aus diesem Stil haben sich dann wieder Stile entwickelt, Kest begeisterte Yogalehrer und -schüler in der ganzen Welt mit seiner kraftvollen Art Yoga zu praktizieren. Ich bin froh, dass Christopher Harrison, ein Akrobatik-Lehrer, seinen Athleten nur eine Möglichkeit bieten wollte, sich zwischen ihren Vorstellungen fit zu halten und deswegen Yoga mit dem Arbeitsgerät der Akrobaten, einem Tuch, das an der Decke hängt, entwickelte. Deswegen gibt es jetzt in jeder halbwegs größeren Stadt Anti-Gravity-Yoga. Ich finde es witzig, dass die amerikanische private Yoga-Kette Core Power Yoga Klassen anbietet, die Yoga Sculpt heißen. Die Teilnehmer verbinden dabei Yogaelemente mit Kurzhanteln. Danach schwitzen alle wie die Irren und ich habe Schüler selten so glückselig in Savasana erlebt, der Ruhestellung auf dem Rücken, die üblicherweise nach jeder Yogastunde praktiziert wird und vielen Schülern schwer fällt, weil sie sich wirklich auf sich selbst einlassen müssen. Mehrere Minuten ruhig liegen zu bleiben ohne dass etwas spannendes passiert – es scheint, als sei das eine der größten Herausforderungen unserer Zeit – aber nach einer Stunde Yoga Sculpt liegen sie alle da wie platt gemacht und sind froh, dass sie sich ausruhen dürfen. Meine wunderbare Kollegin Steffi Rohr hat Bodega Moves erfunden, sie kombiniert Yoga mit Elementen aus dem Functional Training. Ein ähnliches Konzept steckt hinter athleticflow, der Kombination aus HIIT-Training und Yoga. Als ich in Kalifornien lebte, gab es „YAS“, eine Spinning-Stunde, die mit einer Yogaeinheit endete. Die Leute verausgabten sich eine halbe Stunde lang auf dem Fahrrad und rollten danach die Yogamatten aus.

Es gibt tausend weitere Beispiele für Yoga, das nicht viel mit dem Yoga zu tun hat, das vor 3000 Jahren in allerallererster Linie eine philosophische Lehre war. Das heißt aber nicht, dass es schlecht ist, dass es diese Arten von Yoga heute gibt und Yoga sich in unserer westlichen Welt zu einer Art Fitness-Konzept entwickelt hat. Im Gegenteil. Yoga ist etwas gelungen, woran die meisten Fitness-Konzepte scheitern. Es erfindet sich immer wieder neu und schafft es so, immer mehr Menschen zu begeistern. Und das ist gut in einer Zeit, in der sich der Mensch offensichtlich viel zu wenig bewegt. Dass Yoga viel mehr ist, als Bewegung und die eigentliche Lehre nicht viel mit dem Beherrschen von atemberaubenden Posen, die besonders auf Instagram einen guten Eindruck hinterlassen, zu tun hat, versteht sich von selbst. Wenn du Lust darauf hast, alle Facetten des Yoga kennenzulernen, ist das wunderbar. Und wenn du für dich dein Yoga gefunden hast, dann ist das auch wunderbar. Und niemand hat das Recht, zu urteilen, was richtig oder falsch an deinem Yoga ist. Wenn Yoga dich „bewegt“, hat es schon seinen Zweck erfüllt.

Namaste, Yogis.

Erst mal einen Kaffee

Mein Webmaster fragte mich irgendwann einmal, warum meine Seite eigentlich „thecoffeedrinkingyogi“ heißen sollte. Tja, ich mag meinen Kaffee wirklich. Ich trinke meistens nur einen am Tag. Dann aber vernünftig. Am liebsten in aller Ruhe, mit einer Schale selbst-gemachten Granola und wenn alle anderen noch schlafen. Aller-allerliebste Morgenroutine. Das war aber nicht die Antwort, die ich meinem Webmaster gegeben habe. Sondern ich sagte: Ich mag keine Dogmen, wenn es um Yoga geht. Yoga urteilt nicht. Yoga gibt nicht alle möglichen Regeln vor und schon gar nicht, ob man Kaffee trinken darf oder nicht. Das Problem ist aber, viele glauben das. Ich bin nicht die, die nur selbstgemachte grüne Smoothies trinkt, auch wenn es sicher Leute gibt, die mir das zutrauen würden. „The Coffee drinking Yogi“ passt einfach zu mir. Wenn ich ganz korrekt wäre, müsste es yogini heissen aber dann ist der Name noch länger als er sowieso schon zu lang ist. 

Ich habe in meinem Leben schon ein paar Mal bewusst auf Kaffee verzichtet. Manchmal die zwei Tage anhaltenden Kopfschmerzen beim Entzug in Kauf genommen, nur um dann sagen zu können, dass ich nun morgens nicht mehr einen Kaffee brauche – aber sonst gab es eigentlich keinen Grund. Während meinen Schwangerschaften hörte ich ganz ohne Kopfschmerzen einfach damit auf, Kaffee zu trinken. Von einem auf den anderen Tag fand ich den Geruch von frisch gebrühtem Kaffee plötzlich nicht mehr anziehend sondern eher zum Weglaufen. Ich hatte keine seltsamen Gelüste aber Kaffee ging nicht mehr – was ja dann vielleicht doch unter die Kategorie „seltsame Gelüste“ fällt … Ich habe also bereits zwei Mal in meinem kaffeetrinkenden Leben für einen Zeitraum von über neun Monaten auf Kaffee verzichtet. Bei beiden Kindern habe ich etwa zwei Wochen nach der Geburt und natürlich jeweils nach Rücksprache mit meinen Hebammen wieder angefangen. Ich brauche nicht so viel Schlaf, wenn ich morgens nur einen Kaffee trinke. Da ich Langzeit-Stilll-Mama bin, bringt mich dieser eine Kaffee am Morgen wirklich in den Funktions-Modus. Es ist nahezu egal, wie katastrophal die Nacht verlaufen ist, nach dem Kaffee geht es mir blendend. Warum also sollte ich das abschaffen? Ich esse vegan, trinke nie Alkohol und verzichte sogar größtenteils auf raffinierten Zucker – ich muss nicht auch noch eine Tasse Kaffee am Tag weglassen. 

