Yoga und der christliche Glaube – wie passt das zusammen?

Yoga und der christliche Glaube – wie passt das zusammen? Und dann auch noch in einer Zeit, in der es schick ist, jeden spirituellen Kram mitzumachen, so lange er nichts mit Religion zu tun hat …

Meine erste journalistische Ausbildung – wenn ich das so nennen darf – absolvierte ich bei der Kirche. Das Film Funk Fernseh Zentrum der Evangelischen Kirche im Rheinland suchte Jugendliche für ein Journalistentraining. Das war kurz vor meinem Abitur und eine besondere Zeit. Wir waren noch nicht volljährig und durften schon mit einem Fernsehteam vom WDR arbeiten, von Redakteuren bei Radio Eins Live und der Rheinischen Post lernen und bekamen Sprechtraining von Reinhard Pede. Meine Kindheit ist durch und durch gespickt mit guten Erinnerungen an Kirche. Zu dem Pfarrer, der mich konfirmiert hat, habe ich noch heute einen freundschaftlichen Kontakt. Der Glaube begleitete mich unaufgeregt, zwanglos. Nichts war Pflicht. Nachdem ich kurz vor Weihnachten dieses Interview mit dem Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler gelesen habe, konnte ich wieder guten Gewissens sagen: Ich fühle mich als Christin. Obwohl ich schon lange nicht mehr in einer Kirche war – na ja, das stimmt so auch nicht: Meine jüngste Tochter wurde im Juni 2019 getauft – von meiner Tante. An Weihnachten im selben Jahr war ich in der Kirche. Und dann kam ja auch schon Corona. Aber das ist eine fadenscheinige Entschuldigung. Ich sage es mal so: Ich glaube, das evangelische Christentum gibt mir Halt. Yoga gibt mir auch Halt. Ist das nun in Ordnung oder nicht? Mein erster Impuls wäre immer: Na klar! Was soll daran falsch sein? Ich erinnere mich aber daran, dass ich vor vielen Jahren ein Interview mit der Theologin Margot Käßmann gelesen hatte. Da sagte sie gegenüber dem Evangelischen Magazin chrismon, sie sehe es kritisch, dass in fast jeder evangelischen Akademie auch Tai-Chi, Qigong und Yoga angeboten würde. Sie sagte: „Ich wünsche mir eine Besinnung auf die eigenen Quellen. Ich bin dagegen, uns aus anderen Religionen dies und das zu holen. Spiritualität wächst mitten unter uns.“ Diese Aussage hatte mich zuerst fast ein wenig verärgert. Dann machte sie mich nachdenklich. 

Viele unterschiedliche Menschen, viele unterschiedliche Meinungen

Seit dem suche ich nach Antworten auf die Frage, ob Yoga und das Christentum – und damit auch gleichzeitig jede andere Religion – miteinander zu vereinbaren sind. Tanja Wälzholz arbeitet als selbständige Unternehmensberaterin in verschiedenen Unternehmen und ist Yogalehrerin. Zusätzlich dazu absolvierte sie eine Ausbildung zur Prädikantin und ist in ihrem Dekanat als ehrenamtliche Pfarrer-Vertretung tätig. Sie ist auch ausgebildete Seelsorgerin und Trauerbegleiterin. „Viele Theologen sind extrem stark darin geprägt, das was in der Bibel über Jesus steht, so zu interpretieren, wie es ihre Kirche ihnen vorgibt. Aber wie unterschiedlich man das auslegen kann, lässt sich ja alleine schon daran erkennen, dass es so viele unterschiedliche Glaubensausrichtungen innerhalb der Evangelischen Kirche gibt. Das habe ich tatsächlich erst richtig wahrgenommen, nachdem ich mich intensiver mit Yoga beschäftigt habe – und machen wir uns nichts vor, unter den Yogis gibt es solche Gruppierungen ja auch. Wir sind alle Menschen und darunter sind immer welche, die glauben, nur sie könnten recht haben“, sagt sie. Tanja Wälzholz’ Weg zum Yoga ist in der Tat sehr eng mit ihrem christlichen Glauben verbunden. „Ich hatte Yoga zunächst ganz klassisch im Fitnessstudio kennengelernt und später ein Yogastudio gefunden, in dem ich mich sehr wohl fühlte, die Yogapraxis war ein Ausgleich zu meinem Berufsleben. Dann fand ich es immer interessanter und wollte eine intensivere Gebetsdisziplin gewinnen. Ich fragte mich, ob ich über Meditation meine Gottesbeziehung intensivieren könne. Yoga hat mich motiviert und interessiert. Während meiner Yogalehrer-Ausbildung war ich immer der Meinung, dass es stimmig mit meinem christlichen Glauben sei. Dann habe ich erste Erfahrungen gemacht, dass christlicher Glaube und Yoga offensichtlich doch nicht immer zueinander passen – zumindest aus der Sichtweise der anderen.“ 

Ist Yoga nun Religion oder nicht?