Für Risiken und Nebenwirkungen …

Früher hieß es, Kaffee sei ungesund. Früher haben die Leute aber auch mehr geraucht und mehr getrunken. Deswegen sind die Wissenschaftler sich heute nicht ganz einig darüber, ob die damals durchgeführten Studien im Bezug auf das Kaffeetrinken noch Bestand haben. Zum Teil wurde gar nicht berücksichtigt, wie gesund oder ungesund die Leute, die an den Studien teilnahmen, sonst gelebt haben. Kaffee enthält Koffein, das ist ein Fakt. Koffein hält wach. Ist auch eins. Koffein hat eine anregende Wirkung und das spürt jeder Mensch auf unterschiedliche Art und Weise. Frauen sollen anders darauf reagieren als Männer. Wer Medikamente nimmt, reagiert anders als Menschen, die keine Medikamente einnehmen, bei Rauchern sinkt die Konzentration von Koffein im Körper tendenziell schneller als bei Nichtrauchern, usw. Wenn man in letzter Zeit häufiger gelesen hat, dass Kaffee eigentlich gesund ist, ist das natürlich auch relativ: Wer raucht und trinkt, Übergewicht hat und sich nicht bewegt, lebt nicht gesünder, nur weil er auch Kaffee trinkt. Wer ohnehin Schlafstörungen hat, sollte vielleicht ab einer gewissen Uhrzeit das Trinken von Kaffee sein lassen oder es mal ganz ohne ausprobieren. Meistens ist unser eigener Körper ein ganz guter Ratgeber. Wenn du Kaffee trinken kannst, ohne davon Magenschmerzen zu bekommen und du nachts gut schlafen kannst, musst du nicht auf Kaffee verzichten. Es sei denn, du hast einfach Bock drauf, ihn wegzulassen. 

Kaffee und Yoga passen ganz gut zusammen

Auf jeden Fall stehen für mich Yoga und Genuss in einem engen Verhältnis. Genauso wie Yoga und Verzicht auch in einem engen Verhältnis zueinander stehen. Verzicht kann auch mit Genuss zusammenhängen und wenn es Menschen gibt, denen der Verzicht auf Kaffee gut tut, dann ist es nur gerechtfertigt und gut, Kaffee wegzulassen. 

Für mich ist es wichtig, dass meine Bohnen Bioprodukte sind und der Kaffee mit dem Fairtrade Siegel gekennzeichnet ist. Zurzeit nehmen wir sehr gerne die Bohnen von der Kölner Rösterei Van Dyck. Dass Bio-Bohnen ein bisschen teurer sind, nehme ich gerne in Kauf. Wer sich schon mal damit beschäftigt hat, wie Kaffeebohnen eigentlich geerntet und verarbeitet werden, hat sicher kein Problem damit, etwas mehr zu bezahlen. Denn dann weißt du auch, dass Kaffeebauer es verdammt schwer haben. Die Menschen, die Kaffeebohnen ernten, haben einen unfassbar harten Job. Wo Kaffee wächst gibt es auch viel Regen, viel Morast, rutschigen Boden, schweres Gelände. Pflücken geschieht im Idealfall per Hand – echte Knochenarbeit für wenig Geld. Und deswegen nehme ich mir auch Zeit, meinen Kaffee bewusst zu geniessen. Meine Morgenroutine.

Das Yogastudio mit Weinbar

Als wir noch keine Kinder hatten, hatte ich die Vision von einem kleinen Yoagstudio mit Kaffeebar und daneben sollte mein Mann eine Weinbar eröffnen. Für mich stehen Yoga und Genuss in einem engen Verhältnis. Ich habe keinen Bock auf Alkohol aber das heißt nicht, dass ich es nicht verstehen kann, wenn Menschen Lust auf ein Glas Wein haben. Die Vorstellung, dass man sich nach dem Yoga noch in einer Weinbar trifft, ein paar Snacks knabbert und sich gut unterhält, passt für mich. Das Leben und damit auch Glück, hat für mich, so sehr ich Ruhe und Natur liebe, auch viel mit Geselligkeit zu tun. Das mit dem Yogastudio, der Kaffeebar und der Weinbar lassen wir mal noch bleiben. Dass Yoga aber nicht immer nur mit Verzicht und Enthaltsamkeit in Zusammenhang gebracht werden soll, werde ich weiterhin propagieren.

Foto: Margarete Singer 

Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung.

Warum Yoga und Leistungssport ein super Team sind

Das Jahr 2020 ist ein verrücktes Jahr. Jetzt ist Sommer und normalerweise wäre es ein Sport-Sommer geworden. Fußball-Europameisterschaften, Olympische Spiele. Die Athleten auf ihrer größten Bühne. Corona hat auch dem – wie so vielem – einen Strich durch die Rechnung gemacht. Viele Athleten fürchteten um ihre Existenz, für viele ist der Ausfall von Olympia mit einer (finanziellen) Katastrophe gleichzusetzen. Ausgerechnet Yoga war und ist nun für viele Hochleistungssportler eine Konstante. Ein Anker auf dem wildesten Sturm ihrer Karriere. Denn während viele sich noch Gedanken darüber machten, wie in Corona-Zeiten trainiert werden könnte, schaltete Barbara Plaza, die einzige Yogalehrerin in Deutschland, die fest im Team eines Olympiastützpunktes mitarbeitet, ihren Laptop ein und bot Yoga per Zoom an. Für „ihre“ Athleten – die vom Olympiastützpunkt Rheinland und diejenigen, die ohnehin schon mit ihr zusammenarbeiteten, wie die deutsche Hockey-Nationalmannschaft der Damen beispielsweise oder die deutschen Olympia-Fechter – die Rettung. „Zu diesem Zeitpunkt, gerade als der Lockdown beschlossene Sache war, sind diese Athleten in ein Loch gefallen. Plötzlich ist alles weggefallen, was sonst eine Routine gibt: Trainingszeiten, Physiotherapie, Massage. Zusätzlich dazu, kämpften sie mit einer riesigen Unsicherheit: Was ist mit Wettkämpfen? Würden sie in Zukunft ihren Sport überhaupt noch ausüben können, damit Geld verdienen können? Das waren und sind die Fragen, mit denen sich die Athleten beschäftigen mussten. Da war es schön, wenigstens eine Yogaeinheit anbieten zu können“, sagt Plaza. Die Sportler hatten durch die Yogapraxis zwei, drei feste Termine in der Woche. „Das gab vielen tatsächlich Halt. Und sie freuten sich sehr darauf.“

Barbara Plaza, früher selbst Spitzen-Hochspringerin, konnte auch schon vor Corona-Zeiten gute Gründe aufzählen, weshalb Spitzensportler Yoga in ihr Training integrieren sollten. Wer sich also fragt, wie man es schafft, einen Sportverein davon zu überzeugen, Yoga anzubieten, findet hier entsprechende Argumente:

Immer an der Grenze

„Geschäftsleuten wird schon lange empfohlen, abends zum Yoga zu rennen – und nun muss man sich nur mal vorstellen, dass Spitzensportler im Vergleich dazu nicht nur mental ständig auf Höchstleistung getrimmt sind, sondern auch körperlich. Sie arbeiten stets an der Grenze der höchstmöglichen Belastung“, sagt Plaza.

Spitzensportler leben im Vollgas-Modus. Der Sympathikus, der Teil des vegetativen Nervensystems, der unseren Körper auf Leistungsbereitschaft hält, ist nahezu daueraktiviert. „Das bedeutet, das Nervensystem eines Hochleistungssportlers ist auf Hochspannung getrimmt“, sagt Plaza. Der Kampfmodus ist fast immer aktiviert. Es kommt zu einer dauerhaften Hormonausschüttung, die einerseits psychischen Stress, andererseits erhöhte Verletzungsgefahr mit sich bringt. Die Balance wieder zu finden, ein gesundes Wechselspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus – der für Erholung und Entspannung zuständig ist – zu erzeugen, dabei hilft Yoga.

Spannungen aufbauen … und abbauen

Für Katharina Bauer beispielsweise, eine der besten deutschen Stabhochspringerinnen, gehört Yoga mittlerweile zum Trainingsalltag. Sie zählt zu Plazas Schülerinnen. Stabhochsprung-Wettbewerbe dauern unter Umständen schon mal vier Stunden, dann sind die Athleten Warteperioden ausgesetzt und müssen plötzlich auf den Punkt wieder voll da sein. Auch hierbei helfen Bauer Techniken, die sie im Yoga gelernt hat. „Ich mache Yoga vor jedem Wettkampf, um eine gewisse Spannung aufzubauen“, erklärt Bauer. Unmittelbar vor jedem Wettbewerb bringt sie sich mit Sonnengrüßen in die richtige Stimmung. „Mein Körpergefühl hat sich dadurch verbessert. Es gibt im Stabhochsprung so viele Bewegungsabläufe, wo man gespannt sein oder über eine sehr lange Zeit den Fokus aufrecht erhalten muss“, erklärt sie. 

Stabhochspringerin Katharina Bauer beim Yoga. (Foto: Tine Bielecki)

„Der Körper regeneriert beim Yoga“, sagt Yogalehrerin Plaza. Wenn Athleten ihr erzählen, dass sie zusätzlich zum täglichen Training kaum Zeit für Yoga finden könnten, entgegnet sie: „Du kannst dich abends vor den Fernseher legen oder zehn bis 15 Minuten Yoga praktizieren – was ist wohl besser?“ Nun, hier gilt es dann darum, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das kennen wir wohl alle. Während für Leistungssportler Yoga tatsächlich eine aktive Regeneration sei, ist es im Vergleich dazu für Hobbysportler eine Trainingsergänzung. Im Hochleistungssport ist es Yogas Aufgabe, „die Sportler runterzuholen“, wie Plaza sagt.

Das Glücksgefühl-Prinzip

Es mag merkwürdig klingen, aber Dehnung und Endorphine stehen in einer Beziehung zueinander. Endorphine sind für eine Reihe von physiologischen Reaktionen verantwortlich, etwa für die Entspannung und das Wohlgefühl, die Praktizierende auch häufig nach dem Yoga verspüren. Dehnübungen stimulieren die Freisetzung dieser Morphine. Endorphine docken nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip innerhalb des Zentralnervensystems an Rezeptoren auf der Zelloberfläche an, dringen in das Innere der Nervenzelle ein und entfalten dort ihre Wirkung.