In dem Buch „Yoga ist ein Arschloch. Warum es uns trotzdem so gut tut“ habe ich geschrieben: „Yoga ist keine Religion.“ Ist er auch nicht. Der Yoga ist eine philosophische Lehre. Dennoch würde ich das heute etwas anders und vorsichtiger formulieren. Oder besser gesagt: Wahrscheinlich würde ich mich ausführlicher mit dem ganzen Thema auseinandersetzen. Nicht an der Oberfläche bleiben wollen … Ganz so einfach ist es nämlich nicht. Im Gespräch mit dem efo-magazin sagte die Pfarrerin Irene Derwein, die selbst Yoga praktiziert und sich mit der Philosophie stark auseinandergesetzt hat: „Weltanschaulich betrachtet passen Yoga und Christentum nicht gut zusammen. So muss der Mensch im Buddhismus beispielsweise Geburt und Tod durchbrechen, um selbst göttlich zu werden. Im Christentum hingegen sind die Menschen von Gott ohne jede Vorbedingung angenommen. Das Heil ist nach christlicher Überzeugung eine Sache des Glaubens, man muss dafür keine spirituelle Technik erlernen.“ Irgendwie erscheint es mir so, als fänden immer mehr Christen gerade die spirituelle Technik ansprechender, als passe es nicht mehr zu unserer Zeit, so etwas wie Heil als Geschenk annehmen zu dürfen. 2019, so schreibt die ZEIT, sind 540.000 Menschen in Deutschland aus einer der beiden großen Kirchen ausgetreten – das kann ja wohl nicht nur an Missbrauchsskandalen liegen – die gibt es im immer mehr Zuwachs findenden Yoga schließlich auch. Tanja Wälzholz sagt: „Dass heute viele Christen Buddhismus attraktiv finden, hat meines Erachtens nach nichts mit dem Kreislauf von Geburt und Tod zu tun. Ich glaube, es liegt eher daran: Der Dalai Lama verbreitet positive Stimmung, Fröhlichkeit. Das Image der christlichen Kirchen ist immer noch eng an Schuld und Buße geknüpft, es wird von Sündern gesprochen. Dabei hat Martin Luther doch gesagt: ‚Die Aufgabe eines Christen ist es, Freude unter die Menschen zu bringen.‘ Das ist leider in Vergessenheit geraten. Dem Dalai Lama hingegen, gelingt es, das zu vermitteln.“

Einheit in Vielfalt – Hinduismus

Tanja Wälzholz hat sich auch sehr umfangreich mit dem Hinduismus auseinandergesetzt. „Das Schöne am Hinduismus ist eigentlich, dass man andere Meinungen zulässt. Das haben wir im Christlichen eigentlich nicht so.“ Hinduismus bedeutet so viel wie Einheit in der Vielfalt – das passt: Hinduismus ist eine ganze Sammlung von Religionen. Sie sind alle in Indien entstanden und haben ihre eigenen Traditionen, Lehren, Schriften und Glaubensvorstellungen. Daher gestalten viele Hindus ihre Feste, Gebetszeiten und  andere Rituale auf sehr unterschiedliche Art und Weise.1) „Yoga ist eine Philosophie. Das Wort Philosophie trifft es meiner Meinung am besten. Man könnte aber auch sagen, dass es eine Praxis ist, die einen in der eigenen religiösen Ausrichtung unterstützen kann“, sagt Wälzholz. Und demnach müsste es doch in Ordnung sein, wenn Menschen gleich welcher Glaubensrichtung sie angehören, gemeinsam Yoga praktizierten …

Yoga als Mittel zur Begegnung mit Gott?

Der katholischen Pater Markus Thomm sagte gegenüber dem Internetportal der Katholischen Kirche in Deutschland: „Yoga soll zur Begegnung mit Jesus im Gebet dienen und dafür öffnen. Hinduistische Mantras könnten hierbei durch Bibelverse, Taizé-Gesänge oder einfache Elemente des orthodoxen Jesus-Gebets ersetzt werden.“ Der Pater empfiehlt, Yoga im christlichen Sinn auszuprobieren und zu überprüfen, ob es der eigenen Beziehung zu Gott und dem Gebet dient. Ich finde das ist ein schöner Ansatz. Es ist auch die Erfahrung, die Tanja Wälzholz gemacht hat: „Durch Yoga bin ich viel öfter in das innere Gebet gekommen. Das wollte ich auch mit Yoga erreichen. ‚Kriege ich Gehör für das, was Gott mir sagen möchte?‘, war meine Frage, als ich begann, mich intensiv mit Yoga und Meditation auseinanderzusetzen. Wir sind der Resonanzkörper – aber wie kommt es in uns?“, sagt Wälzholz. Demgegenüber steht die Befürchtung mancher Christen, dass durch Praktiken wie Yoga auch dämonische Gedanken ins uns aufkommen. Wälzholz sagt dazu: „Jeder hat negative Aspekte in sich. Ich muss auch mal die bösen Anteile in mir anhören. Das ist in Ordnung. Der Widersacher ist immer auch in jedem von uns. Meditation schult uns all diese Aspekte wahrzunehmen. Wir sollten das nicht verdrängen. Deswegen geisseln sich Menschen heute noch. Dabei gehört das Schlechte auch zu uns. Wenn eine negative Stimme kommt, dann brauchen wir einen guten Seelsorger, einen guten Coach oder Therapeuten.“