Auf körperlicher Ebene geht es beim Yoga darum, die Muskulatur, die gerade beim Leistungssportler durch einseitige Belastung angespannt ist, zu lockern. Wird die Dehnfähigkeit der Muskulatur erhöht, bedeutet das gleichzeitig eine höhere Bewegungsamplitude und das wiederum heißt, der Krafteinsatz kann erhöht werden. Fast egal, welche Sportart betrieben wird, Plaza legt in ihrer Praxis einen hohen Fokus auf die tiefe Hüftmuskulatur. „Die wird meistens vernachlässigt und ist überbelastet“, sagt sie. „Wenn die Hüfte blockiert ist, kann ein Sportler keine Leistung bringen.“ Ebenso wichtig sei die Brustkorböffnung. Plaza lacht wieder. „Ich muss fast alles integrieren: Vorbeugen für die rückwärtige Beinmuskulatur, Drehbewegungen für die tiefe Muskulatur um die Wirbelsäule und so weiter.“

Nichts müssen müssen

Natürlich gehöre Dehnen für viele Athleten zum Trainingsalltag, doch beim Yoga lernten sie auch, wie richtig gedehnt werden soll. „Viele fragen mich: Gehe ich beim Dehnen eigentlich bis zum Anschlag? Ich sage dann immer: Mach es doch mal anders als sonst im Training, du musst hier gar nichts beim Yoga, lass mal los, dann dehnt der Muskel, dann wird er weich, dann entspannt er.“ Zusätzlich dazu spielt die Atmung in ihrem Unterricht eine große Rolle. „Die meisten Athleten wissen gar nicht, wozu sie die Atmung einsetzen können. Im besten Fall lernen sie beim Yoga wertvolle Werkzeuge für den Wettkampf zu nutzen.“  Abläufe, die hier geübt werden, werden auch neurologisch verankert. Ein Athlet kann vieles im Wettkampf nicht beeinflussen: die Gegner, die äußeren Bedingungen, das Kampfgericht. Aber die Entscheidung, wie wir atmen, bleibt immer uns selbst überlassen. Je besser wir das Nervensystem unter Kontrolle haben, desto schneller reagiert unser Körper und desto schneller ist er wieder in der Lage Leistung zu bringen. Für kurze Momente die Gedanken beruhigen, schöpft Energie und befreit.

Yoga als Doping

„Der Körper ist limitiert“, sagt Plaza. Bei der Suche nach Ressourcen wurde früher (und leider auch noch heute) nach Medikamenten gegriffen. „Wenn wir wissen, dass wir mit Yoga Regenerationsprozesse beschleunigen, könnte Yoga vielleicht eine dieser Ressourcen sein“, sagt Plaza. Dabei ginge es nicht darum, dass Athleten stundenlang Yoga üben sollten. „Ich sage immer, lieber jeden Tag wenig als einmal im Monat 90 Minuten. Es ist ähnlich wie bei der Physiotherapie. Du fühlst dich danach gut, aber der Effekt verpufft nach kurzer Zeit. Wer elf Minuten am Tag Sonnengrüße macht, die Matte ausrollt, mal atmet, entspannt, der hat schon alles integriert, was wichtig ist.“ Es spielt gar keine Rolle, welche Sportart man betreibt. Yoga dient jedem. Man muss nur wissen, was der jeweilige Sportler in seiner Disziplin für Anforderungen benötigt. Demnach können auch Kraftsportler nur von der Lehre profitieren. 

Für Hobbysportler gilt es hingegen, auch Elemente von Kräftigungs- und Stabilisationsübungen einzubauen. Hier ist das Ziel, mehr Balance in Bewegungsmuster zu bringen. Wer immer nur joggen geht, braucht einen körperlichen Ausgleich. Kleinere aber lästige Wehwehchen verschwinden bei einer regelmässigen Yogapraxis meistens. Dehnen tut allen gut. 

Was Barbara Plaza an der Corona-Zeit gefallen hat: Wenn die Athleten drei Mal in der Woche ihre Yogaeinheiten gemacht haben, haben sie auch festgestellt, dass es ihnen enorm gut tut. Und einige versuchen, diese Regelmäßigkeit beizubehalten. Hockey-Kapitänin Janne Müller-Wieland berichtete im Interview mit der Süddeutschen Zeitung von ihren Yoga-Sessions. Der Mannschaft habe es Halt gegeben, wenn sie sich zum „gemeinsamen“ Live-Stream-Yoga verabreden konnte. Schließlich war es ja das einzige, was das Team zu dieser Zeit zusammen machen konnte. Die Gedanken ausschalten, das gelingt ja beim Yoga manchmal. Und ist zu Corona-Zeiten gar nicht das schlechteste, was man machen kann.

Fotos: Marinus Veit

Charlie’s Angel hat Angst vor Corona

Kürzlich las ich auf dem Blog von Schauspielerin Drew Barrymore, wie sie zu Beginn der Corona-Krise in ihrem Auto von einer Panikattacke überrascht wurde. Sie hatte Mühe zu atmen, musste anhalten, aussteigen und ein paar Schritte spazieren gehen. Sie dachte, sie müsse gleich am Corona-Virus sterben. So ging es also Drew Barrymore – Charlie’s Angel – und vielen anderen, von denen man das vielleicht nicht erwartet hatte. Demgegenüber steht die Überschrift eines Artikels aus der Neuen Zürcher Zeitung: „Wollt ihr denn ewig leben?“ Beides – Drew Barrymores Panikattacke und die provokante Wortwahl des Journalisten, der die Maßnahmen der Regierungen im Zuge der Eindämmung von COVID-19 kritisierte, liegt mir sehr fern. Doch eines habe ich festgestellt: Die einen haben Angst vor Corona, die anderen haben Angst davor, ihre Freiheiten zu verlieren, Angst vor dem wirtschaftlichen Chaos oder Angst davor, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu müssen. Die Angst – sie scheint uns gerade alle zu vereinen. Mein Mann zeigte mir einen lustigen Cartoon, auf dem zwei Wissenschaftler über das Corona-Virus diskutieren. „I am happy when this is over“, („Ich bin froh, wenn das vorbei ist“,) sagt einer der beiden. Und dann werden die beiden Forscher von einer neuen Katastrophe überrollt: dem Klimawandel – eine noch viel ernstzunehmender Gefahr als Corona. Aber niemand redet davon. Und deswegen erleiden wir auch keine Panikattacken, die durch Angst vor Klimawandel entstehen.

Wie entsteht Angst?

Eine globale Krise hat uns im Griff. Das Verrückte an Corona ist ja: Wir wissen eigentlich nichts. Mit der Ahnungslosigkeit gehen wir unterschiedlich um, und das ist normal. Auf meinen sozialen Netzwerken stelle ich fest: Mit Corona ist es schlimmer als beim Fußball! Jeder gibt seinen Senf ab, alle sind Experten. Sibylle Bergold ist Systemaufstellerin und Coach, Gründerin und Ausbilderin der Deutschen Akademie für Systemaufstellung und Medium. Sie sagt so schöne Sätze wie: „Jeder Mensch trifft die Entscheidung, ob er das Einhorn oder den Hornochsen rauslässt.“ Ich will mit Sibylle über Angst sprechen, weil ich über einen Instagram-Post von ihr stolperte, in dem sie schrieb: „Auf einmal wird deutlich, wie unterschiedlich wir alle empfinden. Warum lösen Ereignisse so unterschiedliche Emotionen in uns aus?“ Diese Frage rüttelte mich wach. Ich wollte aufhören, zu urteilen, wenn andere in den sozialen Netzwerken Stimmungen oder Meinungen verbreiteten, die ich nicht mit ihnen teilte und ich wollte verstehen, was gerade in den Menschen vorgeht, die so viel Angst haben. Aber ich wollte auch wissen, warum andere keine Angst haben.

Bevor Sibylle Bergold selbständig war und ihrer Berufung nachging, arbeitete sie in einer Bank. Sie erlebte zwei Banküberfälle innerhalb weniger Wochen. Beim ersten hielt man ihr eine Pistole an den Kopf. „Natürlich hatte ich Angst und fragte mich selbst, ob ich jetzt sterben muss“, sagt sie. Angst ist etwas natürliches. Was im Übrigen nicht immer ganz klar wird, beispielsweise wenn man nach ihr googelt. Dann tritt das Wort nämlich am allermeisten mit dem Wort Störung in Verbindung auf. Angst muss aber nichts mit Störungen zu tun haben. „Wenn ein Mensch wahrhaftige Angst verspürt, also reale Angst, dann ist diese Angst nur natürlich. Wir alle nehmen dann die Beine in die Hand und rennen, sofern wir einen aufgebrachten Löwen vor uns sehen.“ Für unsere Vorfahren war diese Angst tatsächlich real.

Angst auf den Rücksitz

In Sibylle Bergolds Praxis kommen viele Menschen wegen Angst. „Wenn die Angst irreal ist – und aus meiner Erfahrung ist sie das viel viel häufiger als die reale Angst – dann können wir daran etwas ändern“, erklärt sie. „Irreale Ängste sind die Gedanken, die wir uns in unseren Köpfen zusammenspinnen. Im Prinzip ist es ganz einfach: Sobald uns etwas im Außen stresst, bedeutet dass automatisch, dass im Inneren noch ein Thema offen ist, das es zu bearbeiten gilt. Hier dürfen wir hinschauen und verändern.“  Angst „zusammenzuspinnen“ – das funktioniert im Übrigen ziemlich leicht. Wir nehmen Informationen im Außen auf und unser Gehirn muss sie verarbeiten. Das macht unser Gehirn ganz automatisch und schützt unser Leben so zum Teil auch tatsächlich. Dieser Vorgang ist wissenschaftlich bis ins kleinste Detail untersucht. Schaltkreis der Angst, sagt man auch dazu. Unser Gehirn bastelt sich seine eigene Version von Corona-Angst zusammen. Je nachdem wie wir aufgewachsen sind und was wir erlebt haben, macht sich die Angst dann bemerkbar.

Auf dem Yogablog yogaandjuliet.com schrieb Julia Hofgartner in der Pre-Corona-Welt, als wir alle noch reisen durften, darüber wie sie ihre Panikattacken beim Fliegen loswerden konnte. Sie berichtete, dass sie ihre Angst einfach begrüsst, wenn sie auftaucht, statt sie wütend zu bekämpfen. Darauf kam sie, nachdem sie das Buch The Big Magic von Elizabeth Gilbert gelesen hatte. „Stell dir vor, du bist im Auto und auf dem Weg deine Träume zu verfolgen. Die Angst darf mitfahren, denn sie ist wichtig und will uns nur beschützen. Allerdings muss die Angst auf der Rückbank Platz nehmen, sie darf nicht auf dem Beifahrersitz sitzen, geschweige denn ins Steuer greifen und wenn sie es doch versucht, muss man sie ermahnen und ihr sagen, dass sie aussteigen muss, wenn sie das weiterhin macht.“ 

Atme sie weg!

Das ist ein schönes Bild. Wenn man gerade mitten in einem Banküberfall steckt, ist dieses Prinzip vermutlich schwierig durchzuziehen.„Jeder Mensch versucht sich in einer noch nie erlebten Gefahrensituation zu orientieren und Sicherheit zu finden“, sagt Sibylle. Bei dem ersten Überfall fand sie sich nicht nur in einer neuen von ihr noch nie durchlebten Situation, sie sah um sich herum auch nur ängstliche Gesichter. „Ich spürte auch, dass die Bankräuber selbst unsicher waren. Es war also pure Angst im Feld, die sich auf alle übertrug.“ Beim zweiten Überfall war das anders. „Ich hatte ja schon ‚Banküberfallerfahrung‘ gesammelt und mein Gehirn gab sich dadurch selbst Sicherheit. Der Mensch ist eine geniale Anpassungsmaschine, die verhältnismäßig schnell lernt, wenn man sie lässt. Es mag fast zu einfach klingen, aber beim zweiten Banküberfall war ich einfach nur stinksauer und weniger ängstlich und versuchte alles Angestaute wegzuatmen.“  Das ist im Übrigen auch ihre Antwort auf die Frage,  wie man mit Angst umgehen sollte: „Atme Angst weg, atme Wut weg, atme einfach. Erstaunlich wie gut es funktioniert, wenn man sich nur darauf konzentriert.“ Einen anderen Text über die Angst habe ich auf fuckluckygohappy.com gelesen. Dort beschreibt Autorin Stella Lorenz wie sie in Brasilien eine Bus-Entführung erlebte. „Lass die Angst einfach fliessen“, ist ihre Message. Das sei der richtige Rat, allerdings bitte nicht durch die Milchdrüsen, wie Sibylle sagt. „Wenn stillende Mütter zum Beispiel Angst ausgesetzt sind, nehmen die Kinder diese Angst auch durch das Stillen auf.“