Om und die Schöpfung

Was spricht also dagegen, dass das Erleben einer tiefen Gotteserfahrung, von der ja diverse Yogis sprechen, auch eine christliche sein kann? Wieso steht das in einem Widerspruch? „Es steht in keinem Widerspruch“, sagt Wälzholz. Wälzholz glaubt, dass es kein Zufall sei, dass sich „Om“ und „Amen“ so ähnelten. Yogis gehen davon aus, dass „Om“ den Urlaut der Schöpfung darstellt. „Das Wort, die schöpferische Kraft und der Laut der Kosmischen Schwingung, brach – gleich den Schallwellen eines unvorstellbar starken Erdbebens – aus dem Schöpfer hervor und schuf das Universum“, schreibt Paramahansa Yogananda in dem Buch „Der Yoga Jesu“.2) „Wenn wir durch Singen des Om Schwingung entstehen lassen und darüber eine bessere Beziehung zu Gott funktioniert – dann habe ich mit Om kein Problem“, sagt Tanja Wälzholz. 

Beliebigkeit, Bekenntnis, Wahrheit?

Die Diskussionen darüber, wie Yoga und der christliche Glaube miteinander in Verbindung gebracht werden könnten, führe sie im Übrigen auch mit ihrem Sohn, der Theologie studiert hat. „Mein Sohn sagt immer: „Der Glaube ist kein Supermarktregal, aus dem ich mir raussuchen kann, was ich will. In dem Moment, in dem ich mich bekenne, muss ich die Konsequenzen auch annehmen.“ Wälzholz steht dem aber kritisch gegenüber: „Beliebigkeit wird von der Kirche abgelehnt. Das ist aus der Sicht der Kirche das Gegenteil von Bekenntnis. Jeder für sich glaubt, dass er recht hat, und der andere falsch liegt.“ Aber das ist menschlich. Das gibt es – wie bereits erwähnt – auch unter Yogalehrenden. Wäre es also nicht schön, statt dem „Griff ins Supermarktregal“ die tiefe innere Auseinandersetzung zu suchen und dadurch auch mit anders Denkenden zu diskutieren, welche Mittel einen ins Vertrauen bringen und zur Selbsterkenntnis führen?

Vor einigen Jahren hat der bekannte Yogalehrer Patrick Broome in einem Interview auf die Frage, was Yoga mit uns machen könne, wie wir mit Hilfe von Yoga über uns hinauswachsen könnten, gesagt: „Menschen wie Jesus, Martin Luther King, Gandhi oder Mutter Theresa sind Beispiele dafür, wie man über seine eigene Bequemlichkeit hinausgehen kann und sein Leben komplett dem Dienste am Mitmenschen widmet.“ In dem Buch „Der Yoga Jesu“ schreibt Paramahansa Yogananda auch über die Zeit in Jesus’ Leben, die in der Bibel eigentlich nicht stattfindet. Das ist die Zeit zwischen Jesus’ 14. und etwa 30. Lebensjahr. Der Autor Paramahansa Yogananda schreibt, dass es Nachweise darüber gäbe, dass Jesus während dieser Zeit in Indien war und durchaus seine eigenen Schlüsse und Erfahrungen aus den Lehrern diverser Yogis gezogen habe. Ob das stimmt? Yogananda schreibt: „In Indien gibt es eine tief verwurzelte Tradition, die von bedeutenden Metaphysikern als richtig anerkannt wird: In alten Manuskripten finden sich glaubwürdige Erzählungen, dass die Weisen, die den Weg zum Jesuskind in Bethlehem fanden, in Wirklichkeit große Weisen Indiens waren. Und nicht nur, dass diese indischen Meister zu Jesus kamen – er erwiderte auch ihren Besuch.“3) Für mich trägt Jesus ziemlich viele „yogische“ Züge in sich; die Frage ist, ob yogische Züge eben doch letztlich nicht auch einfach „christlich“ sind und umgekehrt?

Wenn ich also davon ausgehe, dass Jesus lebte, dass er vielleicht nicht tatsächlich über das Wasser gegangen ist, aber Menschen geheilt, ihnen geholfen hat, sie achtsam und rücksichtsvoll behandelte, ihnen das Gefühl gegeben hat, sie seien gut genug und dadurch „Wunder vollbrachte“, habe ich doch einen schönen Glauben, oder? Und wenn mir Yoga dabei helfen kann, auch nur annähernd solche Kräfte in mir zu entdecken (wovon ich übrigens noch nicht überzeugt bin), dann kann Yoga doch für einen Christen auch nur gut sein.

Quellen

1)religionen-entdecken.de, „Hindiusmus ist mehr als eine einzige Religion“, Zugriff am 30. März 2021 unter https://www.religionen-entdecken.de/religionen/hinduismus

2)Yogananda Paramahansa: Der Yoga Jesu, Self-Realization Fellowship, 2009: USA, S. 27

3)Yogananda P.: Der Yoga Jesu: Self-Realization Fellowship, 2009: USA, S. 12

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