Mach den Fernseher aus

Was können wir machen, wenn uns die aktuelle Situation in Angst versetzt? „Wer in der jetzigen Situation nicht gut mit den Corona-Auswirkungen umgehen kann, dem empfehle ich als erstes kein Fernsehen und kein Radio mehr zu hören. Auch in Portalen wie Facebook oder anderen sozialen Medien erscheinen Berichte, die verunsichern.“ Das alles können wir weglassen. Stattdessen rät Sibylle Bergold, sich mit Menschen auszutauschen, bei denen wir sicher sein können, dass sie uns verstehen und unsere Meinung akzeptieren, egal wie diese Meinung aussieht. „Spaziergänge in die Natur geben uns beispielsweise auch Kraft und lassen uns in unsere Mitte kommen. Die Antworten und Lösungen sind immer in uns“, sagt sie.

Ich hatte ganz instinktiv während den vergangenen Wochen etwas richtig gemacht. In der ersten Woche hatte ich noch jeden Abend spät die neuesten Corona-Entwicklungen verfolgt, irgendwann liess ich das bleiben. Wenn ich keine Krankenhausberichte aus Italien las und nicht mitbekam, wie die Bundesländer akribisch ihre neuen Corona-Fälle zählten, hatte ich mit meinen Kindern die besten Tage. Wir lebten einfach in unserer eigenen Blase aus Bibi&Tina-Hörspielen, Duplotürmen und Bastelversuchen. Warum ich während dieser Zeit ganz entspannt bleibe, mich auch nicht über geschlossene Spielplätze aufrege – ich möchte gar nicht freiwillig auf einem überfüllten Spielplatz herumlaufen – und auch bei Wutanfällen meiner Kinder – die sie im Übrigen auch haben, wenn Kitas geöffnet sind – ruhig bleiben kann, will ich auch von Sibylle wissen. 

Wie bekommt man Urvertrauen?

„Gründe für Ängste sind bei jedem Menschen anders und äußern sich auch unterschiedlich. Bei manchen beginnt die Angst im Kopf und wird dann erst spürbar, wenn sie sich zum Beispiel über den Körper äußert. Klassisch gesehen übrigens häufig über eine Blasenentzündung. Dann gibt es Menschen, die sind im Urvertrauen und haben tendenziell mit Corona und anderen extremen Situationen weniger Probleme. Die Frage ist nun: Wie bekommt man Urvertrauen? Aus meiner Erfahrung gibt es viele Wege. Im besten Fall: Keine negativen genetischen Prägungen zu haben, mit einer optimal verlaufenden Schwangerschaft, eine gute Mutter-Kind-Bindung mit einem Partner, der zu der Beziehung und der Verantwortung steht, einer gelungenen Geburt und einer Mutter, die für das Kind präsent ist.“ Es liegt aber nicht nur an unseren kindlichen Prägungen, ob wir ins Urvertrauen kommen können oder nicht: „Neben unseren irdischen Eltern haben wir ebenso auch noch sogenannte kosmische Eltern. In dem Moment, wenn wir wissen, dass wir alle an die universelle Quelle angeschlossen sind und wir spüren, dass es noch mehr gibt, als unser begrenzender Verstand versteht, gibt es keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben.  Durch die Verbindung zu dem großen Ganzen, die wir über viele Wege finden können, wie zum Beispiel durch Meditation, Yoga, Bewusstwerdung und so weiter, ist man gut mit sich selbst und seiner inneren Stimme und Intuition in Kontakt. Wer diese Verbindung eingeht, hat keine irrealen Ängste.“

Dass ich mir die Frage: ‚Bin ich jetzt falsch oder die anderen?‘, stellen würde, sei absolut normal, sagt Sibylle. Und was kann ich tun, damit meine Kinder jetzt aber auch später, wenn sie erwachsen sind, in ähnlichen Situationen keine Angst haben müssen? „Starke Eltern haben auch starke Kinder“, sagt Sibylle. „Am besten erklärt man seinen Kindern sachlich und altersgerecht, was gerade auf der Welt passiert und nicht emotional dramatisch. ‚Du kannst nicht zur Oma, weil sie sonst stirbt‘, hilft niemandem.“

Neutralseife auf Facebook

Am Ende unseres Gesprächs zum Thema Angst geht es gar nicht mehr so sehr um Angst, sondern darum, wie ich in der aktuellen Situation auch beim Surfen auf meinen sozialen Netzwerken nicht die Krise bekommen muss. „Ich bin im Badezimmer kürzlich über den Ausdruck Neutralseife gestolpert“, berichtet Sibylle. „Ich dachte für einen kurzen Moment: wie schön wäre es, wenn wir uns alle ab und zu mit einer Art Neutralseife waschen könnten … Meiner Meinung nach ist „Neutralität“ der einzig richtige Weg jedem Menschen seine Individualität, seine Prägungen und seine Meinungen zu tolerieren und sofern diese den eigenen Erfahrungen widersprechen, die gegensätzliche Meinung nicht persönlich zu nehmen. Auch hier sind Erfahrungen aus unserer Kindheit ausschlaggebend dafür, dass wir unterschiedlich empfinden.“ Wenn sich Menschen auf Facebook nun entfreunden, weil sie in Sachen Corona eine andere Meinung vertreten, habe das ja nichts mit einem selbst zu tun, sondern mit demjenigen, der sich „entfreundete“. „Wir selbst sind dann nur indirekt beteiligt und dürfen akzeptieren, dass die Felder, die Chemie usw. im Moment nicht zusammenpassen. Vielleicht wird sich das Blatt dann zu einem späteren Zeitpunkt oder einer anderen Situation wieder wenden, oder eben auch nicht. „Vielleicht wird einfach nur Platz geschaffen für jemanden, der als Wegbegleiter besser passt… Wer weiß das schon? Das Leben ist Entwicklung. Das ist auch in Ordnung“, sagt Sibylle. Ich lasse meinen Kontakten ihre Meinung. Weil: jeder hat seine eigene Wahrheit, oder? 

Meditation – so gelingt das

Auf dem Blog ohhhmhhh habe ich diesen Text gelesen:  „Nu hört doch mal auf“ hieß der. Und „wir zeigen der Morgenroutine den Mittelfinger“. Der Text kam gerade recht. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt eine noch nicht ganz einjährige Tochter und eine Dreijährige. Ich hatte aber auch den Eindruck, unbedingt meditieren zu müssen, um alles zu schaffen, was ich so schaffen will, um meine „Yogapraxis“ auf die richtige Ebene zu bringen und überhaupt wollte ich ja auch etwas Gutes damit für mich tun. Aber die Nächte waren immer noch anstrengend und tagsüber – mit mindestens einem Kleinkind zuhause – wollte mir das mit der Meditation nicht regelmässig gelingen. Dann kam der Mittelfinger-Text und die Autorin schrieb auf die Frage, was denn ihre Morgenroutine sei den schönen Satz: „“Ach, ich hab da was ganz Tolles entdeckt: Ich dreh mich einfach noch mal um!” Der Satz rettete mir den Tag. F*** you, Morgenroutine!

Meditation ist trotzdem unumstritten etwas Wunderbares. Nur: Liegenbleiben ist das ja auch manchmal. Wer wirklich Lust hat, zu meditieren, kann das einfach dann machen, wenn der Zeitpunkt richtig ist. Es muss nicht morgens um fünf sein. Wenn alle Kinder aus dem Haus sind beispielsweise. In der Mittagspause. Oder abends, wenn alle anderen im Bett sind.  Meditieren muss auch nicht stundenlang dauern. Zu Beginn reichen schon drei Minuten aus. Wie überraschend schnell sie vorübergehen, wenn wir erst einmal begonnen haben, die Stille zu genießen! Und auch wenn viele Gedanken durch den Kopf schiessen – egal. Meditieren bedeutet auch Üben. Gänzliches Ausschalten von Gedanken gelingt nicht mal Meditationsprofis. Ziel der Meditation ist es, gegenwärtig mit dem zu sein, was jetzt ist. Dadurch kommt man in einen Konzentrationszustand, der beruhigend ist.

Meditation = viele Missverständnisse

Ein immer wieder auftauchendes Missverständnis über Meditation ist übrigens, dass wir uns ruhig fühlen müssen, um überhaupt meditieren zu können. Stimmt aber gar nicht. Du hast gerade das Gefühl, innerlich durchdrehen zu müssen? Wird Dir alles zu viel? Läuft das Gedankenkarussel gerade im Karachcho? Super. Setz Dich hin, meditiere! Uns hinzusetzen und nichts zu tun ist zunächst etwas Neues für uns. Wir sind so sehr darauf konditioniert zu funktionieren, aktiv zu handeln und nur liegend/schlafend zu ruhen, dass Meditation erst erlernt werden muss. Wenn wir erst mal sitzen, spüren wir, dass Stille – statt permanenter Beschäftigung mit dem Smartphone beispielsweise – in der heutigen Zeit sehr angenehm ist. Wer sich wirklich für eine regelmäßige Meditationspraxis interessiert und daran wagen möchte, darf sich ruhig den Timer auf drei Minuten stellen. Und eine Frage. Beispielsweise: Was ist mir heute wichtig? Oder: Wie geht es mir heute eigentlich wirklich? In einem nächsten Schritt wagen wir uns dann an fünf Minuten. Die Wissenschaft beschäftigt sich momentan verstärkt mit dem Thema Meditation. Gerade gibt es in der GEO eine Sonderausgabe zu den Themen Yoga und Meditation – für all diejenigen, die immer noch nicht an die positiven Effekte glauben. Es ist irre spannend, was Forscher schon alles herausgefunden haben. Angeblich wurde schon herausgefunden, dass durch Meditation beispielsweise Hirnareale vergrößert werden können (1), dass das Üben Stress abbaut und Depressionssymptome lindern kann. Ja, sogar Blutzuckerspiegel, Körpergewicht und Blutdruck (2) ließen sich damit regulieren. Es ist kein Geheimnis, dass Stress krank machen kann. Bei bis zu 80 Prozent aller Krankheiten sollen Stress und ein damit verbundener ungesunder Lebensstil ursächlich oder beteiligt sein. Da muss man kein Forscher sein, um sich denken zu können, dass Stille und Nichtstun wohltuend sein können.

Wissenschaftler Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité-Universitätsmedizin Berlin, weiß, warum Yoga Sport etwas voraushat: es ist die Kombination von Atemübungen, Meditation und Körperübungen (3). Alles gehört zusammen, und durch die Koppelung von Atmung und Übungen erreicht man viel. So lässt sich durch eine effektivere Atmung etwa der Puls senken. Die Boston University School of Medicine untersuchte den Zusammenhang zwischen Yoga und Gamma-Aminobuttersäure-Konzentration im Gehirn. Gamma-Aminobuttersäure (kurz GABA) ist ein Botenstoff, der Angst und Stress lindert, indem er unsere Gedanken beruhigt. Es wird vermutet, dass Depressionserkrankungen mit einem niedrigen GABA-Spiegel zusammenhängen, da Menschen, die an Depressionen oder Angsterkrankungen leiden, meist weniger GABA als gesunde Menschen haben. Die Studie kam nun zu dem Ergebnis, dass bei Menschen, die regelmäßig Yoga trieben, der GABA-Spiegel durchschnittlich um 27 Prozent anstieg. Zu Yoga gehört Meditation dazu, und auch bei der reinen Form von Meditation soll der GABA-Spiegel steigen.

Die meisten durchgeführten Studien deuten tatsächlich darauf hin, dass die Meditation vor allem dann wirksam ist, wenn man täglich übt. Und gerade das ist ja nicht so leicht, wo wir doch schon so vieles innerhalb von 24 Stunden unterbringen müssen: Gute Ernährung, viel Bewegung, Familie, Haushalt und einen Beruf haben beispielsweise. Aber es geht beim Meditieren auch darum, zu erkennen, dass es nicht viel bringt, Dinge, die wir nicht ändern können, ändern zu wollen. Ihnen stattdessen mit Gleichmut  zu begegnen, während man die Kraft für die wirklich wichtigen Dinge im Leben sparen soll.

So gelingt’s:

Beginne in einem aufrechten Sitz, der bequem ist. Das kann auf einem Stuhl sein, einem Meditationshocker oder einem festen Kissen. Es ist wichtig, den Rücken möglichst gerade zu halten, ohne dabei zu verkrampfen. Auf einem Stuhl kann der untere Rücken an eine Lehne gestützt sein. Alle störenden Dinge solltest Du zunächst beiseite legen. Hast Du Dir einen Timer gestellt, dann dann stelle Dein Smartphone im Flugmodus ein. Konzentriere Dich dann ganz auf Dich selbst. Die Wirbelsäule ist aufrecht, die Augen sind geschlossen. Nimm alles war, was Du hören kannst. Spüre Deinen Körper, nimm wahr, welche Gefühle und Gedanken Dich beschäftigen.

Ein Phänomen: Sitzen wir erst einmal und beginnen wir, uns auf uns selbst zu konzentrieren, wird es garantiert tausend Dinge geben, die uns stören: Es kitzelt in der Nase, es zwickt im Rücken, irgendwo juckt es garantiert. Das alles nicht bekämpfen, nicht krampfhaft wünschen, dass es endlich verschwindet. Stattdessen nimm es zur Kenntnis, lass es zu. Wenn Du beginnst, Deinen Fokus auf die Atmung zu richten, ist die Zeit schon fast vorbei. Beim Einatmen nimm bewusst wahr, wie Luft durch die Nasenlöcher einströmt und wie wärmere Luft mit der Ausatmung ausströmt. Spüre Deine Nasenflügel, die sich mit der Atmung bewegen und stell fest, wo Du die Atmung noch so bewusst wahrnehmen kannst: Im Brustkorb? Im Bauch? Spürst Du das Zwerchfell?

In dieser Zeit werden Gedanken auftauchen. Lass sie kommen und gehen. Fokussiere dich immer wieder auf die Atmung, nehmen wahr, wie du ruhiger wirst.

Acht Minuten für Erleuchtung

Wem das für einige Tage gelungen ist, der darf in einem weiteren Schritt den Timer auf acht Minuten setzen. Warum acht Minuten? Weil sie uns nicht weh tun. Acht Minuten früher ins Bett zu gehen oder acht Minuten früher aufzustehen verlangt keine Opfer von uns. Und acht Minuten der Stille werden unfassbar wohltuend sein. Wenn wir sie täglich als selbstverständlich betrachten, genau wie Zähne putzen oder unser Fitnesstraining, lassen sie sich prima in unseren Alltag integrieren! Länger als acht Minuten muss Meditation gar nicht dauern. Es macht einen Unterschied für den Rest des Tages, wenn wir uns morgens entschieden haben, uns einen Moment der Stille zu gönnen.

Erleuchtet werden wir aber auch bei regelmäßiger, jahrelanger sogar stundenlanger Meditationspraxis nicht. Wie berichtet doch der amerikanische Yoga- und Meditationslehrer Darren Main in seinem Buch „Yoga and the path of the urban mystic“: Jeder Morgen beginnt bei ihm zuhause in seinem Apartment in San Francisco auf der Yogamatte. Wundervolle Stimmung, Kerzenlicht, Stille, Nichtstun, Ausschalten der Sinne. Wenn er danach nach draußen geht, um sich im Supermarkt seinen Lieblingsjoghurt zu holen, bricht seine Yogiwelt wieder zusammen: Beim Überqueren der Straße wird er trotz grüner Fußgängerampel beinahe von einer Frau überfahren, die ihm dann auch noch den Stinkfeiner präsentiert, im Supermarkt ist das Lieblingsjoghurt aus und zurück zuhause beim Frühstück kriegt er Depressionen angesichts der Nachrichten, die er in der Zeitung liest. Dann ist das Leben wieder Mittelfinger. Trotz täglicher Meditationspraxis.

Dieser Text enthält unbezahlte Werbung für das Magazin Geo. Selbst bestellt, selbst gekauft, gern verschlungen.

Quellen:

  1. Tang Y.-Y. 2015. Nature Neuroscience Reviews. The neuroscience of mindful meditation
  2. 2) Pascoe M. 2017. Mindfulness mediates the physiological markers of stress. Journal of Psychiatric Research.
  3. Luczak H. 2013. GEO Magazin: Was Yoga kann. 

Foto: Arndt Falter